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Message Number 49 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Kafka, Katja, Kachelmann
Send: 29 Jan 97 20:11:22
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"netnite"

Diese verdammte Echtzeit. Sie geht über uns hinweg wie ein Tornado, und, verwirrt, können wir nur ex poste die Geschichte und die Verwüstungen hermeneutisch interpretieren.

Am letzten Freitag kam "netnite" auf demjenigen Fernsehsender, der Billy Gates gehört und trotzdem öffentlich-rechtlich ist; tsts, dieses ZDF. (Ich verweise auf frühere DEM.GER-KULTUR-Beiträge, wo dieser Skandal, daß ZDF und MSN sich ideologisch zusammenwerfen, behandelt wurde. Die Zeit schritt darüber hinweg, über die Beiträge.) Weil aber inzwischen in anderen Medien allzuviel Bedeutung entstand, konnte dieses neueste Fernsehereignis hier bisher nicht gewürdigt werden. Die eklatanten Moralverstösse in der DEM.GER.SMALLTALK forderten die wenige freie Zeit des Offlineschreibens für sich allein. _Abstrakte Medienkritik_ muß in Zeiten konkreter Flamerei unterbleiben.

Aber dieses Geplänkel war nur ein ephemeres Nebenbei, ein eklektizistisches Akzidens. Letztlich blieb der Eindruck, den das Zusehen von "netnite" hinterließ, bei weitem schwerwiegender. Das Thema ruckelte also vor sich hin, bis heute ruckelte es, wo ich es nun aus dem Bewußtseinsproxy hole. Aber nicht etwa aus dem Grund, weil es dort nicht versauern könnte, sondern weil Katja folgenden Satz geschrieben hat, der mich an alles erinnerte und mich wieder in die richtige Zeit zurückholte, und den ich gerade gelesen habe. Er lautet

KW> Ach? Joerg Kachelmann ist auch im Netz? :-))

Bedeutung, Semantik, Semiotik, Wichtigkeit, Beachtung und Essenz liegen hiermit vor. Denn genau dieser Kachelmann, der "Wettermann", der Nachrichtenkasper mit dem vulgären Labervokabular, er war der Studiogast in "netnite" letzten Freitag. Und ich kann nur Katjas Frage beantworten mit: oh, und _wie_ er im Netz ist.

Ein kurzer Exkurs ueber "netnite". Dies ist die Sendung des ZDF-MSN, die das Internet schmackhaft machen soll. Es werden die noetigsten Begriffe quasi in 7- bit, also für alle, erlaeutert (etwa "HTTP"), es werden Bezugsquellen fuer Hardware (etwa "Compaq") genannt, und es werden die schnellsten Internetprovider in einem Wettbewerb ermittelt. MSN war freilich bisher jedesmal auf Platz eins oder zwei. Zumindest bei _allen_ Sendungen, die ich bisher gesehen habe. All das ist nachzulesen auf der Teletextseite 589. Der spezielle Geschmack der Sendung liegt indessen in der Person der Moderators, der in den ersten Folgen noch erkennbar Muehe hatte, die technischen Begriffe richtig einzusetzen und den Netscape geuebt zu bedienen. Er ist da so reingerutscht, aber inzwischen hat der sympathische Oesterreicher wichtige Wissenluecken geschlossen. Vor allem mithilfe der Studiogaeste, die meistens den inhaltlichen Teil uebernahmen und kenntnisreich die jeweils schicken Internetadressen vortrugen. Unternehmensberater, Einkaufsberater, Bankberater, Computerberater. Und diesmal war es: der Wetterberater, der dem Moderator fachkundig zur Seite saß und aus dem Cache referierte. Katjas Jörg Kachelmann.

Er stellte also seine Lieblings-Internet-WWW- Sites vor, erstmal solche, die neueste Wetternachrichten in Echtzeit einspeisen, und auch solche mit den Archiven der veralteten Klimakatastrophen. Internet ist ja keineswegs nur zur Aktualitaet verpflichtet, sondern auch zur Vollstaendigkeit. Er, Kachelmann, erklärte einige Tormados anhand ruckelnder Echzeitbilder, welche _gerade jetzt_ auf Servern und über Indien bliesen und nur in diesem Verwüstungen anrichteten. Und Kachelmann erklärte historische Springfluten auf irgendeinem Archiv von irgendeinem www.wetteramt.de, die 1962 Hamburg überkamen. "Und hier sehen Sie, wie endlich Harburg überspült wurde." mag er gesagt haben. Ach, war es so? Stimmt dieser historische Überblick, den ich über Kachelmann gebe? Nein, ich habe mich natürlich geirrt, es ist halt schon so lange her, seit ich seine Onlinerecherche mitverfolgt habe, nämlich fast eine Woche. Ich erinnere mich nicht mehr so richtig, wie er die aktuellen Wetterdaten aus USA herbeiklickte, und die animierten lustigen Zeichentrick-Graphik-Kältemännchen über der Deutschlandkarte auf einem amerikanischen Server wegen ihrer Animiertheit lobte.

Die Zeit, die während dieser Sendung verging, wurde mir sehr kurz, die Sonne des Zynismus lachte mir ja im Herz, wenn die Wetterkameras auf bevorzugten Aussichtspunkten der Welt von Jörg K. in Echtzeit aktiviert wurden. Man kuckte. Internetuser wissen von manchen Punkten der Welt sehr genau, wie es dort zur Zeit aussieht, _wenn_ sie wissen, wie man im Netz navigiert. Und nebliges Wetterwissen ist halt _auch_ Macht, wenn es bunt und schnell aufbereitet ist.

Aber ich verzögere das, was ich eigentlich sagen will. Es ist wieder mal was kritisches, es ist konservativ in einem modernen Medium, und ich muesste mich ja wundern, wenn das alles nicht ausserst faszinierend in der Darstellung waere, letztendlich. Die Zeit mag entscheiden, die im Demnet allerdings etwas hinterher ist. Deswegen bin ich hier. Verzeihung, das war noch ein kleiner Exkurs. Ich schiebe das Eigentliche hinaus, und der Textfluß ruckelt schon wieder. Der Erwartungshorizont der Leser verdüstert sich bereits, wie man leicht bei www.demnet.kultur.götterdämmerung ersehen könnte, wenn man einen stehenden Link haette. Denn eigentlich ist Kachelmann nicht wichtig, je sonniger und smoother er ist, umso unwichtiger, und netnite ist auch kein Donnerschlag in der Fernsehlandschaft, weder vonwegen des Moderators noch von der Lobby Microsoft her, die ihren hellen Platz in der Zeit behaupten wird, so oder so...

Diese verdammte Echzeit. Sie geht über unser Bewußtsein hinweg wie ein AVI- animierter Tornado und hinterläßt uns immer als Opfer der Geschehnisse, die technisch und medial sind und immer furchtbar weit weg, solange, bis der Tornado sich Sturm nennt und plötzlich über unsere eigene Stadt hinwegfegt, sodaß der Computer ausfällt samt dem Fernsehen, das das Computerdasein als Ideal zeigt. Opfersein ist scheiße.

Irgendwann dann ist es soweit, notgedrungen. Das Ende der fönhaft informierten Frühlingsillusion naht frostig. Es wäre denn, das Denken stellt sich irgendwann auf Echtzeit um. Vergessen wir _das_ lieber. Der Mensch kommt niemals über sich hinaus, und der Zustand seiner Selbstfindung hat keine URL zum Kucken, wie das Wetter über seinen Angelegenheiten ist.

Weshalb ich das alles schreibe, und es bisher vermeiden wollte, es zuzugeben: mir ziehts im Knie, welches fühlig ist. Es sieht nach Regen aus.

Bis viel später,

v

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: "Das ist nicht von hier!" sagte Bouvard. (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:28:49 MET 1999