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Message Number 52 from area KULTUR.GER
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From: Volker Linke (2:244/17.33)
To : All
Subj: Einige Pikanterien...
Send: 06 Nov 96 02:09:06
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Forwarded from DEM.GER.KULTUR

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                                     (o o)
---*reiss*------*schnippel*------oOO--(_)--OOo-------*knabber*-----*fetz*---

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Forwarded from DEM.GER.BOOK
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Weihnachten ist die Zeit der Frustration, des nutzlosen Nachdenkens und der enttaeuschenden Geschenkideen. Man schenkt den Menschen, die man liebt, einen Scheiss, weil sie schon alles haben, und fuehlt sich schlecht, schlecht, schlecht. Schenkt man keinen Scheiss, ist es nicht besser, sondern schlechter. Sanft geknuepfte Beziehungen werden abrupt beendet, wenn man aus Versehen Scheffels Ekkehard verschenkt, und Freundschaften zerbrechen, weil man sie etwa mit einem Stendhal ueberbelastet hat. Geschaeftsfreunde gar, die man mit Max Goldt beschenkt, vergeben im neuen Jahr ihre Auftraege anderswo, und die Verwandschaft tratscht monatelang hintenrum ueber einen, wenn man einem aus ihren Reihen einen Musil schenkt.

Dieses Jahr raeche ich mich. Ich schenke allen meinen Lieben die "Salongeschichten" von Tallement des R'eaux. Dies ist ein Geschichtsbuch aus dem 17.Jh., neuerschienen und -uebersetzt bei Manesse, und man darf sich sicher sein, dass keiner dieses Buch lesen wird. Der Gedanke, dass das Buch bei den Leuten aber jahrelang herumliegen wird, gibt eine seltsame Befriedigung, man nimmt das Leben um Weihnachten herum wieder leicht, und man freut sich, ein Bubenstueck geleistet zu haben.

Warum? Weil das Buch es in sich hat. Es ist skandaloes, belustigend, erbaulich unmoralisch und einfach unlesbar. Es ist etwas in der Art von der Liselotte von der Pfalz, Gefaehrliche Liebschaften und Erinnerungen des Casanova, aber huebsch nach der Wahrheit erzaehlt, und geradezu boshaft im Durchhalten des klatschhaften Tonfalles. Ich meine, ein Jahrgang der "Bunte" ist ja kein gutes Weihnachtsgeschenk, aber die Salongeschichten sind es wohl, weil sie nicht so etepetete sind, aber viel serioeser scheinen.

Du liebe Zeit! Welchen Unterschied macht es denn auch, ob Michael Jackson paedophil ist oder Ludwig XIII? Dass Kardinal Richelieu etwas begriffstutzig war und masslos eitel, ist in allen von Tallement gezeigten Beispielen mindestens genauso interessant zu lesen, wie wenn der Spiegel ueber Kohl salbadert. Nein, ersteres ist sogar viel besser zu lesen, weil man immer denkt: "Schau, schau, gibt es denn gar keinen Fortschritt? Da gehts ja noch amuesanter her als in der aktuellen Regenbogenpresse."

Hat denn die Yellow Press gar nix dazugelernt, moechte man fragen. Nein, sie hat vieles _verlernt_, aber weil ihre Leser nichts anderes kennen, fressen die jeden Dreck. Und Klatsch und Tratsch und ueble Nachrede sind so amuesant, wenn sie nur richtig kolportiert werden, ein wenig in der Zeit reifen, um uns dann letztlich als Boten aus einer wissenderen und doch geschwaetzigeren Zeit als elende aufgeklaerte Banausen zu entlarven, die bisher einfach nichts vom Leben uns seinen _ordentlich erzaehlten_ Bettgeschichten wussten.

Wie dem auch sei, zu Weihnachten, dem Fest der Liebe, werde ich ein wenig von den besseren Bettgeschichten unter die Leute bringen, wohlwissend, dass sie dann ganz in der schlechten, hergebrachten Art ueber mich tratschen werden, eben weil niemand das Buch, in dem stehen wuerde, wie mans besser macht, lesen wird.

Bis bald,

v

---*reiss*------*schnippel*--------------------------*knabber*-----*fetz*---

Bis bald,

v

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Join Uncle Dem! (2:244/17.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:14:47 MET 1999