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Am frühen Morgen hatte ein Tieflader den Container mitten auf den Platz gestellt.

Gegen zehn Uhr kamen einige Schulklassen, die sich mit der Sammelaktion etwas Geld fuer die Klassenkasse verdienen wollten, und schwärmten mit Leiterwagen, elterlichen Kleinbussen, ausgeliehenen Traktoren gleich wieder aus, um in diesem Industriegebiet und den sich danach anschließenden Wohnstraßen das besondere Altmaterial schnell von den Gehwegen zum Container zu schaffen, welcher dadurch der Zielpunkt aller Aktivitäten war.

Nach einer halben Stunde sind die ersten zurück und werfen ausgediente Monitore, hunderte von alten Platinen und verstaubten Computergehäusen unter lautem Getöse in den Stahlbehälter.

Bevor sich die Schüler erneut aufmachen, bestimmen sie zwei der Jungen, Neuntklässler, welche, die ohnehin nichts raffen, ein zu kleines Mädchen und einen zu fahrigen Jungen, vielleicht ficken sie ja, und es gibt was zum Erzaehlen, als Aufpasser, damit niemand in der Zwischenzeit nach vergoldeten Steckern sucht oder die Chips von den Prozessorboards stemmt oder hier bloss seinen privaten Muell dazukippt.

Die beiden klettern die zweieinhalb Meter hohen Seitenwände hinauf und lassen sich in den riesigen, viertelsgefüllten Behälter hineinfallen.

Nur eine Wand an der Längsseite hat nicht die volle Höhe, aber trotzdem noch über anderthalb Meter. Beide Wächter besitzen einen Walkman, den sie sich wie auf Kommando gleichzeitig überstülpen und anschalten.

Scheinbar ohne Rücksicht auf seine schwarze Lederjacke zu nehmen lehnt sich der Schüler an die einzige schräge, die verkürzte Wand und blinzelt nach oben in die Sonne, die jetzt schon so stark brennt, dass ihm heiss ist in seiner Jacke, die aus Leder ist. Ausziehen käme schon wegen der Torte nicht in Frage. In seinem Alter kann er es sich nicht erlauben, nicht cool zu sein.

Mehr im Stil der siebziger Jahre ist die Schülerin gekleidet. Sie hat lange Haare und eine Jacke mit langen Fransen. Sie trägt zwar ebenso Jeans wie der andere auch, aber ihre haben einen Stoffsticker aufgenäht: ein offener Mund, aus welchem eine obszön lange Zunge herausgestreckt wird.

Sie sitzt auf dem Teil des Bodens, welcher vom Müll unbedeckt ist und blickt mit verzücktem Gesichtsausdruck in den blauen Himmel, welcher sich über dem Container wölbt.

Als ihr die Wärme zu schaffen macht, zieht sie die Fransenjacke aus und krempelt die Ärmel ihres Holzfällerhemdes hoch. Obgleich es erst April ist, wirkt die Sonnenstrahlung sehr stark, und der dunkelblaue Lack auf dem Stahl, wo er noch nicht abgebeizt ist, speichert die Hitze zusätzlich.

Ab und zu läuft draussen jemand vorbei, so dass die Schritte auf dem Asphalt, die im Container widerhallen, die quäkenden Rhythmen aus den Walkmännern übertönen.

Irgendwann kommen zwei bäuerliche Traktoren mit Anhängern vorgefahren, die kurz vor der Sammelstelle heftig abgebremsen und von denen sogleich eine Meute Schüler herunterspringt. Die älteren Schüler machen derbe Späße ueber das wachende Schülerpaar.

Wieder lädt man einige Zentner Datenverarbeitungsreststoffe in den Stahlcontainer und fährt dann erneut los, um in den entfernteren Straßen die Sammeltätigkeit fortzuführen. Jetzt hat sich der eine Zurückgebliebene rittlings oben auf ein Eck gesetzt, während die andere immer noch einen freien Platz im Inneren findet.

Der Schüler fühlt sich da oben wie der Käpt'n, eine Willensanstrengung, und der ganze Kahn fährt ab in Richtung Amerika. Bloß da vorne an der Fabrik vorbei muss er sein Containerschiff lotsen und dann kommt schon freies Feld, Wiesen, Wälder, Frankreich, das große Meer und dann Amerika.

Und wenn schon Amerika, dann gleich nach Kalifornien. Da wäre die Torte sicher auch nicht dagegen. Brücke an Maschinenraum: Dampf machen!

"Hier stinkts volle Kanne" sagt das Mädchen ohne den Kopfhoerer abzunehmen und ungehört und ohnehin nicht an den Jungen gewandt, der seinerseits den Kopfhörer nicht abnehmen wird. Sie nimmt sich eine Platine von dem Haufen weg und studiert sie: große schwarze Ameisen, viereckig und mit vielen verankerten Beinen, festgewachsen in einem Feld voller buntlackierter Vergissmeinnicht.

Aber dafür sind die Ameisen groß. Sie sind mutiert und genmanipuliert. Schöner die Rückseite, wenn man die Platine umdreht, da ist ein kompliziertes Wegesystem, ein Labyrinth, wo sich der Strom nur noch gefühlsmaessig zurechtfinden kann. Der Strom, den die festgewachsenen Ameisen aussenden, um den Kontakt zu ihresgleichen nicht abbrechen zu lassen.

Sie schnippt die Leiterplatte zurück auf den Berg aus Datenschrott. Um dem üblen Geruch, der sich aus Lack-, Kunststoff- und Klebstoffdämpfen zusammensetzt, zu entgehen, klettert sie ebenfalls die Wand des Containers hoch und setzt sich oben hin, auf die entgegengesetzte Seite von derjenigen des Käptns. Es ist fast menschenleer auf dem Platz, ab und zu fahren schwere Lastkraftwagen vorbei, die von der Fabrik kommen.

Deren Lärm übertrifft zwar kaum den der Walkmanmusik, aber das Rumpeln übertraegt sich von der Strasse auf den Müllbehälter und von dort direkt in den Bauch der Bewacher.

Es scheint, dass die Hitze, der Lärm, die Verlassenheit ihrer Lage die beiden etwas benommen machen, denn obwohl sie erst seit einer dreiviertel Stunde ihr Amt ausüben, tragen sie schon alle Anzeichen der Erschöpfung.

Sie verständigen sich kurz mittels einigen Gesten, die eben diesen Sachverhalt verdeutlichen und amüsieren sich einen Moment lang über die Einigkeit ihrer negativen Gefühle. Dann ist wieder jeder mit sich selbst beschäftigt, die Cassette zu wechseln, sich irgendwie Kühlung zu verschaffen, und wieder auf die Anderen zu warten. Damit ist genug getan.

Der Käptn ist ab jetzt keiner mehr, er hat sich in Mad Max verwandelt, der ein Wüstenfort vor den in schweren, zu fahrenden Festungen umgewandelten, Bussen anrollenden Strauchdieben verteidigt. Cool ist gar kein Ausdruck, wie er sie auflaufen lässt, in Empfang nimmt mit Guns'n'Roses.

Und wenn die Riesenkampfwagen, am Bug getroffen, abdrehen und in voller Fahrt umstuerzen, spuert er es in seinem Bauch beben. Aber auch er wird schliesslich getroffen, als er eine Frau aus der Schusslinie zieht, in der Schulter, so dass er gefaehrlich viel Blut und Energie verliert.

Entkraeftet laesst er diese Vorstellung fahren und sieht seitlich hinueber zu der Torte. Diese ist anscheinend ebenfalls sehr mit sich beschaeftigt, malt geistesabwesend irgend etwas mit dem Kugelschreiber auf ihre Turnschuhe, aber trotzdem wird Ex-Mad Max es nicht wagen koennen, seine Jacke auszuziehen ohne sein Gesicht zu verlieren.

Diese Sonne macht ihn voellig kaputt. Und es ist erst Fruehling. Ueberhaupt scheint er eine Abneigung gegen den freien Himmel zu haben, gegen die "frische Luft", von der doch jeder weiss, wie wenig Frisches in ihr ist; gegen die Sonne, vor deren Strahlung selbst die Lehrer warnen.

Und dazu diese ungeordnete Akustik des Lebens im Freien. Unmotivierte Laute von Flugzeugen, Autos, Strommasten, Schritten, Stimmen. Wie haben es die Leute nur ausgehalten, als es noch keine transportable Musik gab?

Die Schuelerin schaut indessen ueber den Platz, in der Hoffnung, dass endlich etwas passiere. Sie wirft einen Schwall Haare nach hinten ueber die Schulter, um dann weiter auf ihren Turnschuh zu malen. Sie schreibt "Deep Purple" und "Pink Floyd", wobei sie die Buchstaben extra rund gestaltet und die Buchstabeninnenraeume minutioes ausmalt.

ie hat die Musik im Walkman, es ist Nirvana, laut gestellt, aber trotzdem fuehlt sie sich aeusserst ermattet. Sie schwankt und faellt beinahe ruecklings in den Reststoffsammelcontainer. Dann sammelt sie ihre Kraefte und steigt vorsichtig und langsam hinein. Unten setzt sie sich wieder auf den Boden, wobei sie die Augen schliesst und irgendwie anfaengt zu traeumen.

Es ist eher ein Fabulieren mit offenen Augen, denn zum Traeumen ist die Vierzehnjaehrige wirklich nicht aufgelegt. Dazu hat sie in ihrer Lage wirklich keinen Nerv; sie fuehlt sich viel zu schlapp. Sie denkt zwangshaft, um sich etwas abzulenken, an die Logikbausteine, die ihr es in ihrer uebergrossen Schwaerze angetan haben.

Logikbausteine, zwischen denen sich der Strom auf der Leiterbahn nur gefuehlsmaessig hin- und herbewegte, als sie ueberhaupt noch an den Stromkreislauf angeschlossen waren, so weiss sie. Komisch eigentlich, dass sich der Strom ueberhaupt an die vorgeschriebenen Wege haelt. Er wuerde doch nichts verlieren, wenn ers nicht taete. Vielleicht ist das die Logik, dass ers eben einfach tut, ohne auf die Konsequenzen zu achten.

Sie findet das sympathisch von dem Strom und ueberlegt, ob sie nicht mit ihren runden Buchstaben "Logik" auf den Turnschuh schreiben soll, wobei das o und das g natuerlich schwarz ausgefuellt werden muessten, so schwarz wie die Speicherchips selber sind. Oder so schwarz wie die Lederjacke von dem Dings da oben. Oder so schwarz, wie wenn man erst versucht in die Sonne zu blicken und dann die Augen fest zudrueckt.

Jetzt traeumt sie doch: dass sie auf dem Gras einer Wiese liegt und dass Ameisen ueber ihrem Koerper hin und her laufen. Die Ameisen sind alle viel zu gross und genmutiert, doch sie findet das lustig, dass jemand ueber sie hinweglaeuft und die Ameisen finden das auch. Dann merkt sie aber, dass die Ameisen nicht zu gross sind, sondern dass sie selbst viel zu klein ist.

Ihr Gewicht muss sie tief hinunter gedrueckt haben, so dass die Grashalme wie kahle Baeume gegen den Himmel zeigen und das Gesichtsfeld versperren. Seltsam, denkt sie, dass keine Voegel zu hoeren sind, wo doch jetzt Fruehling ist. Da ist bloss eine elektrische Gitarre und ein Schlagzeug, aber die Maenner, die sie spielen, sind mitten in ihrem Kopf. Das ist unlogisch, denkt sie.

Dann sieht sie die Vergissmeinnicht, die in Reih und Glied zwischen den Ameisen eingepflanzt sind. Als sie versucht, daran zu riechen, faehrt sie entsetzt zurueck, denn die Fruehlingsblumen riechen alt und staubig. Was soll das, denkt die Schuelerin erbittert, Blumen haben gefaelligst nach Blumen zu riechen. Aber vielleicht riechen die hier nunmal so.

Und als sie sich daran erinnern will, wie Blumen denn sonst riechen koennten, faellt es ihr nicht ein. Die muessen vielleicht bloss mit etwas elektrischem Strom gewaessert werden. Aber insgeheim glaubt sie nicht daran.

Sie wendet sich den logischen Ameisen zu, die sich gegenseitig zum Zeitvertreib knifflige Aufgaben stellen und ueber die Loesungen lachen. Denn freilich fallen ihnen sogleich die Loesungen ein. Und ueberhaupt sind sie sehr lustig.

Vielleicht wirft man sie eben deswegen in den Muellcontainer, vermutet ihre Bewacherin. Logische Bausteine haben logisch und konsequent zu sein, und wenn sie trotzdem spontan und witzig sein wollen, dann werden sie ueberfluessig und unerwuenscht.

Sie wird ganz traurig ueber das Schicksal der lustigen logischen Bauteile, doch diese wenden sich ihr zu und nennen sie Alice. Man scherzt auf binaer, und es ist alles viel froehlicher als in der Schule, so dass Alice auch schnell wieder bessere Laune bekommt. Vor allem ist sie erheitert darueber, dass sie waehrend ihres Traumes weiss, noch nie so seltsames Zeug getraeumt zu haben.

Und sie entscheidet sich dafuer, dass ihr Traeumen doch eher ein Fabulieren sein muesse.

(Doch später, als die Polizei alle vernahm, vor allem die Lehrer, wie es geschehen konnte, dass man Schüler über einen Zeitraum von mehreren Stunden solch einen Cocktail von diffundierendem Sondermüll atmen ließ, sodass man mit dauerhaften Schäden bei den beiden rechnen müsse, stellte sich heraus, dass sich niemand auch nur träumen ließ, was das bedeuten würde. Klares Ergebnis aus diesem Ereignis war schließlich, dass dies die letzte Sammlung solcher Art an dieser Schule bleiben würde.)

Created: 2017-12-04 Mo 22:37

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