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Message Number 82 from area KULTUR.GER
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From: Volker Linke (2:2476/552.33)
To : All
Subj: Ellen
Send: 26 Jan 96 21:56:59
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Es ist an der Zeit, auf einen Kulturskandal hinzuweisen.

Seit über drei Monaten kommt in der ARD Dienstags die amerikanische Serie "Ellen". Und noch immer gab es keinen Aufschrei in der Presse. Keine Lichterketten, keine Bürgerbewegung, keine Dissertationen. Und vor allem: noch keine Kritik in der Kultur.Ger.

Aber es ist ja wahr. Sowohl Alf als auch Simpsons brauchten immer mehrere Wochen, um bekannt zu werden. Nur weil eine Serie dreimal geniale Folgen hintereinander sendete, mußte das nichts heißen. Wenn die Pointendichte so hoch wurde, daß man Tränen gelacht hat, war das letztlich nur Alltag (und bestätigt damit die letzten Vorurteile bezüglich des klassischen deutschen Lustspiels, welches im Vergleich dazu nämlich niemals lustig war - siehe Minna von Barnhelm oder Schtonk).

Aber selbst die Gewohnheit an die gute Qualität von ausländischen Komödien läßt innerhalb derselben noch Unterscheidung zu. Die grobe Verfremdung aller Humorprodukte aus USA aufgrund der kulturellen Verschiedenheit läßt immer noch genug Differenzierungsfähigkeit übrig. Oder einfacher ausgedrückt: der Humor ist eine allgemeinkulturelle Errungenschaft, die nicht notwendig an die spezielle Kultur gebunden ist, diese aber beeinflußt. Und man mag die Unterschiede innerhalb der fremden Kultur dann doch erkennen, selbst als Außenstehender: Alf, Simpsons und Ellen haben nichts mit der Komik von Jerry Lewis, Dick und Doof, oder den Marx Brothers zu tun, außer der Herkunft. Wenig genug.

Es gibt den Witz in der Welt, und er äußert sich eben nach statistischem Maß in der Produktion, etwa zu fünf Prozent. In Länderproduktionen, die weniger als fünf Filme pro Woche machen, kann er durchaus ausfallen.

Amerika hat einen riesigen Industrieausstoß von Fernsehproduktionen. Es ist nur selbstverständlich, daß der viele Müll statistisch notwendig ist, und der beeindruckende Rest mühsam gefunden werden muß. Die Co-Produktionen mit Hearst und Walt Disney waren weniger erfolgreich, was aber nur die erste Hälfte des Unansehbaren ausmacht. Golden Girls waren besser, div. Krankenhauscomedies schlechter, und nun war es halt wieder mal ein Treffer. Ellen liegt in den üblichen fünf Prozent.

Das Wunder dabei ist, daß jedes Land (ich erinnere mich an Frankreich) das Potential hätte, Witz in der Welt zu verbreiten. Es muß nur das Kapital dazu haben. Aber der spezielle Witz ist nur dort zu verwirklichen, wo selbst 0,5- Anteile noch zur Produktion führen. Das ist nur in USA der Fall. Spezieller Humor hat nur dort eine Chance.

Humor ist ein statistisches Problem. Der Pluralismus in den USA führt dazu, daß manchmal ein Humor von dort importiert wird, der eigentlich seine Wurzeln in unsereinem selbst hat.

Und ich mag selbst diese Ausprägung. Manchmal ist die Kulturindustrie auch amüsant. Und es ist ein Skandal, daß es in diesem Fall niemand bisher bemerkt hat.

--- FEddi 0.9pl4 via ifcico
* Origin: "Plagiarism is basic to all culture." (Volker Linke) (2:2476/552.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:07:11 MET 1999