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Message Number 2 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : all
Subj: Telekolleg II
Send: 14 Mar 97 22:15:54
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"Da braucht man Geduld"

CeBit-Zeit. Es gibt allerlei zu gewärtigen, nicht wahr? Es gibt neue Begriffe wie etwa "Real Video", welche das Internetpublikum voller Glück vor sich hin spricht, es gibt neue Telefondienste, fürs Internet, mit denen man jetzt auch Nichtvernetzte anrufen kann, da draußen außerhalb; es gibt, wohin man blickt, Steigerung, Fortschritt, Integration, Expansion und vor allem grundlegende technologische Euphorie. Es gibt Ruhm und Ehre zu gewinnen, selbst für diejenigen, die bloß ein wenig mitmischen und nur im Außendienst sind.

CeBit-Hysterie treibt den Avantgardisten, den Beschützer der neuen Gedanken, ins Mittagsprogramm der dritten Fernsehprogramme, wo er drei Nüsse für Evelin König knackt. Dort im Dritten hat man seine Ruhe vor den Schlagworten den Zeit, die multimediale Journaille hat es noch nicht geschafft, bis hierher zu telefonieren, man hat eine Enklave, und man findet augenblicksweise seine Ruhe. Das Dritte ist das Trappistenkloster für flüchtende Zeitkapitalisten, welche ja genau wissen, wie man mit den Stunden wuchert.

Die Zeit? Sie ist immer dann am wertvollsten, wenn man sie nicht dazu benutzt, sie zu investieren. Sie bringt sich selber zum Stillstand, wenn man in der Lage ist, sie wegzuwerfen. Die Ewigkeit und das unüberbietbare Gefühl, der Herrscher seines eigenen Lebens zu sein, zu spüren, ist eine der leichtesten Übungen, wenn man den Sinn für die Schnellebigkeit anfängt zu verlieren. Ineffizienz ist des Menschen Teil, der klug genug ist, Maschinen bauen zu lassen, die ihn versorgen.

Es geht auch ohne Hysterie. Das Dritte Fernsehprogramm in den Nachmittagsstunden ist es, das den Gang zurücknimmt. Es geht auf die Grundlagen. Es nimmt sich Zeit zur umfassenden Basisausbildung, die niemand hat. Klassisches Schulfernsehen ist das vergnüglichste, das es gibt, und wer es geschafft hat, im Teletext das Programm des Telekollegs zu finden, wird glücklich werden, weil er die Vorfreude dazu gewinnt.

Die technischen Errungenschaften sind etwas äußerst liebenswertes. Sie sollen die Diener der Menschen sein, dazu sind sie gedacht. Menschen sollen leben, lieben, fressen, saufen, ficken, C lernen und Mails eintippern, aber sie sollen nicht ihren Maßstab verlieren, der sie selbst sind. Wie ist das mit dem Spaß am Leben, der Moral, dem Vernügen am unkonventionellen und dennoch zutreffenden Denken?

Eben, eben. Gerade zu Zeiten der CeBit lassen wir das Leben ganz besonders gemütlich angehen. Morgen zum Beispiel kommt im Telekolleg Deutsch die Folge "Literatur zur Zeit des Biedermeier". Ich werde nicht darauf hinfiebern, ich werde es abwarten können, bis es kommt, ich verspreche mir keine neue Zeitrechnung davon und auch keine Klärung der alten, aber ich denke, wenn ich mich denn doch zuschalten werde, - vielleicht, weil ich gerade Lust dazu habe - daß ich dann mehr am Wissen, Erfahrung, Know-How und Perspektive davontragen werde, als wenn... ja, als wenn was überhaupt? Als wenn solche Anakoluthe vermieden würden?..

Bis bald,

v

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: "Ich bin doch kein Einfaltspinsel!" antwortete er. (74:4970/100.33)


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Last modified: Mon Jan 25 13:11:59 MET 1999