Die kalte Entnetzung

Irgendwann konnte er seine ungeheure Konnektivität vor sich selbst nicht mehr verbergen. In vielen Netmailgesprächen mit angehenden Psychiatern, Medizinern und Müttern im Mutterschutz erörterte er seine Lage, und das Fazit war nach vielen Kontroversen dies: eigentlich sei er ja im Grunde ein Einzelgänger.

Natürlich stimmte das nicht. Daß sich gerade in den Netzen die Häßlichen, Schüchternen und Vereinsamten tummeln und ihren eigenen kleinen Vergnügungspark unterhalten, war nicht sein Problem: er dachte daran, daß er, wenn er schon die Fähigkeit habe, mit vielen Leuten zu reden, er diese ja auch gleich im wirklichen Leben ausüben könne. Und dann dachte er, der Sprung vom vollen Netmailfolder in das pralle Leben müsse nur ein marginaler sein, denn das Leben sei bunt und multimedial, und Einzelgänger fallen darüberhinaus nicht so auf.

Oder, dachte er, andersrum: er als Einzelgänger hatte im Leben mehr Möglichkeiten sich nicht mehr rechtfertigen zu müssen, als er sie im Netz hatte. Im Leben fällt man eher durch die Maschen. Ihn überfiel das große Bedürfnis, offline zu schweigen, um wieder eins mit sich zu sein. Das Leben in der großgewordenen, fehlerhaft schreibenden Öffentlichkeit hatte ihn zermürbt.

So verabschiedete er sich mit Optimismus aus allen Netzaktivitäten, welchen er über die Jahre oblegen hatte. Er gab seinen Moderatorjob in der UMLAUTE.GER auf, schrieb ein schnell hingehudeltes Schlußkapitel in seinem Fortsetzungsroman, welchen er in der AUTOREN.GER so nebenherlaufen hatte und sagte "tschüß" zu seinem Mitskribenten, - schrieb, abergläubisch, eine letzte hilfesuchende Mail an das Mausorakel, was es zu seinem Entschluß sage, und verabschiedete sich in langen, eloquenten Mails von seinen platonischen heterosexuellen Beziehungen, die er im Netz geschlossen hatte, nicht ohne in die Abschiedformel eine Wendung einzuflechten, welche atemlos auf "eventuelle wirkliche Treffen, welche nun vorstellbar wären" anspielte.

Er hielt inne und überdachte seine Haltung zum Körperlichen. In den wenigen bisherigen Treffen im wirklichen Leben hatte er oft die Feststellung gemacht (und sich auch im Gespräch der Allgemeinheit dieses Gedankens versichert), daß fast immer eine Person erscheine, deren Aussehen man vorhergeahnt hatte. Überraschungen blieben meistens aus, manchmal dachte man ein kleines Äha", wenn man die Person sah, aber oft war das bei denen, deren Mails man nicht allzu genau las, weil sie langweilig sind. Müssen Menschen mit ihrem Körper übereinstimmen oder nicht? Die Antwort war: sie müssen nicht, aber sie tun es nichtsdestoweniger. Er würde sich wohl nicht umgewöhnen müssen, wenn er nun im Leben vom Körper auf den Stil schließen würde. Die Welt würde sich zweifellos als reversibel erweisen.

Er verschickte die letzten Flames, welche nicht die übliche Schärfe hatten, - denn da war er schon sentimental.

Indes gab er sich keinen Illusionen hin (im Netzalltag werden einem bekanntlich gleich zu Anfang alle Illusionen genommen), daß man sich noch lange an seinen Namen erinnern werde. Ein Name, ein Begriff, schnell vergessen samt allen Assoziationsketten, welche er, teils mit Witz, teils mit Fleiß, daran geschmiedet hatte. "Kai Brandt" - bald würde es keine Emotionen mehr wecken, diesen Namen zu lesen, bald würde dieser Name überhaupt nicht mehr zu lesen sein, weder im Header noch in den Bodies. Er kannte das aus anderen Fällen.

Er archivierte alle Mails von ihm und an ihn und packte alle Archive mit afio auf Diskette. Dann saß er eine Weile unschlüssig vor dem blinkenden Prompt. Er bekam Angst und suchte sich nochmal alle Mails der vergangenen Jahre heraus, die er geschrieben hatte (sofern sie noch da waren). Er grepte nach "Leben", "Philosophie" und "Zukunft" und las alle die Mails, in denen er in Gedichten und Geschichten die Sinnlichkeit gefeiert hatte, das Leben als "grossen WPS-Container aller Moeglichkeiten" poetisch umschrieb (damals unter os/2), oder die "überraschend genial vernetzten Strukturen des Alltagslebens" analysiert hatte (schon unter Linux). Er hatte damit den Alltag derer gemeint, die nicht in der PHILO.GER lesen.

In einer Kurzschlußreaktion kompilierte er daraufhin den Kernel neu. Eigentlich hätte er nun abschalten können.

Die Heimat: das Betriebssystem. Motivation im Umgang mit dem Computer wird definiert als Wohlfühlen in den Landschaften hinter dem Prompt. Linux ist wie ein schäferhaftes Verdämmern des Sommers auf der Peloponnes. Die karge Landschaft voller Anspielung und Geschichte. Klassisch, antik und transparente rhetorische Technik, der Boden bereit zum Ausgraben neuer Inhalte. Spartanisch. Der Kopf fühlt die Assoziation einer Umgebung als Heimat. MS-DOS ist dagegen wie bei den Eltern wohnen; irgendwann wächst man darüber hinaus. Dann muß man die Wäsche selber waschen, und auf solche Arbeiten der Systemadministration bereitet etwa os/2 ganz gut vor. Neue Konzepte, neue Umgebung, man darf sogar den Geist benutzen. Und dann fühlt man das Angestelltsein auch dort, Abhängigkeiten machen auf sich aufmerksam. Die vollkommene Freiheit von aller Nutzanwendung und aller industriell angelegten Gehirnkontrolle: mit Linux als Freiflug auf die Peloponnes. Ein großangelegtes Abenteuer im Kopf, dessen Nähe zum Irrsinn schnell wegdefiniert würde. Allen anderen geht es ja ähnlich.

Er sah an sich hinunter. Sah seinen Körper, den Bauch, die muskellosen Schenkel. Er saß auf der Kante des Sofas, die Wirbelsäule in C-Form. Die etwas wurstigen Finger lagen auf der Tastatur, der rechte Zeigefinger auf dem j, der linke auf dem f. Bereit. Er hatte eine dicke Hornbrille auf, eine von den dicken teuren mit Eigenbeteiligung. Ja, er hatte diverse esoterische Versuche hinter sich, das Gehirn als manipulierbare Nervenmasse elektrisch durch Willen anzureizen. Er hatte gelernt, den Körper als formbares Ausgangsmaterial zu betrachten, welcher per vernünftiger Definition in die beste Ausgangslage für die wirkliche Welt gebracht werden konnte. Er müßte jetzt nur auf dem Sofa hüpfen, um die Welt als Jump-and-Run-Game zu decouvrieren, aber er wollte es ernsthaft angehen. Es würde weitergehen mit der Programmierung der Welt, der Manipulation der Wörter und der Anweisungen. Er würde seine Sinne beieinander haben.

Und er beschloß, in die Welt hinauszugehen, um fade Konnektivität gegen faktische Gegenwart zu tauschen.

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