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Message Number 51 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Antenne fuer die Umwelt
Send: 16 Jan 97 00:40:29
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Genauso, wie es Lebensformen gibt, die wie Schleim an Computermonitoren kleben und ihr innerstes Glück vom zuckenden Licht abhängig machen, soll es auch welche geben, die schick sind; es sind diejenigen, die auf Futons oder in Ledersofas liegen und sich mittels übergestülpten Kopfhörern mit der Gemeinschaft der Radiohörer vernetzen. Es sind dieselben, die das legitime Gefühl, nichts mit der Außenwelt zu tun haben zu wollen, dadurch kaschieren, daß sie Korpsgeist entwickeln und Mitglieder in Clubs werden, die sich "wild" nennen und von Beamten gegründet wurden und die Einsamen zur gemeinsamen Stampede führen sollen. Das ist die fortgeschrittenste Form des Netzgeistes. Sowas gibt es.

Das Radio, das tagsüber dazu da ist, Geld über Werbung einzutreiben und das Wetter detailliert zu beschreiben, für diejenigen, die die Augen gern zumachen würden beim Musikhören; dem Augenverschließen und Abdriften in die eigenen, guten Gedanken, dem Verlieren der Grammatik vor den Assoziationen und weiten Sätzen, die einen beherrschen, dieses Guttun, das zu ersinnen wäre; es ist nicht; sondern das Medium zu solch besserer Gehirninanspruchnahme, es ist selbst Werbeträger für wildesten falschen Aktivismus.

Radio kündigt an, Radio wirbt, Radio macht Lärm, Radio organisiert. Radio hat Werbefirmen angeheuert und ist selbst Werbefirma geworden. Radio genügt sich nicht und macht sich zum Beiwerk. Radio will unbedingt von allen gehört werden, kurz und prägnant verstanden werden, als seien kurze Hauptsätze das Ziel des Äthers,

und wenn es gelingt, wenn all die Verarschung mit Meinung und Mache gelingt, wenn die Masse die schnellen Hauptsätze in ihrer Pointierung lieben gelernt hat, -

dann verkauft die Radioredaktion ihre Sendezeit. Das ist das Ziel der Identifikation. Radio arbeitet konzentriert für Millionen zukünftiger Weghörer. Radio ist immer aktuell dabei, wo nichts passiert, und weil es das letztendlich auch gemerkt hat, macht es früher oder später, um den Hörer und die Werbeeinnahmen zu halten, seine Ereignisse selber.

Es ist spannend: Radioredaktionen haben einen unglaublichen Ehrgeiz, alles gleich zu machen, - weil sie dasselbe Ziel verfolgen -; tausend Sender machen zur gleichen Zeit Werbung, geben gleichzeitig das Wetter für ihren wilden Süden, für das SWF3-Land, für ihr Antenneland und ffn-Frequenz-Funk- Niedrigland durch, spielen das mystische Ritual des Nachrichtenaufsagens, welches tausend Redaktionen bis auf den Wortlaut gleich ausformuliert haben, und geben Verkehrshinweise. Man vertraut aber auf die toten Platten und gibt Clubkarten für plastisch profilierte Friedhofparties aus.

Nachts ist es besser. Da sind die meisten Moderatoren und Redakteure zuhause, und mit ein wenig Glück findet sich ein Sender, der Musik spielt. Dann gibt es sie wieder, die Gemeinschaft der Musikhörenden, die in ihren Zimmern liegen, vernetzt durch Radiowellen, unter dem Kopfhörer, wo sie die Katastrophe des Tagesanbruchs erwartet.

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Da unterhielten sie sich über den Wert der Beichte. (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:23:50 MET 1999