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Message Number 123 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Buchtip
Send: 23 Jul 98 22:53:15
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Ueber das Ausufernde

Die meisten Klagen gehen in den Medien ueber ein verlorenes Eigentliches. Der Unsinn der neuen Zeit wird angeprangert mit all seinen mehr als albernen Moden. Allein schon die schrecklichen neuen Sportarten, die ploetzlich jedermann betreibt, wie Beach-Volleyball oder Inline-Skaten. Ein Begriff ist alberner als der andere.

Das ist, weil das Universum auseinandergeht, und sich keinerlei Ordnung in diesem Zerfall abzeichnet. Selbst solche voellig uneigentlichen Dinge wie Mailschreiben (man sollte doch lieber Buecher schreiben), mit diesem dubiosen Materieauftreffen in irgendwelchen zeilentrafogelenkten Kathodenroehren, ist hanebuechener Scheiss, und eigentlich sollte es doch Wichtigeres geben.

Aber das Schreckliche ist, dass es nichts Wichtigeres gibt. Je verquaster und esoterischer, je abgehobener, unverstaendlicher, willkuerlicher, je uneigentlicher, gefuehlsfremder, unverstandener, ungewollter etwas ist, desto mehr strahlt der Reiz des "Alles ist moeglich" von ihm aus.

In dieser Welt sind wir leider gar nicht gut aufgehoben. Mit lauter Unsinn muessen wir uns beschaeftigen, und es gibt keine gefuehlsmaessige Geborgenheit, in die wir uns retten koennen. Immerzu sind wir mit albernem Scheiss beschaeftigt, und das, wofuer wir leben, faellt uns nur noch in wachen Augenblicken ein, oder wenn wir in der Lage waeren, unsere Lebensumstaende zeitweise zu vergessen. Doch wer kann das schon?

Ich traue zur Zeit _ueberhaupt niemandem_ zu, das Eigentliche zu benennen. Naja, vielleicht mit einer Ausnahme: dem Schriftsteller Stendhal in dem Buch "Rot und Schwarz". Die Lektuere dieses Buches empfand ich in angenehmer Weise und im Unterschied zu der alltaeglichen Medienwucherung nicht als unnoetig.

--- fauel ---
* Origin: Es geschieht. (74:4970/100.33)


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Last modified: Thu Jan 28 19:04:52 MET 1999