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Poetischer Nihilismus

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Neu: Montag, 09.12.2019 (src)


Eines steht fest, sagte sich Lucien, wenn ich ein vernünftiger Mensch bleiben will, werde ich hier auch nicht einen einzigen armseligen kleinen Salon finden, in dem ich meine Abende verbringen kann.
Stendhal, Lucien Leuwen


Der ultimative Rave

Der schwarze Swinger aus schwerem Tweedstoff, den Emilia übergeworfen hatte, öffnete sich wie zufällig und gab den Blick frei auf ihren Strickrock, der sich eng um ihre Beine schmiegte, als sie am Eingang des Music-Land vor dem Türsteher zum Stehen gebracht wurde und wo sie gelangweilt eine schwarze Strähne aus der Stirn wischte.

Eigentlich
war ich es, bei dem der Wachhüne ins Zögern geriet, ob sowas der Ästhetik des Etablissements zugemutet werden könne, aber er gab sich einen Ruck, nachdem meine Zugehörigkeit zu jemanden, der die Ästhetik um jenes Niveau wieder anhob, welches bei mir verlustig zu gehen drohte, klargestellt war.

Er winkte uns durch, - nichtwissend, daß er
in seiner Bewährungsprobe bei mir philosophisch nicht durchgekommen war -, und wir, Emilia und ich, verloren uns, als die zehn Mark an der Kasse für jeden von uns abgedrückt waren, in einem langen, fast unmerklich aufsteigenden Gang, bis wir, einem wummernden monotonen Rhythmus folgend, an vielen dahingelehnten Tanzmüden vorbei, zur Garderobe gelangten. Dort entledigten wir uns der Mäntel und gaben sie einem melancholisch dreinschauenden Fräulein, das nicht den Anschein erweckte, noch lange auf die guten Stücke aufpassen zu wollen, obgleich es doch erst ein Uhr war. Emilia gab mir ein Zeichen, daß sie kurz verschwinden müsse, also trat ich allein in das Gewölbe ein, aus dem mir heiße Luft entgegenschlug und ein Lärm, den ich aber alsbald als Musik identifizierte.

Ich trat ein
und stieg hinab in ein ziemlich weitverzweigtes Labyrinth, dessen Mittelpunkt mir als ein pulsierendes Lichtgewirr erschien, worin sich eine zappelnde Menschheit gefangen fand: die Tanzfläche; alles andere ging in einem dämmernden Zwielicht unter. Im Umfeld stand eine Masse von Individualisten. Ja, daß sie es waren, war sofort ersichtlich, denn alle standen sprachlos in der Finsternis, als hätten sie sich nichts zu sagen. Sprechen war auch faktisch unmöglich im Bannkreis der hämmernden Musik.

Ich quetschte
mich durch die dichtgedrängten Leiber hin in Richtung der langen Theke; dabei ließ ich meine Blicke forschend über die versteinerten Gesichter streifen, ob nicht ein bekanntes darunter wäre; ein bisschen Grüßen wäre jetzt cool gewesen; und ich hoffte dabei inständig, über keine Fußbodenerhebung zu stolpern, denn das ist der moralische Ruin in einer Diskothek.

Hinter der Theke mixte der Barkeeper Cocktails, die "Manhattan" oder "Swimming Pool" oder "Manila Ice" hießen. Ich sah ihm etliche Minuten dabei zu, bis ich meinen Wunsch nach einem "Cuba libre" vorbringen konnte. Der war, als man ihn mir nach weiteren etlichen Minuten hinschob, giftgrün und hatte einen Trinkhalm. Ich bezahlte und schob mich wieder an den Individualisten vorbei ins Dunkel hinein.

Als ich an einer Säule
vorbeikam, von der aus sowohl der Eingang als auch die Tanzfläche zu sehen waren, lehnte ich mich dagegen und blies durch den Trinkhalm in den giftgrün leuchtenden Cuba Libre. Die Bewegungslosigkeit derer, die den zum Tanzen ausgewiesenen Bereich umstanden, brach sich kontrastreich an dem heftigen Gezappel der anderen, die sich darin aufhielten. Ich wußte nicht, wieviel Zeit seit meinem Hereinkommen verstrichen war; es konnten zehn Minuten gewesen sein oder eine dreiviertel Stunde; jedenfalls war seither Emilia nicht mehr aufgetaucht.

Da ich aber den Eingang überblickte, würde sie mir
beim Eintreten nicht entgehen. Also wendete ich meine Aufmerksamkeit mitunter der wild pogenden Menge im Lichtkreis zu, deren Dynamik durch einen absoluten Mega-Hit, den der Diskjockey im guten Gespür für die Atmosphäre aufgelegt hatte, einen zusätzlichen und neuen Schwung bekam. Es war eine Maxiversion des neuen Produktes, das eine Gruppe namens The KLF auf den Musikmarkt geworfen hatte. Ein einleitender akustischer Gimmick, der einen kauzigen Ton von seltsamen Humor ergab, brach sich und endete als stampfender Rhythmus, der nun als starres und drängelndes Zeitmaß die Herrschaft an sich riß. Dieser Rhythmus war ganz und gar präzis und maschinengesteuert und macht auch keinen Hehl um seine elektronisch-anonyme Herkunft.

Voller Stolz und
Selbstbewußtsein präsentierte ein funktionierender technischer Automatismus eine unmenschliche Ästhetik, der sich die wild tanzende Menge ohne jedes Schaudern anschloß und mit Hingabe als Herrn ihres Vergnügens achtete. Bald aber, nach einigen retardierenden Intermezzi und einem schüchtern aufkeimenden Melodieansatz, der seinerseits die Kraft des stählernen Herzschlages anerkannte und seine Wirkung ganz der größeren unterordnete, nach solchem retardierenden Geziere also, der die Gier nach einem Refrain, der alles befreien soll, ins Grenzenlose gedeihen läßt, ließ sich im elektronisch-akustischen Maschinenpark eine Frauenstimme von umwerfender Emotionalität vernehmen, welche einen Effekt erzielte, als wäre nun ein Bann gebrochen. In der Tat zappelten die Tänzer jetzt quasi völlig enthemmt im klug kalkulierten Dezibelregen.

Die Stimme der Sängerin aber sollte
nicht lange ihre süße Autonomie behalten: in wichtigen sinntragenden musikalischen Passagen, etwa in einer Verzögerung vor dem deswegen umso mehr ersehnten Refrain, wurde ihre Stimme verfremdet und als schriller langgezogener Ton in den Dienst des Rhythmus gestellt, der sich solcherart gegen die aufregende Monotonie profilieren konnte und umso stärker in Erscheinung trat. Doch immer wieder retteten sich die vocals zurück in die humane Mittellage, und dort entfalteten sie als Kontrast zum Übermächtigen eine Art von Ausdruck der seelischen Qual, die sich unmittelbar mitteilte und jeden Hörenden tief beeindrucken mußte, so wie sie mich beeindruckte.

Wie nun aber Betroffenheit nichts ist, was in
einer Discothek lange andauern würde, so blieb auch in diesem Falle nichts übrig davon, denn als ich näher auf den Text dieses Dance-Floor-Mixes hörte, in dessen Musik so aufwühlend der Kampf der technischen Welt gegen die Reste der Humanität tobte, vernahm ich die explizite Kapitulation des menschlichen Selbstbewußtseins vor der Übermacht der Zeit und des Rhythmus. Die sinnliche Stimme der Sängerin nämlich forderte im Text eine Auferstehung des Beats auf Grundlage einer archaischen Verfassung, wie sie in "Muh-Muh-Land", wohl einem satirischen Vorgriff auf den endzeitlichen Staat, noch gepflogen wurde. Dahin sollen wir zurückgehen, wo die Alten und die Gerechten noch das Sagen beziehungsweise Singen hatten. Auf nach Muh-Muh-Land.

Durch gewisse
Kniffe, die im Tonlagenwechsel und namentlich in der Wiederholung wichtiger Passagen lagen, bekam man trotzdem den unwiderleglichen Eindruck von Bedeutsamkeit, einer temporalen Allesmachbarkeit, einer verborgenen Botschaft, die dem Lied unterlegt war. Namentlich in der Wiederholung wichtiger Passagen lag ein apodiktischer Hinweis auf Bedeutsamkeit, einer verborgenen Botschaft, einer temporalen Allesmachbarkeit, die dem Lied immanent war. Ich blies etwas Luft in meinen Cuba Libre, der giftgrün phosphoreszierte.

Die TänzerInnen hatten sich indes
schon seit einiger Zeit in eine gemäßigte Trance hineingearbeitet, die eine umgreifendere Interpretation des Liedtextes von ihrer Seite aus freilich nicht mehr erlaubte. Die wenigsten der Akteure ließen sich übrigens beim Tanzen gehen. Alle hatten sich soweit im Griff, daß sie nicht aufschreckten, wenn sie von den Mitpropagandisten angerempelt wurden, was nicht selten geschah. Dies beengte Tanzen erfüllte vermutlich zwei Grundbedürfnisse in idealer Weise: jeder war mit sich allein und konnte seine autistische Vergnügung des Abhottens pflegen, andererseits ließ die Nähe von vielen, die das gleiche machten, das rationale Gefühl für Lächerlichkeit, das jeden dieser Bankangestellten, Bundeswehrzeitsoldaten und Apothekenhelferinnen (MTAs) und sonstigen Berufsinhaber für sich befallen hätte, nicht allzu stark aufkeimen.

Während viele männlichen Tänzer entweder fad
und unaufdringlich oder gleich ganz und gar unecht und exzentrisch ihrem Tun nachgingen, kriegten manche Tänzerinnen stilistisch die Kurve und blieben trotz ihrer angestrengten Aktivitäten ansehnlich.

Es ist ein Fakt, daß in weltanschaulich gefährlichen
Situationen gewisse Frauen ihre erotische Ausstrahlung wiedergewinnen, und, sei es unbewußt und aus einem reinen Gespür für die Stimmung heraus, mit einer primitiven Lust ihrer Wohlgeordnetheit entfliehen, mitten in eine unbestimmte Ambivalenz der Undeutlichkeit hinein, oder wie man dazu sagen soll.

Ich sah eine Tänzerin, welche mit
dem Rücken zu mir tanzte, gleichwohl ihre schwarzen Haare in einer Weise wirbelte und ihren Körper dynamisch verlagerte, wie es in der Nüchternheit des Alltags wohl nicht ungesetzlicher geschehen dürfte. Der Liebreiz und die Freiheit ihrer tänzerischen Handlungen brachten mich nicht nur dazu, mein Standbein auszutauschen, sondern auch dazu, bewundernd in meinen Cuba Libre hineinzublasen, welcher daraufhin giftgrün phosphoreszierte.

Mein Blick ging nicht zum Eingang des Gewölbes,
sondern blieb bei der Tänzerin, die sich im Rahmen der freien dynamischen Entfaltung drehte und wendete und nun ihre Vorderseite in meine Richtung verlagerte. Ich erkannte Emilia. Freilich konnte sie mich nicht sehen, denn ich stand ja bei den dunklen Individualisten im Umfeld.

Das Lied war zu Ende, der Diskjockey ließ
aber den Bass-Rhythmus stehen und dieser glitt hinüber in ein neues Stück Musik. Dieses war ein besonders abgefeimtes: Man hatte ein altes Edith-Piaf-Stück aus den fünfziger Jahren bearbeitet und mit einem modernen harten Zeitkonzept unterlegt. Je ne regrette rien prügelte seine Aussage mit erhöhtem Zeit- und Pulsschlag in die Zuhörer hinein. Mit schockiertem Genuß lauschte ich dieser Verfremdung und sah Emilia, die das Lied natürlich ebenfalls wiedererkannte, ihre und Ediths Bejahung des Seins tänzerisch darstellen.

Das ergriff mich in seltsamer Weise. Die
aufgesetzte, schnell erreichte Form einer echten, langsam gewonnenen Affirmation des Lebens, die das Techno-Sample des Piaf-Bekenntnisses darstellte, schien in seiner Unvereinbarkeit dennoch bestens im Tanz der schönen Romanistik-Studentin aufgehoben. Wie schön das sein konnte: die Reife der Aussage des Liedes verbunden mit der sinnlichen und körperlichen Reife des tanzenden Körpers, der wiederum in seiner Forderung an das Leben ganz dem Rhythmus anheimgegeben war. Ist es nicht so, daß dieses alte Lied erst hier in dieser neuen Form zu seiner Bestimmung gelangt? Die Aufhebung aller Widersprüche, die man im Einzelfall auf der Tanzfläche schneller erreicht als in der politischen Entwicklung?

aus: Halt durch, Fidel! (Eine Suite, Teil zwei)


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07.12.2019, aktualisiert vom Januar 2017 (src)


Eines steht fest, sagte sich Lucien, wenn ich ein vernünftiger Mensch bleiben will, werde ich hier auch nicht einen einzigen armseligen kleinen Salon finden, in dem ich meine Abende verbringen kann.
Stendhal, Lucien Leuwen


Der ultimative Rave

Der schwarze Swinger aus schwerem Tweedstoff, den Emilia übergeworfen hatte, öffnete sich wie zufällig und gab den Blick frei auf ihren Strickrock, der sich eng um ihre Beine schmiegte, als sie am Eingang des Music-Land vor dem Türsteher zum Stehen gebracht wurde und wo sie gelangweilt eine schwarze Strähne aus der Stirn wischte.

Eigentlich
war ich es, bei dem der Wachhüne ins Zögern geriet, ob sowas der Ästhetik des Etablissements zugemutet werden könne, aber er gab sich einen Ruck, nachdem meine Zugehörigkeit zu jemanden, der die Ästhetik um jenes Niveau wieder anhob, welches bei mir verlustig zu gehen drohte, klargestellt war.

Er winkte uns durch, - nichtwissend, daß er
in seiner Bewährungsprobe bei mir philosophisch nicht durchgekommen war -, und wir, Emilia und ich, verloren uns, als die zehn Mark an der Kasse für jeden von uns abgedrückt waren, in einem langen, fast unmerklich aufsteigenden Gang, bis wir, einem wummernden monotonen Rhythmus folgend, an vielen dahingelehnten Tanzmüden vorbei, zur Garderobe gelangten. Dort entledigten wir uns der Mäntel und gaben sie einem melancholisch dreinschauenden Fräulein, das nicht den Anschein erweckte, noch lange auf die guten Stücke aufpassen zu wollen, obgleich es doch erst ein Uhr war. Emilia gab mir ein Zeichen, daß sie kurz verschwinden müsse, also trat ich allein in das Gewölbe ein, aus dem mir heiße Luft entgegenschlug und ein Lärm, den ich aber alsbald als Musik identifizierte.

Ich trat ein
und stieg hinab in ein ziemlich weitverzweigtes Labyrinth, dessen Mittelpunkt mir als ein pulsierendes Lichtgewirr erschien, worin sich eine zappelnde Menschheit gefangen fand: die Tanzfläche; alles andere ging in einem dämmernden Zwielicht unter. Im Umfeld stand eine Masse von Individualisten. Ja, daß sie es waren, war sofort ersichtlich, denn alle standen sprachlos in der Finsternis, als hätten sie sich nichts zu sagen. Sprechen war auch faktisch unmöglich im Bannkreis der hämmernden Musik.

Ich quetschte
mich durch die dichtgedrängten Leiber hin in Richtung der langen Theke; dabei ließ ich meine Blicke forschend über die versteinerten Gesichter streifen, ob nicht ein bekanntes darunter wäre; ein bisschen Grüßen wäre jetzt cool gewesen; und ich hoffte dabei inständig, über keine Fußbodenerhebung zu stolpern, denn das ist der moralische Ruin in einer Diskothek.

Hinter der Theke mixte der Barkeeper Cocktails, die "Manhattan" oder "Swimming Pool" oder "Manila Ice" hießen. Ich sah ihm etliche Minuten dabei zu, bis ich meinen Wunsch nach einem "Cuba libre" vorbringen konnte. Der war, als man ihn mir nach weiteren etlichen Minuten hinschob, giftgrün und hatte einen Trinkhalm. Ich bezahlte und schob mich wieder an den Individualisten vorbei ins Dunkel hinein.

Als ich an einer Säule
vorbeikam, von der aus sowohl der Eingang als auch die Tanzfläche zu sehen waren, lehnte ich mich dagegen und blies durch den Trinkhalm in den giftgrün leuchtenden Cuba Libre. Die Bewegungslosigkeit derer, die den zum Tanzen ausgewiesenen Bereich umstanden, brach sich kontrastreich an dem heftigen Gezappel der anderen, die sich darin aufhielten. Ich wußte nicht, wieviel Zeit seit meinem Hereinkommen verstrichen war; es konnten zehn Minuten gewesen sein oder eine dreiviertel Stunde; jedenfalls war seither Emilia nicht mehr aufgetaucht.

Da ich aber den Eingang überblickte, würde sie mir
beim Eintreten nicht entgehen. Also wendete ich meine Aufmerksamkeit mitunter der wild pogenden Menge im Lichtkreis zu, deren Dynamik durch einen absoluten Mega-Hit, den der Diskjockey im guten Gespür für die Atmosphäre aufgelegt hatte, einen zusätzlichen und neuen Schwung bekam. Es war eine Maxiversion des neuen Produktes, das eine Gruppe namens The KLF auf den Musikmarkt geworfen hatte. Ein einleitender akustischer Gimmick, der einen kauzigen Ton von seltsamen Humor ergab, brach sich und endete als stampfender Rhythmus, der nun als starres und drängelndes Zeitmaß die Herrschaft an sich riß. Dieser Rhythmus war ganz und gar präzis und maschinengesteuert und macht auch keinen Hehl um seine elektronisch-anonyme Herkunft.

Voller Stolz und
Selbstbewußtsein präsentierte ein funktionierender technischer Automatismus eine unmenschliche Ästhetik, der sich die wild tanzende Menge ohne jedes Schaudern anschloß und mit Hingabe als Herrn ihres Vergnügens achtete. Bald aber, nach einigen retardierenden Intermezzi und einem schüchtern aufkeimenden Melodieansatz, der seinerseits die Kraft des stählernen Herzschlages anerkannte und seine Wirkung ganz der größeren unterordnete, nach solchem retardierenden Geziere also, der die Gier nach einem Refrain, der alles befreien soll, ins Grenzenlose gedeihen läßt, ließ sich im elektronisch-akustischen Maschinenpark eine Frauenstimme von umwerfender Emotionalität vernehmen, welche einen Effekt erzielte, als wäre nun ein Bann gebrochen. In der Tat zappelten die Tänzer jetzt quasi völlig enthemmt im klug kalkulierten Dezibelregen.

Die Stimme der Sängerin aber sollte
nicht lange ihre süße Autonomie behalten: in wichtigen sinntragenden musikalischen Passagen, etwa in einer Verzögerung vor dem deswegen umso mehr ersehnten Refrain, wurde ihre Stimme verfremdet und als schriller langgezogener Ton in den Dienst des Rhythmus gestellt, der sich solcherart gegen die aufregende Monotonie profilieren konnte und umso stärker in Erscheinung trat. Doch immer wieder retteten sich die vocals zurück in die humane Mittellage, und dort entfalteten sie als Kontrast zum Übermächtigen eine Art von Ausdruck der seelischen Qual, die sich unmittelbar mitteilte und jeden Hörenden tief beeindrucken mußte, so wie sie mich beeindruckte.

Wie nun aber Betroffenheit nichts ist, was in
einer Discothek lange andauern würde, so blieb auch in diesem Falle nichts übrig davon, denn als ich näher auf den Text dieses Dance-Floor-Mixes hörte, in dessen Musik so aufwühlend der Kampf der technischen Welt gegen die Reste der Humanität tobte, vernahm ich die explizite Kapitulation des menschlichen Selbstbewußtseins vor der Übermacht der Zeit und des Rhythmus. Die sinnliche Stimme der Sängerin nämlich forderte im Text eine Auferstehung des Beats auf Grundlage einer archaischen Verfassung, wie sie in "Muh-Muh-Land", wohl einem satirischen Vorgriff auf den endzeitlichen Staat, noch gepflogen wurde. Dahin sollen wir zurückgehen, wo die Alten und die Gerechten noch das Sagen beziehungsweise Singen hatten. Auf nach Muh-Muh-Land.

Durch gewisse
Kniffe, die im Tonlagenwechsel und namentlich in der Wiederholung wichtiger Passagen lagen, bekam man trotzdem den unwiderleglichen Eindruck von Bedeutsamkeit, einer temporalen Allesmachbarkeit, einer verborgenen Botschaft, die dem Lied unterlegt war. Namentlich in der Wiederholung wichtiger Passagen lag ein apodiktischer Hinweis auf Bedeutsamkeit, einer verborgenen Botschaft, einer temporalen Allesmachbarkeit, die dem Lied immanent war. Ich blies etwas Luft in meinen Cuba Libre, der giftgrün phosphoreszierte.

Die TänzerInnen hatten sich indes
schon seit einiger Zeit in eine gemäßigte Trance hineingearbeitet, die eine umgreifendere Interpretation des Liedtextes von ihrer Seite aus freilich nicht mehr erlaubte. Die wenigsten der Akteure ließen sich übrigens beim Tanzen gehen. Alle hatten sich soweit im Griff, daß sie nicht aufschreckten, wenn sie von den Mitpropagandisten angerempelt wurden, was nicht selten geschah. Dies beengte Tanzen erfüllte vermutlich zwei Grundbedürfnisse in idealer Weise: jeder war mit sich allein und konnte seine autistische Vergnügung des Abhottens pflegen, andererseits ließ die Nähe von vielen, die das gleiche machten, das rationale Gefühl für Lächerlichkeit, das jeden dieser Bankangestellten, Bundeswehrzeitsoldaten und Apothekenhelferinnen (MTAs) und sonstigen Berufsinhaber für sich befallen hätte, nicht allzu stark aufkeimen.

Während viele männlichen Tänzer entweder fad
und unaufdringlich oder gleich ganz und gar unecht und exzentrisch ihrem Tun nachgingen, kriegten manche Tänzerinnen stilistisch die Kurve und blieben trotz ihrer angestrengten Aktivitäten ansehnlich.

Es ist ein Fakt, daß in weltanschaulich gefährlichen
Situationen gewisse Frauen ihre erotische Ausstrahlung wiedergewinnen, und, sei es unbewußt und aus einem reinen Gespür für die Stimmung heraus, mit einer primitiven Lust ihrer Wohlgeordnetheit entfliehen, mitten in eine unbestimmte Ambivalenz der Undeutlichkeit hinein, oder wie man dazu sagen soll.

Ich sah eine Tänzerin, welche mit
dem Rücken zu mir tanzte, gleichwohl ihre schwarzen Haare in einer Weise wirbelte und ihren Körper dynamisch verlagerte, wie es in der Nüchternheit des Alltags wohl nicht ungesetzlicher geschehen dürfte. Der Liebreiz und die Freiheit ihrer tänzerischen Handlungen brachten mich nicht nur dazu, mein Standbein auszutauschen, sondern auch dazu, bewundernd in meinen Cuba Libre hineinzublasen, welcher daraufhin giftgrün phosphoreszierte.

Mein Blick ging nicht zum Eingang des Gewölbes,
sondern blieb bei der Tänzerin, die sich im Rahmen der freien dynamischen Entfaltung drehte und wendete und nun ihre Vorderseite in meine Richtung verlagerte. Ich erkannte Emilia. Freilich konnte sie mich nicht sehen, denn ich stand ja bei den dunklen Individualisten im Umfeld.

Das Lied war zu Ende, der Diskjockey ließ
aber den Bass-Rhythmus stehen und dieser glitt hinüber in ein neues Stück Musik. Dieses war ein besonders abgefeimtes: Man hatte ein altes Edith-Piaf-Stück aus den fünfziger Jahren bearbeitet und mit einem modernen harten Zeitkonzept unterlegt. Je ne regrette rien prügelte seine Aussage mit erhöhtem Zeit- und Pulsschlag in die Zuhörer hinein. Mit schockiertem Genuß lauschte ich dieser Verfremdung und sah Emilia, die das Lied natürlich ebenfalls wiedererkannte, ihre und Ediths Bejahung des Seins tänzerisch darstellen.

Das ergriff mich in seltsamer Weise. Die
aufgesetzte, schnell erreichte Form einer echten, langsam gewonnenen Affirmation des Lebens, die das Techno-Sample des Piaf-Bekenntnisses darstellte, schien in seiner Unvereinbarkeit dennoch bestens im Tanz der schönen Romanistik-Studentin aufgehoben. Wie schön das sein konnte: die Reife der Aussage des Liedes verbunden mit der sinnlichen und körperlichen Reife des tanzenden Körpers, der wiederum in seiner Forderung an das Leben ganz dem Rhythmus anheimgegeben war. Ist es nicht so, daß dieses alte Lied erst hier in dieser neuen Form zu seiner Bestimmung gelangt? Die Aufhebung aller Widersprüche, die man im Einzelfall auf der Tanzfläche schneller erreicht als in der politischen Entwicklung?

aus: Halt durch, Fidel! (Eine Suite, Teil zwei)


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07.12.2019, aktualisiert vom November 2019 (src)

Geteiltes Leid

"Professioneller Umgang"

ist immer ein perverser, weil rein sachlich finanzieller Umgang,

  • der immer abseits des menschlichen Mitgefühls agiert.

Die Perversion beginnt immer da, wo ein zeitliches und statisches Verhalten eines Dienstleisters (Staat, Industrie, Wirtschaft, Mittelstands-Clans) gilt, und das Denken sich nur auf ein mächtiges egoistisches Machtziel richtet, während das Leben insgesamt beachtet werden müßte mit mehreren Nuancen.

In der Antike und im Mittelalter gab es zu allen Zeiten die Handwerker- oder Kaufmannsfamilien, aber immer auch die Kriege und dahinter immer den Tross.

  • und die waren im Gesamtverhalten genauso schlimm wie der heutige Tross.

Kommentar eines Lesers

Diese Seite ist schlecht gewartet, und das Layout ist völlig obsolet. Eine Redaktion mit mehr als einer Person wäre wünschenswert. Aber man sieht einige gute Gedankenentscheidungen.

Immer zufrieden ist falsch zufrieden.

Drehbuchschreiber

reißt Euch mal zusammen, die Leute glauben an ihren Endgeraeten schon an Eure Welt, die sie ja im TV sehen, verdammt.

Und Ihr schreibt das zusammen, was falsche und religioese Vorurteile immer Vorschub leistet.

Es gibt immer Berufe, in denen sich die Gesellschaft spiegelt, derzeit bei Euch, Drehbuchschreiber!

Ihr wisst schon: Überwindet die Seifenwelt.

30.11.2019, aktualisiert vom November 2019 (src)

Nicht doch!

Gängige Werbung umdeuten ins Subversive.

  • TV-Spots bieten sich an (als wahre kommunistische Manifeste)
    • Müll als Rohstoff, das ist immer die Zukunft.
      • Hochkultur kommt langfristig immer aus der Gosse.

Und es liegt nahe die gängige Werbung umzudeuten.

  • Die gängigen Werbealgorithmen laufen eh immerzu ins Leere.

Was die Osterinseln ausmacht.

Das Internet ist unter der Vorherrschaft des Webs

  • kein Medium des kritischen Denkens,
    • sondern einfach nur eine Verkaufsplattform
      • von arbeitgeberfreundlichenn Produkten und der dazugehörigen konsumierenden Politik.
  • aber es gibt ja auch den IRC und die Email.

Mitteilungstrieb

"Der Trieb sich mitzuteilen muß den Menschen, der noch allein ist, gegen lebende Wesen außer ihm, vornehmlich diejenigen, die einen Laut geben, welchen er nachahmen und der nachher zum Namen dienen kann, zuerst zur Kundmachung seiner Existenz bewogen haben", Anf. d. Menschengesch. 1. Anm (VI 50f.). Vgl. Geschmacksurteil (Mitteilbarkeit des ästhetischen Zustandes an andere), Humanität

(aus: R. Eisler, Kant Lexikon)

Die Gesellschaft funktioniert sowieso immer.

Schlechtes unterstützt ja niemand,

  • kein Mensch täte das je bewusst,
    • und natürlich weiß die herstellende Industrie das auch,
      • und richtet sich danach.

Das geht sehr gut.

Das Debakel der falschen Bildersprache

Verwirrt durch Bilder in der Welt
und Bilder in der Wirrung aller Welten,
im TV,
vernarrt sich alles,
was an Eloquenz die Rettung wäre,
doch die Rhetorik fürs TV ist ebenfalls vergiftet
wie die Bilder.

Nachzudenken dem, was klar gedacht und
glücklich strukturiert
zur menschlichen Kontrolle dieser Welt
einmal glaubhaft war. Gedankenkraft und
Denkverbindlichkeit,
die keiner mehr vermißt.

Doch selbst die Bücher,
die neu geschrieben werden, Fachliteratur,
bilden wieder nur die Bilder ab der visionärn Autorn,
die als Kind im Fernsehn Flipper sahn,

und sich nun in den falschen Bildern tümmlern.

(Aus: Gedichte für Übersetzer.pdf)

12.11.2019, aktualisiert vom Juni 2017 (src)

Ironie

ist wie eine Maske, die irgendwann festklebt. Der Esprit, der in der Uneigentlichkeit der nachgeahmten und verspotteten schlechten Sprechweisen einmal lag, wird vergessen werden und zum neuen Ernst. Dies geschieht fast jedem, der sich der Ironie im frühen Lebensalter schon verschrieb. Der Ausweg aus dieser Misere liegt darin, goethisch klar zu werden, bevor man selbst zu dem wird, was man einmal ironisch brechen wollte. Die klare unaufgeregte Prosa des älteren Goethe zu imitieren ist auch nicht die letzte Philosophie, aber immerhin origineller als die Sprache der Heerscharen der Ironiker, die man derzeit allerorten hört.

Annegret Kramp-Karrenbauer als Kriegsministerin der CDU

Weit vom Schuß

Bei den Meldungen über Luftangriffe fehlen selten die Namen der Firmen, welche die Flugzeuge hergestellt haben: Focke-Wulff, Heinkel, Lancaster erscheinen dort, wo früher einmal von Kürassieren, Ulanen und Husaren die Rede war. Der Mechanismus der Reproduktion des Lebens, seiner Beherrschung und seiner Vernichtung ist unmittelbar der gleiche, und demgemäß werden Industrie, Staat und Reklame fusioniert. Die alte Übertreibung skeptischer Liberaler, der Krieg sei ein Geschäft, hat sich erfüllt: die Staatsmacht hat selbst den Schein der Unabhängigkeit vom partikularen Profitinteresse aufgegeben und stellt sich wie stets schon real, nun auch ideologisch in dessen Dienst. Jede lobende Erwähnung der Hauptfirma in der Städtezerstörung hilft ihr den guten Namen machen, um dessentwillen ihr dann die besten Aufträge beim Wiederaufbau zufallen.

Theodor Adorno - Minima Moralia, 1951

Karl Kraus, ein Zitat

Täglich Presseschau

Je größer der Stiefel, desto größer der Absatz.

Nett und arglos

Die charmantesten Menschen

die wissen, warum und wie sehr sie geliebt werden,

  • werden unweigerlich zu den Lobbyisten
    • der unympathischsten Industrien.
  • Das ist leider meistens so,
    • daß die Sympathie ins Gegenteil umschlägt,
      • das ist das Wesen des Kapitalismus,
        • denn der kann alles kaufen und tut es auch.

Du wirst es bereuen

Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; entweder du heiratest oder du heiratest nicht, du bereust beides. Lache über die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; weine über sie, du wirst es auch bereuen; lache über die Torheiten der Welt oder weine über sie, du wirst es beides bereuen; entweder du lachst oder du weinst über die Torheiten de Welt, du bereust beides. Trau einem Mädchen, du wirst es bereuen, traue ihr nicht, du wirst es auch bereuen; trau einem Mädchen oder traue ihr nicht, du wirst beides bereuen; entweder du traust einem Mädchen oder du traust ihr nicht, du wirst beides bereuen. Erhänge dich, du wirst es bereuen, erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen, erhänge dich oder erhänge dich nicht, du wirst beides bereuen; entweder du erhängst dich oder du erhängst dich nicht, du wirst beides bereuen.

Sören Kierkegaard

10. Juni 2017

Unerhört!

"Er hat die wichtigen Positionen mit ihm genehmen Leuten besetzt"

  • Zitat aus einer Honecker-Doku im TV.

    • Möge man einen Fall sagen, indem ein Mächtiger die

    Posten mit ihm kritisch entgegenstehenden Leuten besetzt hat.

Die Lehrer vom Zwecke des Daseins.

Ich mag nun mit gutem oder bösem Blicke auf die Menschen sehen, ich finde sie immer bei Einer Aufgabe, Alle und jeden Einzelnen in Sonderheit: Das zu thun, was der Erhaltung der menschlichen Gattung frommt. Und zwar wahrlich nicht aus einem Gefühl der Liebe für diese Gattung, sondern einfach, weil Nichts in ihnen älter, stärker, unerbittlicher, unüberwindlicher ist, als jener Instinct, - weil dieser Instinct eben das Wesen unserer Art und Heerde ist. Ob man schon schnell genug mit der üblichen Kurzsichtigkeit auf fünf Schritt hin seine Nächsten säuberlich in nützliche und schädliche, gute und böse Menschen auseinander zu thun pflegt, bei einer Abrechnung im Grossen, bei einem längeren Nachdenken über das Ganze wird man gegen dieses Säubern und Auseinanderthun misstrauisch und lässt es endlich sein. Auch der schädlichste Mensch ist vielleicht immer noch der allernützlichste, in Hinsicht auf die Erhaltung der Art; denn er unterhält bei sich oder, durch seine Wirkung, bei Anderen Triebe, ohne welche die Menschheit längst erschlafft oder verfault wäre. Der Hass, die Schadenfreude, die Raub- und Herrschsucht und was Alles sonst böse genannt wird: es gehört zu der erstaunlichen Oekonomie der Arterhaltung, freilich zu einer kostspieligen, verschwenderischen und im Ganzen höchst thörichten Oekonomie: - welche aber bewiesener Maassen unser Geschlecht bisher erhalten hat. Ich weiss nicht mehr, ob du, mein lieber Mitmensch und Nächster, überhaupt zu Ungunsten der Art, also "unvernünftig" und "schlecht" leben kannst; Das, was der Art hätte schaden können, ist vielleicht seit vielen Jahrtausenden schon ausgestorben und gehört jetzt zu den Dingen, die selbst bei Gott nicht mehr möglich sind. Hänge deinen besten oder deinen schlechtesten Begierden nach und vor Allem: geh' zu Grunde! - in Beidem bist du wahrscheinlich immer noch irgendwie der Förderer und Wohlthäter der Menschheit und darfst dir daraufhin deine Lobredner halten - und ebenso deine Spötter! Aber du wirst nie den finden, der dich, den Einzelnen, auch in deinem Besten ganz zu verspotten verstünde, der deine grenzenlose Fliegen- und Frosch-Armseligkeit dir so genügend, wie es sich mit der Wahrheit vertrüge, zu Gemüthe führen könnte! Ueber sich selber lachen, wie man lachen müsste, um aus der ganzen Wahrheit heraus zu lachen, - dazu hatten bisher die Besten nicht genug Wahrheitssinn und die Begabtesten viel zu wenig Genie! Es giebt vielleicht auch für das Lachen noch eine Zukunft! Dann, wenn der Satz "die Art ist Alles, Einer ist immer Keiner" - sich der Menschheit einverleibt hat und Jedem jederzeit der Zugang zu dieser letzten Befreiung und Unverantwortlichkeit offen steht. Vielleicht wird sich dann das Lachen mit der Weisheit verbündet haben, vielleicht giebt es dann nur noch "fröhliche Wissenschaft". Einstweilen ist es noch ganz anders, einstweilen ist die Komödie des Daseins sich selber noch nicht "bewusst geworden", einstweilen ist es immer noch die Zeit der Tragödie, die Zeit der Moralen und Religionen. Was bedeutet das immer neue Erscheinen jener Stifter der Moralen und Religionen, jener Urheber des Kampfes um sittliche Schätzungen, jener Lehrer der Gewissensbisse und der Religionskriege? Was bedeuten diese Helden auf dieser Bühne? Denn es waren bisher die Helden derselben, und alles Uebrige, zeitweilig allein Sichtbare und Allzunahe, hat immer nur zur Vorbereitung dieser Helden gedient, sei es als Maschinerie und Coulisse oder in der Rolle von Vertrauten und Kammerdienern. (Die Poeten zum Beispiel waren immer die Kammerdiener irgend einer Moral.)

  • Es versteht sich von selber, dass auch diese Tragöden im Interesse

der Art arbeiten, wenn sie auch glauben mögen, im Interesse Gottes und als Sendlinge Gottes zu arbeiten. Auch sie fördern das Leben der Gattung, indem sie den Glauben an das Leben fördern. "Es ist werth zu leben - so ruft ein jeder von ihnen - es hat Etwas auf sich mit diesem Leben, das Leben hat Etwas hinter sich, unter sich, nehmt euch in Acht!" Jener Trieb, welcher in den höchsten und gemeinsten Menschen gleichmässig waltet, der Trieb der Arterhaltung, bricht von Zeit zu Zeit als Vernunft und Leidenschaft des Geistes hervor; er hat dann ein glänzendes Gefolge von Gründen um sich und will mit aller Gewalt vergessen machen, dass er im Grunde Trieb, Instinct, Thorheit, Grundlosigkeit ist. Das Leben soll geliebt werden, denn Der Mensch soll sich und seinen Nächsten fördern, denn! Und wie alle diese Soll's und Denn's heissen und in Zukunft noch heissen mögen! Damit Das, was nothwendig und immer, von sich aus und ohne allen Zweck geschieht, von jetzt an auf einen Zweck hin gethan erscheine und dem Menschen als Vernunft und letztes Gebot einleuchte, - dazu tritt der ethische Lehrer auf, als der Lehrer vom Zweck des Daseins; dazu erfindet er ein zweites und anderes Dasein und hebt mittelst seiner neuen Mechanik dieses alte gemeine Dasein aus seinen alten gemeinen Angeln. Ja! er will durchaus nicht, dass wir über das Dasein lachen, noch auch über uns, - noch auch über ihn; für ihn ist Einer immer Einer, etwas Erstes und Letztes und Ungeheures, für ihn giebt es keine Art, keine Summen, keine Nullen. Wie thöricht und schwärmerisch auch seine Erfindungen und Schätzungen sein mögen, wie sehr er den Gang der Natur verkennt und ihre Bedingungen verleugnet: - und alle Ethiken waren zeither bis zu dem Grade thöricht und widernatürlich, dass an jeder von ihnen die Menschheit zu Grunde gegangen sein würde, falls sie sich der Menschheit bemächtigt hätte - immerhin! jedesmal wenn "der Held" auf die Bühne trat, wurde etwas Neues erreicht, das schauerliche Gegenstück des Lachens, jene tiefe Erschütterung vieler Einzelner bei dem Gedanken: "ja, es ist werth zu leben! ja, ich bin werth zu leben!"

  • das Leben und ich und du und wir Alle einander wurden uns wieder

einmal für einige Zeit interessant. - Es ist nicht zu leugnen, dass auf die Dauer über jeden Einzelnen dieser grossen Zwecklehrer bisher das Lachen und die Vernunft und die Natur Herr geworden ist: die kurze Tragödie gieng schliesslich immer in die ewige Komödie des Daseins über und zurück, und die "Wellen unzähligen Gelächters" - mit Aeschylus zu reden - müssen zuletzt auch über den grössten dieser Tragöden noch hinwegschlagen. Aber bei alle diesem corrigirenden Lachen ist im Ganzen doch durch diess immer neue Erscheinen jener Lehrer vom Zweck des Daseins die menschliche Natur verändert worden, - sie hat jetzt ein Bedürfniss mehr, eben das Bedürfniss nach dem immer neuen Erscheinen solcher Lehrer und Lehren vom "Zweck". Der Mensch ist allmählich zu einem phantastischen Thiere geworden, welches eine Existenz-Bedingung mehr, als jedes andere Thier, zu erfüllen hat: der Mensch muss von Zeit zu Zeit glauben, zu wissen, warum er existirt, seine Gattung kann nicht gedeihen ohne ein periodisches Zutrauen zu dem Leben! Ohne Glauben an die Vernunft im Leben! Und immer wieder wird von Zeit zu Zeit das menschliche Geschlecht decretiren: "es giebt Etwas, über das absolut nicht mehr gelacht werden darf!" Und der vorsichtigste Menschenfreund wird hinzufügen: "nicht nur das Lachen und die fröhliche Weisheit, sondern auch das Tragische mit all seiner erhabenen Unvernunft gehört unter die Mittel und Nothwendigkeiten der Arterhaltung!" - Und folglich! Folglich! Folglich! Oh versteht ihr mich, meine Brüder? Versteht ihr dieses neue Gesetz der Ebbe und Fluth? Auch wir haben unsere Zeit!

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Technische Zukunft ist technische Vergangenheit.

Gut zu wissen ist ja

dass die Zukunft der amerikanischen Startups

  • im Grunde nur die SciFi-TV-Serien der 70er und 80er Jahre
    • nun liefern.
      • Das ist ja letztlich langweilig.

Allzuviele Bilder überall

Die allzuvielen Bilder

sehen wir ständig und überall im TV und im Internet,

  • und falsch daran ist, daß wir die Bilder nicht mehr selbst erzeugen,
    • indem wir durch Sprechen oder Lesen
      • selbst imaginieren, -
        • denn nur das wären unsere eigenen Bilder,
          • an denen wir Sprache, Vernunft und Selbstbewußtsein lernen können.

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Created: 2019-12-09 Mo 20:15

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