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Message Number 362 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Mi and Emi
Send: 08 Jan 98 13:08:54
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Reflexionen zur Musik
(Eine Suite)

Das Paar

Kürzlich wohnte ich im Alten Schauspielhaus einem Theaterstück von Arthur Miller bei, das mir in seiner dahinfließenden Unaufdringlichkeit Zeit gab, über den Autor nachzudenken. Besonders gut schnitt der Mann dabei natürlich nicht ab. Dies mag schon während mancher Aufführung von manchem, der im Dunkeln saß und gelangweilt auf solch hellerleuchteten Bühnendialoge blickte, gedacht worden sein: Millers künstlerische, aber solide Unbedarftheit, die einem Amerikaner so gut ansteht und einem Europäer so schnell ins Auge springt, hätte ihn weniger in den Rang des repräsentativen Intellektuellen der sechziger Jahre, der er in der Tat ist, erheben können als vielmehr seine Aufsehen erregende Verbindung mit der repräsentativen Schönheit der Marilyn Monroe.

Diese chymische Heirat des Stückeschreibers Arthur mit der Filmschauspielerin Marilyn hat als Paradigma von Schönheit gepaart mit Intelligenz bis in unsere Tage zu gelten; nicht die form- sondern die inhaltlich vollendete Verbindung von Körper und Geist, die endlich die überkommene Vorbildhaftigkeit antiker Statuen ablöst und den Werkstoff Marmor endlich gegen die anscheinend wirksameren Materialien Hochglanzpapier und Zelluloid eintauscht.

Gäbe es einen Mythos, der Eros und Psyche verbände, das wäre er. Und aufgrund dieser inzwischen historischen vermedialten Mixtur von Miller und Monroe hält sich der geistige Teil bis heute auf den Spielplänen und kann weiter einer öden und schal gewordenen Humanität frönen.

Aber es ist schon seltsam, wie Qualität gewonnen wird durch das Zusammenbringen von Blondheit und Denkertum, so unvollkommen beides für sich genommen auch sein mag. Denn natürlich ist Marilyn Monroe nicht die schönste Frau der sechziger Jahre und schon gar nicht die begabteste Schauspielerin. Und Arthur Miller ist, wie jederzeit leicht nachgeprüft werden kann, keineswegs ein literarisches Genie. Aber beide zusammen, auf einem Photo, in einem offenen Auto, in ihrer Eigenschaft als Sexsymbol und Erfolgsschriftsteller, bewirken eine ungeheure Suggestion vom höchsterreichbaren Glück.

Noch in unserer Zeit fühlen sich viele Schönheitsköniginnen dem spröden Charme von Stubenhockern verpflichtet, nur weil sie an diese Harmonie der Sphären glauben, die ausgerechnet in den sechziger Jahren von ausgerechnet Amerikanern vorbestimmt wurde.

Ich blieb dank solcher Überlegungen ganz gut bis zum Schluß des Stückes vif, --- welches übrigens von einem amerikanischen Vater-Sohn-Konflikt handelte. Nach einem höflichen, doch knappen Schlußapplaus, strich sich Emilia, die ich für diesen Abend gewinnen konnte, und die sich im Gestühl neben mir unaufhörlich geräkelt hatte, ihre schwarzen Haare nach hinten und fragte mich, ob wir nicht noch etwas trinken gehen sollten, etwa in der "Bar le théatre" nahe der Königsstrasse und unserem Auto. Wir gingen durch die belebte Fußgängerzone und ich fühlte mich verpflichtet, uns den Weg durch einige wohlgesetzte Kommentare zu der erlebten Theateraufführung zu verkürzen, was aber mich mehr amüsierte als Emilia.

Immer hatte ich das Problem, nicht so mondän scheinen zu können wie sie es war. Später tranken wir einen Rotwein, den uns der Ober in dem halbleeren Café rasch apportierte, und Emilia erzählte mir von ihrer neuen Lieblingsmusik, einem "total abgefahrenen Techno-Album" von der Gruppe X. Das sei "brutal tanzbar" und es habe einen durchlaufenden "Mörderbaß", der einem direkt in die Eingeweide fahre. Mit einer rechten Lightshow könne man sich auf diese Musik ziemlich edel in eine dezente Ekstase tanzen, und das sei unter uns gesagt ein anderes Vergnügen als so ein Abend im Schauspielhaus.

Ich war schon einmal vor längerem mit Emilia in einer Discothek gewesen, und mußte zugeben, daß sie beim ekstatischen Tanzen keine schlechte Figur machte. Es gibt also ein ganz objektives Amüsiergefälle zwischen Theater und Musikbetrieb. Ich kannte diese neue Techno-Gruppe natürlich auch und bestätigte, daß sie sehr hörbar sei. Ich würde alles bestätigen, wenn es Emilia sagt, während sie ihre schwarzen Haare aus der Stirn streicht. Dies tat sie des öfteren, als ich, animiert vom Rotwein und sonstigem, die folgende Theorie entwickelte: Daß die Anziehungskraft des Ehepaares Monroe/Miller restlos veraltet sei, sowohl was die ästhetische als auch die künstlerische Seite betreffe. Man müsse sich endlich neue Paradigmen suchen, die einfach mehr reinhauten, aber trotzdem ähnliche Chancen auf Popularität besäßen. Gewiß würde meine Kritik nicht an der Blondheit Marilyn Monroes ansetzen, was immer noch etwas äußerst hinreißendes sei, aber eher schon an dem Beruf der Schauspielerin.

Der Ruhm, der in dieser Branche zu erwerben sei, habe kaum noch das geheimnisvolle Flair wie in den früheren Zeiten, sondern sei denkerisch ziemlich erschlossen und liege nun wegen der zeitgenössischen und deftigen Kritik an der Kulturindustrie eher glanzlos da. Die Monroe sei das Symbol des seichten Unterhaltungsfilmes und der Unterhaltungsfilm das z. B. von Adorno geprügelte Beispiel einer dekadenten und verlogenen Unterhaltungsmaschinerie. "Erfolgreiche Filmschauspieler sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!" sagte ich und Emilia schaute mich zweifelnd, aber durchdringend an.

Hörte sie mir zu? Las sie meine Lippen mit? Die Farbe ihrer Augen erschien mir tiefblau. Sie sagte: "Na, und was ist mit Depardieu und Philippe Noiret? Oder die großen amerikanischen Stars, von denen doch einer berühmter ist als der andere. Zum Beispiel Arnold Schwarzenegger..." Ich schwieg eine Minute und sprach dann weiter: "...oder Michelle Pfeiffer. Du hast natürlich recht, chère Emilia. Aber ich bleibe dabei, daß der soziale Rang der Schauspielerei nicht mehr diesen Glanz verbreitet wie in den sechziger Jahren. Größeres Prestige und mehr öffentliche Zuwendung genießen wohl aber in unseren neunziger Jahren die großen Stars der Musikszene. Was unter uns gesagt nichts daran ändert, daß Popularität an sich immer mehr in den Ruch der Dämlichkeit gerät, egal in welchem Bereich sie stattfindet.

In unserer öffentlichen Welt ist der öffentliche Mensch etwas durch und durch verwerfliches geworden. Aber dennoch: wenn schon unbedingt populär sein, dann doch bitte als Musiker. Da ist wenigstens noch ein bißchen Magie, durchmischt mir Scharlatanerie und ziemliche viel Erotik, gell? Wenigstens verbringt ein normaler Mensch mehr Zeit damit, Musik zu hören und darüber zu sprechen, als über Filme, denn freilich passiert es heutzutage nicht mehr häufig, daß man sich nicht in der Nähe eines Radios befindet. Daß kaum einer mehr in der Lage ist, geistreich über solche kulturellen Dinge zu lamentieren, mit denen man doch Großteile seines Tages zubringt, beweist schon die Ausschließlichkeit, mit der die Musikkultur rezipiert wird. Es gibt ja kaum noch Vergleichsmöglichkeiten zwischen der populären Musik und was für anderen Dingen eigentlich? Es gibt keine Vergleiche mehr!

Die Musikindustrie in ihrer Unangreifbarkeit ist viel absoluter geworden als die Filmindustrie je war. Das mag daran liegen, daß Musik eben weit schwieriger verbal zu erfassen ist, als eine Filmhandlung. Die Zeitschriften mögen leichter Kritiker für#s Filmfeuilleton finden als fürs Musikgeschehen, also ist ihnen der Film immer noch näher.

Aber die Jugendlichen, die durch jedes geschriebene Wort schon wieder an ihre Geißel Schule oder Ausbildung erinnert werden, lassen sich solch eine Verbalisierung und Vergeistigung nicht länger bieten. Sie vergnügen sich lieber wortlos in der Musik und genügen sich in der gegenseitigen Versicherung, daß eine bestimmte Musik echt super sei. Und was braucht es auch mehr zum Gefühl des Nicht-Allein-Dastehens? Somit sei also als moderne Göttin solch eines Lebensgefühls eine schöne, natürlich hellhaarige Musikerin genommen, mit verspielten Locken und einem schönen Lächeln, so wie deins jetzt, ma chère. Apropos, Du hast da glaubich einen Fussel auf Deinem Strickrock."

Der Ober kam und wir bestellten noch einen Wein. Emilia erzählte mir von den Schwierigkeiten, eine angemessene Kleidung zu einem angemessenen Preis zu finden, und daß Strickröcke noch immer eine gute Alternative seien. Vor allem bei solchen Theaterabenden wie heute habe sie einige Energie aufwenden müssen, eine gemäße Hülle zu finden. Und sie lächelte mich an, als sie die übergeschlagenen Beine durchtauschte. Ich hatte große Mühe, den Faden wieder zu finden, und über dieser Mühe vergaß ich den Fussel.

"Wenn wir nun also die künstliche Schönheit und zweifelhafte Sängerin Madonna mit Deiner Erlaubnis als das populäre Paradigma ansetzen wollen, deren Perfektion in allen Aussehensdingen uns entsetzt und deren Reichtum uns lächeln macht; die jetzt allgegenwärtig ist und in wenigen Jahren schon wieder ganz und gar vergessen sein wird, dann wollen wir uns instinktiv nicht nur an weniger Künstliches und weniger Befremdendes halten, sondern dann wollen wir auch was Passendes aus dem Denkerreich entnehmen, um unsere imaginäre Hochzeit perfekt zu machen.

Damit meine ich, logo, keine der schillernden Schriftstellerpersönlichkeiten wie Peter Handke oder Botho Strauss, sondern einen richtigen Intellektuellen, ein echts Gscheitle. Dummerweise fällt mir da im Augenblick überhaupt kein Zeitgenosse ein, sondern bloß der Claude Levi-Strauss, der allein vom Namen her bis heute ungeschlagen ist und auch sonst eine ganz zutreffende Wahl für unsere Belange sein mag. Dieser Mann ist Dir doch ein Begriff? Natürlich, wieso frage ich überhaupt? Du studierst ja Romanistik! Im Vergleich mit Arthur Miller ist Levi-Strauss ein ganz ausgebuffter Denker aber so was von einem anderen Kaliber. Während Arthur immer noch an Vater-Sohn-Beziehungen rumknobelt, schiebt Claude schon längst mit der Gesamtheit aller dieser Konflikte die erstaunlichsten Erkenntnisse. Als Strukturalist der ersten Garde liefert er neue Wortfelder, die eine so intelligente Abstraktion ermöglichen, wie es das letzte Mal nur mit dem Aufkommen der Dialektik geschehen konnte.

Tscha, und hier hätten wir ja auch gleich eine Möglichkeit der Annäherung zwischen ihm und Frau Madonna. Denn eine strukturalistische Betrachtung der Popmusik könnte uns ja solche Begriffe an die Hand geben, die wir so nötig brauchen, wenn wir dem Jugendslang entfliehen wollen: Begriffe aber, die wir noch nicht besitzen. Hier wäre eine intelligente Abstraktion, wie sie Claude Levi-Strauss in seiner "Mythologica" oder in "Das wilde Denken" vorführt, in ihrem Element. Denn abstrahierte Musik bedeutet ja zugleich eine Konkretion des Sprachlichen. Madonnas Musik könnte eine Aufwertung durch Claudes Denken erreichen und andererseits könnten all die ungenutzten neuen Wortschätze endlich geborgen werden und in den ihnen zustehenden Hafen der Musik würdig einfahren."

Die schwarzhaarige Romanistikstudentin tauschte ihre übereinander geschlagenen Beine erneut durch und ich nahm daraufhin einen unkonzentrierten Schluck Rotwein. Schließlich sprach mein Gegenüber: "Da hast du dich jetzt aber ganz schön in was verrannt. Aber nichtsdetoweniger habe ich dir bis zum Schluß interessiert zugehört und deine Partnervermittlungsgedanken wohlwollend geprüft. Nun sind dir aber ziemlich viele Fakten échappiert, zum Beispiel der, daß es ja nicht nur die von uns geliebte Techno-Musik gibt, sondern auch noch die herkömmlichen Formen der Orchestermusik. Als ich das letzte Mal bei Freunden in Paris war, hat man mich auf ein Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter eingeladen, die dort gastierte. Und meine Begleiter hatten durchaus die passenden Worte für diese Art der Musik parat. Es gibt also längst einen gewissen Jargon der Empfindsamkeit für jene Sorte Musik, welche einem Zeit zum Nachdenken gibt. Aber moderne Popmusik, die nur wenige Wochen in Mode bleibt und dann durch einen neuen Stil abgelöst wird, ist zu wechselhaft, als daß sich jedesmal ein ordentliches Wortfeld dafür herausbilden könnte.

Also wenn du mich fragst, dann würde ich eher die Anne-Sophie Mutter dem Claude Levi-Strauss beigesellen, denn das wäre eine Musik, die dem strukturalistischen Denken eine adäquatere Aufgabe bereitet. Außerdem wäre so unser modernes Traumpaar ein wenig zeitloser, sprich haltbarer geraten. Denn wenn Du schon auf die Existenz von Mythen anspielst, deren Untersuchung sich Herr Levi-Strauss zur Aufgabe gemacht hat, dann mußt Du auch diejenige Musik nehmen, deren Tradition soweit zurück reicht, daß ein Sprechen vom Mythos überhaupt gerechtfertigt ist. Und Techno-Musik als neueste Abart des Musikalischen wird kaum einen Bezug auf Mythisches erlauben."

"Gewiß hast Du recht, was die Wahl der Frau Mutter angeht", sagte ich beschwichtigend, "aber glaubst Du nicht doch, daß sie mit ihrem realen Ehemann, einem arrivierten Prominentenanwalt, dann doch besser beraten ist, auch imagemäßig? Denn die Verbindung von klassischer Musik und Intellektualismus ist denn doch inzwischen ein wenig sehr konventionell, nicht? Und außerdem möchte ich bezweifeln, daß die Phraseologie der Musikberichterstattung sehr hilfreich bei der Aufgabe ist, die Musik selbst verständlicher zu machen. Womit ich natürlich nichts gegen deine Bekannten gesagt haben will. Aber bis auf die Schriften von Adorno oder Max Weber gibt es nicht allzu viel an Gegrübel, das diese Aufgabe seriös löst. Also halte ich die Umwandlung von musikalischen Gehalten in sprachliche auch in der klassischen Musik für ein äußerst schwieriges Unternehmen. Da gefällt es mir schon besser, wenn die Wirklichkeit die hohe Virtuosenkunst der Töne in die Nähe des virtuosen Gelderwerbs rückt. Das ist eine klare Sache mit der Geigerin und dem Prominentenanwalt. Und eine Verbindung von Geld und modernener Musik würde uns wohl auch schon wieder langweilen, auch wenn sie noch so angebracht wäre.

Nun denn, ich bleibe also bei meiner Synthese von blondem Gift und ausgebufftem Denken. Und in das ausgebuffte Denken hinein nehme ich die Vermutung, daß, um nochmal auf die Mythen zurückzukommen, die fortgeschrittene elektronische Musik eben doch weit mehr Bezug hat zur archaischen Zeit als eben die durchrationalisierte Orchestermusik. Die primitiven Rhythmen und Klänge unserer Ahnen sind uns in den Instinkt eingegangen und jederzeit abrufbar, während doch der Genuß eines Bachschen und Anne-Sophischen Violinkonzertes ziemlich sehr von unserer humanistischen Bildung abhängt, nicht? Madonna kann eben doch bloß von Einem so richtig gewürdigt werden, der nicht nur ihren Augenblickserfolg liebt, sondern auch ihre freche und dreiste Art würdigt, mit christlich-moralischen und zugleich archaisch-primitiven Mythen zu spielen."

Emilia schaute mich zweifelnd und doch durchdringend an. Hörte sie mir zu? Ich fragte sie, ob ich sie heimbringen solle, denn es sei ja nicht mehr ganz früh. Oder ob sie noch Lust habe auf ausgedehntere Unterhaltung. Der Ober kam an unserem Tisch vorbei und sie bestellte bei ihm einen Kaffee. Ich rief ihn zurück und bestellte mir auch einen. "Okay, Claude" sagte meine Begleiterin, indem sie ihre Haare nach hinten strich, "laß uns anschließend noch ein wenig tanzen gehen."

--- fauel ---
* Origin: Der Besitz toetet den Genuss des Verlangens. (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Jan 28 18:57:07 MET 1999