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Message Number 18 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Exclamation linguistics
Send: 25 Feb 97 22:09:48
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Evelin König spielt Luftquerflöte zu Jethro Tull oder warum es kein Ende hat

Man hat _eine_ Hoffnung. Nämlich daß man später einmal milder beurteilen wird, was an der Gegenwart so ganz und gar intolerabel ist. Ex poste finden sich vielleicht Vorteile und mäßigende Argumente, auf daß die Jetztzeit weniger zerfleddert und zerrüttet und zugrundegerichtet erscheinen wird als sie es ist. Wird man die neunziger Jahre einmal so sehen, wie wir etwa die siebziger sehen? Wird man über die Auswüchse in den "Netzen" einmal so schmunzeln können wir wir heute etwa über den dämlichen Klassik-Rock von Ekseption oder über die proletarisch-versimpelten Gitarrensoli von Uriah Heep und Deep Purple lachen?

Man hat ja nicht nur die Plateauschuhe zu unserer Erbauung wieder ins Straßenbild gestellt, sondern man delektiert sich auch an Luftgitarrenwettbewerben in diversen Diskotheken, wobei man besonders fröhlich über diese Zeit der swinging seventies lachen mag. Oder kennt noch jemand die Robert van Ackeren-Filme aus den siebzigern? "Harlis" oder "Der letzte Schrei"? Schockschwerenot! Wird man sich an die threads aus unserem DemNet oder aus diversen Bürgernetzen einmal ähnlich sentimental-höhnisch erinnern? "Laß uns einmal so richtig geil ein Netmail-Dungeon spielen, wie damals bei 'Malte'. Geile swinging nineties spielen". Man wird sich erinnern. Das war die coole Zeit, als die Demokratie noch einmal politisch aufzuckte, in kleinsten Kreisen, als man kommunizierte ohne etwas zu schreiben, also wo schon die 'neuartige Kommunikationsstruktur bereit stand', welche heute so dämlich und proletarisch- versimpelt anmutet.

Es wird zukünftig viel Atmosphäre und Aufbruchsstimmungen gegeben haben, in diesen Netzen. Die Paradigmen werden sich gebildet haben werden und sie werden ein Gewicht gehabt haben werden. Man wird über den Witz lachen, daß es da einem einfiel, wie eine Fersehschöne in ihrer Exklusivität nicht Luftgitarre, sondern Luftquerflöte gespielt haben wird, in historischer Aufbruchszeit, in Erinnerung an eine noch länger vorangegangene, an eine atavistische Musik.

Vor allem wird man später _eins_ an diesen Netzen mögen, wo es zu bunt zugeht und so private umständliche Öffentlichkeit gepflegt wird: daß man nicht die plakative Deutlichkeit der anderen Medien übernommen hatte, - daß der Bildzeitungsstil in einem Medium nicht die Herrschaft übernahm, und daß die Spielereien mit der Grammatik und der Sprache eine luftige Unterkunft fanden, sich einen sicheren Satzbau einzurichten, der jenseits von falscher Politik und dummer Gegenwart das Zeug hat, _ein_ gültiges Gefühl für die moderne Zeit zu beherbergen.

"Oder das stimmt alles nicht, und unsere Kandidatin hat eine Verwandtschaft im Fernsehsender, der sie es zu verdanken hat, daß sie so schnell an so exponierte Stellung gelangte. Sie ist also _keine_ begnadete Luftquerflötenspielerin, sondern sie hat dagegen eine solide Ausbildung in Sprecherziehung genossen, worin sie uns gleich einige Kostproben geben wird. Was ist _Euer_ Tip?"

Bis bald,

v

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Dann schloß Pecuchet die Augen. (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:31:55 MET 1999