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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Kultur und Altersstruktur
Send: 19 Nov 97 21:46:14
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H. S. - Objekte. Die Vernissage

Blau, rot; Gehäuse, Boot. Holz, Acryl; Stolz, Gefühl. Dazu den Wein, Event und Stil; beisammen sind hier viele, keiner, den man kennen will. Struktur in leergeräumten Räumen, man sieht sie wieder in den bösen Träumen.

Papperlapapp. Alles war sehr prosaisch. Und der Wein war ok, deswegen nimmt auch diese Kritik schon wieder einen versöhnlichen Ausgang, trotz dem abschreckenden ersten Absatz, mit dem ich mitten hineintreten wollte.

Nämlich in die Kunstszene, von der ich mich zuweilen belästigt fühle. Obwohl gegen die Kunst ja grundsätzlich nichts zu sagen ist.

Was macht man bei einer Vernissage, wo es keinen Party-Service gibt? Was kuckt man an? Die Kunst? OhGhum, sie ist ...befremdlich, natürlich, --- eben das, was sie sein will und ist. Alles, was irritierend ist, ist gut. Nagut, man wäre enttäuscht, wenn man nichts irritierendes sähe auf einer Vernissage. Und da man es nun ist, ist man eigentlich ganz gut dran mit seiner Erwartungshaltung; und was man nicht ist, ist: IRRITIERT. (Ein Party-Service hätte vermutlich wesentlich mehr bewirkt).

Psychologisch ist es so, daß man in eine fremde Umgebung kommt, und ohnehin wenig Selbstbewußtsein hat, was hilft, offener zu sein. Dann trifft man auf diverse Menschen, zuerst den KÜNSTLER, den man nehmen muß; und dann sind da Gegenstände und Bilder, auf die man möglichst schnell etwas begriffliches zu retournieren haben muß, eben weil man sprechen soll. Es ist ein Intelligenztest unter Prüfungsbedingungen.

Nungut, man besteht ihn (geheimnisoffenbar:), indem man eben _nicht_ darüber spricht, denn dann wäre man naiv. Man labert über sich und was man so tut im Leben. Welch eine schwierige Kunst aber ist dies!

Ich zum Beispiel tue nichts im Leben. Wie soll ich das dem gepflegten Herrn mit seinen silbergrauen Haaren sagen, der vor mir steht, weil er mir von der Künstlerslebensgefährtin vorgestellt wurde? _Er_ ist ein solventer Mensch, der heute vielleicht ein Gehäuse in Rot oder eine Acrylskulptur kaufen wird. Ich werde nichts kaufen, aber wahrscheinlich von diesem Herrn schwer träumen müssen.

Ich rede mit ihm über die Buchwochen, aber das Thema gibt nichts her. Soll ich jetzt anfangen, mit ihm über die anwesende Kunst zu reden, oder doch lieber, wie man es hinkriegt, so souverän graumeliert zu werden, wie er es ist? OhGHUM, das wäre abgeschmackt, --- freilich tue ich nichts von alledem!

Aber da steht er ja immer noch. Wie er sich vor die leichter zu handhabende Kunst drängt. Mit ihm muß ich sprechen. Er ist ja so dermaßen silbern im Haaransatz.

Hölzern blocke ich letztlich ab. Ich will mich amüsieren; er ist zum Kaufen da. Aber weil ich mich nicht amüsieren kann, ziehe mich mich in mein Gehäuse zurück. Als nächstes gerate ich an eine silbermelierte Professorengattin, der ich zuhören muß. Sie erzählt mir von ihren Kindern in meinem Alter, die alle wahnsinnig was vom Leben fordern und schuften, es zu bekommen. Sie sind alle so hochmotiviert. Ich grinse freundlich dazu, vielleicht etwas unbotmäßig. Die Dame ist lebensklug, denn sie scheint etwas zu ahnen. Sie zieht sich zurück, und ich kucke mir die Boote und Gehäuse an (=Objekte).

Alles das ist grob und brüchig. Es ist der Stand der Dinge, bei dem man zum Reden gezwungen wird, während einem überhaupt nichts einfällt. Es ist das Leben, das die Bourgeoisie gewählt hat, um über sich plaudern zu können. Die Kunst ist grob und brüchig, archaisch und sophistisch rüstig.

Nanu, nanu, ist alles denn ein Spiel? Wie komm ich denn dazu, sind alle infantil? Wie ist es denn, hat keiner einen Dunst? Ich steh hier mitten in Objekten, arm und dumm und einer von all diesen, die nichts checkten? Ist dies die wahre Kunst?

--- VoLi ---
* Origin: (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Feb 11 15:29:54 MET 1999