------------------------------------------------------------------------------
Message Number 829 from area DEM.GER.KULTUR
------------------------------------------------------------------------------
From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Amuesement und Sprachgefuehl
Send: 27 Jul 97 22:57:52
------------------------------------------------------------------------------

Amüsement ist eine französische Erfindung. Das sieht man nicht nur am Wort selber, sondern vor allem an den amerikanischen Filmen.

Und ab und zu erinnern französische Filme einen daran, daß es neben fun und action so etwas wie Amüsement gibt. Ein sicherer Tip ist meiner Meinung nach Eric Rohmer, der nun schon eine ganze Reihe von Filmen gemacht hat, die allesamt etwas besonderes haben, und von denen manche geradezu genial sind. Nicht wenige Leute meinen ja, daß es in Europa zur Zeit eigentlich nur Peter Greenaway und Eric Rohmer gibt, die noch imstande sind, hübsche Kinofilme zu produzieren, wobei sich beide natürlich höchst verschieden gebärden und nur beim gemeinsamen Effekt wieder zusammentreffen: beim Amüsement, das sie gewähren. Greenaway tendiert eher zum Prächtigen, Großangelegten, Monströsen, Barocken, und gerne treibt der Schelm seine schönen Bilder bis in ihr häßliches Gegenteil, wenn's dem filmischen Gedanken nur entgegenkommt.

Rohmer, ebenfalls wie Greenaway einstiger Literaturdozent, ist ein wenig spröder im Umgang mit seinen Bildern. Er beläßt seinen Zuschauern meist bloß das Vergnügen, bei leichtfüßigen, eleganten und immer sehr charmanten Gesprächen zuhören zu dürfen, die die Schauspieler da führen, wo eben zufällig die Kamera steht. Also von Exzentrik keine Spur. Denkt man.

Die Exzentrik beginnt da, wo ein amerikanischer Erfolgsfilm abblenden würde: wenn ein Gespräch länger dauert als drei Minuten oder eine Einstellung über eine halbe Minute. Rohmer kennt diese Grenzwerte nicht. Er läßt seinen Darstellern Zeit, in langen Gespräche interessante Gedanken zu entwickeln, und plötzlich kann es passieren, daß der Film, je länger die Einstellungen sind, immer kurzweiliger wird. Diese seltsame und an Exzentrik kaum zu überbietende Erfahrung haben mir sogar schon einige Leute bestätigt, die ihrerseits eher den Filmen Ridley Scotts den Vorrang geben würden.

Plötzlich sitzt man in einem Film, der nicht viel mehr als abgefilmte Gespräche zeigt, und amüsiert sich mehr als bei Filmen, die ihren Ehrgeiz daran setzen, einen die Wirklichkeit gänzlich vergessen zu lassen. Rohmer läßt einen die Wirklichkeit bloß zur Hälfte vergessen, indem er eine realistische Handlung in ein realistisches Milieu setzt und nur an manchen kleinen Punkten mit Regie ein wenig nachkorrigiert. Immer fangen seine Filme mit der Dokumentation irgendeines Alltagslebens an, bis sie zu einem Punkt gedeiht, wo die kleinen Zufälle des Alltags aufeinanderprallen. Die Darsteller versuchen nun redlich, sich über diese Seltsamkeiten auszutauschen, und weil es Franzosen sind, packen sie noch eine Menge von ihren Vorstellungen, Ideen, Erfahrungen dazu, sind eloquent, und immer kommt zum normalen kleinen Leben auf diese Weise ein hübsches Quäntchen an Geist zusammen.

Und damit das banale Leben und der Witz der Gespräche nicht allzu weit auseinanderfahren, greift Rohmer behutsam in das Leben sowohl wie auch in die Gespräche der armen Helden ein. So kommt das eine Erlebnis zu dem anderen Gespräch und urplötzlich zieht sich der Faden der Rekursion zusammen, wird rot, und man hat ein Aha-Erlebnis erster Güte, das sich auf den ganzen Film, die ganze Handlung erstreckt. Daß es so ausgehen würde, hat man sich die ganze Zeit gedacht, aber nun, wo es tatsächlich so ausgeht, ist man doch heftig erschrocken. Für solch ein amüsantes Erlebnis gibt es beispielsweise im verbreiteten amerikanischen Film kaum Pendants.

Alle Rohmerfilme sind sich in diesem Stil gleich. Je unaufdringlicher der Film an sich, desto spektakulärer der Inhalt. Man denke nur an 'Das grüne Leuchten', wo man sich eine geschlagene halbe Stunde das Ringen einer hysterischen Pariserin ansehen muß, wohin sie in den Urlaub fahren soll. Und wie sie nun in ganz Frankreich umherfährt, hat sie lauter kleine Erlebnisse, die sie aufgeregt und ziemlich hysterisch mit Freundinnen, Geschwistern, Eltern bespricht, und man denkt, was soll das alles, - und plötzlich, mitten im Film, bekommt man Interesse an ihr, leidet mir ihr, fährt gespannt mit ihr nach Biarritz und zum Schluß, als das grüne Leuchten nicht auftaucht, glaubt man es ebenso wie die Heldin gesehen zu haben; man möchte es gesehen haben!, und beseligt und aufgeräumt geht man aus dem Kino. Ich schätze, in solchen Filmen erlebt man mehr an denkwürdigen Ereignissen und an Amüsement als wenn ein Alien in einen heißen Bleikessel fällt.

Bis bald,

v

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: "I want you to join me" (Uncle Dem) (74:4970/100.33)


Volker LinkeNetarchiv Home

Last modified: Thu Jan 28 18:41:53 MET 1999