Das Paar

Kürzlich langweilte ich mich im Alten Schauspielhaus bei dem Theaterstück Der Tod des Handlungsreisenden von Arthur Miller fast zu Tode, während seiner dahinfließenden Unaufdringlichkeit hatte ich genügend Zeit, über den Autor nachzudenken. Besonders gut schnitt der Mann dabei natürlich nicht ab.

Dies mag schon während mancher Aufführung von manchem, der im Dunkeln saß und gelangweilt auf die hellerleuchteten Bühnendialoge blickte, gedacht worden sein: Millers künstlerische und solide Unbedarftheit, die einem Amerikaner gut ansteht und einem Europäer schnell ins Auge springt, hätte ihn weniger in den Rang des repräsentativen Intellektuellen der sechziger Jahre erheben können, als es seine Aufsehen erregende Heirat mit der immer noch repräsentativen Schönheit der Marilyn Monroe vermochte. Diese Heirat aber des Stückeschreibers Arthur mit der Filmschauspielerin Marilyn gilt als Paradigma von Schönheit, die sich mit der Intelligenz verbindet, bis in unsere Tage; es gibt kein neueres; der vollendete Zusammenschluß von Körper und Geist, der die überkommene Vorbildhaftigkeit antiker Statuen ablöst und den Werkstoff Marmor endlich gegen die wirksameren Materialien Hochglanzpapier und Zelluloid eintauscht, ist das immer noch moderne Ideal. Gäbe es einen Mythos von Eros und Psyche in der postmythischen Zeit, das wäre er.

Aufgrund dieser inzwischen historischen Mixtur von Miller und Monroe hält sich der geistige Teil, - das ist unter anderem Der Tod des Handlungsreisenden-, bis heute auf den Spielplänen und kann weiter nebenbei einer öden und schal gewordenen Humanität frönen.

Aber es ist seltsam, wie Qualität gewonnen wird durch das Zusammenbringen von Blondheit und Denkertum, so unvollkommen beides für sich genommen auch sein mag. Denn natürlich ist Marilyn Monroe nicht die schönste Frau der sechziger Jahre und schon gar nicht die begabteste Schauspielerin. Und Arthur Miller ist, entgegen den Behauptungen der Kritik, keineswegs ein literarisches Genie. Aber beide zusammen, auf einem Photo, in einem offenen Auto, in ihrer Eigenschaft als Sexsymbol und Erfolgsschriftsteller, bewirken eine ungeheure Suggestion vom höchsterreichbaren Glück. Noch in unserer Zeit fühlen sich viele Schönheitsköniginnen dem spröden Charme von Stubenhockern verpflichtet, nur weil sie an diese Harmonie der Sphären glauben, die ausgerechnet in den sechziger Jahren von ausgerechnet Amerikanern vorbestimmt wurde.

Ich hielt mich dank solcher Überlegungen ganz gut bis zum Schluß des Stückes, welches selbstverständlich von einem amerikanischen Vater-Sohn-Konflikt handelte. Na gut. Nach einem höflichen, doch knappen Schlußapplaus, strich sich Marcia, die ich übrigens für diesen Abend gewinnen konnte, und die sich im Gestühl neben mir träge geräkelt hatte, ihre blonden Haare nach hinten und fragte mich, ob wir nicht noch etwas trinken gehen sollten, nach all dem Durchgestandenen, etwa in die ">Bar le théatre"< nahe der Königsstrasse und unseres Autos. Wir schlenderten dorthin, durch die belebte Fußgängerzone, und ich fühlte mich verpflichtet, uns den Weg durch einige wohlgesetzte Kommentare zu der erlebten Theateraufführung zu verkürzen, was aber mich selbst mehr amüsierte als Marcia. Immer hatte ich das Problem, nicht so mondän scheinen zu können wie sie es war.

Später tranken wir Rotwein, den uns der Ober in dem halbleeren Café rasch herbeibrachte, und Marcia erzählte mir von ihrer neuen Lieblingsmusik, einem ">total abgefahrenen Techno-Album"< von der Gruppe X. Das sei ">brutal tanzbar"< und es habe einen durchlaufenden ">Mörderbaß"<, der einem direkt in die Eingeweide fahre. Mit einer vernünftigen Lightshow könne man sich auf diese Musik ziemlich edel in eine dezente Ekstase tanzen, und das sei unter uns gesagt ein anderes Vergnügen als so ein Abend im Schauspielhaus. Ich war schon einmal vor längerem mit Marcia in einer Discothek gewesen und mußte zugeben, daß sie beim ekstatischen Tanzen freilich keine schlechte Figur machte. Es gibt also ein ganz objektives Amüsiergefälle zwischen Theater und Musikbetrieb, dachte ich bei mir. Und natürlich kannte ich diese neue Techno-Gruppe ebenfalls und bestätigte, daß deren Musik sehr hörbar sei. Ich würde aber vermutlich alles bestätigen, was Marcia sagt, wenn sie nur indessen mit dieser bestimmten Geste ihre blonden Haare aus der Stirn striche.

Dies tat sie des öfteren, als ich, ein wenig animiert vom Rotwein, gesprächsweise die folgende Theorie entwickelte: Die Anziehungskraft des Ehepaares Monroe/Miller sei restlos veraltet, sowohl was die ästhetische als auch die künstlerische Seite betreffe. Man müsse sich endlich neue Paradigmen suchen, die einfach mehr reinhauten, aber trotzdem ähnliche Chancen auf Popularität besäßen. Gewiß würde solche Kritik nicht an der Blondheit Marilyn Monroes ansetzen, was immer etwas äußerst hinreißendes sei, eher schon an dem Beruf der Schauspielerin. Der Ruhm, der in dieser Branche zu erwerben sei, habe kaum noch das geheimnisvolle Flair wie in den früheren Zeiten, sondern sei denkerisch weitgehend erschlossen und liege nun, aufgrund der bekannten und deftigen Kritik an der Kulturindustrie, eher glanzlos da. Die Monroe sei das Symbol des seichten Unterhaltungsfilmes, und eben der Unterhaltungsfilm sei das z. B. von Adorno geprügelte Beispiel einer dekadenten und verlogenen Unterhaltungsmaschinerie. ">Erfolgreiche Filmschauspieler sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!"< sagte ich und Marcia schaute mich zweifelnd, aber durchdringend an. Sie sagte: ">Na, und was ist mit Depardieu und Philippe Noiret? Oder was ist mit den großen amerikanischen Stars, von denen doch einer berühmter ist als der andere. Zum Beispiel Arnold Schwarzenegger…"<

Ich schwieg eine Minute und sprach dann weiter: ">…oder Michelle Pfeiffer. Du hast natürlich schon recht. Aber ich bleibe dabei, daß der soziale Rang der Schauspielerei nicht mehr diesen Glanz verbreitet wie in den sechziger Jahren. Größeres Prestige und mehr öffentliche Zuwendung genießen in unseren neunziger Jahren die großen Stars der Musikszene. Was ist Noiret gegen Madonna? Was unter uns gesagt nichts daran ändert, daß Popularität als solche immer mehr in den Ruch der Dämlichkeit gerät, egal in welchem Bereich sie stattfindet. In unserer öffentlichen Welt ist der öffentliche Mensch etwas durch und durch verwerfliches geworden. Aber dennoch: wenn schon unbedingt populär sein, dann doch bitte als Musiker. Da ist wenigstens noch ein bißchen Magie, durchmischt mir Scharlatanerie und ziemlich viel Erotik, nicht wahr? Und verbringt nicht ein normaler Mensch mehr Zeit damit, Musik zu hören und darüber zu sprechen, als über Filme. Denn freilich befindet man sich häufiger in der Nähe eines Radios als im Kino. Daß kaum einer mehr in der Lage ist, geistreich über solche kulturellen Dinge zu sprechen, mit denen man doch Großteile seines Tages zubringt, beweist schon die annähernde Ausschließlichkeit, mit der die Musikkultur rezipiert wird. Es gibt inhaltliche Kinokritiken, aber kaum inhaltliche Musikkritiken. In diesem Bereich herrscht Sprachlosikgeit, was aber eben für diesen Bereich spricht. Es gibt ja kaum noch Vergleichsmöglichkeiten zwischen der populären Musik und was für anderen Dingen eigentlich? Es gibt keine Vergleiche! Die Musikindustrie in ihrer Unangreifbarkeit ist viel absoluter geworden als die Filmindustrie je war. Das mag daran liegen, daß Musik eben weit schwieriger verbal zu erfassen ist, als eine Filmhandlung. Die Zeitschriften mögen leichter Kritiker für´s Filmfeuilleton finden als fürs Musikgeschehen, also ist ihnen und damit der Kultur der Film immer noch näher. Es gibt den anarchischen und äußerst anziehenden Zustand der Wortlosigkeit in der Musikkultur. Die Jugendlichen, die durch jedes geschriebene Wort schon wieder an ihre Geißel Schule oder Ausbildung erinnert werden, lassen sich solch eine Verbalisierung und Vergeistigung, wie sie im Filmgewerbe üblich geworden ist, nicht bieten. Sie vergnügen sich lieber wortlos in der Musik und genügen sich in der gegenseitigen Versicherung, daß diese oder jene Musik echt super sei. Welche Freiräume des Gefühls in dieser simplen Versicherung! Und was braucht es auch mehr zum Ausdruck des Nicht-Allein-Seins-in-der-Welt?

Somit sei also als moderne Göttin solch eines Lebensgefühls eine schöne, natürlich hellhaarige Musikerin genommen, mit verspielten Locken und einem schönen Lächeln, Marcia."<

Der Ober kam und wir bestellten noch Wein. Marcia dehnte sich in ihrem Kleid und erzählte mir von den Schwierigkeiten, eine angemessene Kleidung zu einem angemessenen Preis zu finden, und daß Strickröcke noch immer eine gute Alternative seien, wenn man ins Theater ginge. Ja, eben bei solchen Theaterabenden wie heute habe sie einige Energie aufwenden müssen, eine gemäße Hülle zu finden. Sie lächelte durch mich hindurch an, als sie die übergeschlagenen Beine träge durchtauschte. Ich hatte große Mühe, den Faden wieder zu finden, und über dieser Mühe vergaß ich den Strickrock.

">Wenn wir nun also die künstliche Schönheit und zweifelhafte Sängerin Madonna mit Deiner Erlaubnis als das populäre Paradigma ansetzen wollen, deren Perfektion in allen Aussehensdingen uns beide entsetzt und deren Reichtum uns lächeln macht; die jetzt allgegenwärtig ist und in wenigen Jahren schon wieder ganz und gar vergessen sein wird, dann wollen wir uns instinktiv nicht nur an weniger Künstliches und weniger Befremdendes halten, sondern dann wollen wir auch was Passendes aus dem Denkerreich entnehmen, um unsere imaginäre Hochzeit perfekt zu machen, dozierte ich. Damit meine ich, logo, keine der schillernden Schriftstellerpersönlichkeiten wie Peter Handke oder Botho Strauss, sondern einen richtigen Intellektuellen, ein echts Gscheitle. Dummerweise fällt mir da im Augenblick überhaupt kein Zeitgenosse ein, sondern bloß der Claude Levi-Strauss, der allein vom Namen her bis heute ungeschlagen ist und auch sonst eine ganz zutreffende Wahl für unsere Belange sein mag. Dieser Mann ist Dir doch ein Begriff? Natürlich, wieso frage ich überhaupt? Du studierst ja Romanistik!

Im Vergleich mit Arthur Miller ist Levi-Strauss ein ganz ausgebuffter Denker aber so was von einem anderen Kaliber. Während Arthur immer noch an Vater-Sohn-Beziehungen rumknobelt, schiebt Claude schon längst mit der Gesamtheit aller dieser Konflikte die erstaunlichsten Erkenntnisse. Als Strukturalist der ersten Garde liefert er neue Wortfelder, die eine so intelligente Abstraktion ermöglichen, wie es das letzte Mal nur mit dem Aufkommen der Dialektik geschehen konnte. Tscha, und hier hätten wir ja auch gleich eine Möglichkeit der Annäherung zwischen ihm und Frau Madonna. Denn eine strukturalistische Betrachtung der Popmusik könnte uns ja solche Begriffe an die Hand geben, die wir so nötig brauchen, wenn wir dem Jugendslang entfliehen wollen: Begriffe aber, die wir noch nicht besitzen. Hier wäre eine intelligente Abstraktion, wie sie Claude Levi-Strauss in seiner ">Mythologica"< oder in ">Das wilde Denken"< vorführt, in ihrem Element. Denn abstrahierte Musik bedeutet ja zugleich eine Konkretion des Sprachlichen. Madonnas Musik könnte eine Aufwertung durch Claudes Denken erreichen und andererseits könnten all die ungenutzten neuen Wortschätze, die in Madonnas Musik liegen, endlich geborgen werden und in den ihnen zustehenden Hafen der Musik würdig einfahren."<

Die blonde Romanistikstudentin tauschte ihre übereinander geschlagenen Beine durch und ich nahm daraufhin einen unkonzentrierten Schluck Rotwein.

Schließlich sprach mein Gegenüber: ">Da hast du dich jetzt aber ganz schön in was verrannt. Aber nichtsdestoweniger habe ich dir interessiert zugehört und deine Partnervermittlungsgedanken wohlwollend geprüft. Nun sind dir aber ziemlich viele Fakten échappiert, zum Beispiel der, daß es ja nicht nur die von uns geliebte Techno-Musik gibt, zu der die Pop-Sängerin Madonna freilich nicht gehört, sondern auch noch die herkömmlichen Formen der Orchestermusik. Als ich das letzte Mal bei Freunden in Paris war, hat man mich auf ein Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter eingeladen, die dort gastierte. Und meine Begleiter hatten durchaus die passenden Worte für diese Art der Musik parat. Es gibt also längst einen rationalen Jargon der Empfindsamkeit für große Teile der Musik. Aber moderne Popmusik, die nur wenige Wochen in Mode bleibt und dann durch einen neuen moderneren Stil abgelöst wird, ist zu wechselhaft, als daß sich jedesmal ein ordentliches Wortfeld dafür herausbilden könnte. Also wenn du mich fragst, dann würde ich eher die Anne-Sophie Mutter dem Claude Levi-Strauss beigesellen, denn das wäre eine Musik, die dem strukturalistischen Denken eine adäquatere Aufgabe bereitet. Außerdem wäre unser modernes Traumpaar ein wenig zeitloser, sprich haltbarer geraten. Wenn Du schon auf die Existenz von Mythen anspielst, deren Untersuchung sich Herr Levi-Strauss zur Aufgabe gemacht hat, dann mußt Du auch diejenige Musik nehmen, deren Tradition soweit zurück reicht, daß ein Sprechen vom Mythos überhaupt gerechtfertigt ist. Und Techno-Musik als neueste Abart des Musikalischen wird kaum einen Bezug auf Mythisches erlauben."<

">Gewiß hast Du recht, was die Wahl der Frau Mutter angeht"<, sagte ich, ">aber glaubst Du nicht doch, daß sie mit ihrem realen Ehemann, einem arrivierten Prominentenanwalt, dann doch besser beraten ist, auch imagemäßig, innerhalb ihrer Weltanschauung zu verbleiben und nicht Neues aus ihrer Existenz zu schaffen? Denn die Verbindung von klassischer Musik und Intellektualismus ist denn doch inzwischen ein wenig sehr konventionell. Und außerdem möchte ich bezweifeln, daß die Phraseologie der klassischen Musikberichterstattung sehr hilfreich bei der Aufgabe ist, die Musik selbst verständlicher zu machen. Womit ich natürlich nichts gegen deine Bekannten gesagt haben will. Aber bis auf die Schriften von Adorno oder Max Weber gibt es nicht allzu viel an Gegrübel, das diese Aufgabe seriös löst. Ich halte die Umwandlung von musikalischen Gehalten in sprachliche auch in der klassischen Musik für ein äußerst schwieriges Unternehmen. Da gefällt es mir schon besser, wenn die Wirklichkeit die hohe Virtuosenkunst der Töne in die Nähe des virtuosen Gelderwerbs rückt, wie bei Anne-Sophie Mutter und ihrem angetrauten Prominentenanwalt.

Und eine Verbindung von Geld und moderner Musik würde uns wohl auch schon wieder langweilen, auch wenn sie noch so angebracht wäre. Nun denn, ich bleibe also bei meiner Synthese von blondem Gift und ausgebufftem Denken. Und in das ausgebuffte Denken hinein nehme ich die Vermutung, daß, um nochmal auf die Mythen zurückzukommen, die fortgeschrittene elektronische Musik mehr Bezug hat zur archaischen Zeit als die durchrationalisierte Orchestermusik. Die primitiven Rhythmen und Klänge unserer Ahnen sind uns in den Instinkt eingegangen und jederzeit abrufbar, während doch der Genuß eines Bachschen und Anne-Sophischen Violinkonzertes ziemlich sehr von unserer humanistischen Bildung abhängt, nicht? Madonna kann eben doch bloß von Einem richtig erkannt werden, der nicht nur ihren Augenblickserfolg liebt, sondern auch ihre freche und dreiste Art würdigt, mit christlich-moralischen und zugleich archaisch-primitiven Mythen zu spielen."<

Marcia schaute mich zweifelnd an, warf einen Blick auf die Uhr.

Ich fragte sie, ob ich sie heimbringen solle, denn es sei ja nicht mehr ganz früh. Oder ob sie noch Lust habe auf ausgedehntere Unterhaltung. Der Ober kam an unserem Tisch vorbei und sie bestellte bei ihm einen Kaffee. Ich rief ihn zurück und bestellte mir auch einen.

">Okay, Claude"< sagte meine Begleiterin nach kurzem Zögern und indem sie ihre Haare nach hinten strich, ">laß uns anschließend noch ein wenig tanzen gehen."<

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