Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst

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Versteck Dein blutend Herz in Eis und Hohn.

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. -
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist Du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. -
Weh dem, der keine Heimat hat.

Nietzsche, Idyllen aus Messina

25.10.2021, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

Vanitas! vanitatum vanitas!

Ich hab' mein Sach auf Nichts gestellt,
Juchhe!
Drum ist's so wohl mir in der Welt;
Juchhe!
Und wer will mein Camerade sein,
Der stoße mit an, der stimme mit ein,
Bei dieser Neige Wein.

Ich stellt' mein Sach auf Geld und Gut,
Juchhe!
Darüber verlor ich Freud' und Muth:
O weh!
Die Münze rollte hier und dort,
Und hascht ich sie an einem Ort,
Am andern war sie fort!

Auf Weiber stellt' ich nun mein Sach,
Juchhe!
Daher mir kam viel Ungemach;
O weh!
Die Falsche sucht' sich ein ander Theil,
Die Treue macht' mir Langeweil',
Die Beste war nicht feil.

Ich stellt' mein Sach auf Reis' und Fahrt,
Juchhe!
Und ließ meine Vaterlandesart;
O weh!
Und mir behagt' es nirgends recht,
Die Kost war fremd, das Bett war schlecht
Niemand verstand mich recht.

Ich stellt' mein Sach auf Ruhm und Ehr,
Juchhe!
Und sieh! gleich hatt' ein Andrer mehr;
O weh!
Wie ich mich hatt' hervorgethan,
Da sahen die Leute scheel mich an,
Hatte Keinem recht gethan.

Ich setzt' mein Sach auf Kampf und Krieg,
Juchhe!
Und uns gelang so mancher Sieg;
Juchhe!
Wir zogen in Feindes Land hinein,
Dem Freunde sollt's nicht viel besser sein,
Und ich verlor ein Bein.

Nun hab' ich mein Sach auf Nichts gestellt,
Juchhe!
Und mein gehört die ganze Welt;
Juchhe!
Zu Ende geht nun Sang und Schmaus.
Nur trinkt mir alle Neigen aus;
Die letzte muß heraus!

Johann W. Goethe

21.10.2021, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

Rainer Maria Rilke

DIE ENTFÜHRUNG

OFT war sie als Kind ihren Dienerinnen
entwichen, um die Nacht und den Wind
(weil sie drinnen so anders sind)
draußen zu sehn an ihrem Beginnen;

doch keine Sturmnacht hatte gewiß
den riesigen Park so in Stücke gerissen,
wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,

da er sie nahm von der seidenen Leiter
und sie weitertrug, weiter, weiter … : bis der Wagen alles war.

Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,
um den verhalten das Jagen stand
und die Gefahr.
Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;
und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.
Sie kroch in ihren Mantelkragen
und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
und hörte fremd einen Fremden sagen:
Ichbinbeidir.

Vgl. dazu auch die Entführung in: Stendhal, Rot und Schwarz.

20.10.2021, aktualisiert vom März 2004 (src)

In der Nacht

fließen die Gedanken bald im Hellen, bald durch Schlaf, wie Wasser um Karst, und wenn sie nach einer Weile wieder ruhig zum Vorschein kamen, hatte Diotima den Eindruck, sie habe das vorangegangene Schäumen bloß geträumt. Der kochende kleine Fluß, der hinter dem dunklen Gebirgsstock lag, war nicht der gleiche wie der stille Strom, in den Diotima schließlich hineinglitt. Zorn, Abscheu, Mut, Angst waren verronnen, es durfte solche Gefühle nicht geben, es gab sie nicht: in den Kämpfen der Seelen hat niemand Schuld! Auch Ulrich war dann wieder vergessen. Denn es waren nun bloß noch die letzten Geheimnisse, das ewige Sehnen der Seele vorhanden. Ihre Sinnlichkeit liegt nicht in dem, was man tut. Sie liegt nicht in den Bewegungen des Bewußtseins noch in denen der Leidenschaft. Auch die Leidenschaften sind nur un peu de bruit autour de notre âme. Man kann Königreiche gewinnen oder verlieren, aber die Seele rührt sich nicht, und man kann nichts tun, um sein Schicksal zu erreichen, aber zuweilen wächst es aus der Tiefe des Wesens, still und täglich, wie der Gesang der Sphären. Diotima lag dann so wach wie zu keiner anderen Stunde, aber voll Vertrauen.

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

19.10.2021, aktualisiert vom Dezember 2005 (src)

Ein mittleres bis kleines Unrecht

Es gibt immer eine Nation, die in der jeweiligen Gegenwart dafür geradestehen und garantieren muß, für das jeweilige Unrecht.

  • Man muß sie dafür bashen.
    • Es gibt einen Gott, der das will, daß man an das Unrecht erinnert wird, damit er selber als Idee umso prachtvoller dasteht.
    • Die Bemühungen derzeit sind stark, man muß sie anerkennen. Aber wie immer gab es schon vorher ganz deutlich begabtere Zeiten einer göttlichen Gerechtigkeit.

Die jeweils erwählten Völker führen die Kriege, um Gott als gottesfürchterlich erscheinen zu lassen. Oder eine andersbegabte gleiche Idee neben der Gottesidee.

  • Gott würde sich selbst nicht wollen. Welch ein schlechtes Marketing, welch ein Versagen insgesamt mit diesem Versagen in der Vernunft.
  • Dies ist offenbar der militante Gottesbeweis, der sicher besser ist als der ontologische.

Wahlweise gibt es keinen Gott, aber es geschieht alles mit und ohne einen.

  • Die Sprache der Bedeutsamkeit in der Politik. Der arme Gott, der herhalten muß, weil er sich ja nicht wehren kann, weil es ihn ja nicht gibt… gäbe es ihn, bliebe kein Platz für diese Sprache der Menschenverachtung.
18.10.2021, aktualisiert vom Juni 2004 (src)

Über das Lachen

Lachen, Schlaf und Hoffnung gab uns Mutter Natur gegen die Mühseligkeiten eines Lebens, das manche nicht annähmen, wenn sie zuvor befragt würden.

Karl Julius Weber

17.10.2021, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

Das Paar

Kürzlich langweilte ich mich im Alten Schauspielhaus bei dem Theaterstück Der Tod des Handlungsreisenden von Arthur Miller fast zu Tode, während seiner dahinfließenden Unaufdringlichkeit hatte ich genügend Zeit, über den Autor nachzudenken. Besonders gut schnitt der Mann dabei natürlich nicht ab.

Dies mag schon während mancher Aufführung von manchem, der im Dunkeln saß und gelangweilt auf die hellerleuchteten Bühnendialoge blickte, gedacht worden sein: Millers künstlerische und solide Unbedarftheit, die einem Amerikaner gut ansteht und einem Europäer schnell ins Auge springt, hätte ihn weniger in den Rang des repräsentativen Intellektuellen der sechziger Jahre erheben können, als es seine Aufsehen erregende Heirat mit der immer noch repräsentativen Schönheit der Marilyn Monroe vermochte. Diese Heirat aber des Stückeschreibers Arthur mit der Filmschauspielerin Marilyn gilt als Paradigma von Schönheit, die sich mit der Intelligenz verbindet, bis in unsere Tage; es gibt kein neueres; der vollendete Zusammenschluß von Körper und Geist, der die überkommene Vorbildhaftigkeit antiker Statuen ablöst und den Werkstoff Marmor endlich gegen die wirksameren Materialien Hochglanzpapier und Zelluloid eintauscht, ist das immer noch moderne Ideal. Gäbe es einen Mythos von Eros und Psyche in der postmythischen Zeit, das wäre er.

Aufgrund dieser inzwischen historischen Mixtur von Miller und Monroe hält sich der geistige Teil, - das ist unter anderem Der Tod des Handlungsreisenden-, bis heute auf den Spielplänen und kann weiter nebenbei einer öden und schal gewordenen Humanität frönen.

Aber es ist seltsam, wie Qualität gewonnen wird durch das Zusammenbringen von Blondheit und Denkertum, so unvollkommen beides für sich genommen auch sein mag. Denn natürlich ist Marilyn Monroe nicht die schönste Frau der sechziger Jahre und schon gar nicht die begabteste Schauspielerin. Und Arthur Miller ist, entgegen den Behauptungen der Kritik, keineswegs ein literarisches Genie. Aber beide zusammen, auf einem Photo, in einem offenen Auto, in ihrer Eigenschaft als Sexsymbol und Erfolgsschriftsteller, bewirken eine ungeheure Suggestion vom höchsterreichbaren Glück. Noch in unserer Zeit fühlen sich viele Schönheitsköniginnen dem spröden Charme von Stubenhockern verpflichtet, nur weil sie an diese Harmonie der Sphären glauben, die ausgerechnet in den sechziger Jahren von ausgerechnet Amerikanern vorbestimmt wurde.

Ich hielt mich dank solcher Überlegungen ganz gut bis zum Schluß des Stückes, welches selbstverständlich von einem amerikanischen Vater-Sohn-Konflikt handelte. Na gut. Nach einem höflichen, doch knappen Schlußapplaus, strich sich Marcia, die ich übrigens für diesen Abend gewinnen konnte, und die sich im Gestühl neben mir träge geräkelt hatte, ihre blonden Haare nach hinten und fragte mich, ob wir nicht noch etwas trinken gehen sollten, nach all dem Durchgestandenen, etwa in die "Bar le théatre" nahe der Königsstrasse und unseres Autos. Wir schlenderten dorthin, durch die belebte Fußgängerzone, und ich fühlte mich verpflichtet, uns den Weg durch einige wohlgesetzte Kommentare zu der erlebten Theateraufführung zu verkürzen, was aber mich selbst mehr amüsierte als Marcia. Immer hatte ich das Problem, nicht so mondän scheinen zu können wie sie es war.

Später tranken wir Rotwein, den uns der Ober in dem halbleeren Café rasch herbeibrachte, und Marcia erzählte mir von ihrer neuen Lieblingsmusik, einem "total abgefahrenen Techno-Album" von der Gruppe X. Das sei "brutal tanzbar" und es habe einen durchlaufenden "Mörderbass", der einem direkt in die Eingeweide fahre. Mit einer vernünftigen Lightshow könne man sich auf diese Musik ziemlich edel in eine dezente Ekstase tanzen, und das sei unter uns gesagt ein anderes Vergnügen als so ein Abend im Schauspielhaus. Ich war schon einmal vor längerem mit Marcia in einer Discothek gewesen und mußte zugeben, daß sie beim ekstatischen Tanzen freilich keine schlechte Figur machte. Es gibt also ein ganz objektives Amüsiergefälle zwischen Theater und Musikbetrieb, dachte ich bei mir. Und natürlich kannte ich diese neue Techno-Gruppe ebenfalls und bestätigte, daß deren Musik sehr hörbar sei. Ich würde aber vermutlich alles bestätigen, was Marcia sagt, wenn sie nur indessen mit dieser bestimmten Geste ihre blonden Haare aus der Stirn striche.

Dies tat sie des öfteren, als ich, ein wenig animiert vom Rotwein, gesprächsweise die folgende Theorie entwickelte: Die Anziehungskraft des Ehepaares Monroe/Miller sei restlos veraltet, sowohl was die ästhetische als auch die künstlerische Seite betreffe. Man müsse sich endlich neue Paradigmen suchen, die einfach mehr reinhauten, aber trotzdem ähnliche Chancen auf Popularität besäßen. Gewiß würde solche Kritik nicht an der Blondheit Marilyn Monroes ansetzen, was immer etwas äußerst hinreißendes sei, eher schon an dem Beruf der Schauspielerin. Der Ruhm, der in dieser Branche zu erwerben sei, habe kaum noch das geheimnisvolle Flair wie in den früheren Zeiten, sondern sei denkerisch weitgehend erschlossen und liege nun, aufgrund der bekannten und deftigen Kritik an der Kulturindustrie, eher glanzlos da. Die Monroe sei das Symbol des seichten Unterhaltungsfilmes, und eben der Unterhaltungsfilm sei das z. B. von Adorno geprügelte Beispiel einer dekadenten und verlogenen Unterhaltungsmaschinerie. "Erfolgreiche Filmschauspieler sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!" sagte ich und Marcia schaute mich zweifelnd, aber durchdringend an. Sie sagte: "Na, und was ist mit Depardieu und Philippe Noiret? Oder was ist mit den großen amerikanischen Stars, von denen doch einer berühmter ist als der andere. Zum Beispiel Arnold Schwarzenegger…"

Ich schwieg eine Minute und sprach dann weiter: "…oder Michelle Pfeiffer. Du hast natürlich schon recht. Aber ich bleibe dabei, daß der soziale Rang der Schauspielerei nicht mehr diesen Glanz verbreitet wie in den sechziger Jahren. Größeres Prestige und mehr öffentliche Zuwendung genießen in unseren neunziger Jahren die großen Stars der Musikszene. Was ist Noiret gegen Madonna? Was unter uns gesagt nichts daran ändert, daß Popularität als solche immer mehr in den Ruch der Dämlichkeit gerät, egal in welchem Bereich sie stattfindet. In unserer öffentlichen Welt ist der öffentliche Mensch etwas durch und durch verwerfliches geworden. Aber dennoch: wenn schon unbedingt populär sein, dann doch bitte als Musiker. Da ist wenigstens noch ein bißchen Magie, durchmischt mir Scharlatanerie und ziemlich viel Erotik, nicht wahr? Und verbringt nicht ein normaler Mensch mehr Zeit damit, Musik zu hören und darüber zu sprechen, als über Filme. Denn freilich befindet man sich häufiger in der Nähe eines Radios als im Kino. Daß kaum einer mehr in der Lage ist, geistreich über solche kulturellen Dinge zu sprechen, mit denen man doch Großteile seines Tages zubringt, beweist schon die annähernde Ausschließlichkeit, mit der die Musikkultur rezipiert wird. Es gibt inhaltliche Kinokritiken, aber kaum inhaltliche Musikkritiken. In diesem Bereich herrscht Sprachlosikgeit, was aber eben für diesen Bereich spricht. Es gibt ja kaum noch Vergleichsmöglichkeiten zwischen der populären Musik und was für anderen Dingen eigentlich? Es gibt keine Vergleiche! Die Musikindustrie in ihrer Unangreifbarkeit ist viel absoluter geworden als die Filmindustrie je war. Das mag daran liegen, daß Musik eben weit schwieriger verbal zu erfassen ist, als eine Filmhandlung. Die Zeitschriften mögen leichter Kritiker für´s Filmfeuilleton finden als fürs Musikgeschehen, also ist ihnen und damit der Kultur der Film immer noch näher. Es gibt den anarchischen und äußerst anziehenden Zustand der Wortlosigkeit in der Musikkultur. Die Jugendlichen, die durch jedes geschriebene Wort schon wieder an ihre Geißel Schule oder Ausbildung erinnert werden, lassen sich solch eine Verbalisierung und Vergeistigung, wie sie im Filmgewerbe üblich geworden ist, nicht bieten. Sie vergnügen sich lieber wortlos in der Musik und genügen sich in der gegenseitigen Versicherung, daß diese oder jene Musik echt super sei. Welche Freiräume des Gefühls in dieser simplen Versicherung! Und was braucht es auch mehr zum Ausdruck des Nicht-Allein-Seins-in-der-Welt?

Somit sei also als moderne Göttin solch eines Lebensgefühls eine schöne, natürlich hellhaarige Musikerin genommen, mit verspielten Locken und einem schönen Lächeln, Marcia."

Der Ober kam und wir bestellten noch Wein. Marcia dehnte sich in ihrem Kleid und erzählte mir von den Schwierigkeiten, eine angemessene Kleidung zu einem angemessenen Preis zu finden, und daß Strickröcke noch immer eine gute Alternative seien, wenn man ins Theater ginge. Ja, eben bei solchen Theaterabenden wie heute habe sie einige Energie aufwenden müssen, eine gemäße Hülle zu finden. Sie lächelte durch mich hindurch an, als sie die übergeschlagenen Beine träge durchtauschte. Ich hatte große Mühe, den Faden wieder zu finden, und über dieser Mühe vergaß ich den Strickrock.

"Wenn wir nun also die künstliche Schönheit und zweifelhafte Sängerin Madonna mit Deiner Erlaubnis als das populäre Paradigma ansetzen wollen, deren Perfektion in allen Aussehensdingen uns beide entsetzt und deren Reichtum uns lächeln macht; die jetzt allgegenwärtig ist und in wenigen Jahren schon wieder ganz und gar vergessen sein wird, dann wollen wir uns instinktiv nicht nur an weniger Künstliches und weniger Befremdendes halten, sondern dann wollen wir auch was Passendes aus dem Denkerreich entnehmen, um unsere imaginäre Hochzeit perfekt zu machen, dozierte ich. Damit meine ich, logo, keine der schillernden Schriftstellerpersönlichkeiten wie Peter Handke oder Botho Strauss, sondern einen richtigen Intellektuellen, ein echts Gscheitle. Dummerweise fällt mir da im Augenblick überhaupt kein Zeitgenosse ein, sondern bloß der Claude Levi-Strauss, der allein vom Namen her bis heute ungeschlagen ist und auch sonst eine ganz zutreffende Wahl für unsere Belange sein mag. Dieser Mann ist Dir doch ein Begriff? Natürlich, wieso frage ich überhaupt? Du studierst ja Romanistik!

Im Vergleich mit Arthur Miller ist Levi-Strauss ein ganz ausgebuffter Denker aber so was von einem anderen Kaliber. Während Arthur immer noch an Vater-Sohn-Beziehungen rumknobelt, schiebt Claude schon längst mit der Gesamtheit aller dieser Konflikte die erstaunlichsten Erkenntnisse. Als Strukturalist der ersten Garde liefert er neue Wortfelder, die eine so intelligente Abstraktion ermöglichen, wie es das letzte Mal nur mit dem Aufkommen der Dialektik geschehen konnte. Tscha, und hier hätten wir ja auch gleich eine Möglichkeit der Annäherung zwischen ihm und Frau Madonna. Denn eine strukturalistische Betrachtung der Popmusik könnte uns ja solche Begriffe an die Hand geben, die wir so nötig brauchen, wenn wir dem Jugendslang entfliehen wollen: Begriffe aber, die wir noch nicht besitzen. Hier wäre eine intelligente Abstraktion, wie sie Claude Levi-Strauss in seiner "Mythologica" oder in "Das wilde Denken" vorführt, in ihrem Element. Denn abstrahierte Musik bedeutet ja zugleich eine Konkretion des Sprachlichen. Madonnas Musik könnte eine Aufwertung durch Claudes Denken erreichen und andererseits könnten all die ungenutzten neuen Wortschätze, die in Madonnas Musik liegen, endlich geborgen werden und in den ihnen zustehenden Hafen der Musik würdig einfahren."

Die blonde Romanistikstudentin tauschte ihre übereinander geschlagenen Beine durch und ich nahm daraufhin einen unkonzentrierten Schluck Rotwein.

Schließlich sprach mein Gegenüber: "Da hast du dich jetzt aber ganz schön in was verrannt. Aber nichtsdestoweniger habe ich dir interessiert zugehört und deine Partnervermittlungsgedanken wohlwollend geprüft. Nun sind dir aber ziemlich viele Fakten échappiert, zum Beispiel der, daß es ja nicht nur die von uns geliebte Techno-Musik gibt, zu der die Pop-Sängerin Madonna freilich nicht gehört, sondern auch noch die herkömmlichen Formen der Orchestermusik. Als ich das letzte Mal bei Freunden in Paris war, hat man mich auf ein Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter eingeladen, die dort gastierte. Und meine Begleiter hatten durchaus die passenden Worte für diese Art der Musik parat. Es gibt also längst einen rationalen Jargon der Empfindsamkeit für große Teile der Musik. Aber moderne Popmusik, die nur wenige Wochen in Mode bleibt und dann durch einen neuen moderneren Stil abgelöst wird, ist zu wechselhaft, als daß sich jedesmal ein ordentliches Wortfeld dafür herausbilden könnte. Also wenn du mich fragst, dann würde ich eher die Anne-Sophie Mutter dem Claude Levi-Strauss beigesellen, denn das wäre eine Musik, die dem strukturalistischen Denken eine adäquatere Aufgabe bereitet. Außerdem wäre unser modernes Traumpaar ein wenig zeitloser, sprich haltbarer geraten. Wenn Du schon auf die Existenz von Mythen anspielst, deren Untersuchung sich Herr Levi-Strauss zur Aufgabe gemacht hat, dann mußt Du auch diejenige Musik nehmen, deren Tradition soweit zurück reicht, daß ein Sprechen vom Mythos überhaupt gerechtfertigt ist. Und Techno-Musik als neueste Abart des Musikalischen wird kaum einen Bezug auf Mythisches erlauben."

"Gewiß hast Du recht, was die Wahl der Frau Mutter angeht", sagte ich, "aber glaubst Du nicht doch, daß sie mit ihrem realen Ehemann, einem arrivierten Prominentenanwalt, dann doch besser beraten ist, auch imagemäßig, innerhalb ihrer Weltanschauung zu verbleiben und nicht Neues aus ihrer Existenz zu schaffen? Denn die Verbindung von klassischer Musik und Intellektualismus ist denn doch inzwischen ein wenig sehr konventionell. Und außerdem möchte ich bezweifeln, daß die Phraseologie der klassischen Musikberichterstattung sehr hilfreich bei der Aufgabe ist, die Musik selbst verständlicher zu machen. Womit ich natürlich nichts gegen deine Bekannten gesagt haben will. Aber bis auf die Schriften von Adorno oder Max Weber gibt es nicht allzu viel an Gegrübel, das diese Aufgabe seriös löst. Ich halte die Umwandlung von musikalischen Gehalten in sprachliche auch in der klassischen Musik für ein äußerst schwieriges Unternehmen. Da gefällt es mir schon besser, wenn die Wirklichkeit die hohe Virtuosenkunst der Töne in die Nähe des virtuosen Gelderwerbs rückt, wie bei Anne-Sophie Mutter und ihrem angetrauten Prominentenanwalt.

Und eine Verbindung von Geld und moderner Musik würde uns wohl auch schon wieder langweilen, auch wenn sie noch so angebracht wäre. Nun denn, ich bleibe also bei meiner Synthese von blondem Gift und ausgebufftem Denken. Und in das ausgebuffte Denken hinein nehme ich die Vermutung, daß, um nochmal auf die Mythen zurückzukommen, die fortgeschrittene elektronische Musik mehr Bezug hat zur archaischen Zeit als die durchrationalisierte Orchestermusik. Die primitiven Rhythmen und Klänge unserer Ahnen sind uns in den Instinkt eingegangen und jederzeit abrufbar, während doch der Genuß eines Bachschen und Anne-Sophischen Violinkonzertes ziemlich sehr von unserer humanistischen Bildung abhängt, nicht? Madonna kann eben doch bloß von Einem richtig erkannt werden, der nicht nur ihren Augenblickserfolg liebt, sondern auch ihre freche und dreiste Art würdigt, mit christlich-moralischen und zugleich archaisch-primitiven Mythen zu spielen."

Marcia schaute mich zweifelnd an, warf einen Blick auf die Uhr.

Ich fragte sie, ob ich sie heimbringen solle, denn es sei ja nicht mehr ganz früh. Oder ob sie noch Lust habe auf ausgedehntere Unterhaltung. Der Ober kam an unserem Tisch vorbei und sie bestellte bei ihm einen Kaffee. Ich rief ihn zurück und bestellte mir auch einen.

"Okay, Claude" sagte meine Begleiterin nach kurzem Zögern und indem sie ihre Haare nach hinten strich, "laß uns anschließend noch ein wenig tanzen gehen."

14.10.2021, aktualisiert vom Februar 2020 (src)

Musik hörend

Und in die Traurigkeit der Sinfonie'n
Ganz eingegangen, lebst Du in mir unnennbar
Im dunklen Unvergänglichen erkennbar
Durch alle Herbste meines Herzens hin.

Albin Zollinger

11.10.2021, aktualisiert vom Mai 2009 (src)

Und meine Träume sind wie Diebe

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer -
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr -
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Max Herrmann-Neisse

10.10.2021, aktualisiert vom März 2017 (src)

Was die Väter halt so raten:

Polonius ist als Laertes' Vater sehr viel netter als Hamlets Vater.

POLONIUS
Und diese Regeln präg in dein Gedächtnis:
Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,
Noch einem ungebührlichen die Tat.
Leutselig sei, doch mach dich nicht gemein.
Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,
Mit ehrnen Haken klammr ihn an dein Herz.
Doch schwäche deine Hand nicht durch Begrüßung
Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich,
In Händel zu geraten; bist du drin,
Führ sie, daß sich dein Feind vor dir mag hüten.
Dein Ohr leih jedem, wenigen deine Stimme;
Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil.
Die Kleidung kostbar, wie's dein Beutel kann,
Doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt;
Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,
Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich
Sind darin ausgesucht und edler Sitte.
Kein Borger sei und auch Verleiher nicht;
Sich und den Freund verliert das Darlehn oft,
Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.
Dies über alles: Sei dir selber treu,
Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,
Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.
Leb wohl! Mein Segen fördre dies an dir!

LAERTES
In Ehrerbietung nehm ich Abschied, Herr.

POLONIUS
Euch ruft die Zeit; geht, Eure Diener warten.

Shakespeare, Hamlet

06.10.2021, aktualisiert vom Dezember 2013 (src)

Lob der verkehrten Lebensweise

Ich hatte die traurigen Folgen einer normalen Lebensweise, mit der ich es eine Zeitlang versuchte, nur zu bald an Leib und Geist zu spüren bekommen und beschloß, noch einmal, ehe es zu spät wäre, ein unvernünftiges Leben zu beginnen. Nun sehe ich die Welt wieder mit jenen umflorten Blicken, die einem nicht nur über die Wirklichkeit der irdischen Übel hinweghelfen, sondern denen ich auch manch eine übertriebene Vorstellung von den möglichen Lebensfreuden verdanke. Das gesunde Prinzip einer verkehrten Lebensweise innerhalb einer verkehrten Weltordnung hat sich an mir in jedem Betracht bewährt. Auch ich brachte das Kunststück zuwege, mit der Sonne aufzustehen und mit ihr schlafen zu gehen. Aber die unerträgliche Objektivität, mit der sie alle meine Mitbürger ohne Ansehen der Person bescheint, allen Mißwachs und alle Häßlichkeit, entspricht nicht jedermanns Geschmack, und wer sich beizeiten vor der Gefahr retten kann, mit klaren Augen in den Tag dieser Erde zu sehen, der handelt klug, und er erlebt die Freude, darob von jenen gemieden zu werden, die er meidet. Denn als der Tag sich noch in Morgen und Abend teilte, wars eine Lust, mit dem Hahnenschrei zu erwachen und mit dem Nachtwächterruf zu Bett zu gehen. Aber dann kam die andere Einteilung auf, es ward Morgenblatt und es ward Abendblatt, und die Welt lag auf der Lauer der Ereignisse. Wenn man eine Weile zugesehen hat, in wie beschämender Art sich diese vor der Neugierde erniedrigen,wie feige sich der Lauf der Welt den gesteigerten Bedürfnissen der Information anpaßt und wie schließlich Zeit und Raum Erkenntnisformen des journalistischen Subjekts werden - dann legt man sich aufs andere Ohr und schläft weiter. "Nehmt, müde Augen, eures Vorteils wahr, den Aufenthalt der Schmach nicht anzusehn!"

Darum schlafe ich in den Tag hinein. Und wenn ich erwache, breite ich die ganze papierene Schande der Menschheit vor mir aus, um zu wissen, was ich versäumt habe, und bin glücklich. Die Dummheit steht zeitlich auf, darum haben die Ereignisse die Gewohnheit, vormittags zu geschehen. Bis zum Abend kann immerhin noch manches passieren, aber im allgemeinen fehlt dem Nachmittag die lärmende Betriebsamkeit, durch die sich der menschliche Fortschritt bis zur Stunde der Fütterung seines guten Rufs würdig zeigen will. Der richtige Müller erwacht erst, wenn die Mühle stillesteht; und wer mit den Menschen, deren Dasein ein Dabeisein ist, nichts gemein haben will, steht spät auf. Dann aber gehe ich über die Ringstraße und sehe, wie sie einen Festzug vorbereiten. Vier Wochen hallt der Lärm, wie eine Symphonie über das Thema von dem Geld, das unter die Leute kommt. Die Menschheit rüstet zu einem Feiertag, die Zimmermeister schlagen Tribünen und die Preise auf, und wenn ich bedenke, daß ich all die Herrlichkeit nicht sehen werde, beginnt auch mein Herz höher zu schlagen. Führte ich noch die normale Lebensweise, so hätte ich wegen des Festzugs abreisen müssen; nun kann ich dableiben und sehe trotzdem nichts. Ein alter König bei Shakespeare winkt ab: "Macht kein Geräusch, macht kein Geräusch; zieht den Vorhang zu! Wir wollen des Morgens zu Abend speisen." Ein Narr, der die Verkehrtheit dieser Weltordnung bestätigt, setzt hinzu: "Und ich will am Mittag zu Bette gehen." Wenn aber ich am Abend frühstücken werde, wird alles vorbei sein, und aus den Zeitungen erfahre ich bequem die Zahl der Sonnenstiche.

Alle größeren Unglücksfälle geschehen am Vormittag; so bewahre ich mir den Glauben an die Vortrefflichkeit der menschlichen Einrichtungen. Doch in den Abendblättern steht nicht nur was geschehen ist, sondern auch wer dabei war, man fühlt sich in eine sichere Entfernung von einer Brandstätte gerückt und bat dennoch Gelegenheit, die Häupter jener Lieben zu zählen, die rechtzeitig u. a. bemerkt wurden, so daß kein einziges fehlt. Man mache sich die Verwandlung des Weltenraumes in einen lokalen Teil zunutze, so gut man kann, man bediene sich des Verfahrens, das unter dem Namen Zeitung eine Konserve der Zeit herstellt. Die Welt ist häßlicher geworden, seit sie sich täglich in einem Spiegel sieht, darum wollen wir mit dem Spiegelbild vorlieb nehmen und auf die Betrachtung des Originals verzichten. Es ist erhebend, den Glauben an eine Wirklichkeit zu verlieren, die so aussieht, wie sie in den Zeitungen beschrieben wird. Wer den halben Tag verschläft, hat das halbe Leben gewonnen.

Alle größeren Dummheiten geschehen am Vormittag: der Mensch sollte erst erwachen, wenn die Amtsstunden zu Ende sind. Er trete nach Tisch ins Leben hinaus, wenn es frei von Politik ist. Daß auch die Attentate vormittags geschehen, wird er allerdings nicht aus den Abendblättern entnehmen können; denn sie werden zumeist auch von den Korrespondenten verschlafen. Es gibt eine Zeitung, die einen Vertreter nach dem andern nach Paris schickte, um die Attentate auf die Präsidenten rechtzeitig zu erfahren; und siehe da, ein Präsident nach dem andern kam ums Leben, und jedesmal war der Tod eines Präsidenten der Zwillingsbruder des Schlafs eines Korrespondenten. Als neulich die deutschen Fürsten in unserer Stadt weilten und alles auf den Beinen war, wußte ich nichts davon. Aber auch sonst hatte dieser Zwischenfall keine nachteiligen Folgen für mich, höchstens, daß es zum erstenmal geschah, daß ich zum Frühstück mein gewohntes Rindfleisch nicht bekam, also einer Neigung entsagen mußte, durch die ich bis dahin meine Zugehörigkeit zu der Stadt, in der ich lebe, demonstrativ bekundet hatte. Der Kellner entschuldigte sich und verwies mich zum Trost auf die Festigung des Dreibunds. Die hatte ich verschlafen. Wenn ein Theologe sich dazu durchringt, nicht mehr an die unbefleckte Empfängnis zu glauben, so geschieht es am Vormittag, wenn ein Nuntius sich blamiert, so geschieht es am Vormittag, und es ist wahrlich immer noch besser, daß ein Sturm der Bauern auf eine Universität oder der Ruf "Heraus mit dem allgemeinen Wahlrecht!" uns den Schlaf des Vormittags stört als die Ruhe des Nachmittags. Nur einmal kam ich zufällig des Weges, wie ein Minister nach Tisch demissionierte. Aber wie unordentlich ist es auch damals zugegangen! Die Polizisten hieben um drei Uhr auf die Volksmenge ein, die "Abzug!" gerufen hatte, und sagten schon um viertel auf vier. "Geht's harn, Leuteln, der Bodens is a schon gangen!" Wie steht es mit der Justiz? Sie ist nur am Vormittag blind, und geschieht ausnahmsweise einmal noch in vorgerückter Stunde ein Justizmord, so handelt es sich gewiß um einen besonders skandalösen Fall. Oder es kann in Deutschland passieren, daß in einer geschlechtlichen Affäre die Wahrheit auf dem Marsche ist, und zwar seit fünfundzwanzig Jahren, und dann muß sie wohl die Nachmittage zu Hilfe nehmen. Um einem solchen Ereignis zu entfliehen, nützt es auch nichts, sich wieder ins Schlafzimmer zurückzuziehen, da sich bekanntlich gegenüber dem Wahrheitsdrang gerade dieses als der am wenigsten sichere Ort herausgestellt hat. Gehört es aber sonst immerhin zu den Annehmlichkeiten des Lebens, dessen Unannehmlichkeiten verschlafen zu können, so muß ich leider zugeben, daß ich auf einem Gebiete mit meiner Praxis überhaupt kein Glück habe, und zwar im Bereich der schönen Künste. Denn es ist eine alte Erfahrung, daß die meisten Theaterdurchfälle gerade abends geschehen.

Dafür ist in der Nacht in allen Betrieben öffentlicher Betätigung Stillstand. Nichts regt sich. Es gibt nichts Neues. Nur die Kehrichtwalze zieht wie das Symbol einer verkehrten Weltordnung durch die Straße, damit der Staub verbreitet werde, den der Tag zurückgelassen hat, und wenns regnet, so geht auch der Spritzwagen hinterher. Sonst ist Ruhe. Die Dummheit schläft - da gehe ich an die Arbeit. Von fern klingt es wie das Geräusch von Druckpressen: die Dummheit schnarcht. Und ich beschleiche sie und ziehe aus der meuchlerischen Absicht noch Genuß. Wenn am östlichen Horizont der Kultur das erste Morgenblatt erscheint, gehe ich schlafen … Das sind so die Vorteile der verkehrten Lebensweise.

Karl Kraus

03.10.2021, aktualisiert vom Februar 2006 (src)

Aktionstage Poetischer Nihilismus im Philosophischer-Nacht-und-Sonntagsdienst.de

Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses

Auf einem silbernen Teller befand sich einst ein Edamer Käs, und nahe dabei ein Talglicht, welches den Käs bestrahlte. Milben hatten sich, durch die innere Gährung seiner organischen Partikeln, im Käse erzeugt. Unter ihnen war eine Philosophin, welche dem Ursprung und der Bestimmung des Käses und der Milben nachdachte. Jemand, der den Käs zu essen im Begriff war, belauschte ihren Monolog mit dem Ohr jener Geniemänner, welche die Sphären singen, die Nerven stimmen, die Flöhe husten hören.

Man fragt mich nicht, wie Das möglich war. Die Frage über das Wie der Dinge ist oft indiskret, und wir könnten eher allgemeine Zweifler werden, als sie in jedem Falle beantworten. Genug, dieser Fürwitzbeutel vernahm die Milbe so reden.

"Wie lieblich duftet dieser Käs! Wie ambrosisch ist dieser Geschmack! Wie nahrhaft diese Speise! Wie bequem meine Wohnung! Eine unermeßliche, durchaus eßbare Welt.

Wie mächtig, wie wohltätig muß der sein, der den Käs machte, ihn für Milben schuf! Unser Sein war sein Wille, unser Wohlsein sein Zweck. Denn vom Nutzen eines Dings schliessen wir auf seine Absicht.

Ich gehe weiter: Dieser Käs ist der beste unter den möglichen. (Der Eigentümer hielt ih für versalzen). Der Beweis ist simpel. Hätte der Urheber einen besseren machen können, so würde er ihn vorgezogen haben. Warum sollte er das Vollkommene dem Mittelmäßigen nachsetzen!

Jener glänzende Körper, der aus ungemessener Ferne meinen Käs bestrahlt (hier lächelte die Milbe gegen das Talglicht) was kann er sein, als unsere Laterne? Wie erquickend, wie wohltätig ist sein Licht! Wie anpassend der Organisation meiner Augen. Ja, das Licht ist um der Milben willen gemacht.

Glückliche Milben! Ihr seid Mittelpunkt - Endzweck aller Kombinationen der Welt. Euch erfreuet das Licht. Euch duftet der Käs, Euch laden seine fetten Partikeln zum Genusse ein.

Aber eben darum, weil Milben der Zweck sind, dem die Natur alle ihre Werke, als Mittel, subordiniert hat; eben darum, erhabene Milben, ist diese ephemerische Existenz nicht das ganze Erbteil, welches die Natur euch beschieden hat.

Sollte sie nicht ewige Zwecke lieben? Sollte der Zirkel der Allnatur ohne seinen Mittelpunkt, worauf alle Strahlen sich beziehen, bestehen können? Nimmermehr! Milben: ihr seid zu den erhabensten Aussichten bestimmt. Eure Existenz; in der Höhle des Käses ist nur der rosenfarbene Morgen eines schönen Tags, dessen Mittag eurer wartet.

Die sublimen Gedanken, welche itzt meinen Geist beschäftigen, sind mehr als die Wirkung meiner Organisation. Es ist wahr, ich kenne meinen Körper, die inere Natur seiner Elemente, die Art ihrer Zusammensetzung beinah gar nicht. Aber dennoch kann ich a priori bestimmen, welche Wirkungen aus dieser Zusammensetzung möglich sind, und welche nicht."

So eben wollte die Rednerin von der Zukunft weissagen, und die Natur der Käse, welche sie künftig bewohnte, und zum Teil essen würde, auf unzählichen, wie sie meinte unumstößlichen Grundbegriffe der Milben metaphysik zu demonstrieren beginnen, als der Zuhörer, vom Mitleid über ihre Mühe gerührt und um ihr eine langwierige Reihe Syllogismen zu ersparen, die Rednerin samt dem Katheder, worauf sie stand, in den Mund steckte und verschlang.

Man sagt, sie habe noch zwischen den Zähnen des Würgers behauptet, ihre Erhaltung, ihr Wohl sei der Endzweck der Natur.

Wilhelm Ludwig Wekhrlin

01.10.2021, aktualisiert vom März 2007 (src)

Auf der Galerie

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind - vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das - Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Franz Kafka

25.09.2021, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

Internet

Im Internet

Eines steht fest, sagte sich Lucien, wenn ich ein vernünftiger Mensch bleiben will, werde ich hier auch nicht einen einzigen armseligen kleinen Salon finden, in dem ich meine Abende verbringen kann./

Stendhal, Lucien Leuwen

18.09.2021, aktualisiert vom August 2021 (src)

Man hat Freude dabei.

Der Arbeiter nimmt Lulu quer auf die Arme; der Tierbändiger tätschelt ihr die Hüften.

Die süße Unschuld – meinen größten Schatz!

Der Arbeiter trägt Lulu ins Zelt zurück.

Und nun bleibt noch das Beste zu erwähnen:
Mein Schädel zwischen eines Raubtiers Zähnen.
Hereinspaziert! Das Schauspiel ist nicht neu,
Doch seine Freude hat man stets dabei.
Ich wag' es, ihm den Rachen aufzureißen,
Und dieses Raubtier wagt nicht zuzubeißen.
So schön es ist, so wild und buntgefleckt,
Vor meinem Schädel hat das Tier Respekt!
Getrost leg' ich mein Haupt ihm in den Rachen;
Ein Witz – und meine beiden Schläfen krachen!
Dabei verzicht' ich auf des Auges Blitz;
Mein Leben setz' ich gegen einen Witz;
Die Peitsche werf' ich fort und diese Waffen
Und geb' mich harmlos, wie mich Gott geschaffen. –
Wißt ihr den Namen, den dies Raubtier führt? – –
Verehrtes Publikum – – Hereinspaziert!!

Der Tierbändiger tritt unter Zimbelklängen und Paukenschlägen in das Zelt zurück.

Wedekind, Erdgeist

Sie kamen aus dem Ritz

Sie kamen aus dem Ritz. Es war ein milder Abend, und sie setzen sich auf eine Bank in der Fußgängerzone.

Eine Gruppe von jungen Machos kam vorbei und einer, der ein großes SM auf die Lederjacke gesprayed hatte, vergaffte sich in sie.

"Wie soll man jemanden lieben, der immerzu solch ein Geschmeiß anzieht?" fragte Wolfgang Mareen.

"Was kann ich dafür, daß ich angekuckt werde?" fragte Mareen.

"Was kann ich dafür, daß wir nie unter uns sind?" fragte Wolfgang.

"Du brauchst nicht mit mir weggehen." sagte Mareen.

"Ich will aber mit Dir weggehen", sagte Wolfgang. "Ich mag Deine Gesellschaft. Es ist ja bloß so, daß ich in Dich verliebt bin."

"Und da geht es also nicht, daß Du die Typen einfach ignorierst?"

Der Macho mit dem SM-Schriftzug war stehengeblieben, weil er gemerkt hatte, daß sie sich stritten. Er kam herüber.

"Habts ihr Ärger? Will dieser Typ was von Dir?" fragte er Mareen.

"Was hab ich gesagt?" sagte Wolfgang. "Einfach ignorieren, haha, wie denn? Meinst Du, die haben ein Gefühl für Stil oder Takt? Die sehen Deine blonden Haare und Deine Figur. Ist das Normalität, wenn man mit Dir durch die Stadt geht?"

"Ja bitte!" sagte Mareen, "mich hats bisher noch nicht gestört. Meinst Du, ich würde mich auf sowas einlassen?"

"Was weiß ich?", sagte Wolfgang. "Wenn man jeden Tag hundertmal die Chance dazu hat, ist einmal weiß Gott nicht oft."

Der SM-Typ war irritiert und verzog sich wieder.

"Und wie hast Du mich kennengelernt?" fragte sie. "Nicht auch, weil Du mich hübsch fandest?"

"Du weißt selber, daß wir uns durch die Mitfahrgelegenheit kennengelernt haben. Nicht weil ich Dich angemacht habe, sondern weil wir im gleichen Ort wohnen und ich ein Auto habe, haben wir uns kennengelernt."

"Aber Du hast die Preise für mich so niedrig gemacht, daß ich immer mit Dir mitgefahren bin."

"Aha", sagte er, "findest Du? Ich sag Dir mal was: meine Preise waren für alle gleich, die mitgefahren sind. Selbst für Markus."

"Ja klar, aber für den hattest Du ja bald keinen Platz mehr im Auto." sagte Mareen.

"Ja und? Sollte ich euch beide verkuppeln? Immerhin hatte ich das Gefühl, daß vor allem wir beide uns sehr amüsant unterhalten hätten. Aber ich hatte im geschlossenen Auto wohl einen falschen Eindruck von den witzigen Dialogen mit Dir bekommen. Denn im Alltag ist man ja nicht allein mit Dir. Und selbst, daß ich im Auto keinen mehr mitnehme, wirfst Du mir vor. Wir sind nicht wirklich ein Liebespaar, oder?"

"Spinnst Du? Ich meine aber nur, daß Deine ewige Abschottung zu nichts führt. Wieso ist es denn nicht möglich, daß wir mal ein paar neue Leute kennen lernen und uns trotzdem gut unterhalten und uns gern mögen. Wieso sollte das nur möglich sein, wenn wir uns von allem ausschließen?"

"Ganz einfach. Weil es kein Gespräch gibt, wenn Du dabei bist. Daß es jeder mit Dir probieren möchte, ist ja normal. Daß Dir das schmeichelt, ist auch normal. Aber was soll ich dann dabei? Zukucken, wie sich ein Flirt entwickelt? Und wenn sich keiner entwickelt, dann den Unterhalter spielen? Sorry."

"Mir scheint, Du kannst an nichts anderes denken."

"Wie sollte ich? Ich sehe Dich ja vor mir. Du siehst umwerfend aus - aber kann man so jemanden lieben? Und geschminkt hast Du Dich auch noch! Du bist ein öffentliches Geschöpf. Deine Schönheit ist für jeden, und Du achtest auch noch sehr genau drauf, daß sie voll zur Geltung kommt. Wir können froh sein, daß nur ab und zu ein Blödmann sich hertraut."

"Jetzt wirf es mir noch vor, daß ich Lippenstift nehme! Du gehst doch auch mit einer anderen in die Schreibwerkstatt, und ich lebe damit."

"Du mußt nur gegen eine ankommen, ich muß gegen alle antreten, die Dich überhaupt sehen. Meine Aufgabe ist ungleich schwerer. Jeder, der da rumläuft, könnte witzig sein oder Dich in einer schwachen Minute erwischen oder einfach das Richtige sagen."

"Wer sagt mir, daß Du nicht auf der Straße fremde Frauen ansprichst?"

"Weil ich Achtung vor ihren Freunden habe. Es ist stillos, auf der Straße Frauen anzusprechen, doch bei dir sehe ich, daß es tausende trotzdem tun."

"Echt strange. Du sagst, Du hast Achtung vor ihren Freunden und sprichst sie deshalb nicht an? Ich glaube es nicht, daß Du so etwas albernes sagst." sagte sie.

"Ich bin diese Problematik langsam wirklich leid", sagte Wolfgang, "können wir nicht heimfahren und eine Nacht darüber schlafen. Vielleicht ist mein einziger Ausweg ja wirklich der, daß ich dich mit einer Laubsäge umbringe."

"So kurz vor dem Vordiplom?" meinte Mareen. "Das wäre albern."

11.09.2021, aktualisiert vom Januar 2007 (src)

Was nötig ist zu lesen.

Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müßte das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müßte ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortete mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wieviel Bände denn eigentlich dieses verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortet er!! Wir sind da, wie er das sagte, ungefähr beim siebenhunderttausendsten Buch gewesen, aber ich habe von dem Augenblick an ununterbrochen gerechnet; - ich will es dir ersparen, ich habe es im Ministerium noch einmal mit Bleistift und Papier nachgerechnet: Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen! In diesem Augenblick sind mir die Beine auf der Stelle stecken geblieben, und die Welt ist mir wie einziger Schwindel vorgekommen. Ich versichere dir noch jetzt, wo ich mich beruhigt habe: da stimmt etwas grundlegend nicht!

Du kannst sagen, man braucht nicht alle Bücher zu lesen. Ich werde dir darauf erwidern: Man braucht auch im Krieg nicht jeden einzelnen Soldaten zu töten, und doch ist jeder notwendig! Du wirst mir sagen: Auch jedes Buch ist notwendig. Aber siehst du, da stimmt schon etwas nicht, denn das ist nicht wahr; ich habe den Bibliothekar gefragt! Lieber Freund, ich habe mir einfach gedacht, dieser Mensch lebt doch zwischen diesen Millionen Büchern, kennt jedes, weiß von jedem, wo es steht: der müßte mir also helfen können. Natürlich habe ich ihn nicht ohne weiteres fragen wollen: wie finde ich den schönsten Gedanken von der Welt? Das würde geradezu wie der Anfang von einem Märchen klingen, und so schlau bin ich schon, daß ich das merke, und überdies habe ich Märchenerzählen schon als Kind nicht leiden können; aber was willst du tun, irgend etwas ähnliches mußte ich ihn schließlich fragen! Andererseits hat mir mein Gefühl für das Schickliche verboten, ihm die Wahrheit zu sagen, etwa meinem Anliegen Auskünfte über unsere Aktion vorauszuschicken und den Mann zu bitten, mich auf die Spur des würdigsten Ziels für sie zu setzen; dazu habe ich mich nicht ermächtigt gesehn. Also, ich hab schließlich eine kleine List angewendet. 'Ach!' - habe ich ganz harmlos zu sagen angefangen - 'ach, ich habe mich zu unterrichten vergessen, wie Sie es eigentlich beginnen, in diesem unendlichen Bücherschatz immer das richtige Buch zu finden?!' - weißt du, genau so habe ich das gesagt, wie ich mir dachte, daß Diotima es sagen würde, und für ein paar Kreuzer Bewunderung für ihn habe ich auch in den gelegt, damit er mir auf den Leim geht.

Robert Musil - Der Mann ohne Eigenschaften

09.09.2021, aktualisiert vom März 2006 (src)

Klarheit vs. verkehrtes Wesen

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis

03.09.2021, aktualisiert vom September 2012 (src)

Berufslos, doch berufen

Da sitzt er wieder vor der Glotze,
chattet sich eins ab,
am Laptop auf dem Schoss,
und kuckt gelegentlich nach glotzenwärts.

Im Kopf der Schwurbel, plattes Angequatschtes,
leichte Medien in leichten Happen, und der starke Vorsatz,
immer das zu achten, was besonders lachhaft ist,

– einschätzen kann er es, weil dazumal er Bücher las
und mit den Freunden vieles darob sprach. Doch
weiss er,

das ist besser, was er jetzt hat, er erbebt,
nach allem, was er damals so erlebt
und dem er glücklich nun entfloh.

(aus: Gedichte für Übersetzer)

23.08.2021, aktualisiert vom Januar 2012 (src)

Der glücklose Losverkäufer

Ich stehe hier,
als Erbe eines großen Unternehmens,
das Glück und Los als Los für sich erkannt.

Als Sohn, der älteste,
war ich bestimmt, Geschick und Tradition
von unserem Gewerbe notwendig glücklich zu forcieren.

Das Frühlingsfest ist,
und sind viele Teddybären, die aus Plüsch,
und stufenförmig Rotlicht-Wildnis aus Begehrlichkeit da ist,

und davor ich, der schreit, was ist.
Ich habe die Verantwortung für alles.
Ein Teppich aus Papierschnipseln erweist der Menschen Weg.

Es schreite denn ein Paar vorbei
von in sich ganz Versunkenen,
des Glückes unbedürftiger Naturen,
die glücklich in mir nur die Niete scheinen sehen.

Da wünsche ich mir denn
den Fortgang der Geschäfte ohne mich.
Verwerfend alle Tradition des Glücksberufes,
die Freiheit einsatzlos gewinnend,
mich meines Loses frei entledigend,
um irgendwann des Glückes nicht mehr zu bedürfen.

20.08.2021, aktualisiert vom Dezember 2008 (src)

Mme de Sennones. Gemälde von Jean-Auguste-Dominique Ingres, 1814

Wo Dünkel rötlich samten fällt,
entspiegelt sich die Zuversicht
der Untergebenen.

Der Blick nach vorn
ist malerisch naiv,
denn die Reinheit dieser schönen Frau
wird gewahrt
von einem großen Staat, der
nur zu ihrem Schutz besteht,
zum Schutz des Reichtums, der Schönheit und des Luxus.

Ein reichgewirktes Kleid umhüllt
fast züchtig eine üpp’ge Büste,

und die Schönheit bildet sich
aus solchem Stoff
als eine Schönheit, die die Macht erschuf
die wiederum von ihr erschaffen wurde.

Denn das empire ist groß,

  • doch sie bleibt ewig unverstanden

in der Pose eines niegefühlten eigenständigen
Triumphs.

Gedichte für Übersetzer.pdf

16. April 2017

10.08.2021, aktualisiert vom April 2017 (src)

Über die Liebe

"Sie sind eben ein geistvoller Mann", entgegnete sie ihm lachend; "Sie sind nicht so töricht, sich zu verlieben … Großer Gott! Gibt es etwas Langweiligeres als die Liebe?"

Stendhal, Lucien Leuwen

09.08.2021, aktualisiert vom März 2014 (src)

Gargantua und Pantagruel

Zehntes Kapitel - Wie Gargantua andern Pädagogen untergeben ward

Indessen ward sein Vater gewahr, daß er zwar allerdings fleißig studiert' und alle seine Zeit dran wandte, gleichwohl aber in nichts vorrückte und, was das ärgste war, davon ganz töricht, damisch, faselig und blöd im Kopfe ward. Dessen beklagt' er sich eines Tags bei dem Don Philipp, des Marays Vizekönig in Widerpapenheim. Der gab ihm zu verstehen, es würd' ihm weit nützlicher sein, gar nichts zu lernen, als solche Bücher unter solchen Lehrmeistern, weil ihr Wissen eitel Viehzeugs und ihre Weisheit nichts als leeres Stroh war, welches die guten edeln Geister verbastardiert' und alle Blüt der Jugend erstickt'. »Denn zum Beweis, daß ihm so sei«, sprach er, »nehmt einen dieser jungen Knaben her, von der heutigen Welt, der nicht länger als zwei Jahr studiert hat: wo er nicht ein viel besseres Urteil, bessere Wort und Ausdrück als Euer Sohn, einen bessern Anstand und Sittsamkeit vor der Welt hat, so haltet mich Euer Lebtag für einen Lügenbeutel.« Dies gefiel Grandgoschier sehr wohl, und befahl alsbald, daß man's versuchte. Des Abends beim Imbiß führet' der von Marays einen seiner jungen Pagen, Eudämon mit Namen, herein, so wohl geschmückt, gestutzt, frisiert, so sauber ausgestäubt, gebügelt und so sittsamen Wesens, daß er vielmehr einem kleinen Engelein als einem Menschen ähnlich sah, und sprach darauf zum Grandgoschier: »Sehet Ihr dieses junge Kind hier? Es ist noch nicht zwölf Jahr alt. Lasset uns nun, wenn's Euch genehm ist, sehen, was Unterschieds zwischen der Weisheit Eurer verplapperten Phantasten aus der alten Zeit und unsern jungen Leuten von heut sei.« Die Prob gefiel dem Grandgoschier, und hieß dem Pagen sein' Sach vortragen. Darauf trat Eudämon, nachdem er seinen Herren, den Vizekönig, um Erlaubnis dazu gebeten, die Mütz in der Hand, mit klarem Antlitz, rotem Mündlein, unerschrockenen steten Augen, den Blick auf den Gargantua richtend, in jugendlicher Bescheidenheit vor ihn hin und fing ihn an zu loben und zu verherrlichen, erstlich wegen seiner Tugend und guten Sitten, zweitens wegen seiner Gelehrtheit, drittens wegen seines Adels, viertens um seiner leiblichen Schönheit willen; und zum fünften ermahnt' er ihn mit sanften Worten, seinem Vater in allen Stücken ehrerbietig und folgsam zu sein, welcher ihn wohl unterrichten zu lassen so große Sorge trüg. Schließlich bat er, ihn unter seine geringsten Diener mit aufzunehmen; denn größere Gnaden könnt' er ihm dermalen vom Himmel nicht erbitten, als daß ihm nur das Glück zuteil würd, ihm einen gefälligen Dienst zu erweisen. Dies alles ward mit so schicklichen Gebärden, so beredsamer Stimm, so deutlichem Ausdruck, in so zierlicher Sprache und feinem Latein von ihm vorgebracht, daß man ihn eher für einen Gracchus, Cicero oder Aemilius der Vorzeit, als für einen jungen Knaben dieses Jahrhunderts gehalten hätt'. Dagegen bestand des Gargantua ganze Antwort in weiter nichts, als daß er euch wie eine Kuh zu heulen anfing, sein Hütlein vors Gesicht klappt', und man eher einem toten Esel einen Furz hätt' entlocken mögen, als ihm auch nur einziges Wörtlein. Darob erzürnet' sich sein Vater so schwer, daß er den Meister Zäumlein umbringen wollt'; doch der von Marays hielt ihn durch gute Worte noch ab, daß sich sein Zorn etwas legte. Befahl darauf, ihm seinen Lohn bar auszuzahlen, auch ihm noch einen Wegtrunk Weines zu geben. »Dann aber«, sprach er, »kann er zu allen Teufeln gehn. Zumindest wird er heut seinem Wirt nichts kosten, wenn er etwa so sackvoll wie ein Engelländer sterben sollte.« Als Meister Zäumleinaus dem Haus war, beratschlagt' Grandgoschier sich mit dem Vizekönig, was man ihm für einen Präzeptor geben sollt', und ward unter ihnen ausgemacht, zu diesem Amt den Ponokrates, den Pädagogen des Eudämon, anzustellen, und sollten all mitsammen gen Paris ziehen, wo sie sich umtun könnten, wie es derzeit mit dem Studieren der jungen Leut in Frankreich bestellt war.

François Rabelais, übersetzt von Johann Fischart

Salammbô

Salambo stieg auf das flache Dach ihres Palastes, gestützt von einer Sklavin, die in einem eisernen Becken glühende Kohlen trug. Mitten auf der Terrasse stand ein niedriges Ruhebett aus Elfenbein. Luchsfelle und mit Papageienfedern gefüllte Kissen lagen darauf. Diese weissagenden Vögel waren den Göttern geweiht. Über den vier Ecken waren die Pfannen angebracht, gefüllt mit Spezereien, Narde, Zimt und Myrrhen. Die Sklavin entzündete das Räucherwerk.

Salambo blickte zum Polarstern auf, grüßte feierlich die vier Windrichtungen und kniete dann auf dem blauen Sande nieder, der – ein zweiter Himmel – mit goldenen Sternen besät war. Sie drückte die Ellbogen an die Hüften, streckte die Unterarme wagerecht vor, öffnete die Hände, bog das Haupt zurück, so daß ihr das Mondlicht voll ins Angesicht schien, und sprach:

»O Rabbetna … Baalet … Tanit!« Das klang wie Klagelaute, gedehnt, wie ein Ruf in die Ferne. »Anaïtis … Astarte … Derketo … Astoreth … Mylitta … Athara … Elissa … Tiratha …. In deinen Symbolen … in der heiligen Musik … in den Furchen der Äcker … im ewigen Schweigen … und in der ewigen Fruchtbarkeit …. Herrin des düsteren Meeres … und der blauen Gestade … o Königin des Feuchten … sei mir gegrüßt!«

Zwei- oder dreimal beugte sie den Oberkörper vor und zurück, dann warf sie sich mit ausgestreckten Armen mit der Stirn in den Sand. Die Sklavin richtete sie sofort wieder auf, denn gläubigem Brauch gemäß mußte man den Betenden emporheben. Es bedeutete, daß die Götter ihn erhörten. Salambos Amme versäumte diese fromme Pflicht niemals.

Gustave Flaubert, Salambo

02.08.2021, aktualisiert vom Februar 2006 (src)

Entscheidungen treffen

Du wirst es bereuen

Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; entweder du heiratest oder du heiratest nicht, du bereust beides. Lache über die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; weine über sie, du wirst es auch bereuen; lache über die Torheiten der Welt oder weine über sie, du wirst es beides bereuen; entweder du lachst oder du weinst über die Torheiten de Welt, du bereust beides. Trau einem Mädchen, du wirst es bereuen, traue ihr nicht, du wirst es auch bereuen; trau einem Mädchen oder traue ihr nicht, du wirst beides bereuen; entweder du traust einem Mädchen oder du traust ihr nicht, du wirst beides bereuen. Erhänge dich, du wirst es bereuen, erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen, erhänge dich oder erhänge dich nicht, du wirst beides bereuen; entweder du erhängst dich oder du erhängst dich nicht, du wirst beides bereuen.

Sören Kierkegaard

30.07.2021, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

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Created: 2021-10-25 Mo 20:21

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