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Message Number 59 from area KULTUR.GER
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From: Volker Linke (2:244/17.33)
To : All
Subj: Aus dem Leben der Bohème
Send: 06 Nov 96 21:07:22
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Forwarded from in DEM.GER.KULTUR

                                      , Zeitblom, ,
                                     (o o)
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Christian Schwitters ist das geistige Haupt der Gruppe. Gelernt hat er bei der deutschen Bank, wo er fruehzeitig neue Wege der Aquisition von Kunden fuer private Placements beschritt und erste Achtungserfolge mit Fondseinlagen erzielte. Bald merkte er aber, wie ihm durch die traditionalistischen Vorgaben seiner Vorgesetzten Hindernisse in den Weg gelegt wurden, und er machte sich schon nach kurzer Zeit mit seinem erworbenen Wissen und seinen Ideen selbstaendig. Zu der Zeit hatten schon einige unkonventionelle Anlageberater von anderen Banken, der Dresdner, der Bank fuer Gemeinwirtschaft, der Commerz und einige Talente aus dem Privatbankenbereich von seinem aufkommenden Ruhm gehoert und schlossen sich seiner in Stuttgart neugegruendeten Firma, der CuSAI ("creative und sicherheitsorientierte Anlageinnovationen") an. Es sollte der kapitalste Aufstieg einer kleinen Firma fuer Anlageberatung in der Region werden.

Es war vor allem _ein_ Deal, der die Gruppe in ihrer Substanz zusammenschweisste und den neuen Stil erahnen liess, und der sie spaeter so beruehmt machte. Indem naemlich ein Startgeld, das meist aus Darlehen, die zu normalen Zinsen aufgenommen wurden, an Privatanleger gestreut wurde, und die entstandene Kundenbindung zur Bildung eines renditeorientierten Aktienstammfonds weiterbenutzt wurde, blieb bald genug Spielraum fuer eine disagiofreie Abwerbung von freigewordenen Geldern, die ueber den normalen Diskontsatz der Leitzinsen vermehrt werden konnten. So trickreich sich das Geschehen darbot, so legal und langfristig umsetzbar war es.

An dieser Stelle trat ein anderes Talent aus der Gruppe in den Vordergrund, Boris Runge. Er hatte in einer Frankfurter Privatbank Immobilien verwaltet und war schon frueh dem Ruf Schwitters nach Stuttgart gefolgt. Er gruendete, um weitere Streuungseffekte fuer die Kunden zu vermeiden, eine Dislokationsfirma innerhalb der CuSAI namens "Berghold & Partner" und kaufte Anteile von Immobilien, deren Abschreibungsertraege er in Mieten fuer andere, noch zu erwerbende Immobilien steckte. Dadurch erzielte mehrfache Steuervorteile, die er sowohl direkt auszahlte, als auch firmenintern an Beteiligungen ebendieser Immobilien umschrieb, nutzte er hoechst nachtragsweise intelligent, was nach damaliger Gesetzeslage durchaus gestattet, wenngleich auch noch niemand auf diese Idee gekommen war.

Es wird erzaehlt, dass schon im zweiten Jahr eine Steuerpruefung in der Firma stattgefunden habe, in der der Inspektor nach Durchsicht aller Papiere gesagt habe: "Alle Achtung, meine Herren. Tadellose Arbeit".

Nicht lange danach zog die groessergewordene Firma in eine Villa in Hoehenlage um und veranstaltete Vernissagen mit ortsansaessigen Kuenstlern. Im Austausch mit dieser branchenfremden Welt erhielten sie wesentliche Impulse fuer neue Strategien der Anlageberatung, welche aber nicht immer umsetzbar waren. Es war die Zeit der Rueckschlaege, nicht in finanzieller Hinsicht, wohl aber in kreativer. Der Ausflug in die Welt der EG-Subventionen etwa war so eintraeglich wie unoriginell, und die Firma beschloss, diesen Sektor, der so wenig Raum fuer die eigenen Faehigkeiten laesst, anderen zu ueberlassen.

Wohl aber war es die Zeit, in der die Personen von Schwitters und Runge schillernd wurden; in der Stuttgarter Gesellschaft wurden sie gerngesehene Gaeste, die durch die Brillanz ihrer Konversation sowie durch die unarrogante Umgaenglichkeit mit der eingesessenen Oberschicht beeindruckten.

Als die Gelder, die ihnen zur vertrauensvollen Verwaltung uebergeben wurden, regelmaessige und hohe Summen ausmachten, trat ein weiterer Gluecksfall in Person des jungen Johannes Dix in die Firma ein. Dix, ein gebuertiger Stuttgarter, der in der CuSAI gelernt hatte und sich bisher eher nur mit Eskapaden gesellschaftlicher Art hervorgetan hatte, setzte auf eine neue, moderne Taktik, naemlich die der Brainwareevaluierung.

Dies ging auf diese Weise vor sich: in den in dieser Zeit entstandenen Computernetzwerken, deren Markt sich schon stark zu monopolisieren begann, nahm er sich ein kleines und unscheinbares heraus, welches DemNet hiess, und begann systematisch den ideellen Wert, der darin steckte, zu foerdern. Dies gelang ihm einesteils durch die technisch-physikalische Unterstuetzung des Netzes, mehr noch aber durch die soziale Assimilation des mentalen Materials, das er vorfand. Er erzeugte durch kluge Abhaengigkeiten, die er aufbaute und durch ein ruhiges Laissez-Faire, das er der Verwaltungsstruktur zuerkannte, einen Pool von kreativem Optimismus, der nur einen Zweck hatte: den Namen des Netzes bekannt zu machen und es wie einen Firmennamen zu vermarkten. Der Grundgehalt seiner Unternehmung lag im Aufbau eines positiv besetzten Logos, welches, anders als etwa Immobilien oder Aktienfonds, keinen greifbaren Gegenwert fuer die zu leistende Investition mehr bieten muesse, sondern von der Idee allein lebe. Auf diese Weise kam er zu einer Art der Investition, bei der er die Ausschuettung und somit den Reingewinn _selbst bestimmen_ konnte.

Schwitters erkannte die Moeglichkeiten, die Dix ihm nutzbar machte. Er gruendete eine weitere Dislokationsfirme und einen eigenen Fonds fuer die Unternehmung seines Schuetzlings und gab ihm ein eigenes Buero neben seinem eigenen.

Diese neue Form der privaten Anlageplazierung machte einige Furore und es fanden sich etliche Grossanleger, die die Idee "interessant" fanden. Schwitters nutzte den Schub an Prestige, um fuer den Tag der Erstzeichnung des Fonds eine grosse Vernissage anzusetzen, bei der sowohl alle Anlageinteressierten als auch einige Repraesentanten des DemNet zugegen sein sollten.

Dies ist also die Geschichte der Vernissage, die heute abend stattfinden wird. Ich denke, es ist auch fuer Leute, die an Klatsch nicht so interessiert sind, ganz huebsch zu erfahren, wie alles zustandekam. Ich beende hiermit diesen kurzen Bericht, weil ich gleich los muss und zuerst noch meiner Frau den Reissverschluss ihres Kleides, das uebrigens schwarz ist, zuziehen muss.

Bis bald,

v

---*reiss*------*schnippel*--------------------------*knabber*-----*fetz*---

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Join Uncle Dem! (2:244/17.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:17:17 MET 1999