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Message Number 19 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: La langue, Silentium!, le rire
Send: 27 Feb 97 13:55:41
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Stimmts, daß diese Evelin König die hiesigen vernetzten Teilnehmer ganz höllisch enerviert? Aber nein, sie ist ja nicht ein Teil von hier, sondern sie ist uns ganz und gar fremd.

Es gibt darüberhinaus gar nichts zu sagen. Ich schweige nunmehr einige Sentenzen in dieses ruhigste aller abgeklemmten Netze und rechne freilich mit dem Konsequenzen, die dieses Risiko wohl in sich birgt, wenn jemand in der Stille nichts zu sagen weiß. Ich trage die Verantwortung. Achje, was ist das denn: "Verantwortung"? Was soll das denn? Das klingt dumpf. Ich schiebe dauernd andere Namen vor, _einen Namen_, um meinen Spaß zu tarnen, der der Sache gilt.

Nein, achwas. Wie langweilig. Es gibt keine Verantwortung in der Sprache. Das hieße ja, die Sprachgemeinschaft aufs Ganze zu nehmen, und probeweise sich in Existenzen zu versetzen, die in sozialen Umständen aufgewachsen sind, die man selber kennt, etwa die aktuelle Computerabteilung des Menschentums. Was sollte das bringen? Phantasie haben und anwenden auf alle die, die in derselben Sprache verantwortungslos ihr Bestes geben, das ist leicht, das ist fein, das ist aber doch ziemlich frech, wie man mir sagte. Ich bin frech, ich bin der Phantasie geziehen, man sagt mir auf den Kopf zu, daß man von ihm, dem Kopf, deshalb nichts hält, weil er sich frech zeigt. Und ich gebe noch einen drauf, indem ich vermute, daß das nichts besonderes sein sollte, sondern ganz normal ist. Ich bin kein Revoluzzer und schon gar kein "Unangenehmer". Iwo. Ich bin der nette Kumpel, der einen damit überrascht, daß er trotzdem ist.

Es ist schwierig. Nur, weil ich eine Fernsehschönheit schätzen gelernt habe, scheine ich eine ganze Serie von Kolumnen, die den Namen nicht verdienen, ins DemNet schweigen meinen zu müssen. Ich rede von Begriffen wie "Verantwortung", die ich weit von mir weisen würde, wenn ich sie, die Begriffe, auf mich beziehen würde, und rede trotzdem davon. Und auch noch auf deutsch. Ich rede ja deutsch, so sehr, daß es in der Wirkung wie Schweigen zu verstehen ist. Also gut Deutsch, "ohn einig Bemäntelung", wie es im Doktor Faustus heißt. Ein ganz klares Deutsch, ganz direkt und ohne jede Umschweife. Ein klassisch schnelles, fixes und geradliniges Deutsch, um dies noch nachzuschieben. Deutsch also. Man täusche sich nicht: ich glaube wirklich, daß meines noch eins von den guten Deutschs ist. Ich schreibe wirklich auf knappen fünf Bildschirmseiten knapp ins Reine, was ein kleines Talent in zwei Sätzen umständlich verhunzen würde. Ich kenne sogar die Klassiker innerhalb der deutschen Sprache, die ich mit deren Erlaubnis ausräubere.

Es ist schwierig. Die Erlaubnis, die Möglichkeiten der Sprache zu benützen, verbietet es, die Sprache als Allgemeingut zu betrachten. Man ist Teil davon, und man ist schuldig mit denen, die weniger witzig die Möglichkeiten genutzt haben. Und die Politik der dreißiger und vierziger Jahre war ja ebenfalls auf gut deutsch wirksam. Und wer die Wirklichkeiten mit dieser Sprache schuf, ist Teil meines Materials, das ich kenne, die Sprache, und die ich freilich ebenso nutzen könnte. Wenn ich meine Sprache anders nutze, heißt das aber schon, daß ich Rücksicht und Verantwortung übernehme. Ich gräme mich _logischerweise_ für die Möglichkeiten, die diese Sprache bietet, aber noch mehr dafür, daß die Sprecher dieser Sprache meist gar keinen Anstand nehmen, sie so unüberlegt zu benutzen. Das ist mein Problem. Es ist ein aktuelles Problem. Ich bin Teilhaber einer Sache, deren andere Teilhaber ich mißachte. Aber aus diesem Problem komme ich nicht hinaus, und schon gar nicht heraus. Ich gehöre immer dazu.

Innerhalb dieses Mediums, dieser Sprache, nutze ich ein anderes Medium, ein technisches, das ebenfalls zweifelhaft ist, und innerhalb dieser lachhaften Welt von verantwortungslosem Reden, das ich übe, und innerhalb dessen ich einer der redlicheren Vertreter zu sein scheine, lobe ich mir meine angenehmen Vorstellungen des besseren Lebens. Ich kann sie sogar mit Namen nennen, und Namen sind sonst im Deutschen eine schlimme Sache, aber in meinem Anwendungsfalle eben nicht, deswegen halte ich fest daran: ich mag es, für alle Zeiten festzuhalten an einer schönen, sprachgeschulten deutschen Frau. Ich freue mich, daß es das gibt, daß es sie gibt.

Die Geschichte der deutschen Sprache ist ein wahrer Jammer an Sprachbeherrschung. Die besten dieser Disziplin haben in Kalifornien gelebt, in den Pacific Palisades. Wohl gibt es anzumerken, daß die Sprache so recht und schlecht weiterlebt, manchmal in redlichen Netzwerkern, aber am liebsten in lieblichen Sprecherziehungsabsolventinnen, welche die Geschichte der Sprache nicht kennen müssen, sondern nur die redlichen und naiven eloquenten ablesenden Vertreterinnen der gegebenen Schweigsamkeit sind, der ich mich nur zu gerne anschließen möchte, da _sie_, die eloquent ablesende und historisch und rethorisch wissende, medienpräsente, Evelin König, es tut.

Bis bald,

v

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Man trank Birnenmost, man gab Wortspiele zum besten (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:33:11 MET 1999