· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

Aktionstage poetischer Nihilismus


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Nachgeschaut

  • Ja, es stimmt, der amerikanische Bürgerkrieg

    • ist nicht vorbei,
      • denn die beiderlei Zustände von Nord und Süd
        • gilt weiterhin als die Zustände von Stadt und Land,
          • und die Unterschiede zwischen den Rassen,
            • und den Unterschieden zwischen den Klassen,
          • und das wird immer noch hart ausgefochten.
    • Keine Einigung zwischen den unterschiedlichen Interessen,
      • und so tragen sie es in die Welt hinaus,
        • damit die anderen auch kein glückliches Leben mehr haben.

Eine Kritik des Diphtongs

Die Leute

-definieren sich

  • und es ist nötig für die Leute, sich ihr Leben zu erklären,
    • etwa im Beruf,
    • etwa im Hobby,
    • etwa in der Sexualität,
    • etwa in irgendeinem sonstigen Rollenspiel
  • auf irgendeine Art und sind dann erstmal nicht frei,
    • sondern nur bürgerlich etabliert,
      • oder heißt es nicht eher beugerlich?

Un éléphant, qui trompe énormément

  • Jeder Ausbruch einer Befreiungsaffektion
    • eines "arbeitenden Bürgers"
      • wird durch die Tourismusbranche längst aufgefangen.
        • aber nicht in Frankreich.

Le Mépris

  • Victoria, der Film,
    • ist überhaupt kein guter Film,
      • aber immerhin ein sehr cineastischer. (Das ist wie Musik mit besonders guten Bässen oder so.)

Medienalltag

  • Die große Öffentlichkeit
    • gewinnen die privaten Internetkonzerne aus USA
      • allein mit dem Werkzeug der Webbrowser, und das
    • kann man vermeiden und damit das Internet wieder sachlich nutzen
      • allein, indem man das Werkzeug Webbrowser nicht mehr benutzt.

Jugend ist nur ein Drama in den Medien

  • Die jungen Menschen haben freilich
    • ein Problem in der fortschreitenden Erinnerungskultur
      • der Schriftlichkeit und sogar der aufgezeichneten Visualität,
    • keine Chance, nochmal etwas neues für ihre Generation zu erfinden.
      • Es gibt schon alles, was man noch fruchtbar machen könnte.
        • Warten wir ab, wie klug die itzo sind.
  • Muß das Leben denn immer ein Drama sein?
    • Kann es kein ruhiges zufriedenes Leben an einem einsamen Strand geben?
      • Ja. Ja.
  • ARD und ZDF sind
    • zu achtzig Prozent Antiaufklärung.
      • Nur manche Wissenschaftsredaktionen gelten noch etwas, und "Die Anstalt" und "Extra 3"
        • Der Rest ist Propaganda

Der Biberpelz

Mein Wiener Dasein ist jetzt wieder reicher geworden, das ewige Sichdiewanddeslebensentlangdrücken, damit man auf dem Trottoir von keinem Trottel angesprochen wird, hat ein Ende, und jeder Tag bringt neue Abenteuer. Durch all die Jahre keine Gesellschaft, kein Theater, kein Blumenkorso - wie hält man das nur aus? Die Zufuhr der wertvollsten Eindrücke abgeschnitten; und wer weiß, wie lange der innere Proviant gereicht hätte. Selbst die Katastrophen der Saison, Komet und Jagdausstellung, schienen an diesem Zustand nichts ändern zu können. Gewiß, ich wills nicht verhehlen, ich erwartete mir einige Anregung vom Weltuntergang. Wenns aber wieder eine Niete wäre? So lebt man dahin auf dem schmalen Pfad, der von immer demselben Schreibtisch in immer dasselbe Lokal führt, wo man immer dieselben Speisen ißt und immer dieselben Menschen meidet. Froher wird man nicht dabei. Die Welt rings ist bunt, und man möchte sich doch an ihr reiben, um zu sehen, ob die Farbe heruntergeht. Man will nicht auf so viel verzichten, ohne zu erfahren, wie wenig man verliert. Nur einmal noch an der vollbesetzten Tafel sitzen, alle Rülpse der Lebensfreude wieder hören, die Schweißhand der Nächstenliebe drücken - ich träumte davon, und eine gütige Fee, wahrscheinlich jene, die den Operettenkomponisten die Lieder an der Wiege singt, hat mich erhört. Ich bin mitten drin, die Erde hat mich wieder - mein Pelz ist mir gestohlen worden!

Nichts hätte mich den Menschen näher bringen können als der Diebstahl meines Pelzes. Ich müßte jetzt schon mit den Mitteln eines Caracalla arbeiten, wenn ich mich ihres Umgangs erwehren wollte. Jetzt gibts kein Zurück mehr in die Lebensflucht, jetzt heißt es in den sauern Apfel beißen und ein Menschenfreund sein! Ich habe mich lange genug verhaßt gemacht; aber nun vergeben sie mir, was sie an mir gesündigt haben. Sie vergeben mir, sie lieben mich, sie bedauern mich, sie bewundern mich, denn es läßt sich nicht mehr verbergen, alles Leugnen hilft nichts - mein Pelz ist mir gestohlen worden! Und in einem unbewachten Augenblick hatte mich da die Geselligkeit beim Wickel. Ich lebte still und harmlos, ich war ein Privatmann, denn ich übte seit vielen Jahren eine literarische Tätigkeit aus. Ich hatte nicht gewußt, daß ich vor allem einen Pelz besaß. Ich schrieb Bücher, aber die Leute verstanden nur den Pelz. Ich brachte mich selbst zum Opfer, und die Leute meinten den Pelz. Als ich ihn nicht mehr hatte, kam die allgemeine Anerkennung. Ich habe durch den Verlust des Pelzes die Aufmerksamkeit des Publikums gerechtfertigt, die ich durch den Besitz des Pelzes erregt hatte. Im Kaffeehaus - wo es geschah - war die erste Wirkung des entdeckten Diebstahls ein chaotisches Durcheinander, worin einige bestürzte Kaffeehausgäste zu zahlen vergaßen, und in dessen Mittelpunkt ich so plötzlich geraten war, daß ich mir erst auf dem Umweg der Überlegung darüber klar werden konnte, daß ich den Pelz bestimmt nicht gestohlen hatte. Man nahm eine Haltung an, als wollte man mir die Kleider, die ich noch hatte, vom Leibe reißen, und von allen Seiten brachen Vorwürfe wegen meiner Sorglosigkeit über mich herein. Auf diese Art schien sich die Empörung über den Dieb, der sich den Folgen seiner Handlungsweise entzogen hatte, Luft zu machen, denn mich hatte man, an mich konnte man sich halten, und wenn ich mich, erschöpft von der Untersuchung des Falles, zurücklehnte, in der rechten geistigen Verfassung, um endlich eine Zeitung zu lesen - dann ging der Chor der Nebenmenschen an mir vorüber und rief: "Nein, so was!" Ich spürte den Stachel des Vorwurfs. Zu spät sah ich ein, daß man, wenn man einen Pelz hat, auch gewisse Pflichten gegen die Welt hat, und es blieb mir nichts übrig, als jetzt jene letzte Pflicht gegen die Welt zu erfüllen, die man noch hat, wenn man keinen Pelz mehr hat: die Pflicht, Rede und Antwort zu stehen. Denn wenn es in solchen Fällen schon nicht mehr möglich ist, zu erfahren, wo der Pelz hingekommen ist, so muß man dem Publikum und der Polizei wenigstens darüber Auskunft geben, wo er hergekommen ist, wieviel er gekostet hat, wieviel er heute wert ist, ob der Kragen lange oder kurze Haare hatte, und ob die Schlinge aus Tuch oder aus Leder war. Die Polizei fragt außerdem noch, ob man einen Verdacht hat. Ein Verdacht wärmt, wenn man keinen Pelz hat, und ein Verdacht, den man hat, ist nach der Ansicht der Polizei immer eine hinreichende Entschädigung für die Gewißheit, die einem abhanden gekommen ist und die sie einem nie wieder verschaffen wird. Wozu diese Einmischung durch eine Amtshandlung? Ich hatte immer geglaubt, daß sich die Polizei um die öffentliche Sittlichkeit kümmere und nicht um Angelegenheiten des Privatlebens, wie einen gestohlenen Pelz. Aber diese Neugierde! Kaum war mir der Pelz gestohlen worden, waren auch schon drei Vertreter der Polizei im Lokal, drängten sich durch die Wucherer, die meinen Tisch umstanden und ihrer Entrüstung über den Diebstahl Ausdruck gaben, und fragten mich, ob ich einen Verdacht habe. Nun war auch die Nachbarschaft auf den Beinen, denn wie ein Lauffeuer hatte sich in der Großstadt das Gerücht verbreitet, und zahlreiche Passanten, unter denen man u. a. Persönlichkeiten bemerkte, die schon von ihrer Anwesenheit bei Premieren und Erdbeben bekannt sind, wohnten der Amtshandlung bei. So taktvoll und würdig nun sich der Pelzdiebstahl vollzogen hatte, in so marktschreierischer Weise äußerte sich das Mitgefühl des Publikums. Denn während die Pelzdiebe kein Aufsehen lieben, legen die Bankdiebe den größten Wert darauf, überall bemerkt und in den Zeitungen genannt zu werden. Hier freilich hatten sie sich einmal verrechnet. Denn die Zeitungen würden auch von einem Kometen keine Notiz nehmen, wenn sein Schweif meinen Kopf berührt hätte. Aus demselben Grunde mußte ich befürchten, daß sich der Chef des Sicherheitsbureaus dieser Sache nicht so energisch annehmen werde, wie er es in Fällen gewohnt ist, wo die Aussicht auf publizistische Unterstützung ihn zu einer fieberhaften Tätigkeit spornt. Natürlich läßt sich das echte fachmännische Interesse durch solche Bedenken nicht abweisen. Während mich nun die Vertreter der Behörde um Alter, Beschäftigung und Vorstrafen befragten, sprachen einige Gäste immer wieder ihr Bedauern aus, daß sie gerade nicht hingesehen hätten, als der Pelz gestohlen wurde, und vertraten die Ansicht, daß der Dieb sich einen Augenblick gewählt haben müsse, wo er sich nicht beobachtet fühlte. Das Personal wurde mit Fragen bestürmt, aber der Zahlmarkör, der Zuträger, der Pikkolo und der Feuerbursch - sie alle hatten bloß den einen Wunsch: "Wann i nur amal so einen derwischen könnt, den derschlaget i!" Ich bat, sich in Gegenwart von Kriminalbeamten nicht zu gefährlichen Drohun-gen hinreißen zu lassen, richtete noch an diese das Ersuchen, dafür zu sorgen, daß ich nicht vorgeladen würde, weil ich ja doch nichts anderes aussagen könnte, als daß ich keinen Pelz und keinen Verdacht habe, und entzog mich den Ovationen der Menge, indem ich meinen Hut nahm, der noch da war, und mich zum Ausgang wandte, an der Kassierin vorbei, welche die Hände rang. Draußen grüßten mich die Fiaker, die sich von dern Ereignis des Tages irgendwie einen besonderen Vorteil erhofften. Einer der Polizisten aber holte mich ein und machte mir den Vorschlag, mit ihm zu gehen und das Verbrecheralbum durchzusehen. Ich lehnte diesen Vorschlag ab, weil mir jede Vergleichsmöglichkeit fehle, solange ich den Dieb meines Pelzes nicht gesehen hätte. Die Polizei solle ihn erst zur Stelle schaffen, dann wäre ich gern bereit, ihn nach der Photographie zu agnoszieren. Einer der Kellner aber behauptete plötzlich, einen Verdacht zu haben, und schien entschlossen, mitzugehen. Diese Recherche hat, wie ich später erfuhr, meiner Sache nicht wesentlich genützt, dafür aber anderweitige erfreuliche Resultate ergeben. Der Kellner soll nämlich einige frühere Stammgäste des Kaffeehauses erkannt haben, und noch nie zuvor, heißt es, sei in einer Polizeistube eine so freudige Stimmung des Wiedersehens laut geworden. Schließlich mußte man, da diese Rufe "Jessas, der Herr von Kohn!" und "Nein, der Herr von Meier!'' nicht aufhören wollten, dem braven Burschen das Bilderbuch aus der Hand reißen. Am nächsten Tag erhielt ich eine Vorladung, der ich aber nicht Folge leistete. Immer hatte ich es bisher streng zu vermeiden gewußt, daß mir etwas gestohlen würde; denn nichts fürchte ich mehr als Unannehmlichkeiten mit der Polizei. Man hat mir auch tatsächlich nie das Geringste nachweisen können. Sollte ich jetzt wegen des einen Fehltritts mir eine so peinliche Untersuchung auf den Hals laden? Nimmermehr! Ich stellte mich der Polizei nicht! Wenigstens war ich entschlossen, es nicht eher zu tun, als bis sie den Pelz hätte. Ich hoffte übrigens, daß sie den Fall vertuschen und mich ruhig meiner gewohnten Beschäftigung nachgehen lassen werde.

Als ich somit wieder ins Kaffeehaus kam und meine Leseecke aufsuchen wollte, standen einige Herren davor, die sich sonst nur für Trabrennen interessierten, aber diesmal eine Wette abgeschlossen hatten, ob ich den Pelz bekommen würde oder nicht. Die der Meinung waren, daß ich ihn bekommen werde, sagten: "Nicht wird er ihn bekommen!"; während die andern, die der Meinung waren, daß ich ihn nicht bekommen werde, ein über das andere Mal riefen. Ja wird er ihn bekommen!" So vermochte ich die beiden Gruppen zu unterscheiden, ohne doch im Meritorischen eine Entscheidung treffen zu können. Ich setzte mich nieder und hörte aus dem Billardzimmer Rufe wie: "Echter Biber, sag ich Ihnen!" "Und ich sag Ihnen, Nerz", worauf ein dritter mit einem derben "Astrachan, Ihnen gesagt!" in die Debatte fuhr. Ich ließ fragen, ob es die Herrn störe, wenn ich Zeitungen lese. Sie verneinten und gingen auf ein anderes Thema über, indem nämlich einer behauptete, sich noch an den Fall zu erinnern, wie dem alten Löw ein Pelz um tausend, sage tausend Gulden gestohlen wurde; und da ein anderer die Frage einwarf: "Welchem Löw?" und die zurechtweisende Antwort bekam: "No, der später in Konkurs gegangen ist!" fühlte ich, daß die Aufmerksamkeit von mir abgelenkt sei, und war dessen froh. Ich nahm jene Zeitung zur Hand, die seit Jahren das Publikum dadurch zu interessieren weiß, daß sie meinen Namen nicht nennt, und suchte nach einer Notiz, in der davon die Rede wäre, daß einem Privaten ein Pelz gestohlen wurde und daß einer unserer Mitarbeiter Gelegenheit hatte, mit dem in den weitesten Kreisen bekannten Dieb zu sprechen. Da trat eine fremde Dame auf mich zu, tadelte mich wegen meiner Unachtsamkeit und fragte mich, ob ich noch mit der Familie T. verkehre. Ich antwortete, daß ich mit gar niemand verkehre, und bezahlte meine Zeche. Draußen grüßten mich die Fiaker, wiesen verheißend auf ihre Wagen, und riefen etwas wie "Verkühlns Ihna nur net" hinter mir.

Noch habe ich aber nicht erzählt, wie sich am Tage nach der Tat das Wiedersehen mit meiner Bedienerin gestaltet hat. Sie war eigentlich schuld, denn sie hatte mir, weil wir gerade im strengsten Mai einen Schneefall gehabt hatten, zugeredet, den Pelz anzuziehen, der Winters über beim Kürschner in Aufbewahrung gelegen war. Ich hatte mich gesträubt, denn ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, daß bei Neuschnee die Pelzdiebe aus der Erde schießen, während die Schneeschaufler nichts zu tun bekommen, weil die Kommune die Konkurrenz des Tauwetters begünstigt. Aber wiewohl dieses schon eingetreten war, setzte die Frau ihren Willen durch, und richtig, eine halbe Stunde später war der Pelz gestohlen. Nun ist mir nichts peinlicher als Auseinandersetzungen über Dinge, die mit der Wirtschaft zusammenhängen, und so hatte ich, nachdem das Unglück geschehn war, nur die eine Sorge: Wie sage ich's meiner Bedienerin? Es gab eine lebhafte Szene, und ich bekam allerlei zu hören. Denn das Herz der Frauen hängt an irdischem Tand, und sie können sich auch von fremdem Besitz nur schwer trennen, während ich mich erleichtert fühlte, als ich bei Tauwetter ohne Pelz das Kaffeehaus verlassen konnte. Überhaupt hatte mich der Verlust des Pelzes kalt gelassen, und was mir naheging, war nur der Verlust meiner Ruhe. Daß ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, daß ich in Wien über Nacht berühmt war, und daß die Leute mit Fingern auf mich zeigten: "Dort geht er", "Kennst� ihn?" "Aber ja, Biber", "Er hat ihn effektiv nicht gekriegt" - das härmte mich, das fraß an mir wie Motten an einem Pelz, der einem nicht gestohlen wurde. Ich beschloß, die Straße zu meiden, bis ich das Gras über die Sache wachsen hörte. Aber als ich nach einer Woche mich behutsam in das Stammlokal wagte und den Weg von hinten nahm, da trat mir die Toilettenfrau entgegen und sagte: "Mir hat's furchtbar leid getan!" Da ich hineinkam, waren aller Augen auf mich und meinen Überrock gerichtet, und da ich ihn an den Kleiderstock hängte, rief's aus einem Winkel: "Aber jetzt heißt's doppelt vorsichtig sein!" und aus dein andern Winkel: "Ja, durch Schaden wird man klug." Als ein Kellner dazwischentrat und sagte: "Aber der Herr gibt ja so wie so acht", rief eine Stimme aus dem Spielzimmer: "A gebrenntes Kind fürchtet das Feuer!" Der Kellner sagte: "Wann i nur amal so einen derwischen könnt, den -" Ich zahlte sofort und nahm mir vor, das Lokal nur des Nachts zu besuchen, wenn ein anderes Publikum da wäre. Kaum hatte ich unter veränderten Umständen Platz genommen, drehte sich ein englischer Trainer zu mir herum, schob seinen Sessel vor und begann, die Arme auf die Lehne gestützt: "Einmal mir ist gestohlen ein Pferdedecke. . ." Ich sah, daß mein Erlebnis über das Mitteilungsbedürfnis der Wiener Bevölkerung hinaus dem internationalen Interesse entgegenkam. Ich fürchtete, daß hier die Hebung des Fremdenverkehrs ansetzen könnte. Ich schloß mich ein, und ich zeigte mich nicht eher, als bis mir die heiße Jahreszeit jede Gedankenverbindung mit einem Pelz auszubrennen schien. Da aber mußte ich es erleben, daß ein Mohr auf mich zutrat, der so perfekt Deutsch sprach, daß er mich fragen konnte, ob ich damals meinen Pelz wiederbekommen hätte. Ich suchte ein anderes Lokal auf - dessen Besitzer mich aber nicht nur durch seinen Gruß belästigte, sondern auch mit den Worten ansprach: "Bei uns wird Ihnen das nicht passieren!"

Ich erkannte, daß es kein Zurück mehr gab. Denn hier war ein Wiener Problem geboren. Hier war einmal eine Tatsache, die einen so plausiblen Reiz, eine so unmittelbare Popularität hatte, daß keine Rücksicht auf den Menschen, der von ihr betroffen wurde, die Leute fernhalten konnte. Hier war eine Solidarität hergestellt durch die in ihrer Einfachheit verblüffende Erkenntnis: daß das jedem von uns passieren kann! Ich war in den Ring einer Gemeinsamkeit einbezogen, die mir den Pelz bewachte, der mir gestohlen war, und die mir mit ihren Blicken das Maß für einen neuen zu nehmen schien, ohne mir ihn zu spenden. Jetzt mußte sich nur noch die Steuerbehörde für den Fall interessieren, die ja bald erhoben haben könnte, daß ich in den Verhältnissen bin, einen Pelz besessen zu haben. Ich begann den Dieb zu beneiden. Nicht weil er den Pelz hatte, sondern weil man ihm nicht draufgekommen war. Weil er auf freiem Fuße leben konnte, während es hinter mir "Aufhalten!" schrie und ich wie ein erwischter Bestohlener von der Dummheit eskortiert wurde … Ich beschloß, mich aus dem Privatleben zurückzuziehen. Mir war eine Hoffnung geblieben. Daß es mir durch die Herausgabe eines neuen Buches gelingen werde, mich den Wienern in Vergessenheit zu bringen.

Karl Kraus, Der Biberpelz

06.02.2019, aktualisiert vom Februar 2009 (src)

Die ständig neuen Dramen der immer jungen Leute.

  • Die jungen Menschen haben freilich

    • ein Problem in der fortschreitenden Erinnerungskultur (der Alten) -
      • der Schriftlichkeit und sogar der aufgezeichneten Visualität,
    • keine Chance, nochmal etwas neues für ihre Generation zu erfinden.
      • Es gibt schon alles, was man noch fruchtbar machen könnte.
        • Warten wir ab, wie klug die itzo sind.
    • Muß das Leben denn immer ein Drama sein?
      • Kann es kein ruhiges zufriedenes Leben an einem einsamen Strand geben?
        • Ja. Ja.

Konsekutive Sentenzen

Das langfristige Ziel von Backups

  • muß sein, daß man sie eines Tages verliert.
    • Nur so gibt es Fortschritt.
      • Und das kurzfristige Ziel ist daher der Verzicht
        • auf Daten, Backups, Historizität.

Die Langeweile (Ennui) muß UNESCO-Weltkulturerbe werden.

Parerga, Paralipomena und wiederum Parerga

  • Schöne Frauen gibt es überall,
    • wie kann man da nur als ein Goethe ein Rassist sein?

Evolution des Klosetts

Die Auslöschung des Gedächtnisses

  • spannend an sich, daß es sowas wie ein Gedächtnis überhaupt gibt,
    • problematisch an sich, fürwahr,
      • aber eine riesige Erkenntnisoption,
  • ist neben dem Anrichten vieler sowohl schöner als auch unschöner Geschichten
    • eine Hauptaufgabe der Menschen.
      • Es gibt da mehrere Arten:
        • Man wird alt, bis man Alzheimer und Demenz bekommt,
          • das geht ganz von allein.
        • Man schämt sich und verweigert die Erinnerung,
          • wobei das als gesellschaftlich-kriminelles Problem auch von politischen Parteien übernommen werden kann.
        • Und dann gibt es ja noch die üblichen Drogen, mit denen das zeitweise zum Wohlbefinden führt.

Der ungemütliche Alltag

  • Venezuela

    • ist also Ziel der nächste USA-Angriffe.
      • Das ist nicht besonders überraschend,
        • es folgt den Regeln der üblichen destabilisierenden Einflußnahmen
          • in ressourcenreichen Ländern,
            • immer wieder dieselbe Vorgangsweise,
    • und das geht ständig immer weiter.

Du bist unglaublich.

Die Beliebigkeit der Genialität

  • entzückt immer wieder, denn
    • die Erfreulichkeit allen Lebens
      • spricht sich in dieser benennenden Freundlichkeit zurecht aus.

Arbeitsethik

  • Immerzu arbeiten, das ist gut,
    • dann kommt man schon nicht auf Gedanken,
      • und ist daher der produktive Teil der Gesellschaft.
        • Immerzu denkend arbeiten, das gibt es allerdings auch,
          • das ist kein so wichtiger Teil der Gesellschaft.
            • Die sollten sich lieber nicht bezahlen lassen für ihr Tun.

Scheinbar und anscheinend.

' Den Erfordernissen des Lebens standzuhalten,

  • das ist die Aufgabe der Lebendigen,
    • aber wir anderen leben auch so irgendwie.
      • Der Darwinismus geht eh anscheinend von uns anderen aus.

Heute wieder auf ARTE, sehr wundervoll auch wieder.

Eric Rohmer

Viele tausend Spielfilme aus aller Herren Länder, im Kino und im TV, wird man gezwungen anzusehen im Leben, dies ist der Bereich der gelebtesten und umsatzstärksten Kultur, und unweigerlich verfeinert man sich durch Verdruß.

  • Eine falsche Lebenswelt, die ihre Strafe in sich selbst trägt.

Der, der dies alles spielend übersteht und klug wie kein anderer die Kunst des Filmemachens pflegt, er, der vollkommenes Entzücken und Freude in dieser Kunstform bewirken kann, ihm soll gedankt werden: Eric Rohmer

Die kalte Entnetzung

Irgendwann konnte er seine ungeheure Konnektivität vor sich selbst nicht mehr verbergen. In vielen Netmailgesprächen mit angehenden Psychiatern, Medizinern und Müttern im Mutterschutz erörterte er seine Lage, und das Fazit war nach vielen Kontroversen dies: eigentlich sei er ja im Grunde ein Einzelgänger.

Natürlich stimmte das nicht. Daß sich gerade in den Netzen die Häßlichen, Schüchternen und Vereinsamten tummeln und ihren eigenen kleinen Vergnügungspark unterhalten, war nicht sein Problem: er dachte daran, daß er, wenn er schon die Fähigkeit habe, mit vielen Leuten zu reden, er diese ja auch gleich im wirklichen Leben ausüben könne. Und dann dachte er, der Sprung vom vollen Netmailfolder in das pralle Leben müsse nur ein marginaler sein, denn das Leben sei bunt und multimedial, und Einzelgänger fallen darüberhinaus nicht so auf.

Oder, dachte er, andersrum: er als Einzelgänger hatte im Leben mehr Möglichkeiten sich nicht mehr rechtfertigen zu müssen, als er sie im Netz hatte. Im Leben fällt man eher durch die Maschen. Ihn überfiel das große Bedürfnis, offline zu schweigen, um wieder eins mit sich zu sein. Das Leben in der großgewordenen, fehlerhaft schreibenden Öffentlichkeit hatte ihn zermürbt.

So verabschiedete er sich mit Optimismus aus allen Netzaktivitäten, welchen er über die Jahre oblegen hatte. Er gab seinen Moderatorjob in der UMLAUTE.GER auf, schrieb ein schnell hingehudeltes Schlußkapitel in seinem Fortsetzungsroman, welchen er in der AUTOREN.GER so nebenherlaufen hatte und sagte "tschüß" zu seinem Mitskribenten, - schrieb, abergläubisch, eine letzte hilfesuchende Mail an das Mausorakel, was es zu seinem Entschluß sage, und verabschiedete sich in langen, eloquenten Mails von seinen platonischen heterosexuellen Beziehungen, die er im Netz geschlossen hatte, nicht ohne in die Abschiedformel eine Wendung einzuflechten, welche atemlos auf "eventuelle wirkliche Treffen, welche nun vorstellbar wären" anspielte.

Er hielt inne und überdachte seine Haltung zum Körperlichen. In den wenigen bisherigen Treffen im wirklichen Leben hatte er oft die Feststellung gemacht (und sich auch im Gespräch der Allgemeinheit dieses Gedankens versichert), daß fast immer eine Person erscheine, deren Aussehen man vorhergeahnt hatte. Überraschungen blieben meistens aus, manchmal dachte man ein kleines Äha", wenn man die Person sah, aber oft war das bei denen, deren Mails man nicht allzu genau las, weil sie langweilig sind. Müssen Menschen mit ihrem Körper übereinstimmen oder nicht? Die Antwort war: sie müssen nicht, aber sie tun es nichtsdestoweniger. Er würde sich wohl nicht umgewöhnen müssen, wenn er nun im Leben vom Körper auf den Stil schließen würde. Die Welt würde sich zweifellos als reversibel erweisen.

Er verschickte die letzten Flames, welche nicht die übliche Schärfe hatten, - denn da war er schon sentimental.

Indes gab er sich keinen Illusionen hin (im Netzalltag werden einem bekanntlich gleich zu Anfang alle Illusionen genommen), daß man sich noch lange an seinen Namen erinnern werde. Ein Name, ein Begriff, schnell vergessen samt allen Assoziationsketten, welche er, teils mit Witz, teils mit Fleiß, daran geschmiedet hatte. "Kai Brandt" - bald würde es keine Emotionen mehr wecken, diesen Namen zu lesen, bald würde dieser Name überhaupt nicht mehr zu lesen sein, weder im Header noch in den Bodies. Er kannte das aus anderen Fällen.

Er archivierte alle Mails von ihm und an ihn und packte alle Archive mit afio auf Diskette. Dann saß er eine Weile unschlüssig vor dem blinkenden Prompt. Er bekam Angst und suchte sich nochmal alle Mails der vergangenen Jahre heraus, die er geschrieben hatte (sofern sie noch da waren). Er grepte nach "Leben", "Philosophie" und "Zukunft" und las alle die Mails, in denen er in Gedichten und Geschichten die Sinnlichkeit gefeiert hatte, das Leben als "grossen WPS-Container aller Moeglichkeiten" poetisch umschrieb (damals unter os/2), oder die "überraschend genial vernetzten Strukturen des Alltagslebens" analysiert hatte (schon unter Linux). Er hatte damit den Alltag derer gemeint, die nicht in der PHILO.GER lesen.

In einer Kurzschlußreaktion kompilierte er daraufhin den Kernel neu. Eigentlich hätte er nun abschalten können.

Die Heimat: das Betriebssystem. Motivation im Umgang mit dem Computer wird definiert als Wohlfühlen in den Landschaften hinter dem Prompt. Linux ist wie ein schäferhaftes Verdämmern des Sommers auf der Peloponnes. Die karge Landschaft voller Anspielung und Geschichte. Klassisch, antik und transparente rhetorische Technik, der Boden bereit zum Ausgraben neuer Inhalte. Spartanisch. Der Kopf fühlt die Assoziation einer Umgebung als Heimat. MS-DOS ist dagegen wie bei den Eltern wohnen; irgendwann wächst man darüber hinaus. Dann muß man die Wäsche selber waschen, und auf solche Arbeiten der Systemadministration bereitet etwa os/2 ganz gut vor. Neue Konzepte, neue Umgebung, man darf sogar den Geist benutzen. Und dann fühlt man das Angestelltsein auch dort, Abhängigkeiten machen auf sich aufmerksam. Die vollkommene Freiheit von aller Nutzanwendung und aller industriell angelegten Gehirnkontrolle: mit Linux als Freiflug auf die Peloponnes. Ein großangelegtes Abenteuer im Kopf, dessen Nähe zum Irrsinn schnell wegdefiniert würde. Allen anderen geht es ja ähnlich.

Er sah an sich hinunter. Sah seinen Körper, den Bauch, die muskellosen Schenkel. Er saß auf der Kante des Sofas, die Wirbelsäule in C-Form. Die etwas wurstigen Finger lagen auf der Tastatur, der rechte Zeigefinger auf dem j, der linke auf dem f. Bereit. Er hatte eine dicke Hornbrille auf, eine von den dicken teuren mit Eigenbeteiligung. Ja, er hatte diverse esoterische Versuche hinter sich, das Gehirn als manipulierbare Nervenmasse elektrisch durch Willen anzureizen. Er hatte gelernt, den Körper als formbares Ausgangsmaterial zu betrachten, welcher per vernünftiger Definition in die beste Ausgangslage für die wirkliche Welt gebracht werden konnte. Er müßte jetzt nur auf dem Sofa hüpfen, um die Welt als Jump-and-Run-Game zu decouvrieren, aber er wollte es ernsthaft angehen. Es würde weitergehen mit der Programmierung der Welt, der Manipulation der Wörter und der Anweisungen. Er würde seine Sinne beieinander haben.

Und er beschloß, in die Welt hinauszugehen, um fade Konnektivität gegen faktische Gegenwart zu tauschen.

18.01.2019, aktualisiert vom August 2010 (src)

Kaum zu glauben

Es ist sehr schade um die Welt,

  • daß man sich nicht wie eine große Familie fühlt,
    • denn dann wäre alles viel freundlicher,
      • nicht wahr?
  • Aber lustigerweise sind wir ja tatsächlich eine große Familie,
    • wir Menschen,
      • hahaha. (Lachen müssen wir ja alle können.)

Der Erwählte von Thomas Mann

Garniemalen de la vie

  • gibt es Wunder,
    • denn die einzigen Wunder finden alle nur in der Sprache statt.
      • was nicht wenige sind, und außerdem
        • gibt es auch den Trickbetrug.

Die große Einbringung

Unter den bestehenden Umständen

  • passiert die Welt,
    • aber das macht ja nichts, wenn man sich einbringt,
      • denn es ist ohnehin so immerzu.
        • Der Grund für alles ist unsere Meinung, Sprache und Befinden.
          • Der Grund für alles hat allerdings nichts mit den Menschen zu tun.
            • Wir sind nur utopischer Beifang,
              • aber einige von uns bringen sich ja ein.

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Created: 2019-02-19 Di 21:31

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