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Message Number 502 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Wie wir so leben...
Send: 23 Nov 97 22:24:57
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Netnite --- die fünfte Kritik

Wie wird uns? Ganz angst. Wie ist uns? Ungemein wohl. Dies war die erste Netnite-Sendung vom ZDF/Microsoft-Kartell, bei der wir etwas lernten. Der Moderator Thomas Aigner ist inzwischen Moderator geworden. Die Information ist inzwischen etwas wert geworden. Das Konzept ist wirrer denn je, eben weil es zum Glück immer noch die überlebten unrhetorischen Netz-Spezialisten als Gäste zu sehen gibt. Und alles live.

Welch ein Spaß! Endlich ist es so weit, wie es sein sollte: die Informationen zum Netz gehen zur Sache, man surft nicht mehr im Süßwasser, es gibt keine Hacker mehr von außerhalb, die den Senderrechner killen, sondern die Hacker sind jetzt dabei und erklären medial unbeholfen, worums geht. Hätte man dies dem ZDF jemals zugetraut? Nie!

Wir erinnern uns: die ersten Sendungen von netnite waren durchseucht von der vollkommenen Überforderung des unentwegt haltlos schwafelnden Moderators, der keine Akronyme übersetzen konnte, und dessen kritikloser Lobpreisung der neuen Technik, die nur unter Windows95 praktiziert wurde. Damals war das Zusehen kein Spaß, sondern bloß zum Lachen.

Und tatsächlich gibt es jetzt Apple-Verkaufschefs, die ontime ihre neue MAC- Software darstellen dürfen. Die Microsoft-Schwäbin (sind denn alle Schwaben so furchtbar, daß sie immer das Schlechte mit ihrem Sinn für Wirtschaftliches haben müssen?) kam heute erst danach. Immerhin kam sie. Die Sendung war fair.

Und am Anfang dieser heutigen Sendung war ein interessanter Hacker, der mittels Perl-Scripten auf Linux die EC-Karten-Technik desavouierte. Alles das im ZDF. Das erstemal war ein Linux-Screen auf dem Bildschirm. Es war so spannend, eben deswegen blieb ich dabei.

Denn alles kam diesmal erst ab halb zwei Uhr nachts. Ist das der Grund für die höhere Qualität der netnite? War es zur Versöhnung für alle diejenigen gedacht, die um halb zwei noch auf sind, und deswegen entweder Linux- oder Mac-User sind, und die Windows-Bürger nicht mehr gefährdet werden?

Seis drum. Die Sendung dauerte zwei Stunden, und dennoch waren die Informationen knapper denn je. Es scheint ein Zeichen dafür zu sein, daß man verstanden hat, daß alles doch nicht so nett und schnell verwertbar ist, wie man zu Gründungszeiten der Sendung dachte.

Der Moderator: es gibt inzwischen keinen Grund mehr, sich über ihn lustig zu machen. Er stellt diesmal bei den schnellklickenden Spezialisten genau die Fragen, die ich auch gestellt hatte: "Was machst Du jetzt?" "Wie steht das in Beziehung vor vorigen Aktion." "Was soll das jetzt?" Er machte es diesmal genau richtig, und erklärte auch Akronyme, die ich nicht kannte. Er moderierte.

Und deswegen war auch alles, völlig unironisch, hochspannend. Die Microsoft- Frau, die den neuen Internet-Explorer erklärte, schnitt auch wirklich im Vergleich sehr schlecht ab. Sie hatte viele Features, die sie selber nicht zu bedienen verstand, zu erklären. Die übliche Hektik des "Wir haben mehr als alle anderen, und deswegen sind wir selber noch nicht in der Lage, all dies Unerklärliche euch Deppen vorzuführen."

Der Apple-Mann war schnell und bedurfte heftig der Moderation, aber er zeigte reichlich neue wundervolle Welten. Rhapsody scheint diverse Erwartunghaltungen durchaus zu erfüllen. Immerhin scheint es in der Lage zu sein, manche Ansprüche zu erfüllen, dessen Forderungen auch zu TeX geführt haben (Kerning in der Textverarbeitung war das gewählte Beispiel). Let's be patient, vielleicht gibt es bald ja wirklich etwas besseres als TeX.

Der Linux- Mann am Anfang war einfach kewl und souverän und unverständlich. Bei dieser Linie bleibe ich. Er war der einzige Spezialist, der jung und nett und kompetent und bereit war, wirklich was über die wirkliche Welt auszusagen (EC- Karten-Risiko). Ich habe nichts verstanden, aber unter Linux läuft halt auch TeX.

Dies als Fazit dieser bisher interessantesten netnite-Sendung, die tatsächlich schon eine Verbindung zum Denken nicht mehr direkt unterbunden hat.

--- VoLi ---
* Origin: Der Besitz toetet den Genuss des Verlangens. (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Feb 11 15:36:47 MET 1999