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Message Number 46 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Fuehlen, Augen, Gesicht, Mund, Umlaute, Koerper
Send: 13 Feb 97 23:43:59
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Durchbruchstheologie und Evelin König

Achje, was ist das denn für eine Überschrift? Was soll das denn schon wieder für ein Wort sein: "Durchbruchstheologie"? Und wer ist diese Evelin König? Muß man die kennen? Ist das schon wieder so eine verschrobene Message von diesem Volker Linke, der immer so schreibt als sei er allein auf dieser Welt? Vermutlich nicht. Denn diese Fragen werden im Folgenden zur völligen Zufriedenheit von und für jedermann beantwortet werden. Man darf hoffen.

Nein, er ist nicht allein auf der Welt, auch wenn er so tut und schreibt. Es gibt eine Transzendenz, auch für ihn, den Verfasser dieser Mail. Die Auseinandersetzung mit der Welt und ihrem Darüberhinaus findet statt. Sie liegt zum einen darin, sich über die Form der schriftlichen Äußerungen mit der computergesteuerten Umwelt auseinanderzusetzen, also etwa die "Umlauttheologie" zu erörtern. Er hat indessen keine Hoffnung, jemals zur "Editortheologie" zu gelangen, denn das wäre _allzu_ transzendent. In den Netzen gibt es wenig Geist, also wenig Möglichkeiten, über die Wörter hinauszukommen. Erst, wenn die Wörter mehr als Labels sein werden, wird man durch sie zu den Worten kommen. Egal; das ist uninteressant; das wären ja schon Editorfragen. Semantikhighlighting ist eine technische Angelegenheit, die die Zeit mit sich bringen wird, hoffentlich.

Solange der Computeraustausch so wenig witzig ist, braucht man eine Ablenkung, während man ihn benutzt und Messages einhackt. Ablenkung; das ist das Fernsehen, das weniger Möglichkeiten als der Computer hat, aber schon länger in der Welt ist und drei Jahrzehnte länger auf die Hirne einflimmert. Und deswegen hat es mehr Geist. Und im Fernsehen gibt es schon die vierte und fünfte Generation von Machern, von Nachwuchstalenten; solche, die "Umlaute" nicht kennen und Zwischenlaute mit der Muttermilch aufgesogen haben und selber im Medium etwas Neues wissen, eben weil dieses schon alt ist, aber jene noch jung sind und es kurz und knapp auszudrücken wissen. Im Medium Fernsehen gibt es so etwas wie "Nachwuchs", der nicht nur Lückenbüßer ist, sondern auch die alten Hindernisse im Medium fühlt und sie leichten Herzens durchbricht.

Achja, ich phantasiere. Ich spreche vom Fernsehen. Dort ist Geld, dort ist viel Engagement, dort ist der kreative Dauerfrust, und dort gibt es jeden Monat tausend Volontäre, die neu sind. Und unter diesen 12000 im Jahr mag es keinen geben oder eine, die die Materie beherrscht. Wie lange wird das DemNet brauchen, bis es seine inhaltliche Volontärin findet, die die Sache hier endlich so aufrollt, wie sie es verdient. Selbstverständlich verdient die Volontärin nichts dabei, nicht einmal Prestige.

Evelin König ist ein Neuzugang beim Süddeutschen Rundfunk. Sie hat in der Faschingssaison 97 eine lustige Aufnahmeprüfung absolviert: sie war die Vorort- Reporterin innerhalb der schwäbisch-allemanischen Fasnachtsumzüge. Sie war dabei, sie interviewte die Schellenkönige und Reisighexenmaskenumzugsvereinsvorstände. Sie war mittendrin. Und innerhalb dieser Vorortberichterstattung der heißen Zeit der Fasnachtssaison 97 gab sie eine heiße Vorstellung von authentischer Kunst, von lebenslustiger Professionalität, von neuhinzugekommener Abgebrühtheit, von zeitlosem, geistvollem Journalismus.

Sie war zeitweise omnipräsent im Dritten Programm. Geradezu ubiquitär. Sie purzelte innerhalb der närrischen Sphären eine Rolle vorwärts, sie blieb am Plus der Zeit. Und sie gewann bemerkenswerterweise in derselben Zeit ihren Platz in der Nachrichtenredaktion des Süddeutschen Rundfunks und wuchs über sich und die losgelassene Zeit hinaus. Vorortlokalkolorit- und seriöse Studiotätigkeits-Evelin. Sie wurde zum Symbol für das Hier und Jetzt der frischen Information, die egalitär am Ort des Geschehens wirkt, sie wurde abstrakt und fühlbar, das Medium des Fernsehens wurde durch sie transparent, sie dominierte den Fasnachtszug der Zeit in jeder Hinsicht. Ich freue mich sehr, es bemerkt zu haben. Naja, nicht jeder kann so intensiv das Dritte kucken.

Durchbruchstheologie. Das ist, wenn sich die Sphären, die vormals begrifflich nicht zu vereinen waren, plötzlich ineinander vermischen, und sei es auf Kosten der Grammatik (denn Sprache ist ja das alte, längst überholte Medium, das sich nur unzulänglich innerhalb der neuen Medium zurechtfindet). Nicht die Sprache findet den Zugang zu den Medien, sondern der Eros der Erscheinungen. Die Motivation kommt zu Medium. Wenn sich jemand wohlfühlt und seine Sache gut macht und somit in einem Medium seine Person in den verschiedenen Funktionen einbringt, dann endet solch ein langer Satz manchmal in der Genialität, in der Sache, in der Transzendenz, bei Gott.

Wenn sie aber über sich hinausweist, dann hat die Zeit immer noch Schülerlotsen, die die eine Zeit des Humanismus etwa in die Zeit der Windows- Generation geleitet. Sie ändert ihre Metaphern innerhalb des Satzes, und sie paßt auf, daß es keinen Unfall gibt, wenn die Metaphern über die Straße der Realität wandern. Wie könnte dieser Übergang schöner geschehen, als in der Realität der neuen Zeit, also im 8-bit-Zeichensatz ebender neuen Zeit, welcher seine Inhalte erreicht, indem er den Zebrastreifen der falschen Fasnachtsmetaphern erklimmt und bei dieser Wanderung nüchtern wird. Ist das die Ausdrucksform des Journalismus? Oder eher das: "Marschieren über die Strasse" des Zeitgeistes "is it", wenn Evelin König es moderiert und Fasnacht ist. Sie lacht beim Straßenzumzug, und das ist selbsterklärend und selbst wetteraufklärend.

Das Leben ist eine feine Sache, _wenn_ man es richtig anfängt, also wenn man die Begriffe fein durcheinanderwirft. Die Fasnet ist ein Anfang, alles drunter und drüber gehen zu lassen, und Frau König adelt diese Unternehmung auf die feinsinnigste Weise; sie ist überzeugend.

Ich weiß auch nicht. Das Leben scheint doch ganz anders zu sein, als ich immer dachte. Sowohl das "Savoir-Vivre" in der Region als auch die regionalen Nachrichten der Region haben sich in der pessimistischen Aussage total verändert, seit sie von der neuen Redakteurin der Lokalredaktion und der Nachrichtenredaktion aufbereitet werden: Evelin König. Die Nicht-Mehr- Wort- Klauberin. Sie ist die Göttin der weltgebundenen medialen Herrschaft und endlich geborene menschliche Rechtfertigung für alle Kommunikationstechnik. Ich liebe sie trotz und wegen ihrer Tätigkeit. Faschingszeit der selbstgewählten Reizüberflutung.

Das neue Zeitalter der durcheinandergehenden Begriffe und Bilder _darf_ kommen. In der Gestalt von Evelin König, wegen mir.

Narri Narro,

v

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Man trank Birnenmost, man gab Wortspiele zum besten (74:4970/100.33)


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