--------------------------------------------------------------------------------
Msg : 346 of 373 Uns Loc
Von : Volker Linke 74:4970/110 Fre 14 Okt 94 23:39
An : All
Betr : Was ist Netzkultur?
--------------------------------------------------------------------------------
.MSGID: 74:4970/110.0 e9f114e6

* Forwarded from DEM.GER.KULTUR by SFSQ at 74:4970/110.0

Damit die Botschaft vom beruhigenden Ausgang der Schlacht von Marathon im September 490 schnell an die Ohren der Athener gelange, rannte ein Soldat zweiundvierzig Kilometer zu Fuß durch Attika. Er hatte weder ein Journalistikstudium noch sonst eine abgeschlossene dreijährige vergleichbare Berufsausbildung, die ihn zum Übermitteln von Tagesereignissen berechtigen würden. Vielleicht liegt es daran, daß er dann, trotz Übermüdung und Erschöpfung, in Athen noch wußte, was er ausrichten sollte.

Jeden Tag im ausgehenden zweiten Jahrtausend n.C. gehen durch ein süddeutsches Pointsystem etwa fünfzehnhundert Botschaften. Vierzehnhundertfünfzig davon kommen nur zustande, weil sich der Weg vom Ereignis zur Mitteilung so sehr verkürzt hat, daß beide fast schon zusammengewachsen sind. Die Mitteilung selbst ist inzwischen zum höchst mitteilenswerten Ereignis geworden. Aber seien wir mal ehrlich: vom Marathonläufer wußten wir doch auch nur, _daß_ er eine Botschaft überbracht hat. Wie die Botschaft selbst ausgesehen hat, ist längst vergessen. Das Spektakuläre daran war eben bloß die Übertragungsweise.

Geschichte ist die Entwicklung der Technik, wie man bedeutungslose Botschaften austauscht. Die Schlacht zwischen Inhalt und Form ist längst zugunsten der Form entschieden. Doch dieses beruhigende Ergebnis taugt anscheinend nicht zu einer Botschaft, denn keiner will etwas davon wissen oder sich darauf einrichten. Es bräuchte einen Deppen, der auf den Händen oder rückwärts oder rückwärts auf Händen zweiundvierzig Kilometer zuücklegte, damit wenigstens die Lokalpresse diese seine Message kolportierte.

Das Ärgernis, daß das menschliche Bewußtsein nach Neuigkeiten lechzt, aber jede wirkliche Neuigkeit als störend empfindet, läßt sich technisch beseitigen: Man schafft Wege für Nachrichten, die automatisch negatives Neues ausfiltern. Übrig bleibt die erfreuliche Einsicht, daß man zwar am hochgetakteten Puls der Zeit sei (siehe Definition von Geschichte), daß aber dieser Puls niemals so hochschlage, um Schweißausbrüche und Hyperventilationen zu erzeugen.

Konsequenterweise ist es so: Computervernetzungen taugen nur dazu, unbequeme Informationen fernzuhalten, und je dichter die Netze sind, umso sicherer ist der Teilnehmer vor Erkenntnis. Diese Vermutung bestätigt folgende Simulation: Es gibt nicht _einen_ Marathonläufer wie in der Originalsequenz, sondern tausende, etwa vergleichbar einem Volks-Marathonlauf durch Berlin. Jeder Marathonläufer hat eine einfache Message zu transportieren (etwa die, daß der Wert des Laufens an sich keiner sei), die er aber während des Laufens mit anderen Läufern durchsprechen und diskutieren darf. Direkt hinter dem Ziel muß dann jeder die ursprünglich einfache Message in eine Fernsehkamera weitersagen.

Genau so ist es mit den Computernetzen. Tausend Gehirne beschäftigen sich mit simplen Inhalten, um eine einfache Konstruktion von Wirklichkeit aufrecht zu erhalten. Wohlgemerkt "einfach" nur im Sinne der störenden inhaltlichen Neuigkeiten. Formal nimmt man freilich gerne die neuesten Technologien in Anspruch, um, man erinnere sich, am Puls der Zeit zu sein. Ein Satz wie der: daß neue Technologien realiter vor allem im Dienste der Antiaufklärung stehen, wird man nie in einem der neuen Computer-Medien zu sehen bekommen. Und wenn, wird er blitzschnell der technisch verordneten Vergessenheit anheimgefallen sein, mitsamt den vierzehnhundertfünfzig anderen Messages, die eben dazu da sind.

--- Volker ---
* Origin: Der Weg nach Bayeux erfülle genau denselben Zweck. (74:4970/110)


Volker LinkeNetarchiv Home

Last modified: Wed Feb 10 16:45:58 MET 1999