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Message Number 855 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Lieblingsfilme I
Send: 15 Aug 97 19:57:55
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"Das Parfum von Yvonne" von Patrice Leconte

Das Leben stinkt. Und wie gern es das tut. Und man weiß es ja längst, daß einen die traurigen Ahnungen nicht betrügen und daß man diesen Geruch niemals mehr vergessen wird.

Die Welt ist in dem Punkt ungeheuerlich, daß sie so furchtbar leicht ist in allen ihren duftigen Ausdehnungen, und daß sie so schwer wird, wenn man die Ereignisse aus der Distanz, als Vergangenheit oder punktuell als Film im Fernsehen substantiell betrachtet.

"Solange Menschen einander über ein Netz einen weißen Ball zuspielen und dabei ins Schwitzen geraten, kann nichts wirklich Schlimmes passieren."

Das Leben besteht nur aus dem Geschwafel zwischen Wiege und Bahre, aus dem Hin und Her von Nichtigkeiten, und man kann es netter machen, indem man es an schönen Orten ausübt und schöne Dinge dabei tut, die aber wirklich im Vergleich mit diesem Geschwafel unwichtig sind.

Fragmentarisch ist die Erinnerung an das Schöne immer; keiner hat den Kopf, seine besten Gefühle in die Zeitlosigkeit der Kunst zu transportieren. Das braucht immer viel Vorarbeit und Leistung und Schweiß. Schwierig wird die Kunst, einen leichten Film über das Glück der Menschen zu erstellen.

Was geschieht mit einem, wenn einem das Herz zum zweiten Mal bricht, weil der Film so gut war, einen an den wichtigsten Kummer im Leben zu erinnern und die Zeit seither, in der man souverän wurde, als nichtig verwirft? So wird die Leichtigkeit als Leid entlarvt, dem man nicht entkommt, und die Sentimentalität wird seziert als die ewige Gedankenlosigkeit der Lebenden.

Der Film hält sich in der Beantwortung aller uremotionalen Fragen bedeckt. Er macht sich über den Schmerz lustig, weil es nur Liebeskummer ist, wovon er handelt und weil es nur Luftikusse sind, die ihn erleiden. "Was ich mache? Ich mache nichts." Jedoch, es ist der Charme, der uns über unhaltbare Gefühlszustände hinweghilft. Er assoziiert uns so dahin, er schwelgt in sentimentalen Gedanken; wie idyllisch das Herzeleid wird, wenn nur die Bilder stimmen und der Genfer See die Kulisse ist und wir solch eine Atmosphäre zu spüren gelernt haben, solide, wie wir sind.

Mir ist das ja egal. Ich finde es lustig, wie ein französischer Film sich auf die Schwermut und die Gedankenwelt des verlorenen Glückes einlassen kann. Allen, die eine Ahnung davon haben, wie es ist, wenn einem das Herz gebrochen wird, dieses Gefühl erneut zu geben. Pah. Und Patrice Leconte hat "Der Mann der Friseuse" und "Die Verlobung des Monsieur Hire" geschaffen. Das sind ebenfalls unglaublich schöne und traurige Filme, die annähernd dasselbe geschafft haben. Das spricht ja doch alles sehr gegen "Das Parfum von Yvonne".

"Du meinst, er hat keinen Wert?" - "Absolut keinen." Wie könnte er? Er wagt sich so weit vor, dieser Film, daß nichts mehr stimmt, und, würde man sich unterderhand auf diesen unterhaltsamen Unsinn einlassen, eben dann würde es nach einem richtig philosophischen Ärger und Unbehagen riechen --- und dafür sind doch eigentlich die wesentlich langweiligeren deutschen Autorenfilme zuständig.

"Was machen Sie?" - "Ich? Ich mache nichts."

--- FEddi 0.9pl7 via ifcico
* Origin: Pécuchet wurde ganz blaß. (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Feb 11 15:22:43 MET 1999