Msg : 17 of 222 Uns Loc
Von : Volker Linke 2:2476/552.33 Die 18 Okt 94 22:26
An : All 2:2476/552.33
Betr : Sprache und Arbeit
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.MSGID: 2:2476/552.33 ea4787a7

* Forwarded from Philo.Ger by SFSQ at 2:2476/552.33

Von allen Zielen, die die Menschheit einst verfolgte, ist nur eines uebriggeblieben: das Ziel, arbeiten zu duerfen. Aber die Frage, wozu man denn arbeiten solle, gilt schon als muessig.

Nachdem die feudale Gesellschaft ureigens dazu geschaffen worden war, einige wenige Adlige der Last des Schaffens zu entheben, machte sich die buergerliche Gesellschaft daran, aus purer Opposition gegen die Aristokratie, die Arbeit moralisch und metaphysisch zu ueberhoehen. Aber heute, im nachbuergerlichen Zeitalter, wo laengst alle buergerlichen Werte an jeder S-Bahnhaltestelle entwertet werden koennen, haelt sich der Primat der Arbeit beharrlicher denn je. Nie zuvor hat sich das Ego aehnlich komplett mit der von ihm ausgeuebten Taetigkeit identifiziert.

Selbstbewusstsein hat nur noch der, welcher ganz Funktion im gesellschaftlichen Apparat geworden ist. Funktion heisst hier: das Privatleben nur gelten zu lassen, wenn es angemessen politisch verwertet wird; dazu gehoeren alle, die ihr Privatleben oeffentlich verwertbar machen und so den Begriff des Oeffentlichen glorifizieren. Und das sind verdammt viele im Zeitalter der "obszoenen Ekstase" der Kommunikation, wo man locker in der SEX.GER nachlesen kann, wieviele Frauen einer schon entjungfert hat, und wo dies erst wahr wird, weil es mitgeteilt wurde. Die historische Pendelbewegung zwischen Subjekt und Objekt ist ungemein am Durchschwingen in Richtung des zweiteren.

Sprache wird nur mehr da benoetigt, wo Objektives vermittelt werden soll: in Ratgebern, in Dokus, in der Journalistensprache, also dort, wo die Schufterei der Kommunikation betrieben wird. Sprache wird dazu benuetzt, mit und in der Oeffentlichkeit zu arbeiten. Ein Text, der keine Arbeitsleistung enthaelt, zum Beispiel die, dass in ihm Schwieriges leicht lesbar und allgemein verstaendlich gemacht wuerde, kommt der oeffentlichen Forderung nicht nach. Sprache, die den Gedanken herausfordert und sich einer gedankenfoerdernden Syntax bedient, haelt ab von der Arbeit im Oeffentlichen. Sie bindet die Kraft auf _einen_ Gegenstand und raubt die Zeit und die Energie, die sonst benoetigt werden, sich der Funktion in der Kollektivitaet zu versichern.

Ein Sprechen, das Gedanken entwickelt, also ein politisches Reden im altertuemlichen Sinne, ist heutzutage privatistisch und antioeffentlich. Aber die Aufgabe, einen Gedanken in die Oeffentlichkeit zu lancieren, ist mittels Sprache nicht mehr moeglich; es sei denn, sie wuerde sich als Arbeit an einem Gedanken tarnen: aber dann ist schon wieder ein ideologisches Ornament um den Gedanken gelegt, und dieser waere dann keiner mehr.

--- Volker ---
* Origin: Bouvard riß die Augen auf. (2:2476/552.33)


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Last modified: Wed Feb 10 16:29:59 MET 1999