· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

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Barockgedicht

Ach Liebste, lass uns eilen,

Ach Liebste, lass uns eilen,
Wir haben Zeit:
Es schadet das Verweilen
Uns beiderseit.

Der edlen Schönheit Gaben
Fliehn Fuß für Fuß,
Daß alles, was wir haben,
Verschwinden muss.

Der Wangen Zier verbleichet
Das Haar wird greis,
Der Äuglein Feuer weichet,
Die Brunst wird Eis.

Das Mündlein von Korallen
Wird ungestalt,
Die Händ als Schnee verfallen,
Und du wirst alt.

Drum lass uns jetzt genießen
Der Jugend Frucht,
Eh denn wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.

Wo du dich selber liebest,
So liebe mich,
Gib mir, dass, wann du gibest
Verlier auch ich.

[[https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Opitz][Martin Opitz]]

27.01.2021, aktualisiert vom Juni 2020 (src)

Gegem den Strich

Die Welt ohne Friseure

Ich sehe die verwilderten Menschen
mit ihren wirren Haaren
huschen durch die Welt mit dieser Scham
die Haare nicht mehr schön zu haben,
das ist ein allgemeiner Gramm.

Doch mir gefallen alle Scheitelträger
ohne Scheitel sehr
und die Barbarellas sowieso
sie sehen aus wie nimmer mehr
sie wollten.

Die vielen Haare
erinnern mich an Jahre,
als die Jungen nicht mehr alt sein wollten.

Und das ist wieder so.

Und meine Träume sind wie Diebe

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer -
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr -
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Max Herrmann-Neisse

25.01.2021, aktualisiert vom März 2017 (src)

Auch die wunderbare Zaz

singt jetzt Paris-Lieder und ist ganz staatstragend.

  • Bis hierher war sie sehr wunderbar.
    • Es ist ein bisschen mit ihr wie mit Patricia Kaas oder Edith Piaf,
      • sie werden in Frankreich genauso vereinnahmt wie hier die doofen nationalen Stars.
25.01.2021, aktualisiert vom Februar 2015 (src)

Über die Wahrheit der Liebe

Zu Mersburg bei Konstanz lebte gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein ehrlicher Bursch, Heinz Klöpfgeißel geheißen, und Faßbinder seines Zeichens, von guter Gestalt und Gesundheit. Er stand in inniger Wechselneigung mit einem Mädchen, Bärbel, der einzigen Tochter eines verwitweten Glöckners, und wollte sie ehelichen, doch stieß des Pärchens Wunsch auf väterlichen Widerstand, denn Klöpfgeißel war ein armer Kerl, und der Glöckner forderte erst eine stattliche Lebensstellung von ihm, daß er Meister würde in seinem Gewerbe, bevor er ihm seine Tochter gäbe. Die Neigung der jungen Leute aber war stärker gewesen als ihre Geduld, und aus dem Pärchen war vor der Zeit schon ein Paar geworden. Denn nächtlich, wenn der Glöckner glöckeln gegangen war, stieg Klöpfgeißel ein bei Bärbel, und ihre Umarmungen ließen das eine dem andern als das herrlichste Wesen auf Erden erscheinen.

So standen die Dinge, als eines Tages der Faßbinder sich mit anderen munteren Gesellen nach Konstanz begab, wo Kirchweih war und wo sie einen guten Tag hatten, so daß sie am Abend der Haber stach und sie beschlossen, in eine Schlupfbude zu Weibern zu gehen. Nach Klöpfgeißels Sinn war es nicht, er wollte nicht mithalten. Aber die Burschen verhöhnten ihn als einen Zümpferling und setzten ihm zu mit ehrrührigen Spottreden, ob es am Ende mit ihm nicht das Rechte und er gar nicht auf dem Posten sei; und da er dies nicht ertrug, dazu auch des Starkbiers sowenig geschont hatte wie die anderen, so ließ er sich breitschlagen, sagte "Hoho, das weiß ich anders" und stieg mit der Bande ins Zatzenstift.

Hier begab es sich, daß er eine arge Beschämung erlitt, so, daß er nicht wußte, welch Gesicht zu sich selber machen. Denn wider alles Erwarten war es bei der Schlumpe, einem ungarischen Weibe, ganz und gar nichts Rechtes mit ihm, und ganz und gar nicht war er bei ihr auf dem Posten, worüber sein Ärger unmäßig war und auch sein Schrecken. Denn das Mensch lachte ihn nicht nur aus, sondern schüttelte auch bedenklich den Kopf und meinte, da müsse was stinken und nicht geheuer sein; ein Bursche von seinem Bau, dem´s plötzlich nicht mehr gelänge, der sei des Teufels Märtyrer, dem müsse man es gekocht haben, - und was solcher Reden noch mehr waren. Er schenkte ihr viel, damit sie es seinen Kumpanen nicht sagte, und kehrte niedergeschlagen nach Hause zurück.

Sobald wie möglich, wenn auch nicht ohne Besorgnis, gab er sich mit seiner Bärbel ein Stelldichein, und während der Glöckner glöckelte, hatten sie miteinander die wohlgeratenste Stunde. So fand er seine Jungmannsehre wiederhergestellt und hätte vergnügt sein können. Denn außer der Ersten und Einen war ihm an keiner gelegen, und warum sollte ihm also an sich viel gelegen sein, außer bei ihr? Aber eine Unruhe war seit jenem Fehlschlag in seiner Seele zurückgeblieben, und es bohrte in ihm, daß er sich auf die Probe stelle und einmal, wenn auch dann niemals wieder, der Herzallerliebsten ein Schnippchen schlüge. Darum lugte er heimlich nach einer Gelegenheit aus, sich zu versuchen, sich und auch sie; denn er konnte kein Mißtrauen hegen gegen sich selbst, ohne daß es als leiser, zwar zärtlicher, aber banger Verdacht zurückgegangen wäre auf die, an der seine Seele hing.

Nun fügte es sich, daß er im Keller des Weinwirts, eines kränkelnden Wanstes, die gelockerten Reifen zweier Fässer an den Dauben festzuschlagen bestellt war, und des Wirtes Weib, ein noch rösches Frauenzimmer, mit hinabstieg und ihm bei der Arbeit zusah. Da streichelte sie ihm den Arm und legte den ihren daran zum Vergleich und machte ihm solche Mienen, daß er ihr unmöglich abschlagen konnte, was zu leisten sein Fleisch bei aller Willigkeit des Geistes denn doch gänzlich gehindert war, so daß er ihr sagen mußte, es tanzerte ihn nicht, und er habe es eilig, und gewiß komme gleich ihr Mann die Treppe herunter, und Fersengeld gab, indem er der verbittert Hohnlachenden schuldig blieb, was kein rüstiger Bursche schuldig bleibt.

Er war tief verwundet, irregemacht an sich selbst und nicht nur an sich; denn der Verdacht, der sich schon nach dem ersten Mißgeschick in seine Seele geschlichen, besaß ihn nun ganz, und daß er des Teufels Märtyrer sei, litt für ihn keinen Zweifel mehr. Darum, weil das Heil einer armen Seele und seines Fleisches Ehre dazu auf dem Spiele standen, ging er zum Pfaffen und sagte ihm alles durchs Gitter ins Ohr: daß es mit ihm spuke, und daß er´s nicht vermöchte, sondern gehindert sei, ausgenommen bei einer einzigen, und wie das zugehen möge, und ob die Religion gegen eine solche Unbilde nicht mütterliche Abhilfe wisse.

Nun war aber damals und dazulande die Pest des Hexenwesens nebst vielen einschlägigen Leichtfertigkeiten, Sünden und Lastern durch Anstiftung des Feindes des menschlichen Geschlechtes und zur Beleidigung göttlicher Majestät in arger Ausbreitung begriffen, und strenge Wachsamkeit war den Seelenhirten zur Pflicht gemacht worden. Der Pfaffe, dem diese Kategorie des Unwesens, daß Männer an ihrer besten Kraft waren verzaubert worden, nur allzu bekannt war, ging mit Klöpfgeißels Beichte an höhere Stelle, das Glöcknerskind wurde eingezogen, vernommen und gestand wahr und wahrhaftig, sie habe, in Herzensangst um die Treue des Jungen, damit er nicht anderweitig ihr möchte ausgespannt werden, bevor er vor Gott und den Menschen der Ihre geworden, von einer Vettel, Badefrau von Gewerb, ein Specificum angenommen, eine Salbe, angeblich aus dem Fett eines ungetauft verstorbenen Kindes hergestellt, mit der sie, um sich seiner nur fest zu versichern, ihrem Heinz bei der Umarmung heimlich und in bestimmter Figur den Rücken gesalbt habe. Nun ward auch das Badeweib inquiriert, das zähe leugnete. Sie mußte der weltlichen Behörde überstellt werden mit der Anheimgabe von Befragungsmitteln, die der Kirche nicht anstanden; und unter einigem Druck kam denn an den Tag, was man hatte erwarten müssen: daß die Vettel in der Tat eine Abrede mit dem Teufel hatte, der ihr in Gestalt eines bocksfüßigen Mönches erschienen war und sie beredet hatte, die göttlichen Personen auf den christlichen Glauben mit greulichen Schmähreden zu verleugnen, wogegen er sie mit Anweisungen zur Herstellung nicht nur jener Liebessalbe, sondern auch noch anderer Schand-Panazeen versehen hatte, darunter eines Fettes, mit dem bestrichen jedes Holz sich mit dem Adepten flugs in die Lüfte erhob. Die Umständlichkeiten, durch die der Böse seinen Pakt mit der Alten besiegelt hatte, kamen nur stückweise, unter wiederholtem Druck, zum Vorschein und waren haarsträubend.

Für die nur mittelbar Verführte hing alles nunmehr davon ab, wie weit ihr eigenes Seelenheil durch die Annahme und den Gebrauch des verworfenen Präparates in Mitleidenschaft gezogen war. Zum Unglück des Glöcknerkindes legte die Alte nieder, daß der Drache ihr aufgegeben hatte, recht viele Proselyten zu machen, denn für jedes Menschenkind, das sie ihm zuführe, indem sie es zum Gebrauch seiner Gaben verleite, wolle er sie gegen das ewige Feuer etwas fester machen, so daß sie nach fleißiger Zutreibe-Arbeit mit einem asbestenem Panzer gegen die Flammen der Hölle gewappnet sein werde. - Dies brach Bärbeln den Hals. Die Notwendigkeit, ihre Seele vor ewigem Verderben zu retten, sie durch Darangabe des Leibes den Klauen des Teufels zu entreißen, lag auf der Hand. Und da überdies, einreißender Verderbnis wegen, ein Exemplum zu statuieren bitter notwendig war, so wurden an benachbarten Pfählen auf öffentlichem Platze zwei Hexen eingeäschert, die alte und die junge. Heinz Klöpfgeißel, der Verzauberte, stand entblößten Hauptes und Gebete murmelnd in der Zuschauermenge. Die vom Rauche erstickten und und heiser verfremdeten Schreie seiner Geliebten erschienen ihm als die Stimme des Dämons, der widerwillig krächzend aus ihr fuhr. Von Stund an war die ihm angetane schnöde Beschränkung behoben, denn nicht sobald war seine Liebe verkohlt, als ihm die sündlich entwendete freie Verfügung über seine Männlichkeit zurückgegeben war. -

Aus: Thomas Mann, Doktor Faustus

18.01.2021, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler

17.01.2021, aktualisiert vom November 2020 (src)

Die Sprache

Worte sind der Seele Bild -
Nicht ein Bild! sie sind ein Schatten!
Sagen herbe, deuten mild,
Was wir haben, was wir hatten. -
Was wir hatten, wo ist's hin?
Und was ist's denn, was wir haben? -
Nun, wir sprechen! Rasch im Fliehn
Haschen wir des Lebens Gaben.

J. W. v. Goethe, Aussicht, 16. August 1815

13.01.2021, aktualisiert vom Juni 2005 (src)

Die Lehrer vom Zwecke des Daseins.

Ich mag nun mit gutem oder bösem Blicke auf die Menschen sehen, ich finde sie immer bei Einer Aufgabe, Alle und jeden Einzelnen in Sonderheit: Das zu thun, was der Erhaltung der menschlichen Gattung frommt. Und zwar wahrlich nicht aus einem Gefühl der Liebe für diese Gattung, sondern einfach, weil Nichts in ihnen älter, stärker, unerbittlicher, unüberwindlicher ist, als jener Instinct, - weil dieser Instinct eben das Wesen unserer Art und Heerde ist. Ob man schon schnell genug mit der üblichen Kurzsichtigkeit auf fünf Schritt hin seine Nächsten säuberlich in nützliche und schädliche, gute und böse Menschen auseinander zu thun pflegt, bei einer Abrechnung im Grossen, bei einem längeren Nachdenken über das Ganze wird man gegen dieses Säubern und Auseinanderthun misstrauisch und lässt es endlich sein. Auch der schädlichste Mensch ist vielleicht immer noch der allernützlichste, in Hinsicht auf die Erhaltung der Art; denn er unterhält bei sich oder, durch seine Wirkung, bei Anderen Triebe, ohne welche die Menschheit längst erschlafft oder verfault wäre. Der Hass, die Schadenfreude, die Raub- und Herrschsucht und was Alles sonst böse genannt wird: es gehört zu der erstaunlichen Oekonomie der Arterhaltung, freilich zu einer kostspieligen, verschwenderischen und im Ganzen höchst thörichten Oekonomie: - welche aber bewiesener Maassen unser Geschlecht bisher erhalten hat. Ich weiss nicht mehr, ob du, mein lieber Mitmensch und Nächster, überhaupt zu Ungunsten der Art, also "unvernünftig" und "schlecht" leben kannst; Das, was der Art hätte schaden können, ist vielleicht seit vielen Jahrtausenden schon ausgestorben und gehört jetzt zu den Dingen, die selbst bei Gott nicht mehr möglich sind. Hänge deinen besten oder deinen schlechtesten Begierden nach und vor Allem: geh' zu Grunde! - in Beidem bist du wahrscheinlich immer noch irgendwie der Förderer und Wohlthäter der Menschheit und darfst dir daraufhin deine Lobredner halten - und ebenso deine Spötter! Aber du wirst nie den finden, der dich, den Einzelnen, auch in deinem Besten ganz zu verspotten verstünde, der deine grenzenlose Fliegen- und Frosch-Armseligkeit dir so genügend, wie es sich mit der Wahrheit vertrüge, zu Gemüthe führen könnte! Ueber sich selber lachen, wie man lachen müsste, um aus der ganzen Wahrheit heraus zu lachen, - dazu hatten bisher die Besten nicht genug Wahrheitssinn und die Begabtesten viel zu wenig Genie! Es giebt vielleicht auch für das Lachen noch eine Zukunft! Dann, wenn der Satz "die Art ist Alles, Einer ist immer Keiner" - sich der Menschheit einverleibt hat und Jedem jederzeit der Zugang zu dieser letzten Befreiung und Unverantwortlichkeit offen steht. Vielleicht wird sich dann das Lachen mit der Weisheit verbündet haben, vielleicht giebt es dann nur noch "fröhliche Wissenschaft". Einstweilen ist es noch ganz anders, einstweilen ist die Komödie des Daseins sich selber noch nicht "bewusst geworden", einstweilen ist es immer noch die Zeit der Tragödie, die Zeit der Moralen und Religionen. Was bedeutet das immer neue Erscheinen jener Stifter der Moralen und Religionen, jener Urheber des Kampfes um sittliche Schätzungen, jener Lehrer der Gewissensbisse und der Religionskriege? Was bedeuten diese Helden auf dieser Bühne? Denn es waren bisher die Helden derselben, und alles Uebrige, zeitweilig allein Sichtbare und Allzunahe, hat immer nur zur Vorbereitung dieser Helden gedient, sei es als Maschinerie und Coulisse oder in der Rolle von Vertrauten und Kammerdienern. (Die Poeten zum Beispiel waren immer die Kammerdiener irgend einer Moral.)

  • Es versteht sich von selber, dass auch diese Tragöden im Interesse

der Art arbeiten, wenn sie auch glauben mögen, im Interesse Gottes und als Sendlinge Gottes zu arbeiten. Auch sie fördern das Leben der Gattung, indem sie den Glauben an das Leben fördern. "Es ist werth zu leben - so ruft ein jeder von ihnen - es hat Etwas auf sich mit diesem Leben, das Leben hat Etwas hinter sich, unter sich, nehmt euch in Acht!" Jener Trieb, welcher in den höchsten und gemeinsten Menschen gleichmässig waltet, der Trieb der Arterhaltung, bricht von Zeit zu Zeit als Vernunft und Leidenschaft des Geistes hervor; er hat dann ein glänzendes Gefolge von Gründen um sich und will mit aller Gewalt vergessen machen, dass er im Grunde Trieb, Instinct, Thorheit, Grundlosigkeit ist. Das Leben soll geliebt werden, denn Der Mensch soll sich und seinen Nächsten fördern, denn! Und wie alle diese Soll's und Denn's heissen und in Zukunft noch heissen mögen! Damit Das, was nothwendig und immer, von sich aus und ohne allen Zweck geschieht, von jetzt an auf einen Zweck hin gethan erscheine und dem Menschen als Vernunft und letztes Gebot einleuchte, - dazu tritt der ethische Lehrer auf, als der Lehrer vom Zweck des Daseins; dazu erfindet er ein zweites und anderes Dasein und hebt mittelst seiner neuen Mechanik dieses alte gemeine Dasein aus seinen alten gemeinen Angeln. Ja! er will durchaus nicht, dass wir über das Dasein lachen, noch auch über uns, - noch auch über ihn; für ihn ist Einer immer Einer, etwas Erstes und Letztes und Ungeheures, für ihn giebt es keine Art, keine Summen, keine Nullen. Wie thöricht und schwärmerisch auch seine Erfindungen und Schätzungen sein mögen, wie sehr er den Gang der Natur verkennt und ihre Bedingungen verleugnet: - und alle Ethiken waren zeither bis zu dem Grade thöricht und widernatürlich, dass an jeder von ihnen die Menschheit zu Grunde gegangen sein würde, falls sie sich der Menschheit bemächtigt hätte - immerhin! jedesmal wenn "der Held" auf die Bühne trat, wurde etwas Neues erreicht, das schauerliche Gegenstück des Lachens, jene tiefe Erschütterung vieler Einzelner bei dem Gedanken: "ja, es ist werth zu leben! ja, ich bin werth zu leben!"

  • das Leben und ich und du und wir Alle einander wurden uns wieder

einmal für einige Zeit interessant. - Es ist nicht zu leugnen, dass auf die Dauer über jeden Einzelnen dieser grossen Zwecklehrer bisher das Lachen und die Vernunft und die Natur Herr geworden ist: die kurze Tragödie gieng schliesslich immer in die ewige Komödie des Daseins über und zurück, und die "Wellen unzähligen Gelächters" - mit Aeschylus zu reden - müssen zuletzt auch über den grössten dieser Tragöden noch hinwegschlagen. Aber bei alle diesem corrigirenden Lachen ist im Ganzen doch durch diess immer neue Erscheinen jener Lehrer vom Zweck des Daseins die menschliche Natur verändert worden, - sie hat jetzt ein Bedürfniss mehr, eben das Bedürfniss nach dem immer neuen Erscheinen solcher Lehrer und Lehren vom "Zweck". Der Mensch ist allmählich zu einem phantastischen Thiere geworden, welches eine Existenz-Bedingung mehr, als jedes andere Thier, zu erfüllen hat: der Mensch muss von Zeit zu Zeit glauben, zu wissen, warum er existirt, seine Gattung kann nicht gedeihen ohne ein periodisches Zutrauen zu dem Leben! Ohne Glauben an die Vernunft im Leben! Und immer wieder wird von Zeit zu Zeit das menschliche Geschlecht decretiren: "es giebt Etwas, über das absolut nicht mehr gelacht werden darf!" Und der vorsichtigste Menschenfreund wird hinzufügen: "nicht nur das Lachen und die fröhliche Weisheit, sondern auch das Tragische mit all seiner erhabenen Unvernunft gehört unter die Mittel und Nothwendigkeiten der Arterhaltung!" - Und folglich! Folglich! Folglich! Oh versteht ihr mich, meine Brüder? Versteht ihr dieses neue Gesetz der Ebbe und Fluth? Auch wir haben unsere Zeit!

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

12.01.2021, aktualisiert vom Oktober 2019 (src)

Entscheidungen treffen

Du wirst es bereuen

Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; entweder du heiratest oder du heiratest nicht, du bereust beides. Lache über die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; weine über sie, du wirst es auch bereuen; lache über die Torheiten der Welt oder weine über sie, du wirst es beides bereuen; entweder du lachst oder du weinst über die Torheiten de Welt, du bereust beides. Trau einem Mädchen, du wirst es bereuen, traue ihr nicht, du wirst es auch bereuen; trau einem Mädchen oder traue ihr nicht, du wirst beides bereuen; entweder du traust einem Mädchen oder du traust ihr nicht, du wirst beides bereuen. Erhänge dich, du wirst es bereuen, erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen, erhänge dich oder erhänge dich nicht, du wirst beides bereuen; entweder du erhängst dich oder du erhängst dich nicht, du wirst beides bereuen.

Sören Kierkegaard

09.01.2021, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

Ich stieg in die Takelage

Ich erkannte die Gefahr, die wir liefen, und die böse Wirkung seiner Exorzismen auf die Mannschaft, die der einfältige Priester entmutigte, anstatt ihr Mut einzuflößen, und hielt es für klug, mich einzumischen. Ich stieg in die Takelage, rief die Matrosen an die Arbeit und sagte ihnen, es gäbe gar keine Teufel, und der Priester, der sie ihnen zeigen wollte, wäre ein Narr. Ich konnte sprechen, was ich wollte, mich selber der größten Gefahr aussetzen und ihnen zeigen, daß nur von tatkräftigem Eingreifen die Rettung zu hoffen sei: ich vermochte nicht den Priester zu hindern, mich für einen Atheisten zu erklären und den größten Teil der Mannschaft gegen mich aufzuhetzen. Die Winde wühlten während der zwei folgenden Tage die Wogen unaufhörlich auf, und der Schurke wußte den Matrosen, die aufmerksam ihm zuhörten, einzureden, das Unwetter würde sich nicht legen, solange ich auf dem Schiff wäre. Von diesem Gedanken durchdrungen, hielt einer von ihnen den Augenblick für günstig, um die Wünsche des Priesters zu erfüllen, und versetzte mir, der ich am Rande des Oberdecks stand, einen so heftigen Schlag mit einem Tau, daß ich hinfiel. Es wäre um mich geschehen gewesen, hätte sich nicht die Spitze eines Ankers in meinem Rock verfangen und mich so vor dem Sturz ins Meer bewahrt; es war im eigentlichsten Wortsinn mein Rettungsanker. Man kam mir zu Hilfe, und ich wurde gerettet. Ein Korporal zeigte mir den Matrosen, der den mörderischen Anschlag auf mich gemacht hatte, ich nahm den Korporalstock und prügelte den Kerl tüchtig durch; doch die Matrosen und der wütende Priester eilten auf sein Geschrei herbei und ich würde unterlegen sein, wenn die Soldaten sich nicht auf meine Seite gestellt hätten. Der Kapitän des Schiffes kam mit Herrn Dolfino hinzu, sie mußten den Priester anhören und der Bande zu deren Beruhigung versprechen, mich sobald als möglich ans Land zu setzen. Damit noch nicht zufrieden, forderte der Priester, ich sollte ihm ein Pergament überliefern, das ich in Malamocco im Augenblick der Einschiffung von einem Griechen gekauft hatte. Ich erinnerte mich dessen nicht mehr, aber es war wahr. Lachend ühergab ich es Herrn Dolfino, und dieser lieferte es dem fanatischen Kapellan aus, der ein Siegesgeschrei ausstieß, sich das Kohlenbecken aus der Küche holen ließ und darauf ein auto da fé hielt. Das unglückselige Pergament wand und krümmte sich eine halbe Stunde lang, es zerfiel, und der Priester stellte das als eine wundersame Erscheinung dar, die alle Matrosen überzeugte, es sei ein Höllenpakt gewesen. Die angebliche Kraft dieses Pergaments sollte darin bestehen, alle Frauen in den Mann, der es trug, verliebt zu machen. Ich hoffe, der Leser wird mir die Gunst schenken und glauben, daß ich nicht im mindesten an Zaubertränke, Talismane und Amulette glaubte. Ich hatte das Pergament nur aus reinem Scherz gekauft.

Casanova - Erinnerungen

08.01.2021, aktualisiert vom Februar 2006 (src)

Faule Vernunft

"F.V." (ignava ratio) kann man jeden Grundsatz nennen, "welcher macht, daß man seine Naturuntersuchung, wo es auch sei, für schlechthin vollendet ansieht, und die Vernunft sich also zur Ruhe begibt, als ob sie ihr Geschäft völlig ausgerichtet habe". Man begeht diesen Fehler, wenn man die transzendentalen "Ideen"(s.d.) "konstitutiv" statt bloß "regulativ" (s.d.) gebraucht. KrV Anh. zur tr. Dial. Von d. Endabsicht … (I 581 f. - Rc 727f.) Sich in der Wissenschaft statt auf natürlichen Ursachen gleich im einzelnen auf Gott berufen, ist Sache der faulen V., ebenso die Vernachlässigung der kausal-mechanischen Erklärung durch eine Teleologie am unrechten Platze (s. Zweck), ibid. vgl. tr. Meth. 1. H. 3. Abs. (I643 – Rc792)

(Kant-Lexikon)

07.01.2021, aktualisiert vom November 2004 (src)

Vom Glück des Klimawandels

Die obdachlose Liebe

Wir beide leben bürgerlich
in der Wohung und im Haus,
sind studiert und etabliert im Leben,

und seit wir uns begehren und erkennen
sind wir verloren auf die Obdachlosigkeiten
unserer Gefühle,

wie schön die sind, so ohne Planen,
wie schön die sind, so ohne jedes Haus,
wie schön die dennoch sind, so völlig obdachlos.

Die Kälte und der Winter
(wir erwärmen uns auf Bänken und im Park,)
werden uns niemals entzweien,

denn wir zittern sehr vorm Leben,
und nicht vor Kälte oder Eis.

31.12.2020, aktualisiert vom Dezember 2020 (src)

Clair de lune

Votre âme est un paysage choisi
Que vont charmant masques et bergamasques
Jouant du luth et dansant et quasi
Tristes sous leurs déguisements fantasques.

Tout en chantant sur le mode mineur
L'amour vainqueur et la vie opportune
Ils n'ont pas l'air de croire à leur bonheur
Et leur chanson se mêle au clair de lune,

Au calme clair de lune triste et beau,
Qui fait rêver les oiseaux dans les arbres
Et sangloter d'extase les jets d'eau,
Les grands jets d'eau sveltes parmi les marbres.

Paul Verlaine, Fêtes galantes (1869)

29.12.2020, aktualisiert vom November 2008 (src)

Sprache als Zufallserfolg

Die Feststellung, daß das Erleben der Gegenwart und ihre Verarbeitung, die sie zur Vergangenheit macht, nichts Objektives ist, sondern Willkür und Meinung. In Großereignissen mag man darüber eine intersubjektive Sprache finden, doch auch diese wird vergessen.

  • Eine wirkliche Vergangenheit gibt es nicht, nur ein menschliches

oder unmenschliches Denken darüber, welches die Gegenwart mitformt.

(siehe auch den Eintrag in Wikipedia zu "Intuition"

26.12.2020, aktualisiert vom März 2004 (src)

Klimawandel

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis

20.12.2020, aktualisiert vom April 2013 (src)

Salammbô

Salambo stieg auf das flache Dach ihres Palastes, gestützt von einer Sklavin, die in einem eisernen Becken glühende Kohlen trug. Mitten auf der Terrasse stand ein niedriges Ruhebett aus Elfenbein. Luchsfelle und mit Papageienfedern gefüllte Kissen lagen darauf. Diese weissagenden Vögel waren den Göttern geweiht. Über den vier Ecken waren die Pfannen angebracht, gefüllt mit Spezereien, Narde, Zimt und Myrrhen. Die Sklavin entzündete das Räucherwerk.

Salambo blickte zum Polarstern auf, grüßte feierlich die vier Windrichtungen und kniete dann auf dem blauen Sande nieder, der – ein zweiter Himmel – mit goldenen Sternen besät war. Sie drückte die Ellbogen an die Hüften, streckte die Unterarme wagerecht vor, öffnete die Hände, bog das Haupt zurück, so daß ihr das Mondlicht voll ins Angesicht schien, und sprach:

»O Rabbetna … Baalet … Tanit!« Das klang wie Klagelaute, gedehnt, wie ein Ruf in die Ferne. »Anaïtis … Astarte … Derketo … Astoreth … Mylitta … Athara … Elissa … Tiratha …. In deinen Symbolen … in der heiligen Musik … in den Furchen der Äcker … im ewigen Schweigen … und in der ewigen Fruchtbarkeit …. Herrin des düsteren Meeres … und der blauen Gestade … o Königin des Feuchten … sei mir gegrüßt!«

Zwei- oder dreimal beugte sie den Oberkörper vor und zurück, dann warf sie sich mit ausgestreckten Armen mit der Stirn in den Sand. Die Sklavin richtete sie sofort wieder auf, denn gläubigem Brauch gemäß mußte man den Betenden emporheben. Es bedeutete, daß die Götter ihn erhörten. Salambos Amme versäumte diese fromme Pflicht niemals.

Gustave Flaubert, Salambo

16.12.2020, aktualisiert vom Februar 2006 (src)

Aktionstage Poetischer Nihilismus im Philosophischer-Nacht-und-Sonntagsdienst.de

Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses

Auf einem silbernen Teller befand sich einst ein Edamer Käs, und nahe dabei ein Talglicht, welches den Käs bestrahlte. Milben hatten sich, durch die innere Gährung seiner organischen Partikeln, im Käse erzeugt. Unter ihnen war eine Philosophin, welche dem Ursprung und der Bestimmung des Käses und der Milben nachdachte. Jemand, der den Käs zu essen im Begriff war, belauschte ihren Monolog mit dem Ohr jener Geniemänner, welche die Sphären singen, die Nerven stimmen, die Flöhe husten hören.

Man fragt mich nicht, wie Das möglich war. Die Frage über das Wie der Dinge ist oft indiskret, und wir könnten eher allgemeine Zweifler werden, als sie in jedem Falle beantworten. Genug, dieser Fürwitzbeutel vernahm die Milbe so reden.

"Wie lieblich duftet dieser Käs! Wie ambrosisch ist dieser Geschmack! Wie nahrhaft diese Speise! Wie bequem meine Wohnung! Eine unermeßliche, durchaus eßbare Welt.

Wie mächtig, wie wohltätig muß der sein, der den Käs machte, ihn für Milben schuf! Unser Sein war sein Wille, unser Wohlsein sein Zweck. Denn vom Nutzen eines Dings schliessen wir auf seine Absicht.

Ich gehe weiter: Dieser Käs ist der beste unter den möglichen. (Der Eigentümer hielt ih für versalzen). Der Beweis ist simpel. Hätte der Urheber einen besseren machen können, so würde er ihn vorgezogen haben. Warum sollte er das Vollkommene dem Mittelmäßigen nachsetzen!

Jener glänzende Körper, der aus ungemessener Ferne meinen Käs bestrahlt (hier lächelte die Milbe gegen das Talglicht) was kann er sein, als unsere Laterne? Wie erquickend, wie wohltätig ist sein Licht! Wie anpassend der Organisation meiner Augen. Ja, das Licht ist um der Milben willen gemacht.

Glückliche Milben! Ihr seid Mittelpunkt - Endzweck aller Kombinationen der Welt. Euch erfreuet das Licht. Euch duftet der Käs, Euch laden seine fetten Partikeln zum Genusse ein.

Aber eben darum, weil Milben der Zweck sind, dem die Natur alle ihre Werke, als Mittel, subordiniert hat; eben darum, erhabene Milben, ist diese ephemerische Existenz nicht das ganze Erbteil, welches die Natur euch beschieden hat.

Sollte sie nicht ewige Zwecke lieben? Sollte der Zirkel der Allnatur ohne seinen Mittelpunkt, worauf alle Strahlen sich beziehen, bestehen können? Nimmermehr! Milben: ihr seid zu den erhabensten Aussichten bestimmt. Eure Existenz; in der Höhle des Käses ist nur der rosenfarbene Morgen eines schönen Tags, dessen Mittag eurer wartet.

Die sublimen Gedanken, welche itzt meinen Geist beschäftigen, sind mehr als die Wirkung meiner Organisation. Es ist wahr, ich kenne meinen Körper, die inere Natur seiner Elemente, die Art ihrer Zusammensetzung beinah gar nicht. Aber dennoch kann ich a priori bestimmen, welche Wirkungen aus dieser Zusammensetzung möglich sind, und welche nicht."

So eben wollte die Rednerin von der Zukunft weissagen, und die Natur der Käse, welche sie künftig bewohnte, und zum Teil essen würde, auf unzählichen, wie sie meinte unumstößlichen Grundbegriffe der Milben metaphysik zu demonstrieren beginnen, als der Zuhörer, vom Mitleid über ihre Mühe gerührt und um ihr eine langwierige Reihe Syllogismen zu ersparen, die Rednerin samt dem Katheder, worauf sie stand, in den Mund steckte und verschlang.

Man sagt, sie habe noch zwischen den Zähnen des Würgers behauptet, ihre Erhaltung, ihr Wohl sei der Endzweck der Natur.

Wilhelm Ludwig Wekhrlin

15.12.2020, aktualisiert vom März 2007 (src)

Mitteilungstrieb

"Der Trieb sich mitzuteilen muß den Menschen, der noch allein ist, gegen lebende Wesen außer ihm, vornehmlich diejenigen, die einen Laut geben, welchen er nachahmen und der nachher zum Namen dienen kann, zuerst zur Kundmachung seiner Existenz bewogen haben", Anf. d. Menschengesch. 1. Anm (VI 50f.). Vgl. Geschmacksurteil (Mitteilbarkeit des ästhetischen Zustandes an andere), Humanität

(aus: R. Eisler, Kant Lexikon)

14.12.2020, aktualisiert vom Oktober 2004 (src)

Spinoza

mit seiner wundervollen und gemäßigten Auffassung der Welt wird nach Meinung des PhNuS viel zu selten von den Verantwortlichen RTLs in ihrer täglichen Produktion respektiert. Dies ist ein Versäumnis innerhalb der betriebswirtschaftlich zu denkenden Formate… Er ist nämlich ganz wider den Krawall gebürstet.

PS: Für Pro7 gilt das allerdings auch.

13.12.2020, aktualisiert vom November 2004 (src)

Die hohe Philosophie des Idlens

<Zeitblom> Mhh, gut. Reden wir über die verschiedenen Sprachen, die hier gesprochen werden. Man könnte da Kategorien aufstellen. Die üblichen "ASL"-Fragen, dann die guten Gespräche im Query, und dann die letzte Stufe, die hohe philosophie des Idlens…. das sind locker zwei Absätze! [060117 22:05]

<Zeitblom> Man muß überhaupt das Chatten als die Vorstufe des Idlens stilisieren - das ist witzig.

Der verfällt der Chatsprache unweigerlich, der durch sie besondere Freiheit und Erkenntnis spürt. Die Sprache, die nahe an der Literatur ist, das gelesene und geschriebene Wort, ist das Zaubermedium seit Homer, der Zugang zur Kultur und zur Zivilisation. Bisher war das in der Buchwelt oder in der leichteren Muse der Zeitungswelt verankert. Aber es geht noch leichter, und noch gegenwärtiger! Nämlich dann, wenn man durch Zufall im Chat, aber eben auch durch eine gute Wahrscheinlich aufgrund großer Quantitäten an Schreibern an jemanden gerät, der sich in seiner Einsamkeit auf dieselbe Weise getraut, unverbindlich die Sprache seiner Freiheit auszuprobieren. Wenn da zwei aneinandergeraten, dann entstehen sogenannte Synergieeffekte, und dies alles in Echtzeit… der Teil der Überraschung, der wie bei einer Geburtstagsüberraschungsparty sehr zeitnah und pulsanregend ist. Und dies 365 Tage im Jahr, wenn man will.

Wie bei der Entwicklung eines Sterns in seinen vielen Phasen ist der Chat in seinen Entwicklungsstufen ein geschichtliches Ereignis - hier in diesen erregenden Chatnächten ist es wie eine Supernova… das explodierende Ausbreiten der Gedankenwelt in extreme Weiten. Und natürlich ist das zugleich der Anfang vom Ende der großen Freude des Chattens. Denn dieser übergroße Reiz der perfekten Sprache für den Moment kann nicht ewig halten. Irgendwann fällt alles in sich zusammen, - und es beginnt das Schweigen der Einsamen und Verbitterten, die hier ihr großen Glück einmal gefunden und nun verloren haben. Und auch die Schweigenden, die weißen Zwerge im Chatuniversum, verbleiben hier, statthaft verortet im wilden Sprachmedium, denn man verläßt die Welt nicht, in dem es einem einst so gut ging. Das Kultivieren des Idlens - des schweigenden Wartens auf die nächste große Zeit der Sprache - weitet sich indes als permanenter Zustand in allen Channels aus, die ihre Geschichte schon hinter sich haben.. hier raschelt nur manchmal noch ein kleiner Lichtblitz auf, wie die Beine der Fliegen auf dem Fliegenpapier, das sie festhält bis in den Tod…

Es gibt eine Sucht und eine Abhängigkeit für die Sprache im Chat, wenn man einmal ordentlich reingeraten ist und deswegen seinen Job und seinen Freundeskreis verloren hat aus der Welt vor der Zeit des Internets und seiner hellen Sprachwelten, vielleicht nicht in der kosmologischen Größe der Sternentstehung, obwohl das sicher die richtige Kategorie fürs gute Chatten ist, aber vielleicht auch im kleinen Versumpfen wie bei "Das Fliegenpapier" von Musil. Man bleibt immer hängen in dieser Sprache, die die Sinne wirr macht, wenn sie den Chatter da abholt, wo er ist. Und der findet ja immer den richtigen Raum, in dem er seine Sehnsüchte erfüllt findet - zumindest in seinen Vorstellungen, aber das ist ja dasselbe.

10.12.2020, aktualisiert vom Dezember 2016 (src)

Das Ideal des standhaften kleinen Zinnsoldaten

besteht darin, dem Leben die nötige Disziplin entgegenzubringen und sich mit einer gewissen Beharrlichkeit der Realität auszusetzen, indem man sich etwa bei Verhandlungen, Telefonaten oder Besprechungen fest in eine Traumwelt zurückzieht und sich somnambul in Gedanken an die kleine Tänzerin verliert.

Der standhafte Zinnsoldat

08.12.2020, aktualisiert vom April 2006 (src)

Stresstest wird nicht bestanden, aber die Bahn AG liefert ihn.

Und auch die Justiz bleibt nicht untätig. Massenhaft Anzeigen der Staatsanwaltschaft gegen S21-Gegner, und zwar wegen schweren Landfriedensbruches.

Könnten die Großen donnern
Wie Jupiter, sie machten taub den Gott:
Denn jeder winz'ge kleinste Richter würde
Mit Jovis Himmel donnern, – nichts als donnern!
O gnadenreicher Himmel!
Du mit dem scharfen Flammenkeile spaltest
Den unzerkeilbar knot'gen Eichenstamm, Nicht zarte Myrten:
Doch der Mensch, der stolze Mensch,
In kleine, kurze Majestät gekleidet,
Vergessend (was am mind'sten zweifelhaft)
Sein gläsern Element, – wie zorn'ge Affen,
Spielt solchen Wahnsinn gaukelnd vor dem Himmel,
Daß Engel weinen, die, gelaunt wie wir,
Sich alle sterblich lachen würden.

Shakespeare, »Maß für Maß«, II. 2.

Meiner Sendung Amt
Ließ manches mich erleben hier in Wien:
Ich sah, wie hier Verderbnis dampft und siedet
Und überschäumt. Gesetz für jede Sünde;
Doch Sünden so beschützt, daß eure Satzung
Wie Warnungstafeln in des Baders Stube
Da steht, und was verpönt, nur wird verhöhnt.

Shakespeare, »Maß für Maß«, V. 1.

Das mit Wien stimmt natürlich, ist aber nur eine zeitlich zufällige Symbolstadt für das heutige Stuttgart mit seinem schweren Demokratie- und Vernunftsproblem.

05.12.2020, aktualisiert vom Oktober 2011 (src)

Nach dem ersten Kuss (ein adhoc-Gedicht)

Kein zweiter Kuss

Du sagtest einstmals:
Ich gebe Dir ein Ja zu Einem Kuss,
und ich akzeptierte freilich gerb,
denn dann küßten wir uns ja.

Du wirst leider keinesmal mehr sagen,
ich sage ja zum zweiten Kuss.
Und ich muss wieder akzeptieren.

Wie ich Dich immer akzeptiere als das Wesem meiner Träume,
meine Liebe ist ganz leicht und frei, nein sie ist es nicht,
sie ist, was ich nie wollte,
und sie ist, was mich erschrickt und unfrei macht,
aber richtend als als die richtige und zustaendige Frau,
der ich die Entscheidung unsrer Liebe überlasse,
für uns beide,

und am Ende küssen wir uns niemals mehr,
doch das auf Augenhoehe.

Und so solls auch sein.

Alle Bildung

strebt an, die Hervorbringung eines festen bestimmten und beharrlichen Seins, das nun nicht mehr wird, sondern ist, und nicht anders sein kann, denn so wie es ist. Strebte sie nicht an ein solches Sein, so wäre sie nicht Bildung, sondern irgend ein zweckloses Spiel; hätte sie ein solches Sein nicht hervorgebracht, so wäre sie eben noch nicht vollendet. Wer sich noch ermahnen muß, und ermahnt werden, das Gute zu wollen, der hat noch kein bestimmtes und stets bereitstehendes Wollen, sondern er will sich dieses erst jedesmal im Falle des Gebrauches machen; wer ein solches festes Wollen hat, der will, was er will, für alle Ewigkeit, und er kann in keinem möglichen Falle anders wollen, denn also, wie er eben immer will; für ihn ist die Freiheit des Willens vernichtet und aufgefangen in der Nothwendigkeit. Dadurch eben hat die bisherige Zeit gezeigt, daß sie von Bildung zum Menschen weder einen rechten Begriff, noch die Kraft hatte, diesen Begriff darzustellen, daß sie durch ermahnende Predigten die Menschen bessern wollte, und verdrießlich ward und schalt, wenn diese Predigten nichts fruchteten. Wie konnten sie doch fruchten? Der Wille des Menschen hat schon vor der Ermahnung vorher, und unabhängig von ihr, seine feste Richtung; stimmt diese zusammen mit deiner Ermahnung, so kommt die Ermahnung zu spät, und der Mensch hätte auch ohne dieselbe gethan, wozu du ihn ermahnest, steht sie mit derselben im Widerspruche, so magst du ihn höchstens einige Augenblicke betäuben; wie die Gelegenheit kommt, vergißt er sich selbst und deine Ermahnung, und folgt seinem natürlichen Hange. Willst du etwas über ihn vermögen, so mußt du mehr thun, als ihn blos anreden, du mußt ihn machen, ihn also machen, daß er gar nicht anders wollen könne, als du willst, daß er wolle. Es ist vergebens zu sagen, fliege – dem der keine Flügel hat, und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte über den Boden empor kommen; aber entwickle, wenn du kannst, seine geistigen Schwungfedern, und lasse ihn dieselben üben und kräftig machen, und er wird ohne alle dein Ermahnen gar nicht anders mehr wollen oder können, denn fliegen.

Johann Gottlieb Fichte - Reden an die deutsche Nation

04.12.2020, aktualisiert vom Januar 2006 (src)

Die gewollte Vereinzelung des Individuums

in einer Gesellschaft, in der Meinung einen bezahlbaren und bezahlten Wert hat, und damit sind freilich die Medien gemeint, die Print, Elektronik und Funk beinhalten, - erlaubt es dem Einzelnen nicht mehr, gegen das Ganze anzudenken und sich mit und in der Utopie zu verbrüdern.

  • Es gibt keine Sprache dafür. Die Definition des

sprachlosen Erleidens einer fremdbestimmten Gegenwart ist nur dann subversiv, wenn man sich noch einen Genuß darin bewahrt. So tun, als würde man das wollen, und zwar so lange, bis es wieder eine Sprach-

  • und Gedankenwelt gibt, die gesellschaftlich relevant wird. Vom Blablabla zur Sprache.

Das Lamento über den mangelhaften Erkenntniszustand der Anderen ist eine typische Sprache dessen, der die Dialektik eben nicht erkennt.

01.12.2020, aktualisiert vom Februar 2004 (src)

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Created: 2021-01-27 Mi 15:33

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