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Msg : 147 of 352 Uns Loc
Von : Volker Linke 2:244/33 Die 17 Jan 95 23:23
An : All
Betr : Décade III, Octidi de Nivôse de l'Année 203 de la Révolution
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.INTL 2:244/33 2:244/33
.MSGID: 2:244/33.0 f1c6e115

* Forwarded from Philo.Ger by SFSQ at 2:244/33.0

Ein neuer Eintrag in den

"Dictionnaire des idées reçues pour le besoin digital"

unter dem Titel

"Fido ist virtuelle Publizität (virtual publicity)"

Volltext:

1. Öffentlichkeit ist dort, wo publiziert wird, sprich, wo jemand spricht und nicht weiß, wer ihn vernimmt. Die öffentlichkeit hängt gemeinhin mit einer Maschinerie der Verbreitung zusammen, die in ihrer Kompliziertheit nur durch die Motivation des Geldverdienens zusammengehalten werden kann, eben gerade so wie jeder kompliziertere Apparat in der Postmoderne. Ein komplexes System der Meinungsverbreitung ist aber auch das Fido-Netz, das trotz einem relativen Verbreitungsgrad und trotz einem relativ hohen technischen Einsatz nicht der finanziellen Motivation des Weitermachens unterliegt. Dies ist beachtlich, korrigiert es doch den Begriff der vom Geld abhängigen Öffentlichkeit. (Inwiefern der netzinterne Zusammenhalt von der persönlichen Machtbereicherung abhängt, die das Fido-Netz zuläßt, wird hier nicht erörtert.) Betont wird der Hobby-Charakter einer an sich professionellen Unternehmung. Dies läßt in der Folge publizistische Freiheiten zu, wie sie in anderen Systemen niemals denkbar wären, und es fehlt nur, daß jemand diese Freiheiten des Fido-netzes zu nutzen verstehen würde (und dennoch nicht in pekuniäre Absichten abstürzen). Das ist also zum einen unter der virtuellen Publizität zu verstehen: die Möglichkeit zu einer öffentlichen Wirkung, die dank fehlenden professionellen Engagements eine Art privaten öffentlichen Raum ergibt. (Und damit hätten wir einen ähnlich hübschen contradictio in adjecto konstruiert wie er auch in der "virtuellen Realität" zu finden ist...)

2. Gibt es öffentliche Räume, die in ihrer Wirkung abschätzbar sind? Sagen Auflagenzahlen bei Zeitschriften etwas über ihren Einfluß aus? Wahrscheinlich ist es eher so, daß die Auflagenzahlen kein Parameter der Wirkung sind: sondern die Zitierung der Auflagenzahl _ist_ die Wirkung. Tatsächlich wird man kaum etwas objektiv über die öffentlichen Kräfte sagen können. Im Fido-Netz gibt es keine Anhaltspunkte für die Verbreitung einer Message; keiner weiß etwas über die reale Verbreitung seiner Meinung; nicht zuletzes gibt t wegen der katastrophalen Routingprobleme. Und es gibt, weil sich eh keiner anstrengt und es überhaupt probiert, auch (noch) keine Verklärung ins Überpersönliche der Schreibenden. Jede meinung ist immer Meinung einer ausgewiesenen Einzelperson, und das erklärtermaßen im header. Im Fernsehen ist das persönliche Hervorbrigen einer begrenzten Einsicht zwar meistens nichts Anderes, aber die Einzelmeinung wird in den großen Medien leicht zu allgemeinen Tendenzen umgebogen, vor allem dank den nonverbalen Layout- oder Graphiktricks. Davon lebt die professionelle Publizität: sie maßt sich aufgrund von Verscheigen und Verfremden der Meldungen eine größere Autorität an als sie es mit redlichen Mitteln jemals haben könnte. Im Fido mit seinen kargen Layoutmöglichkeiten ist dder Mißbrauch noch unter Kontrolle. (Allerdings auch die positiven Umsetzungen.) Fidonetz ist also virtuelle Publizität, weil die Techniken der wirkungsvollen Steigerung von Wirkungen nicht berücksichtigt werden oder aber noch nicht bekannt sind. Gäbe es großangelegte kommerzielle Interessen, wären die ?Möglichkeiten gewiß in kürzester Zeit geschaffen. Der prüde Reiz einer rein textorientierten Informationsübermittlung mit Namensnennung der Sich-Äußernden verscherzt sich die Möglichkeiten zur eindrucksvollen öffentlichkeitsarbeit. Und das ist freilich schön so. Fido ist verhinderte Öffentlichkeit, ist eine virtuelle Publizität.

3. Wäre eine Reform der Medien mit ihrer ungeheuer verkrusteten Autoritätsmentalität, in der immer noch alle gähnend langweiligen Vorurteile der letzen Jahrhunderte ihren festen Platz haben (siehe nur die tendenziöse Kriegsberichterstattung aus Jugoslawien oder die sexistisch-chauvinistisch-sentimental-weinerliche Kommentartätigkeit aus dem Olympia-Studio in Barcelona), wäre eine Reform nicht diskutierbar in einem Forum wie dem FidoNetz? Gäbe es hier nicht die Möglichkeiten, die Dummheiten unseres medialen Zeitalters zeitgemäß zu geiseln? Es gäbe sie! Es werden vielleicht Zeiten kommen, wo sie genutzt werden... Es ist ein Ausdruck der freundlichen Geringschätzung des Fidonetzes, wenn man es der virtuellen Publizität zeiht: nämlich daß es eben darum keine richtige Öffentlichkeit sei, weil man in der Hoffnung schwebt, daß es deswegen eine bessere wäre.

--- Quiche suebe 2.13 ---
* Origin: Bouvard starrte die Witwe an. (2:244/33)


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Last modified: Wed Feb 10 16:50:14 MET 1999