Zur Dialektik des Takts.

Goethe, der deutlich der drohenden Unmöglichkeit aller menschlichen Beziehungen in der heraufkommenden Industriegesellschaft sich bewußt war, hat in den Novellen der Wanderjahre versucht, den Takt als die rettende Auskunft zwischen den entfremdeten Menschen darzustellen. Diese Auskunft schien ihm eins mit der Entsagung, mit Verzicht auf ungeschmälerte Nähe, Leidenschaft und ungebrochenes Glück. Das Humane bestand ihm in einer Selbsteinschränkung, die beschwörend den unausweichlichen Gang der Geschichte zur eigenen Sache machte, die Inhumanität des Fortschritts, die Verkümmerung des Subjekts. Aber was seitdem geschah, läßt die Goethesche Entsagung selber als Erfüllung erscheinen. Takt und Humanität - bei ihm das Gleiche - sind mittlerweile eben den Weg gegangen, vor dem sie nach seinem Glauben bewahren sollten. Hat doch Takt seine genaue historische Stunde. Es ist die, in welcher das bürgerliche Individuum des absolutistischen Zwangs ledig ward. Frei und einsam steht es für sich selber ein, während die vom Absolutismus entwickelten Formen hierarchischer Achtung und Rücksicht, ihres ökonomischen Grundes und ihrer bedrohlichen Gewalt entäußert, gerade noch gegenwärtig genug sind, um das Zusammenleben innerhalb bevorzugter Gruppen erträglich zu machen. Solcher gleichsam paradoxe Einstand von Absolutismus und Liberalität läßt wie im Wilhelm Meister noch an Beethovens Stellung zu den überlieferten Schemata der Komposition, ja bis in die Logik hinein, an Kants subjektiver Rekonstruktion der objektiv verpflichtenden Ideen sich wahrnehmen. Beethovens regelmäßige Reprisen nach den dynamischen Durchführungen, Kants Deduktion der scholastischen Kategorien aus der Einheit des Bewußtseins sind in einem eminenten Sinne »taktvoll«. Voraussetzung des Takts ist die in sich gebrochene und doch noch gegenwärtige Konvention. Diese ist nun unrettbar verfallen und lebt fort nur noch in der Parodie der Formen, einer willkürlich ausgedachten oder erinnerten Etikette für Ignoranten, wie ungebetene Ratgeber in Zeitungen sie predigen, während das Einverständnis, das jene Konventionen zu ihrer humanen Stunde tragen mochte, an die blinde Konformität der Autobesitzer und Radiohörer übergegangen ist. Das Absterben des zeremoniellen Moments scheint zunächst dem Takt zugute zu kommen. Er ist von allem Heteronomen, schlecht Auswendigen emanzipiert, und taktvolles Verhalten wäre kein anderes als eines, das sich allein nach der spezifischen Beschaffenheit eines jeglichen menschlichen Verhältnisses richtet. Solcher emanzipierte Takt jedoch gerät in Schwierigkeiten wie der Nominalismus allerorten. Takt meinte nicht einfach die Unterordnung unter die zeremoniale Konvention: die gerade haben alle neueren Humanisten unablässig unter Ironie gestellt. Die Leistung des Takts war vielmehr so paradox wie sein geschichtlicher Standort. Sie verlangte die eigentlich unmögliche Versöhnung zwischen dem unbestätigten Anspruch der Konvention und dem ungebärdigen des Individuums. Anders als an jener Konvention ließ Takt gar nicht sich messen. Sie repräsentierte, wie sehr auch verdünnt, das Allgemeine, das die Substanz des individuellen Anspruchs selber ausmacht. Takt ist eine Differenzbestimmung. Er besteht in wissenden Abweichungen. Indem er jedoch als emanzipierter dem Individuum als absolutem gegenübertritt, ohne ein Allgemeines, wovon er differieren könnte, verfehlt er das Individuum und tut endlich Unrecht ihm an. Die Frage nach dem Befinden, nicht länger von Erziehung geboten und erwartet, wird zum Ausforschen oder zur Verletzung; das Schweigen über empfindliche Gegenstände zur leeren Gleichgültigkeit, sobald keine Regel mehr angibt, worüber zu reden sei und worüber nicht. Die Individuen beginnen denn auch, nicht ohne Grund, auf Takt feindselig zu reagieren: eine gewisse Art der Höflichkeit etwa läßt sie nicht sowohl als Menschen angesprochen sich fühlen, als daß sie in ihnen die Ahnung des unmenschlichen Zustands erweckt, in welchem sie sich befinden, und der Höfliche läuft Gefahr, für den Unhöflichen zu gelten, weil er von der Höflichkeit wie von einem überholten Vorrecht noch Gebrauch macht. Schließlich wird der emanzipierte, rein individuelle Takt zur bloßen Lüge. Was von ihm im Individuum heute eigentlich getroffen wird, ist, was er angelegentlich verschweigt, die tatsächliche und mehr noch die potentielle Macht, die jeder verkörpert. Unter der Forderung, dem Individuum als solchem, ohne alle Präambeln, absolut angemessen gegenüber zu treten, liegt die eifernde Kontrolle darüber, daß jedes Wort stillschweigend sich selber Rechenschaft davon gibt, was der Angeredete in der sich verhärtenden Hierarchie, die alle einbegreift, darstellt, und welches seine Chancen sind. Der Nominalismus des Takts verhilft dem Allgemeinsten, der nackten Verfügungsgewalt, zum Triumph noch in den intimsten Konstellationen. Die Abschreibung der Konventionen als überholten, nutzlosen und äußerlichen Zierats bestätigt nur das Alleräußerlichste, ein Leben unmittelbarer Beherrschung. Daß dennoch der Fortfall selbst dieses Zerrbilds von Takt in der Kameraderie der Anrempelei, als Hohn auf Freiheit, die Existenz noch unerträglicher macht, ist bloß ein weiteres Anzeichen dafür, wie unmöglich das Zusammenleben der Menschen unter den gegenwärtigen Verhältnissen geworden ist.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia.

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