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Msg : 311 of 413 Uns Loc
Von : Volker Linke 2:2476/552.33 Mit 21 Dez 94 13:37
An : All 2:2476/552.33
Betr : The World Music Award
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* Forwarded from Kultur.Ger by SFSQ at 2:2476/552.33

Die schönste Frau der Welt heißt Kylie Minogue - aber nicht mehr lange
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Nur auf das völlig Ungreifbare kommt es an. Auf die Begegnung, den Funken des Austauschs. Worauf nie zu bauen ist, was immerzu entgleitet, immerzu kommt, nie zu behalten ist: auf den Funken der Bewegung.

Dieses Ungreifbare ist in der Schönheit der Musik und in der Musik der Schönheit; und beides bekommen wir lustvoll präsentiert in den großen Preisverleihungen der Musik-Industrie, welche zu diesem Zweck gerne vor dem Brandenburger Tor zeltet.

Ich war dabei. Es ging um Nichts und um Alles. Fürze wurden ausgezeichnet und Synthesizer-Symphonien befurzt. Greifbar waren allein die Preis-Dispatcher, diejenigen Komparsen also, die man eingeladen hatte, die Preise den dannigen Trägern zu überreichen. Dazwischen tanzte Patrick Swayzee den Mambo.

Tja, und in diese Walpurgisnacht der Industriemusikmaschine kam dann das ungreifbare Ereignis, in welches die erfolgreichste Luftverkaufmaschine kulminierte. Die Bewegung wurde sie selber, der Funke kam und entglitt: das war Kylie Minogue. Die schönste Frau der Welt verteilte einen Preis. Den ihren bekommtsie erst in der Kultur.Ger.

Wir, einige Zuschauer, sprachen über sie (während wir bei Ace of Base nur wohlwollend geschwiegen hatten und bei den Scorpions einen Stich fühlten...). Das Gesamtkunstwerk im Wagnerschen Sinn, welches weit über die Musik hinausreicht, nur auf ihr ruht, aber Kulissen, Environment und sonstige Parameter aufmerkend streift und im gesamten Design das Kunstwerk findet: dies ist Kylie Minogue. Der Name trifft die Sache, und die Sache teilt in Berlin mediokre Wohlwollensgesten an die umsatzstärksten Musiker aus. Gesamtgestaltend. Wunderlich gelungen. Hinreißend daneben. Wagnerianisch. On-Topic.

Man könnte sich nun fragen, wieso nicht Claudia Schiffer diesen Kulminationspunkt der Kulturindustrie darstellt. Aber mal ganz fidoehrlich: Gegen sie spricht der Eigenname, das objektiv schlechte Aussehen und die Gönnerschaft der schwarzweißmalenden Regenbogenpresse. Minogue ist da unbekannter, ergo sympathischer. Wer hat hier schon "Neighbours" gesehen? Sie ist als Frau integrer. Sie ist klassischer, persönlicher, wohlgebildeter. CS ist ein Mißgriff der Medien, KM steht über ihnen. Auch über Fido.

Und dennoch verkörpert selbst sie den Typus der vermarkteten Schönheit. Sie war im Zelt unter der Quadriga. Es geht mit ihr wie mit den Number One Hits. Sie stehen als Zerissenes, als in sich getrennt, in der Welt - der Erfolg ist ein Widerspruch zum formalen Gelingen, der Erfolg zerreißt die Einheit der Kunst, welche sie zur Nummer Eins gemacht hat. Die tausendfache Reproduktion überwältigt jede Einmaligkeit. Erfolg und Schönheit ist zwingend zusammengehörig, aber nur für den Bruchteil der Zeiteinheit, die die maximale Bewegung in die große Erstarrung der Unbegreiflichkeit stürzen läßt. Es ist nichts. Aber einen Augenblick lang alles.

Dochja, der Geschmack an Musik ist kurzlebig qua Definition. Die erfolgreiche Schönheit mündet immer in die Langeweile. Doch ist es mit der physischen Schönheit anders? Die Werbeplakate der schönen Models, z.B., arten ins Gegenteil aus, wenn einmal Andreas Post oder Kai Bühler zur Preisverleihung des edelsten Ungreifbaren verpflichtet würden. Das ist durchaus intelligibel. Noch jedes Genre mußte sich in seinem Gegenteil erschöpfen. Und das Gegenteil der schönsten Frau der Welt sind (Plural!) die unbegabtesten Schreiber des Fido. Und ergo qualitativ gleich.

Wie nun aber die Musikindustrie ihre Erfolge feiert, indem sie das Wesen ihrer Musik durch die visuelle ästhetische Repräsentation einer KM überhöht, wird der Möglichkeit zur angenehmen charismatischen Kommunikation zwischen Privatpersonen die Anschaulichkeit abgedreht durch die überpräsente Ungreifbarkeit der synästhetischen Industrien. Niemand schreibt Mails bei Preisverleihungen, höchstens über. Solange Fido kein VGA kann, reicht es auch in aller naiven Primitivität nicht, gegen den Charme der sichtbaren Posen rhetorisch anzugehen. Erst wenn Fido Preisverleihungen online und in 256 Farben routet, ist es als Thema für die Kultur.Ger allgemein amüsant.

Der Einsatz der Sprache allein im Streit des Ungreifbaren ergibt nur einen schwachen Funken, und auch den nur zwischen den ewig unbelohnten Sprachpreisträgern. Alle anderen Medienkonsumenten aber fühlen hier einen Mangel, den sie bei der Mischung Ace of Base/Kylie Minogue nicht vermissen würden.

Ich meinesteils befinde mich, im virtuellen Zelt sitzend, nicht weit von der Quadriga, unter allen anderen Hobbyrezipienten. Was interessieren mich die schlechteren Medien, wenn ich die wunderbar funktionierende Kulturindustrie direkt vor mir habe? Ich mag Gesamtkunstwerke.

Wagnerianisch. Kylieminogu'sch.

--- Noologie 2.01 ---
* Origin: "Das wäre was für mich!" sagte Bouvard. (2:2476/552.33)


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Last modified: Wed Feb 10 16:26:35 MET 1999