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Msg : 129 of 352 Uns Loc
Von : Volker Linke 2:244/33 Mon 16 Jan 95 15:58
An : All 2:244/33
Betr : D.cade III, Septidi de Niv.se de l'Ann.e 203 de la R.volution
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.INTL 2:244/33 2:244/33 .MSGID: 2:244/33.0 f1ade941

* Forwarded from Autoren.Ger by SFSQ at 2:244/33.0

Die Flasche mit schottischem Whiskey stand halbgeleert neben dem Monitor; der Verschluß lag nur lose auf ihr; rechts davor war der Aschenbecher, worauf minutenlang qualmende Zigarillos abgelegt oder ganz vergessen wurden; daneben die Packung extra und erst kürzlich gekaufter Original-Zigarillos; im Hintergrund, seitlich des glühenden Ofens, stand ein Schwarz-Weiß-Fernsehgerät auf dem Fußboden und flimmerte. Obwohl es erst mittags drei Uhr war, hatte sich draußen der Himmel verdunkelt; der Wind hatte nachgelassen und es waren vom kanadischen Wetterdienst Schneestürme angesagt. Scott saß zurückgelehnt auf seinem dünnbeinigen Stuhl, er hatte die mit Schlier bedeckte Tastatur auf die Knie gezogen. Er blickte in die Dämmerung hinaus, nahm einen Zug aus dem Zigarillo und erschrak heftig, als er einen stechenden Schmerz auf dem rechten Handrücken spürte: Asche hatte sich von der Spitze des Zigarillos gelockert und war in die Tiefe gebraust. Nun tat ihm die Hand weh und er versuchte, den zwischen die Tasten geratenen Teil des Niederschlags herauszublasen. Dabei entfleuchte ihm aber ein gut Teil an Speichel, so daß nun eine schwarze Suppe langsam in das Innere der Tastatur sickerte. Er fluchte. Nach den zwei Tagen, die seit der denkwürdigen Blockhüttenfete am Ontariosee vergangen waren, hatte er das erste Mal in seine Box geschaut, - sein selbstprogrammiertes Baby mit immensem Verbreitungsgrad in der ganzen Welt- , und war nun einigermaßen entspannt dabei, die Post, die sich gestaut hatte, zu sichten. Er konnte sich das leisten, weil der das Urheberrecht betreffende Teil der Squish-Dokumentation fast fertiggestellt war. Einige Sätze noch, die aber keine Denkanstrengung mehr erfordern würden, also zu verschieben waren. Eine Crash-Mail aus den USA bezauberte ihn; sie war von Sue Coleman verfaßt, der FIDO-Repräsentantin von der berühmten Softwarefirma Microsoft; sie forderte ihn auf, sich mit ihrer Firma in Verbindung zu setzen, weil dort im großen Stil eine Hardware-Software-Kombination für ein umfassendes E-Mail-System entwickelt werden sollte; ob man von Dudley ein Lizenzabkommen erwarten dürfe, damit das Rad nicht neu erfunden werden müsse.

Scott freute sich. Dann war da eine etwas bizarre Mail aus Europa, von einem Deutschen namens Alexander Hoernigk verfasst; darin stand in bizarrem Englisch, daß der vorliegende Code von Squish unsäglich langsam und ineffektiv sei; daß der Versuch, dieses Konzept einer sicheren und schnellen Messagebase, zum Scheitern verurteilt sei; daß er, A.H. also in freundschaftlichen Ton versuche, ihn, Scott, davon abzubringen, seine Mühe in weiter solch eine nutzlose und unsägliche Angelegenheit zu investieren. Scott war deprimiert. Wenn einer aus Europa, dem Hort der abendländischen Kultur, dem Dunstkreis des reinen Rationalismus, kritisch seinem Unterfangen entgegenstand, dann müßte das wohl seinen Grund haben. Der Rückhalt an gesundem Menschenverstand im alten Kontinent muß wohl ein ganz anderer sein als in den traditionslosen neuen Kontinenten. An Sue Coleman antwortete Scott wie folgt:

" Liebe Sue,

nachdem ich mich lange an einer Art der Verwaltung von offener Software bemüht habe, also einer Möglichkeit der Verwaltung von Geistesgut, das weniger von der Vermarktung bestimmt ist als vielmehr von der Bündelung kreativer Energien, nachdem ich also ein Konzept vom Vertrieb von Software versucht habe, das demjenigen von Deiner Firma strikt entgegensteht, habe ich kaum Hoffnung, daß es einen Vertrag geben wird zwischen meiner Geistesleistung in Form von MAXIMUS-Mailboxsoftware und SQUISH-Echomailbearbeitungssoftware und dem zentralen Diktat von zu benutzender Progammierung seitens Microsoft. Da ich aber glaube, daß in irgendeiner Form mein Wissen um E-Mail sowieso verwertet werden wird, weil ich weiß, daß konzeptioneller Idealismus nicht vor der Großindustrie zu bestehen vermag, so würde ich gerne die Vorschläge zu einem Lizenzabkommen seitens Microsoft hören. Dies sollte jedoch nicht über FIDO-Netmail behandelt werden, weil diese nicht das etablierte Postgeheimnis wertschätzt. Darum werde ich mich persönlich bei Dir, Sue, über Fax melden oder aber direkt im Hauptsitz der Microsoft Corporation selbst, wo man meinen Namen vielleicht wiedererkennen wird. "

An Alexander Hoernigk in Europa schrieb Scott:

" Lieber Alexander,

vielen Dank für Deine kritische Zuschrift. Ich selbst habe viel Zweifel an dem Nutzen meiner Software. Dennoch möchte ich meinen Versuch, die Entwicklung von Mailbox- und Echomailsoftware voranzutreiben, nicht vorzeitig aufgeben. Ich bin schon an der Dokumentation zu einer neuen Version von Squish, welches einige Fehler der vorigen Version beheben wird. Ich bin mir im Klaren, daß good old europe besondere Ansprüche an die Herstellung von qualitätsvoller Software stellt, doch zunächst werde ich mich zufrieden geben, wenn ich etwas Adäquates für den amerikanischen Raum schaffen kann. PS: weiterhin viel Erfolg bei Eurer deutschen Wiedervereinigung,

Scott "

Und während Scott das alles schrieb, hatte er keinen Augenblick vergessen, wie herrlich das hellgrüne Baumwollkleid sich um Barbaras Beine geschlossen hatte. Er entschied sich dafür, daß er Kerstin dringend wegen dieser Sache anfaxen müsse. Und dann nahm er einen tiefen Schluck aus der Flasche mit dem schottischen Whisky, zündete sich ein neues Zigarillo an, hustete, und las seine Mails noch einmal durch.

Volker

--- Noologie 2.01 ---
* Origin: Das Geräusch wiederholte sich nicht. (2:244/33)


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Last modified: Wed Feb 10 16:44:03 MET 1999