------------------------------------------------------------------------------
Message Number 875 from area DEM.GER.KULTUR
------------------------------------------------------------------------------
From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Lieblingsfilme II
Send: 17 Aug 97 16:12:04
------------------------------------------------------------------------------

"Muriels Hochzeit" von P. Hogan

Muriel hat einen echt tollen Typen abgekriegt, um dies sofort klar zu sagen. Er sieht nicht nur gut aus, sondern er kneift auch nicht aus, wenn sie mal in schwere Lebenskrisen gerät. Eine etwas schlechte Figur macht der Bräutigam allerdings bei der Hochzeitsprozedur selber, wo er zusammenzuckt, als Muriels Vater sie ihm übergibt mit dem Satz: "Sie gehört Dir, Junge."

Ich selbst habe mich sofort in Muriel verliebt, als ich diesen Film das erstemal sah. Sie ist wirklich umwerfend. (Welch eine Schauspielerin, nebenbei erwähnt!) Und es ist total süß, wie sie alle ABBA-Songs mitsingen kann, vor allem bei ihrem großen Bühnenauftritt auf Hibiscus Island, wenn sie "Waterloo" singt. Sie ist so präsent und unvergesslich wie Evelin König. Sie ist was besonderes.

"Was besonderes?" Ehrlich wahr. Das ist kein Standar"t"-Schablonen-Film, der da abläuft, hier gibt es ein Geheimnis zu entdecken und etwas Irritierendes zu fühlen. Da steckt mehr dahinter; es ist ein höchst symbolischer und metaphorischer Film, der seine Abgedrehtheit nur vorspiegelt, um dahinter desto eleganter, kunstfertiger, virtuoser und genialer zu sein, ohne dabei den an der Kinokasse zahlenden Kulturkonsumenten zu verschrecken. Dies ist zur Abwechslung ein Film, der wirklich allen gefällt, die ihn sehen, und der dennoch künstlerisch absolut abgefeimt ist. Muriels Hochzeit ist eine populäre Angelegenheit, über die in den Medien und in Privatkreisen einiges gesprochen wird.

Das "neue australische Filmwunder" - davon weiß ich nichts, nur, daß es diesen Begriff gibt. "Malcolm" war ja ganz nett, und "Mad Max" ist ja schon sehr alt, "Crocodile Dundee" mochte ich ehrlichgesagt nicht besonders und einen richtigen umwerfenden australischen Film habe ich sowieso noch keinen gesehen. Es gibt reichlich redliche Standardware ("Bangkok Hilton"), die gewiß handwerklich völlig auf der Höhe der Zeit ist. Die australischen Filme sind so gut oder so schlecht wie die amerikanischen Filme, not my prob; - ich lese sowieso lieber französische Romane von Flaubert oder Stendhal in meiner Freizeit. Und Kylie Minogue war ja auch nur in in der soap "neighbours" zu sehen, was definitiv nicht zum Thema gehört... Jedenfalls hatte ich allen Grund, aus allen Wolken zu fallen, nachdem ich auf Muriels Hochzeit gestoßen war, die ganz tief und teuflisch gut ist. Sie hat nichts mit diesen Dingen zu tun, und ich frage mich, wieso ich überhaupt von diesen sprach. Es geht um die Abbildung des wahren Lebens, - und _ich_ erinnere mich an alberne Filme.

Wie ist das mit den "wahren Gefühlen"? Ach, man will ja nunmal nicht auf sie verzichten, - soviel ist wahr und bleibt wahr, denn sie machen das eigene Leben rar und wertvoll. Aber die filmische Darstellung der üblichen Phrasen, mit denen man gemeinhin das Thema behandelt, ist längst über und über mit Ekel behaftet. Man hätte große Lust, wegen der Klischees die guten Inhalte zu verwerfen, weil diese an jene unweigerlich gebunden scheinen. Von wegen. Immer mal wieder gibt es den Versuch und den Erfolg, große Gefühle ohne die dazugehörigen Phrasen zu vermitteln. Das nennt man in der Rezeptionsästhetik "Kunst". Das ist immer dann, wenn man sich fragt, in welchem Film man gerade sei.

Noch ein Wort zur Ästhetik dieser menschlichen Ereignisse. Es gab ja schon einmal diese "schrillen Komödien" aus den USA, eine davon mit Debbie Harry, die auch schon versuchten, auf neue Art stilsicher geschmackvoll zu sein. Aber sie waren nur Experimente und fragmentarisch innerhalb der neuen Ästhetik zugange. Muriels Hochzeit ist im Vergleich mit diesen Filmen, welche Mesalliancen zwischen Anspruch und Durchführung sind, eine harmonische Erfüllung. Dieser Film ist der richtige und Muriel ist die einzig mögliche Wahl.

Die Ausdeutung der ältesten Begriffe wie "Film", "Liebe", "Essay", "Eleganz", "Rekursion", "Heirat" und "Ironie" immer wieder in neuen "Kontexten" zu versuchen, ist eine heikle Aufgabe jedweder Kunst, die manchmal sogar ins Leben reicht, wenn sie sich nur fremd genug und unzugänglich genug gibt, um frei zu sein für die einfachen Aussagen. Das ergibt dann manchmal neue Verbindungen, deren Legitimation dann allgemein beglückwünscht werden sollte, und zwar alle Teile von ihr.

v.

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Schlagfertig gab sie seine Scherze zurück. (74:4970/100.33)


Volker LinkeNetarchiv Home

Last modified: Mon Jan 25 13:13:01 MET 1999