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Msg : 339 of 352 Uns Loc
Von : Volker Linke 2:244/33 Mit 01 Feb 95 11:56
An : Alle
Betr : Computer Clubs II
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* Forwarded from Kultur.Ger by SFSQ at 2:244/33.0

Damit die Welt mal besser wird: Herzklopfen

Voller Antriebsstörungen flakte ich mich eines Januarnachmittags vor die Glotze und schaltete nur ein, nicht um. Dazu reichte es nicht mehr. Außerdem wäre mir X-Base zu technisch gewesen. Also kuckte ich Herzklopfen und was der 36jährige abgebrühte Tommi Ohrner als MODERATOR so aus seinem Echo macht. Ich sags gleich: Die Zeitlupe mit den küssenden Pupertierenden ist das Highlight der Sendung, der Rest ist nett und interessant. Das ist wie in der Kultur.Ger mit den Werbungen für die Skyline.Ger und dem Rest. Ein wenig zuviel Technik vielleicht auch in den Spielen "Herzschlagsdifferenz messen" und "Erregungskoeffizient testen", also keine wirkliche Alternative zu X-Base. Während bei X-Base allerdings das Publikum fest definiert ist (computerkids) ist bei Herzklopfen etwas mehr Spielraum für ungewöhnliche Einschaltquoten. Neben den uncomputerisierten kids wären da zum Beispiel zuspätgekommene Pädophile und Lolita-Fanatiker (nicht die von Lothar Matthäus) denkbar. Aber tatsächlich präsentieren sich die 13-15-jährigen Kandidaten auch in ganz altersuntypischen Verhaltensweisen: sie sind ruhig, aufmerksam, schüchtern, lieb, geradezu annehmbar. Die "Gewalt-an-Schulen"-Sendungen gaukeln einem da sonst ein ganz anderes Bild der zukünftigen Rentenbeiträgezahler vor. Allerdings hat das Konzept einer "Jugendlichenflirtshow" (das ist Herzklopfen) auch Nachteile, denn ich hatte das Pech, in eine Sendung mit einem Fall von Aktentaschenakne zu geraten. Macht nix. Ich wurde ja beim Salzstengelzeitlupentest wieder an Anderes erinnert. Ach, es ist _zu_ rührend. Die Kiddies, die doch nur das tun, was man ihnen sagt, sind plötzlich Geküßte! Der Einstieg ins Sexualleben, vor laufender Kamera. Und falls man es noch nicht vorher schon bis zur Abgebrühtheit gemacht hätte, wäre das der Einstieg des Zuschauers in den Voyeurismus gewesen. Es ist dieselbe Art der Peinlichkeit, die man beim Zukucken empfindet, wie sonst bloß noch bei "Entweder oder", wenn man beim Beaufsichtigen der unsauberen Bereinigungen von irgendwelchen Phobien den Erwachsenen zu nahe kommt.

Nunja, Voyeurismus ist ja ein normales Kulturphänomen und den Fido-Lesern eine alltägliche Erfahrung. Wer hat nicht schon mitbekommen, wie sich ein Schreiber und eine Schreiberin in der Frauen.Ger erst wochenlang amüsant anschnackten, dann esoterisch wurden, schließlich einige Wochen gar nix schrieben und letztlich beim selben BOSS Pointnummern hatten. Ich z.B. erst vier Mal. Da ist das Salzstengelspiel wieder. Der Nachteil beim Fido-Netz: bei illiteraten Seelenverwandtschaften kann es furchtbar quälend werden für die Gemeinschaft. Aber Fido ist ja genauso interaktiv wie X-Base und es wird unter Umständen tausendfach die Pfeil-rechts-Taste gedrückt, weil Eros seinen Pfeil ins falsche Herz geroutet hat. Gäbe es doch auch hier eine Herzschlagsdifferenz-Messung oder einen Erregungskoeffiziententest. Aber nein, technisch völlig veraltet ist man. Zweiter Nachteil des Fido: nicht die zartromantischem ersten Triebe werden poetisch von einem Tommi Ohrner an die Öffentlichkeit gezerrt wie bei Herzklopfen, sondern erstmal kommt der Wust an Enttäuschungen, Vorurteilen und deftigen Späßen der Echoteilnehmer zum Tragen. Der empfindsame Voyeur wendet sich hier schon ab. Erst wenn diese Phase überstanden ist, kommen die sprachlichen Tändeleien, welche oft in der Autoren.Ger mit den schönsten Gedichten enden. Aber es bringt ja nix. Öffentlichkeit ist dazu da, um sich in ihr zu produzieren. Kuckt mich an! Aber eigentlich stellt sich die Öffentlichkeit, die Einschaltquote und Areafixanbestellung erst ein, wenn das Dargebotene einen kleinen unmoralischen Touch hat, nämlich von Privatem handelt.

Also ich finde, daß, wenn ich keine Lust aufs Lesen und Tippen, sondern bloß aufs Fernsehkucken habe, Herzklopfen eine wunderbare Alternative zum Computerclub in der Frauen.Ger ist.

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* Origin: "Ja, das weiß ich sehr wohl!" schrie der Lehrer. (2:244/33)


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Last modified: Wed Feb 10 16:47:42 MET 1999