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Message Number 638 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Literatur & Logik
Send: 18 Jun 97 20:04:22
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Lieber Perl als Auster

1. Ja, als echter Alt-68er bin ich überzeugtester Amerika-Gegner.

Wie den Zustand der amerikanischen Kultur skizzieren? Wie es sagen? Etwa so: Nervige Inflation der Superlative als Hilfskonstrukte zum mäßigen Erfolg, die sich vor allem im Literaturbetrieb, in den Romanen, so verödent abbilden. Oder doch so: Die Ideologie der Selbstausbeutung und der Undifferenziertheit in der Alltagssprache ist lästig. Die Literatur, die die Aufgabe hat, natürliche Sprache in Glücksmomente zu verwandeln, ist, wenn sie aus Amerika kommt, plump und klotzig und so positivistisch wie geistesarm. Diese ewigen Anekdoten ohne Steigerungsfähigkeit; die ewiggleiche Symbolik, die ganz plan mehrschichtig ist und nichts außer Umschreibungen von Erfolgsgeschichten kennt. Es ist eine ehrgeizige Literatur. Aber als etwaig Befähigter zur Lektüre von Adorno, Mann, Stifter, Kleist und Novalis, ist der Versuch, Genuß bei Faulkner, T.C.Boyle und John Irving zu finden, zum Scheitern verurteilt. Was selbstverständlich, da es immer einberechnet werden muß, an den Übersetzern liegen kann.

Die auslotbaren Untiefen der belletristischen Literatur sind nur versandete Sachbücher über ein einziges Gefühl, nämlich den calvinistischen Versuch, Gottes Liebe zu gewinnen. Das ist der finanzielle Erfolg, der nicht nur äußerlich beherrschend ist, was hinnehmbar wäere, sondern auch der einzige Inhalt ist. Es ist platter protestantischer Religionsersatz.

Dieser überaus ärgerliche Literaturbetrieb reizt zum Gesamtverzicht und die auflagenstärkenden Skandale möchte man missen. Wer de Sade kennt, mag den American Psycho nicht skandalös, sondern nur langweilig finden. Die Visualität der Literatur, die aufs Verfilmtwerden schielt, sieht nicht gut aus.

2. Als echtes Produkt alliierter Umerziehung bin ich ein gestandener Amerika- Fan.

Und es gibt noch einen Grund: ich mag die Computerkultur von drüben ganz gern. Die relativ entspannte Darbietung von Hochtechnologie, die zumindest eine lesbare und oft hübsch gesetzte Sachliteratur erzeugt, gefällt mir. Die pragmatische Logik und ihre Verwurzelung in den netten neuen Sprachen und Idiomen nimmt mich ein. Da passiert richtig was Neues und Spannendes, und die amerikansiche Kultur findet ihren unverwechselbarsten Printout in dieser Form. Knuth ist fein. Gäbe es hier diese romantisierende Technologisierung des Buchdrucks, dieses völlige Aufgehen der Handwerkskunst in die praktische Hochtechnologie? Bewahrung des alten Wissens und Erweiterung um neue Kategorien: das läßt man sich gern gefallen.

Redlicher Skeptizismus, technologischer Realismus und ungebrochene Sachaffenskraft im der quasi-Metaphysik der Mikroelektronik. Stallmann ist cool. Ousterhout bringt es. Larry Wall kann es. Selbst die Möglichkeit zum humanistischen Umgang kommt von dort: Freiheit und Sozialismus der Software ist markant avantgardistisch, wiewohl, nebenbei bemerkt, ein begleitendes Engagement in der Politik nicht populär wäre. Dies die Trennung zur schwereren Geisteswissenschaft, die die Sprache dort nicht aufzuheben vermag.

Die Technolgie als einzige Basis des Verstandeseinsatzes. Alle anderen Industrien sind hoffnungslos ideologisch versandet und ungut verhärtet. Etwa die Filmindustrie. Oder aber die Belletristik.

Amerika: geliebt als Land der Informatiksachbuchautoren und der schillernden lebensumwälzenden Logik, nicht aber der Geschichtenerzähler und der wohlformulierten Bewahrung der menschlichen besseren Gefühle.

Bis bald,

v

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst. (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:38:41 MET 1999