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Msg : 214 of 222 Uns Loc
Von : Volker Linke 2:2476/552.33 Die 08 Nov 94 14:48
An : All 2:2476/552.33
Betr : Noch Satire oder schon die Erkl.rung daf.r? --------------------------------------------------------------------------------
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* Forwarded from Autoren.Ger by SFSQ at 2:2476/552.33

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\title{Klassische Satzkunst}
\author{Volker Linke}

\headincludeon %Es soll etwas anspruchsvolles werden...
\headseplineon % ...und verzwickt.

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\chapter*{Von all den Dingen\dots}

Von all den Dingen, die mißlingen, sollte man sich nur mit solchen ein wenig länger beschäftigen, die auf eine neue, wunderliche oder sonderbare Weise daneben geraten. Denn die Zeitverschwendung muß so angepackt werden, daß sie nicht in der Willkür verschwindet und andererseits nicht auf unbeabsichtigte Weise ins praktisch Sinnvolle oder gar erfolgreich Vermarktbare umschlägt. Diese Zielsetzung des gedanklich bewältigten Mißlingens wird von Menschen seit längerem innerhalb der Literatur projektiert.

Die glückliche Verantwortungslosigkeit, die in der Herstellung von Gedanken mittels normaler Umgangssprache besteht --- oder umgekehrt; egal --- hat sich allerdings in eine gewisse Widersprüchlichkeit verwickelt. Der Zauber des dem realen Kontext entrückten weil auf Papier gedruckten Wortes, der allzu viele Gedanken unerlaubt aufwertete und andererseits die Problematik des Mediums, die im immer größer zu bewertenden Mißbrauch der Ressourcen eben in Anbetracht des gedanklichen Spielcharakters in Verantwortung umzuschlagen drohte; dieser unglückliche Spielkamerad löste die weitreichende Eleganz des Grammatik- und Semantikspieles in einfache Gefährlichkeit auf.

Das Büchermedium kann kaum noch den Anspruch erfüllen, eventuelle teure Gedanken in billigmöglichster Materialisation herzustellen --- sondern es vegetiert als Industrie für verkauftes Papier, deren Gedankensubstanz längst paßgenau in den Herstellungsprozeß eingefügt ist. Die Freude, einzigartige Gedanken in gewisser Auflage verbreiten zu können, ist in den Ärger umgeschlagen, gewisse Auflagen gedruckt zu sehen, in denen der Gedanke nicht einmal mehr Ornament ist. Der Papierhandel ist als solcher ein größeres Problem als alle in ihm transportierten Gedankenproblematiken je werden können. Das Medium hat seine Berechtigung überdauert und lebt als ganzes nur noch dort, wo es seine Klassiker reproduziert.

Ein bisschen Tastenaktivität in bezug auf den Klassikerbegriff: das zu sich selbst kommende Medium zeugt Auswüchse, die die Kunstgriffe des Mediums nutzen und die Schwächen schon einschätzen und mit in die Kunst hineinnehmen. Indem er das Handwerk klug einsetzt, reicht der Meister darüber hinaus. Indem das Buchdruckerhandwerk lesbare Bücher herstellen konnte, schrieben Schriftsteller lesbare Bücher. Als die Layouter hinzukamen, zogen sich die Schriftsteller in andere Medien zurück und die Layouter engagierten Werbetexter. Der reine Formgedanke ist allzu anfällig für primitive Ideologie und bringt keine Klassiker hervor, im besten Fall Lehrerfortbildungsbroschüren.

Autoren im elektronischen Medium sind für die Form der Texte selbst verantwortlich --- ihre Rohfassung ist immer zugleich die Endfassung. Der Witz bei der Textgestaltung ist schon Inhalt. Textgenese in modernen Medien ist eine Aufgabe, die die papierbezogene Germanistik nicht mehr zu leisten imstande ist: auch hierum hat sich der Autor selbst zu kümmern.

Diese Ideologie ist nachprüfbar und avanciert: in Zeiten einer skurril-überzeichneten Arbeitsteilung in der Volkswirtschaft fängt der Autor an, komplexere Gedankenstrukturen umzusetzen und mehrere Berufe und Klassen in sich zu vereinigen. Er muß über das Sätzeschreiben hinausgelangen, wenn er die Sprache retten will. Die Verantwortung liegt darin, das Sprachspiel in die Weite und Breite zu treiben und es nicht beim Herstellen von Messagebodys zu belassen.

Es gibt eine klassische Forderung der Satzerstellenden: daß man, egal welches es ist, jedes Medium in- und auswendig kennen muß, um ihm einigermaßen gerecht zu werden. Wer sich an eine scheinbare Faszination verliert, hat schon verloren. Diese Forderung gilt immer noch im elektronischen Medium, in welchem sonst bekanntlich alles anders ist.

Ein neues Medium, das den Mißbrauch, mit ihm zu spielen, noch duldet: gerade noch; das ist die Hobby-DFUE. Widmen wir ihm einige unserer besseren Sätze.

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Zur Textgenese:

RCS file: e:/texte/satzkunst.tex,v
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revision 1.2
date: 1994/11/08 14:43:34; author: Volker_Linke; state: Exp; lines: +2 -2
Groberstellung der ersten Gedanken. Ligaturen noch nicht berücksichtigt. Aus Akualitätsgründen als Vorabversion in die Autoren.Ger
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revision 1.1
date: 1994/11/08 14:39:14; author: Volker_Linke; state: Exp; Initial revision

--- Quiche suebe 2.13 ---
* Origin: Bouvard glaubte nicht einmal mehr an die Materie. (2:2476/552.33)


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Last modified: Wed Feb 10 16:30:20 MET 1999