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Message Number 66 from area KULTUR.GER
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From: Volker Linke (2:244/17.33)
To : All
Subj: Was gibts Neues im Fernsehen?
Send: 10 Nov 96 02:19:48
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Forwarded from DEM.GER.KULTUR

                                      , Zeitblom, ,
                                     (o o)
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Ein Eric-Rohmer-Abend in der ARD.

Was waere, wenn man das moderne Leben aufs Ganze naehme, solche Begriffe wie "Mediathek", "Flurbereinigung", "Meinungsfreiheit", "Transparenz bei Wahlen", "Kommunalpolitik" und "Schueleraustausch" zur Grundlage des Lebens nehmen wuerde, was sie ja wirklich sind, und daraus versuchte, Kunst zu machen?

Okok. Das kann nur misslingen. Das waere ja, als wuerde man "Demokratie", "Vernunft", oder "Demnet-Wahlen sind total andersgeartete als die in Bosnien" als allgemeine Begriffe gelten lassen wuerde.

Was nun aber wirklich erstaunlich ist: frueher, vor etwa zehn Jahren, gab es solche huebschen Filme von Eric Rohmer wie "Claires Knie", "Pauline am Strand" oder "Das gruene Leuchten". Diese Filme waren kommerzielle und allgemeine Flops, hatten durchaus nie die Spektakularitaet und Akzeptanz etwa von "Independence Day" erreicht und waren darueberhinaus durch und durch demokratisch im besten Sinne; sie erkannten die Sprache als das bestimmende Element jeder bedeutungsvollen Auseinandersetzung, und sie trieben ihre Spiele mit dem Unernst der Sprache, ihrer einzigen und fraglichen Autoritaet in politischen Fragen. Eric Rohmer machte sich damals in seinen Filmen einen Spass daraus, aus der Ernsthaftigkeit der zu allem gesellschaftlichen Leben notwendigen Begriffsbildung die spielhaften Beweise zu liefern. Es waren die Filme, in denen "immerzu" "nur" geredet wurde, und die der Sehende zum Amuesantesten der Filmkunst rechnete, und was der Blinde heute in den special visual effects sucht. Rohmer liefert schon lange die speziellen sprachlichen Effekte in den Filmen, damit sie sehenswert werden.

Es geht nicht um Autorenfilme. Es geht um Leichtigkeit, Witz, Eleganz und Flexibilitaet. Es geht darum, alles unter dem Kriterium der sprachlichen Auseinandersetzung zu sehen, falsche Ansichten zu revidieren, und bei allem hoeflich und lustig zu bleiben und sich durch Sprache auszudruecken. Ganz normal bleiben, also. Rohmer lehrt im besten Sinn den Stil der franzoesischen, mondaenen Konversation, welche sich im Alltag immmer in solchen Dingen wie "Kommunalpolitik", "Demnetwahlergebnissen", oder "Aemterdiskussion" auslebt. Das ist Demokratie, und die Lust am Diskurs um die alltaeglichen lustigen Angelegenheiten, welche Demokratie ausmachen (somit eben der Verzicht darauf, alles, was wichtig ist, an hoehere Aemter zu delegieren), wird durch diese Filmkunst des Alltags, welche sehr schwierig herzustellen ist, geschuert. Klug gemachte Propagandafilme fuer den mondaenen Geschmack einer medialen urbanen Oeffentlichkeit, wie sie in den textbasierten Nachrichtennetzen der FTN Standard sein sollten.

Es ist skandaloes. Man sieht in Eric Rohmers Filmen, was das Wesen der diskursiven Gesellschaft ausmacht, in welcher alle Menschen ihre Meinung bilden muessen, und worin jede Meinung ihr Gewicht hat, - und das Leben, welches solcherart stattfindet, ist amuesant, lustig und aeussert fortschrittlich, auch wenn es sich als Durchschnitt und Alltag darbietet.

Es ist die kluegste und schoenste Art der Science Fiction, die mir bisher untergekommen ist. Ich mag Eric Rohmer immer noch sehr viel mehr als Roland Emmerich. Es ist der Unterschied zwischen humanistisch demokratischer Gesinnung als Ausdruck der Rechtschaffenheit, die als solche anruechig ist -- und einer inhaltsfaulen technokratischen Fleissaufgabe, welche nur politically correct sein will.

Bis bald,

v

*--*reiss*------*schnippel*--------------------------*knabber*-----*fetz*--*

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Join Uncle Dem! (2:244/17.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:19:29 MET 1999