· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

Poetischer Nihilismus

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Glück und Hypnose durch die Biedermeierkrise.

Die Klimakrise und eine kurze Erinnerung an Adalbert Stifters Werke

  • Biedermeierliche Zeit und die anarchische Destruktion in der Natur,
    • es gibt die Menschen, die berechenbar und gebildet sind,
      • und die Natur,
        • die wiederum von Zeit zu Zeit die Menschen tötet,
        • Ordnungen zerstört,
        • menschliche Strukturen auflöst.
          • und die das Gegenteil eines gesitteten Menschenlebens ist,
  • wird nun in unserer Lebenszeit,
    • durch die menschliche Unvernunft und das Unvermögen, sittlich und vernünftig zu denken,
      • also zu dennken,
        • zur Übermacht der Anarchie werden,
          • der der Mensch höchst selbstschuldig unterliegen wird.

Ich empfehle denen, die sie noch nicht kennen, die Lektüre des Autors Adalbert Stifter.

Vier Fünftel von den Neuigkeitsseiten

bestehen darauf, mein Interesse an meine Technik nachzuvollziehen,

  • während das ja die einzigen Inhalte sind,
    • die man immerzu in jedem Medium lernen sollte,
      • das gilt und galt auch für die früheren Printmedien ebenso
        • wie auch für unseren normalen Internet-Alltag

Gedichte für Übersetzer - Kandidatin

Die Weinkönigin

Vom Fach und Frau vom Winzerstande, ich, die Weinaffine,
weiß geflissentlich zu lächeln und auch gern laut zu lachen,
ob der Anschmiegsamkeit, die ich nicht spiele,
sondern freilich hart gelernt hab.

Leichter ist es, alle Übergriffe gern zu mögen,
zickig sein ist nicht so meins,
der Humor ist wiederum das, was mich fröhlich lachen macht,
wenn Weinbaueinkaufsverbändepräsidenten mich als Königin hoch achten.

Es geht ja immer nur darum, alles zu verwerten, was an Wertigkeit
in Qualitätsprodukten innewohnt,
die ich symbolisch bin,

mein Ehrgeiz ist, in dieser Wohlgefällikeit zu dienen,
so lang ich denn gefalle.

Wissen und Wunder

Am frühen Morgen hatte ein Tieflader den Container mitten auf den Platz gestellt.

Gegen zehn Uhr kamen einige Schulklassen, die sich mit der Sammelaktion etwas Geld fuer die Klassenkasse verdienen wollten, und schwärmten mit Leiterwagen, elterlichen Kleinbussen, ausgeliehenen Traktoren gleich wieder aus, um in diesem Industriegebiet und den sich danach anschließenden Wohnstraßen das besondere Altmaterial schnell von den Gehwegen zum Container zu schaffen, welcher dadurch der Zielpunkt aller Aktivitäten war.

Nach einer halben Stunde sind die ersten zurück und werfen ausgediente Monitore, hunderte von alten Platinen und verstaubten Computergehäusen unter lautem Getöse in den Stahlbehälter.

Bevor sich die Schüler erneut aufmachen, bestimmen sie zwei der Jungen, Neuntklässler, welche, die ohnehin nichts raffen, ein zu kleines Mädchen und einen zu fahrigen Jungen, vielleicht ficken sie ja, und es gibt was zum Erzaehlen, als Aufpasser, damit niemand in der Zwischenzeit nach vergoldeten Steckern sucht oder die Chips von den Prozessorboards stemmt oder hier bloss seinen privaten Muell dazukippt.

Die beiden klettern die zweieinhalb Meter hohen Seitenwände hinauf und lassen sich in den riesigen, viertelsgefüllten Behälter hineinfallen.

Nur eine Wand an der Längsseite hat nicht die volle Höhe, aber trotzdem noch über anderthalb Meter. Beide Wächter besitzen einen Walkman, den sie sich wie auf Kommando gleichzeitig überstülpen und anschalten.

Scheinbar ohne Rücksicht auf seine schwarze Lederjacke zu nehmen lehnt sich der Schüler an die einzige schräge, die verkürzte Wand und blinzelt nach oben in die Sonne, die jetzt schon so stark brennt, dass ihm heiss ist in seiner Jacke, die aus Leder ist. Ausziehen käme schon wegen der Torte nicht in Frage. In seinem Alter kann er es sich nicht erlauben, nicht cool zu sein.

Mehr im Stil der siebziger Jahre ist die Schülerin gekleidet. Sie hat lange Haare und eine Jacke mit langen Fransen. Sie trägt zwar ebenso Jeans wie der andere auch, aber ihre haben einen Stoffsticker aufgenäht: ein offener Mund, aus welchem eine obszön lange Zunge herausgestreckt wird.

Sie sitzt auf dem Teil des Bodens, welcher vom Müll unbedeckt ist und blickt mit verzücktem Gesichtsausdruck in den blauen Himmel, welcher sich über dem Container wölbt.

Als ihr die Wärme zu schaffen macht, zieht sie die Fransenjacke aus und krempelt die Ärmel ihres Holzfällerhemdes hoch. Obgleich es erst April ist, wirkt die Sonnenstrahlung sehr stark, und der dunkelblaue Lack auf dem Stahl, wo er noch nicht abgebeizt ist, speichert die Hitze zusätzlich.

Ab und zu läuft draussen jemand vorbei, so dass die Schritte auf dem Asphalt, die im Container widerhallen, die quäkenden Rhythmen aus den Walkmännern übertönen.

Irgendwann kommen zwei bäuerliche Traktoren mit Anhängern vorgefahren, die kurz vor der Sammelstelle heftig abgebremsen und von denen sogleich eine Meute Schüler herunterspringt. Die älteren Schüler machen derbe Späße ueber das wachende Schülerpaar.

Wieder lädt man einige Zentner Datenverarbeitungsreststoffe in den Stahlcontainer und fährt dann erneut los, um in den entfernteren Straßen die Sammeltätigkeit fortzuführen. Jetzt hat sich der eine Zurückgebliebene rittlings oben auf ein Eck gesetzt, während die andere immer noch einen freien Platz im Inneren findet.

Der Schüler fühlt sich da oben wie der Käpt'n, eine Willensanstrengung, und der ganze Kahn fährt ab in Richtung Amerika. Bloß da vorne an der Fabrik vorbei muss er sein Containerschiff lotsen und dann kommt schon freies Feld, Wiesen, Wälder, Frankreich, das große Meer und dann Amerika.

Und wenn schon Amerika, dann gleich nach Kalifornien. Da wäre die Torte sicher auch nicht dagegen. Brücke an Maschinenraum: Dampf machen!

"Hier stinkts volle Kanne" sagt das Mädchen ohne den Kopfhoerer abzunehmen und ungehört und ohnehin nicht an den Jungen gewandt, der seinerseits den Kopfhörer nicht abnehmen wird. Sie nimmt sich eine Platine von dem Haufen weg und studiert sie: große schwarze Ameisen, viereckig und mit vielen verankerten Beinen, festgewachsen in einem Feld voller buntlackierter Vergissmeinnicht.

Aber dafür sind die Ameisen groß. Sie sind mutiert und genmanipuliert. Schöner die Rückseite, wenn man die Platine umdreht, da ist ein kompliziertes Wegesystem, ein Labyrinth, wo sich der Strom nur noch gefühlsmaessig zurechtfinden kann. Der Strom, den die festgewachsenen Ameisen aussenden, um den Kontakt zu ihresgleichen nicht abbrechen zu lassen.

Sie schnippt die Leiterplatte zurück auf den Berg aus Datenschrott. Um dem üblen Geruch, der sich aus Lack-, Kunststoff- und Klebstoffdämpfen zusammensetzt, zu entgehen, klettert sie ebenfalls die Wand des Containers hoch und setzt sich oben hin, auf die entgegengesetzte Seite von derjenigen des Käptns. Es ist fast menschenleer auf dem Platz, ab und zu fahren schwere Lastkraftwagen vorbei, die von der Fabrik kommen.

Deren Lärm übertrifft zwar kaum den der Walkmanmusik, aber das Rumpeln übertraegt sich von der Strasse auf den Müllbehälter und von dort direkt in den Bauch der Bewacher.

Es scheint, dass die Hitze, der Lärm, die Verlassenheit ihrer Lage die beiden etwas benommen machen, denn obwohl sie erst seit einer dreiviertel Stunde ihr Amt ausüben, tragen sie schon alle Anzeichen der Erschöpfung.

Sie verständigen sich kurz mittels einigen Gesten, die eben diesen Sachverhalt verdeutlichen und amüsieren sich einen Moment lang über die Einigkeit ihrer negativen Gefühle. Dann ist wieder jeder mit sich selbst beschäftigt, die Cassette zu wechseln, sich irgendwie Kühlung zu verschaffen, und wieder auf die Anderen zu warten. Damit ist genug getan.

Der Käptn ist ab jetzt keiner mehr, er hat sich in Mad Max verwandelt, der ein Wüstenfort vor den in schweren, zu fahrenden Festungen umgewandelten, Bussen anrollenden Strauchdieben verteidigt. Cool ist gar kein Ausdruck, wie er sie auflaufen lässt, in Empfang nimmt mit Guns'n'Roses.

Und wenn die Riesenkampfwagen, am Bug getroffen, abdrehen und in voller Fahrt umstuerzen, spuert er es in seinem Bauch beben. Aber auch er wird schliesslich getroffen, als er eine Frau aus der Schusslinie zieht, in der Schulter, so dass er gefaehrlich viel Blut und Energie verliert.

Entkraeftet laesst er diese Vorstellung fahren und sieht seitlich hinueber zu der Torte. Diese ist anscheinend ebenfalls sehr mit sich beschaeftigt, malt geistesabwesend irgend etwas mit dem Kugelschreiber auf ihre Turnschuhe, aber trotzdem wird Ex-Mad Max es nicht wagen koennen, seine Jacke auszuziehen ohne sein Gesicht zu verlieren.

Diese Sonne macht ihn voellig kaputt. Und es ist erst Fruehling. Ueberhaupt scheint er eine Abneigung gegen den freien Himmel zu haben, gegen die "frische Luft", von der doch jeder weiss, wie wenig Frisches in ihr ist; gegen die Sonne, vor deren Strahlung selbst die Lehrer warnen.

Und dazu diese ungeordnete Akustik des Lebens im Freien. Unmotivierte Laute von Flugzeugen, Autos, Strommasten, Schritten, Stimmen. Wie haben es die Leute nur ausgehalten, als es noch keine transportable Musik gab?

Die Schuelerin schaut indessen ueber den Platz, in der Hoffnung, dass endlich etwas passiere. Sie wirft einen Schwall Haare nach hinten ueber die Schulter, um dann weiter auf ihren Turnschuh zu malen. Sie schreibt "Deep Purple" und "Pink Floyd", wobei sie die Buchstaben extra rund gestaltet und die Buchstabeninnenraeume minutioes ausmalt.

ie hat die Musik im Walkman, es ist Nirvana, laut gestellt, aber trotzdem fuehlt sie sich aeusserst ermattet. Sie schwankt und faellt beinahe ruecklings in den Reststoffsammelcontainer. Dann sammelt sie ihre Kraefte und steigt vorsichtig und langsam hinein. Unten setzt sie sich wieder auf den Boden, wobei sie die Augen schliesst und irgendwie anfaengt zu traeumen.

Es ist eher ein Fabulieren mit offenen Augen, denn zum Traeumen ist die Vierzehnjaehrige wirklich nicht aufgelegt. Dazu hat sie in ihrer Lage wirklich keinen Nerv; sie fuehlt sich viel zu schlapp. Sie denkt zwangshaft, um sich etwas abzulenken, an die Logikbausteine, die ihr es in ihrer uebergrossen Schwaerze angetan haben.

Logikbausteine, zwischen denen sich der Strom auf der Leiterbahn nur gefuehlsmaessig hin- und herbewegte, als sie ueberhaupt noch an den Stromkreislauf angeschlossen waren, so weiss sie. Komisch eigentlich, dass sich der Strom ueberhaupt an die vorgeschriebenen Wege haelt. Er wuerde doch nichts verlieren, wenn ers nicht taete. Vielleicht ist das die Logik, dass ers eben einfach tut, ohne auf die Konsequenzen zu achten.

Sie findet das sympathisch von dem Strom und ueberlegt, ob sie nicht mit ihren runden Buchstaben "Logik" auf den Turnschuh schreiben soll, wobei das o und das g natuerlich schwarz ausgefuellt werden muessten, so schwarz wie die Speicherchips selber sind. Oder so schwarz wie die Lederjacke von dem Dings da oben. Oder so schwarz, wie wenn man erst versucht in die Sonne zu blicken und dann die Augen fest zudrueckt.

Jetzt traeumt sie doch: dass sie auf dem Gras einer Wiese liegt und dass Ameisen ueber ihrem Koerper hin und her laufen. Die Ameisen sind alle viel zu gross und genmutiert, doch sie findet das lustig, dass jemand ueber sie hinweglaeuft und die Ameisen finden das auch. Dann merkt sie aber, dass die Ameisen nicht zu gross sind, sondern dass sie selbst viel zu klein ist.

Ihr Gewicht muss sie tief hinunter gedrueckt haben, so dass die Grashalme wie kahle Baeume gegen den Himmel zeigen und das Gesichtsfeld versperren. Seltsam, denkt sie, dass keine Voegel zu hoeren sind, wo doch jetzt Fruehling ist. Da ist bloss eine elektrische Gitarre und ein Schlagzeug, aber die Maenner, die sie spielen, sind mitten in ihrem Kopf. Das ist unlogisch, denkt sie.

Dann sieht sie die Vergissmeinnicht, die in Reih und Glied zwischen den Ameisen eingepflanzt sind. Als sie versucht, daran zu riechen, faehrt sie entsetzt zurueck, denn die Fruehlingsblumen riechen alt und staubig. Was soll das, denkt die Schuelerin erbittert, Blumen haben gefaelligst nach Blumen zu riechen. Aber vielleicht riechen die hier nunmal so.

Und als sie sich daran erinnern will, wie Blumen denn sonst riechen koennten, faellt es ihr nicht ein. Die muessen vielleicht bloss mit etwas elektrischem Strom gewaessert werden. Aber insgeheim glaubt sie nicht daran.

Sie wendet sich den logischen Ameisen zu, die sich gegenseitig zum Zeitvertreib knifflige Aufgaben stellen und ueber die Loesungen lachen. Denn freilich fallen ihnen sogleich die Loesungen ein. Und ueberhaupt sind sie sehr lustig.

Vielleicht wirft man sie eben deswegen in den Muellcontainer, vermutet ihre Bewacherin. Logische Bausteine haben logisch und konsequent zu sein, und wenn sie trotzdem spontan und witzig sein wollen, dann werden sie ueberfluessig und unerwuenscht.

Sie wird ganz traurig ueber das Schicksal der lustigen logischen Bauteile, doch diese wenden sich ihr zu und nennen sie Alice. Man scherzt auf binaer, und es ist alles viel froehlicher als in der Schule, so dass Alice auch schnell wieder bessere Laune bekommt. Vor allem ist sie erheitert darueber, dass sie waehrend ihres Traumes weiss, noch nie so seltsames Zeug getraeumt zu haben.

Und sie entscheidet sich dafuer, dass ihr Traeumen doch eher ein Fabulieren sein muesse.

(Doch später, als die Polizei alle vernahm, vor allem die Lehrer, wie es geschehen konnte, dass man Schüler über einen Zeitraum von mehreren Stunden solch einen Cocktail von diffundierendem Sondermüll atmen ließ, sodass man mit dauerhaften Schäden bei den beiden rechnen müsse, stellte sich heraus, dass sich niemand auch nur träumen ließ, was das bedeuten würde. Klares Ergebnis aus diesem Ereignis war schließlich, dass dies die letzte Sammlung solcher Art an dieser Schule bleiben würde.)

03.06.2019, aktualisiert vom März 2016 (src)

Das bleibt fürs Archiv.

Das Gesinde und das Gesindel

sind Begriffe für Menschen,

  • die hierzulande ständig neu ausgehandelt werden.
    • Wir nennen es nun eben Leiharbeiter und Sozialempfänger,
      • aber es ist immer der gleiche wilhelmistische Machthintergrund,
        • und die Arbeiterpartei SPD spielt immer noch für die Gutsherren mit.
  • die immerzu gleichermaßen gelten werden, solange diese politische Verfassung gilt,
    • die nicht demokratisch ist.

Das hier stimmt alles:

https://www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ

Die Vernunftsprache steht Dir gut.

  • Meinen die das ernst?
    • Aber nicht doch. Niemand meint etwas ernst.
      • Außer vielleicht die da jetzt!
        • Es ist die Vernunft.

Die Demokratie des Tenors

Mario Lanza und die Stimme der Demokratie

  • welche zweitere nicht besonders wohlklingt,
    • wohl aber seine erstere in der Bedeutung übertrifft,
      • und die Musik ist längst viel atonaler und weiter
        • als die normale Demokratie
          • ist.
  • Guter alter [[Mario Lanza][https://de.wikipedia.org/wiki/Mario_Lanza].

Der verkrachte Landschaftsarchitekt

Ich setze mich tief unter's Wasser
an eine Stelle weit stromabwärts,

geb' mich meiner Halbheit hin
im Träumen und im Planen
und im konkreten Rahmen des
von mir, dem Wasserarchitekten, klug
erdachten fließgenauen Landstriches da unten, den
ich mir auf sand'ger Fläche selbst erschuf.

Schon manchmal badete ich mich
in der Erinnerung an trockenangelegte Gärten,
sonnenzugewandt im heißen Mistral.
Das Atmen in der Luft.
Man ruhte dort auf Bänken und im sanften Schatten.

Doch setz' ich mich viel lieber unter's Wasser
an eine Stelle weit stromabwärts
und bleibe meistens wochenlang,

ohne aufzufallen.

(Aus: Gedichte für Übersetzer.pdf)

27.05.2019, aktualisiert vom November 2008 (src)

Das Fliegenpapier

Das Fliegenpapier Tangle-foot ist ungefähr sechsunddreißig Zentimeter lang und einundzwanzig Zentimeter breit; es ist mit einem gelben, vergifteten Leim bestrichen und kommt aus Kanada. Wenn sich eine Fliege darauf niederläßt – nicht besonders gierig, mehr aus Konvention, weil schon so viele andere da sind – klebt sie zuerst nur mit den äußersten, umgebogenen Gliedern aller ihrer Beinchen fest. Eine ganz leise, befremdliche Empfindung, wie wenn wir im Dunkel gingen und mit nackten Sohlen auf etwas träten, das noch nichts ist als ein weicher, warmer, unübersichtlicher Widerstand und schon etwas, in das allmählich das grauenhaft Menschliche hineinflutet, das Erkanntwerden als eine Hand, die da irgendwie liegt und uns mit fünf immer deutlicher werdenden Fingern festhält!

Dann stehen sie alle forciert aufrecht, wie Tabiker, die sich nichts anmerken lassen wollen, oder wie klapprige alte Militärs (und ein wenig o-beinig, wie wenn man auf einem scharfen Grat steht). Sie geben sich Haltung und sammeln Kraft und Überlegung. Nach wenigen Sekunden sind sie entschlossen und beginnen, was sie vermögen, zu schwirren und sich abzuheben. Sie führen diese wütende Handlung so lange durch, bis die Erschöpfung sie zum Einhalten zwingt. Es folgt eine Atempause und ein neuer Versuch. Aber die Intervalle werden immer länger. Sie stehen da, und ich fühle, wie ratlos sie sind. Von unten steigen verwirrende Dünste auf. Wie ein kleiner Hammer tastet ihre Zunge heraus. Ihr Kopf ist braun und haarig, wie aus einer Kokosnuß gemacht; wie menschenähnliche Negeridole. Sie biegen sich vor und zurück auf ihren festgeschlungenen Beinchen, beugen sich in den Knien und stemmen sich empor, wie Menschen es machen, die auf alle Weise versuchen, eine zu schwere Last zu bewegen; tragischer als Arbeiter es tun, wahrer im sportlichen Ausdruck der äußersten Anstrengung als Laokoon. Und dann kommt der immer gleich seltsame Augenblick, wo das Bedürfnis einer gegenwärtigen Sekunde über alle mächtigen Dauergefühle des Daseins siegt. Es ist der Augenblick, wo ein Kletterer wegen des Schmerzes in den Fingern freiwillig den Griff der Hand öffnet, wo ein Verirrter im Schnee sich hinlegt wie ein Kind, wo ein Verfolgter mit brennenden Flanken stehen bleibt. Sie halten sich nicht mehr mit aller Kraft ab von unten, sie sinken ein wenig ein und sind in diesem Augenblick ganz menschlich. Sofort werden sie an einer neuen Stelle gefaßt, höher oben am Bein oder hinten am Leib oder am Ende eines Flügels.

Wenn sie die seelische Erschöpfung überwunden haben und nach einer kleinen Weile den Kampf um ihr Leben wieder aufnehmen, sind sie bereits in einer ungünstigen Lage fixiert, und ihre Bewegungen werden unnatürlich. Dann liegen sie mit gestreckten Hinterbeinen auf den Ellbogen gestemmt und suchen sich zu heben. Oder sie sitzen auf der Erde, aufgebäumt, mit ausgestreckten Armen, wie Frauen, die vergeblich ihre Hände aus den Fäusten eines Mannes winden wollen. Oder sie liegen auf dem Bauch, mit Kopf und Armen voraus, wie im Lauf gefallen, und halten nur noch das Gesicht hoch. Immer aber ist der Feind bloß passiv und gewinnt bloß von ihren verzweifelten, verwirrten Augenblicken. Ein Nichts, ein Es zieht sie hinein. So langsam, daß man dem kaum zu folgen vermag, und meist mit einer jähen Beschleunigung am Ende, wenn der letzte innere Zusammenbruch über sie kommt. Sie lassen sich dann plötzlich fallen, nach vorne aufs Gesicht, über die Beine weg; oder seitlich, alle Beine von sich gestreckt; oft auch auf die Seite, mit den Beinen rückwärts rudernd. So liegen sie da. Wie gestürzte Aeroplane, die mit einem Flügel in die Luft ragen. Oder wie krepierte Pferde. Oder mit unendlichen Gebärden der Verzweiflung. Oder wie Schläfer. Noch am nächsten Tag wacht manchmal eine auf, tastet eine Weile mit einem Bein oder schwirrt mit dem Flügel. Manchmal geht solch eine Bewegung über das ganze Feld, dann sinken sie alle noch ein wenig tiefer in ihren Tod. Und nur an der Seite des Leibs, in der Gegend des Beinansatzes, haben sie irgend ein ganz kleines, flimmerndes Organ, das lebt noch lange. Es geht auf und zu, man kann es ohne Vergrößerungsglas nicht bezeichnen, es sieht wie ein winziges Menschenauge aus, das sich unaufhörlich öffnet und schließt.

Robert Musil - Das Fliegenpapier

26.05.2019, aktualisiert vom März 2017 (src)

Radelnde Hoffnungsträger

Vor zehn Jahren war alles noch anders. Doch dann setzte der stille Strukturwandel ein. Das Wort des zwanzigsten Jahrhunderts wurde plötzlich unpopulär: Erfolg. Karriere wurde unschick, ja verpönt. Die Manager hatten versagt, und keiner wollte es mehr sein. Die Reichen waren unmoralisch geworden, also blieb man lieber arm. Bilanzen wurden gefäscht, die schwarzen Zahlen wurden zu roten radiert, sonst wäre der Warenverkehr zusammengebrochen. Die öffentliche Meinung war einhellig. Vermögen war eine Schwäche, Leistungswillen wurde als Unvernunft verdächtigt.

Doch arm sein, das soziale Ziel aller, wurde schwierig. Die Firmen bangten um den Nachwuchs an der Führungsspitze. Alle studierten und bildeten sich, doch keiner wollte sein Wissen mehr verkaufen: wußte man doch, daß dies in der Korruption enden würde. Man verkaufte seine Zeit nicht mehr, man verschenkte sie,

  • doch das paßte nicht in die veralteten

Leistungsstrukturen. Man beleidigte den, den man bezahlte. Aufsteiger in den Firmen wurde sozial geächtet und ließen sich nicht mehr blicken. Headhunter wurden schon für die Besetzung von Lagerarbeiterstellen benötigt, doch das Angebot wurde je sicherer abgelehnt, je höher es wurde, und die knappbezahlten Stellen wurden schon von den Langeingessenen Mitarbeitern benutzt, da sie sonst aus ihrem Wohnviertel vertrieben worden wären.

Die Kultur änderte sich. Der Typ des Hans-Dampf-in-allen-Gassen, Intendanten, Regisseure, medienwirksame Schriftsteller, man ignorierte sie. Die Verlage begrenzten die Auflagen derjenigen Bücher, die ins Gespräch kommen sollten. Berühmte Theaterstücke durften nicht mehr öffentlich besprochen werden, weil deren Autoren dies erzwangen. Meinung wurde in dezentralisierten Medien gemacht, welche nur dann ernstgenommen wurden, wenn sie keinen Gewinn abwarfen und nichts kosteten.

Geld war in der Tat allgemein als langweilig begriffen geworden. Der Materialismus war so weit gediehen, daß man den Sinn von volkswirtschaftlichen Symbolen nicht mehr verstand. Trotzdem konnte sich das System erhalten: man setzte auf Minimierung und Understatement. Man sprach so wenig von konkreter Leistung und deren Bezahlung, wie man in den Zeiten davor nicht vom Anwenden der Moral gesprochen hatte.

Aber man sprach insgesamt viel. Die dezentralisierten Medien boten Austausch und Gesprächsmöglichkeiten für jedermann, man nutzte seine freie Zeit, dem unnennbaren Gedanken der Demokratie nachzuspüren. Allgemeine Ideen wurden von vielen ausgearbeitet und von vielen verworfen, doch wenn sie sich durchsetzten, blieb nur die Idee und nicht die Namen der Verfechter im Gedächtnis.

Es war die Zeit des Paradigmenwechsels. Aber die ersten, die den Wind der neuen Zeit spürten, hatte man schon vorher mit ihren Fahrrädern zu erotischen Streifzügen in die Bankenviertel fahren sehen.

20.05.2019, aktualisiert vom November 2009 (src)

Die Banken und die CDU.

Erstmal das zur CDU:

Der wissbegierige Autofahrer

In Vertretung aller Interessen
In der Gewolltheit sinister seiender Verfügbarkeit.
Verfügbar durch die willige Präsenz
und durch die Last des eignen Vehiküls,
verfügbar durch den Drang und des Erfahrens,
verfügbar durchs Automobil.

Nie dachte ich mich frei, hier glaubte ich
mich wissender durch diese Technik.
Es gibt den Bonus nicht, sich zu befreien,
und wenn es ihn doch gibt, dann doch nicht so,
unbedingt wohin zu fahren.

Ich wünsche mich weit dorthin, -
da im Gefühl zu sein,
wohin die anderen nur Strecke machen,

so wie ich auch dieser Tage
und auch morgen
noch.

(Wird schon wieder)

Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen-

Du! wir wollen uns tief küssen -
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

Else Lasker-Schüler

18.05.2019, aktualisiert vom November 2018 (src)

Der Zeitbetreib der Natur

Neue Lebensformen

  • sind immer ein Problem für die vorherigen Lebensweisen,
    • aber neue Leute etwa
      • sind immer schon die vorherigen Leute für die noch neueren Leute.
        • in jeder Clique
          • und jedem Staat
  • passieren notwendigerweise.

Ignoranz und Selbstvertrauen

machen Männer zu richtigen Männern.

15.05.2019, aktualisiert vom Januar 2009 (src)

Automobilbau

  • scheint nun auch eine Art Küferhandwerk zu werden
    • sehr speziell,
      • aber ein bisschen wird es schon noch geben.
        • wie bei den Küfern halt
          • und den anderen mittelalterlichen Handwerken.
15.05.2019, aktualisiert vom Oktober 2018 (src)

Du wirst es bereuen

Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; entweder du heiratest oder du heiratest nicht, du bereust beides. Lache über die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; weine über sie, du wirst es auch bereuen; lache über die Torheiten der Welt oder weine über sie, du wirst es beides bereuen; entweder du lachst oder du weinst über die Torheiten de Welt, du bereust beides. Trau einem Mädchen, du wirst es bereuen, traue ihr nicht, du wirst es auch bereuen; trau einem Mädchen oder traue ihr nicht, du wirst beides bereuen; entweder du traust einem Mädchen oder du traust ihr nicht, du wirst beides bereuen. Erhänge dich, du wirst es bereuen, erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen, erhänge dich oder erhänge dich nicht, du wirst beides bereuen; entweder du erhängst dich oder du erhängst dich nicht, du wirst beides bereuen.

Sören Kierkegaard

15.05.2019, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

Essais

Zu den Bienen wäre nachzutragen, daß man bloß einen Schwarm davon auf das Monster loszulassen braucht, und er wird Stärke und Mut genug haben, es in die Flucht zu jagen. Als kürzlich die Portugiesen die Stadt Tamly im Gebiet von Xiatima belagerten, trugen deren Bewohner eine große Menge Bienenkörbe, an denen sie reich sind, auf die Befestigungsmauern und trieben die durch Feuer angriffswütig gemachten Tiere auf die Feinde, die nun, weil sie deren Sturm und Stichen nicht standzuhalten vermochten, ihr Unternehmen abblasen mußten. So verdankte die Stadt Sieg und Freiheit dieser neuartigen Hilfstruppe, die zudem vom Kriegsglück derart begünstigt war, daß bei der Rückkehr aus dem Kampf keine einzige Biene fehlte.

Michel de Montaigne, Essais, Zweites Buch, 12. Kap.

15.05.2019, aktualisiert vom November 2005 (src)

Solange die Sprachen

der Medien, der Politik und der Leute zuhause so weit auseinanderklaffen, wie sie es tun, gibt es keine neue Diktatur. Man muß diese schweren Diskrepanzen als heilsame Kunstfertigkeit des hegelschen Weltgeistes schätzen lernen. Die tätige Dialektik in ihrem Wirken ist immer absolut.

15.05.2019, aktualisiert vom Februar 2009 (src)

Die Idee der demokratisierten Vernunft

ist verführerisch,

  • denn das Volk weiß ja am besten, was es will,
    • trotz BILD und Großkonzernen,
      • die jeweils andere Ziele verfolgen als die der Vernunft.

Der Alltag aber ist, daß die Konzerne und die BILD den Alltag unseres Lebens,

  • verändern, manipulieren und ins Gegenteil verwandeln,
    • das bestätigt ich bei allen demokratischen Wahlen erneut, und
      • wieder und wieder.

Die demokratisierte Vernunft ist im Alltag die Vernunft der schwerreichen und egoistischen "Eliten",

  • und daß denen die Welt komplett gehört,
    • ist leider die demokratisierte Vernunft.

Erkannt, als unerquicklich empfunden, abgehakt.

  • Die Armut wäre längst kein Weltproblem mehr, wenn es nicht die Schwerreichen gäbe. Die aber sind systemrelevant für unsere demokratische Welt.
15.05.2019, aktualisiert vom Juli 2014 (src)

Created: 2019-06-15 Sa 20:56

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