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Message Number 120 from area DEM.GER.KULTUR
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From: Volker Linke (74:4970/100.33)
To : All
Subj: Sinn des Lebens: an approach
Send: 05 Nov 98 13:16:59
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* Sinn des Lebens:

** Die Sinnesreize aufs Ganze nehmen: jeder davon birgt alles in sich ("Das Parfüm"), sich wirklich bloß als Materiebündel nehmen und sich freuen, was als solches machbar ist und darüber lachen, wie wenig man ist.

*** Den eigenen Körper als Arbeitsmaterial für seine Gedanken nehmen, über den eigenen Schatten springen und gerade die Dinge tun, die einem ganz unglaublich vorkommen. Das Unerhörte wahrmachen.

**** Manche Leute leben so intensiv. Sie arbeiten, studieren in Abendschulen, gehen in Theaterkurse und lesen Bücher, um voranzukommen. Ich verstehe weder die Motivation dabei, noch, daß man nur in einer dieser Aktivitäten einigermaßen verstehen kann, worums geht. Aber die Hälfte der Menschheit geht für diesen Kram drauf!

*** Wie kann man seinen Körper richtig benutzen, ohne nur damit Sport zu treiben? Die Möglichkeiten des Fühlens und des Denkens synchronisieren.... Es gibt völlig neue Gefühle, wenn man seine Phantasie einsetzt. Ein sehr rudimentärer Denkansatz: wohin kommt man mit Autogenem Training? Ziemlich weit: das Gefühl der vollkommenen Gegenwart, zugleich die Nutzlosigkeit solchen Unterfangens (man macht sich lächerlich, wenn man darüber redet), das schnelle Vergessen solcher Gefühle, nachdem man sie getestet hat. Was läßt sich daraus machen, spaßeshalber eine soziale Aufwertung, Ruhm, Durchbruchstheologie mitgedacht?

** Die Begriffe sind das einzige Wahre; dagegen die Auseinandersetzung mit "visuellen Medien": es bleibt dabei, ich will mein Vergnügen in den Begriffen finden. Alles andere ist allzu unergiebig und willkürlich. Naja, aber vielleicht lohnt sich das Produktivwerden deshalb eben erst dort, weil sich dort alles so lustig vermischt. Die besten Gefühle entstehen eigentlich nur durch vernünftige und schöne Sprache, selbst die neuen Medien werden erst in ihrer Verlachung abends unter Freunden amüsant.

*** Alles sagen können, wenn es darauf ankommt. Der ungeheure therapeutische Effekt, wenn es gelingt.

**** Schöne, nutzlose Dinge machen, und wissen, wie man bekannt in der Clique wird, die dafür zuständig ist.

** Man muß Wege finden, sich wohl zu fühlen. Egal wie. Man muß ja der erste sein, der es auf eine bestimmte Art kann. Sobald man aber einen Weg gefunden hat, Souveränität und Freiheit und Wohlgefühl zu kultivieren, dann kann man auch damit in die Medien gehen. Wenn man es ohne Hintergedanken tun kann, ist man ein echtes Faktotum, und die Medien saugen einen auf, und man wird lächerlich. Wird man ohne Medien glücklich, würde ich gern wissen, wie man sich dann die nötige Größe einbilden kann. Es gibt nur den Weg über die Großverteiler, weil es sie gibt, und am Ende ist man so oder so lächerlich geworden.

*** Ob irgendwann eine umfassende Datenbank für Kulturleistungen existieren wird? Alle Bücher Bilder Kompositionen sowieso, Moden, eine Auflistung aller guten Talks im Fernsehen, alle Internet-, Maus- und Fido-Net-Echos? Und eine Bewertung alles dessen in klarer Diktion Daumenoben-Daumenunten, wie in den Filmdatenbanken? So etwas wird es wirklich geben! Und dann wird der gute Geschmack wieder in irgendwelche Zwischenzonen abwandern.

** Gewiß ist es schon eine schöne Leistung, den berufsbedingten Aufgeregtheiten der anderen für einige Augenblicke zu entrinnen. Die anderen verdienen immerhin Geld damit, aber selbst hat man wenig damit zu schaffen. Zeitungen, Bankwesen, Lebensrhythmen: es ist immer besser, man kennt die Vergleiche dazu aus anderen Jahrhunderten, damit man sich nicht kirre von der Jetztzeit machen laesst.

** Daß man sich wunder was denkt, ist einzuschränken, wenn es den Alltag angeht. Die Trennung zwischen Phantasie und Überleben ist eine kulturelle Leistung, und verachten muß man die, die sich beim Überleben zu viel denken, und in ihrer erarbeiteten Freizeit zu wenig.

** Junge Menschen sind immer autark und zu Recht über die wirklichen Zustände erhaben, die die Welt ausmachen. Je älter sie werden, desto mehr vergessen sie das Feuer der Gedanken und richten sich in einer warmen Wohnung ein. Insofern ernüchtern mich feurige junge Menschen meist sehr, weil ich den Rest der Geschichte schon kenne. Ich mag die Alten, die durchgehalten haben, und die Exzentrik human kultivieren gelernt haben.

** Reichen Leuten geht es deswegen besser, weil sie exquisit essen, hell und weiträumig wohnen und oft Sex haben, aber nicht, weil sie reich sind. Davon bin ich überzeugt.

--- fauel ---
* Origin: makrameeartige Schlichtheit (74:4970/100.33)


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Last modified: Fri Feb 19 01:11:58 MET 1999