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Message Number 876 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Lieblingsfilme III (review)
Send: 19 Aug 97 23:43:01
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Hollywood Cannes Buck.

Ja, manchmal schlägt man die Zeit tot, als wäre sie eine Fliege, die einen beim Autofahren stört. Oder beim Internetsurfen. Manchmal rutscht man am gleichen Tag aber nur in zwei Fernsehsendungen, wovon eine den Abschlußbericht über die Spiele in Cannes zeigt, und die andere einen Kinofilm, der im Kino durchgefallen ist. Erstere kam um 21 Uhr, zweitere um 23 Uhr.

Mit Recht. Denn Kinofilme, deutsche zumal, in denen genüßlich Kühe, Maulwürfe und Fliegen getötet werden, gehören ins Spätprogramm, während man die vergreiste Jeanne Moreau nicht früh genug zu sehen bekommen kann in Cannes.

Karniggels sind solche Menschen, denen die Welt zuviel wird, - die die Ordnung wollen und sie auch durchsetzen. Ihnen ist das wilde Treiben da unten im Süden ein Greuel, sie haben genug an ihren eigenen Großstädten, Kiel etwa, oder Lübeck. Wenn die Polizei nur ein wenig aufpaßt, bleibt die Welt zumindest in Schleswig-Holstein heil. Das gröbste, was passieren kann, ist nicht Cannes, sondern Kuhmorde, zumal wenn diese nicht einfach getötet werden, sondern zer_s_tückelt. Ein Problem.

Die verquere große Welt schont auch solche Landstriche nicht. Wenn die Hamburger übers Wochenende aufs flache Land ziehen, kann alles mögliche passieren. Wer weiß denn, ob sich nicht der exzessiven Party auf dem Lande eine okkulte Sitzung anschließt, in der mit dunklen Ritualen eine Kuh geopfert wird? Man kann es nicht wissen. Das wiederum würde jedenfalls in Cannes nicht passieren.

Die Polizei rätselt, und nicht jeder Polizist ist solch einem Psychoterror gewachsen. Einer greift zur Droge Alkohol und nimmt sich einen Freund, der Autodieb ist. Das ist das Ende der sozialen Fahnenstange für ihn.

Diesen wichtigen Konflikt aufzugreifen und zu verarbeiten, leistet der Film "Karniggels". Wie lebt so ein Mensch, dem die kleine Welt zu groß wird, und der keine Mittel hat, seine Zeit mit Hollywood-Filmen totzuschlagen, sondern nur mit wirklichen Fliegen? Ist Tierquälerei der Ersatz für das mangelnde Amüsement in den Kinos der Großstädte?

Ja. Die arme Kreatur bleibt zum Schluß immer sich selbst überlassen. Sie verschmäht den Kontakt zur Außenwelt; sie kommuniziert nicht mit der Kulturindustrie. Solipsismus ist der Ausdruck des Individuums, das mit Cannes nichts zu tun haben kann, weil es das alles nicht mehr versteht. Animalisch.

Der Polizist als Hüter einer Ordnung, die ihn nicht animiert und die sich ihm nicht mehr mitteilen kann, ist eine Gefahr. Er steigt aus und schlägt ins Gegenteil um. Er mißbraucht die Macht seiner Dienstmütze. Seine Geschichte zu verfilmen zeugt von abartiger Varanlagung des Regisseurs und des producers, die offenbar ein verqueres Vergnügen daran finden, sich absichtlich der großen Film- und Fernsehwelt entgegenzustellen.

Man reiche mir Fliege, damit ich ihn totschlage.

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Pécuchet staunte. (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Jan 28 17:59:39 MET 1999