· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

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Vom Glück des Klimawandels

Die obdachlose Liebe

Wir beide leben bürgerlich
in der Wohung und im Haus,
sind studiert und etabliert im Leben,

und seit wir uns begehren und erkennen
sind wir verloren auf die Obdachlosigkeiten
unserer Gefühle,

wie schön die sind, so ohne Planen,
wie schön die sind, so ohne jedes Haus,
wie schön die dennoch sind, so völlig obdachlos.

Die Kälte und der Winter
(wir erwärmen uns auf Bänken und im Park,)
werden uns niemals entzweien,

denn wir zittern sehr vorm Leben,
und nicht vor Kälte oder Eis.

22.02.2021, aktualisiert vom Dezember 2020 (src)

Ein Leben ohne Autofahren

Der Kuss im Hegelhaus

Da nahm ich sie mit hin, ins Hegelhaus, die Studentin aus Weimar, die Autostadt besuchend, damit sie eine Bildungserfurcht habe hier in Stuttgart. Nicht die Autos, sondern die Philosophie interessierte sie gar. Zusammen standen wir und kuckten und lasen und kommentierten und sprachen einen Podcast ein während des Rundgangs, im Hegelhau. über die Idee der Dialektik, und was man produzieren darf und was die Industrie erzeugt an philosophischen Sorgen und Lebensvernichtung in ihrem optimierten Alltag. Und am Ende fanden wir uns, eine Ecke für unsere Liebe, die nicht Auto und nicht Dialektik war, sondern nur Sinnlichkeit und Sex und verliebte Menschlichkeit,

Wunderlicher Alter, soll ich mit Dir gehn?

Der Leiermann

Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern
Dreht er, was er kann

Barfuß auf dem Eise
Wankt er hin und her;
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer

Keiner mag ihn hören
Keiner sieht ihn an;
Und die Hunde knurren
Um den alten Mann

Und er läßt es gehen
Alles, wie es will
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still

Wunderlicher Alter
Soll ich mit dir gehn?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier drehn?

Wilhelm Müller

Eine würdige Interpretation auf YouTube

17.02.2021, aktualisiert vom September 2020 (src)

Der Traum der Menschheit,

fliegen zu können, ist inzwischen vollkommen eskamotiert,

  • denn er wird nun gelebt. Dieses Realisieren von Träumen ist insgesamt ohnehin immer ein Unding, und in diesem Fall erinnert es einen an nichts Poetisches, sondern an eine ökologische Katastrophe.
  • Wie schade um eines der schönsten Dinge, das sich die Menschen einmal in ihren Köpfen erträumen konnten. Berichte von Flugreisen werden hiermit zum Schund erklärt, und

Leute, die Flüge bei Fluggesellschaften buchen, sind aus dem gesellschaftlichen Bekanntenkreis zu entfernen.

  • Der Traum von einem blauen Himmel ohne die weißen Striche der Kondensstreifen ersetzt den vom Fliegen.
16.02.2021, aktualisiert vom November 2003 (src)

Denn die Schönheit

ist doch nicht interesselos, sondern anziehend gerade auf den Interesselosen, das ist ihre Perfidie.

15.02.2021, aktualisiert vom Mai 2007 (src)

Le déserteur

Monsieur le Président
Je vous fais une lettre
Que vous lirez peut-être
Si vous avez le temps

Je viens de recevoir
Mes papiers militaires
Pour partir à la guerre
Avant mercredi soir

Monsieur le Président
Je ne veux pas la faire
Je ne suis pas sur terre
Pour tuer des pauvres gens

C'est pas pour vous fâcher
Il faut que je vous dise
Ma décision est prise
Je m'en vais déserter

Depuis que je suis né
J'ai vu mourir mon père
J'ai vu partir mes frères
Et pleurer mes enfants

Ma mère a tant souffert
Elle est dedans sa tombe
Et se moque des bombes
Et se moque des vers

Quand j'étais prisonnier
On m'a volé ma femme
On m'a volé mon âme
Et tout mon cher passé

Demain de bon matin
Je fermerai ma porte
Au nez des années mortes
J'irai sur les chemins

Je mendierai ma vie
Sur les routes de France
De Bretagne en Provence
Et je dirai aux gens:

Refusez d'obéir
Refusez de la faire
N'allez pas à la guerre
Refusez de partir

S'il faut donner son sang
Allez donner le vôtre
Vous êtes bon apôtre
Monsieur le Président

Si vous me poursuivez
Prévenez vos gendarmes
Que je n'aurai pas d'armes
Et qu'ils pourront tirer

Boris Vian

14.02.2021, aktualisiert vom September 2009 (src)

Arthur H - La chanson de Satie

Approche-toi de moi
Monte le son plus fort
Je veux sentir une dernière fois ton corps
Contre moi

Je pars en voyage
Tu pars très longtemps
Je vais t'oublier un peu c'est sûr, c'est certain

Je voulais te dire que je t'aime encore
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore

Je t'en prie, chante moi
Ce vieil air français
Cette mélodie d'Erik Satie
Je crois que c'est ça

Je voulais te dire encore
Je voulais te dire que je t'aime encore
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore
Tu pars en voyage
Je pars très longtemps
Tu vas m'oublier, c'est sûr, c'est certain

Approche toi de moi
Monte le son plus fort
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore
Que tu m'aimes encore
Que tu m'aimes encore
Que je t'aime encore

Video auf YouTube

Hyperions Schicksalslied

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Hölderlin

Kommentar:

Ja, genau so ist es mit uns. Das Leben wirft uns von Klippe zu Klippe, und wir wissen nichts von unserer Zukunft. Doch die Gedichtform ist prima, denn in einigen kurzen Sätzen erfahren wir die psychische Offenbarung, und die ist sehr wegweisend. Im Grunde geht es ja darum, gern blindling auf die Klippen geworfen zu werden. Oderso.

03.02.2021, aktualisiert vom Juni 2005 (src)

Trivialitäten gelten, es ist so traurig wahr.

Klärchens Lied

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Hangen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt –
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

Johann Wolfgang von Goethe (ohne Wikipedia-Verweis, ihr verdummten Deppen, die ihr nicht wisst, wer das ist.)

Kommentar: Was für ein banaler Gesang auf die Liebe, so nichtssagend und allgemein. Wie sehr muß sich der schämen, der liebt, exakt dies erlebt und dabei denkt, was bin ich für ein banaler Geselle. Denn ich empfinde so billig wie der Goethe. Würde ich doch wenigstens wie Kafka lieben oder der Marquis de Sade. Aber nein, dies kleine Liebesgedicht erklärt mein Lieben völlig. Was für eine Peinlichkeit! Und doch find ichs so schön.

02.02.2021, aktualisiert vom September 2020 (src)

Ein verlorener Schlüssel wieder mal.

Verloren ist das sluzellin

Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn,
dû bist beslozzen
in mînem herzen;
verlorn ist das sluzzelîn:
du muost immer drinne sîn.

(Mittelhochdeutsches Liebesgedicht, der manessischen Liederhandschrift entstammend, Verfasser nicht bekannt.)

01.02.2021, aktualisiert vom Oktober 2020 (src)

Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler

31.01.2021, aktualisiert vom November 2020 (src)

Und meine Träume sind wie Diebe

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer -
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr -
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Max Herrmann-Neisse

30.01.2021, aktualisiert vom März 2017 (src)

Lektüreempfehlung

Eugen Kogon - Der SS-Staat.

H.G. Adler/Hermann Langbein/Ella Lingens-Reiner - Auschwitz. Zeugnisse und Berichte

Ob es Menschen gibt, die das tatsächlich noch lesen werden, wenn sie es noch nicht getan haben?

29.01.2021, aktualisiert vom Januar 2005 (src)

Wissen und Wunder

Am frühen Morgen hatte ein Tieflader den Container mitten auf den Platz gestellt.

Gegen zehn Uhr kamen einige Schulklassen, die sich mit der Sammelaktion etwas Geld fuer die Klassenkasse verdienen wollten, und schwärmten mit Leiterwagen, elterlichen Kleinbussen, ausgeliehenen Traktoren gleich wieder aus, um in diesem Industriegebiet und den sich danach anschließenden Wohnstraßen das besondere Altmaterial schnell von den Gehwegen zum Container zu schaffen, welcher dadurch der Zielpunkt aller Aktivitäten war.

Nach einer halben Stunde sind die ersten zurück und werfen ausgediente Monitore, hunderte von alten Platinen und verstaubten Computergehäusen unter lautem Getöse in den Stahlbehälter.

Bevor sich die Schüler erneut aufmachen, bestimmen sie zwei der Jungen, Neuntklässler, welche, die ohnehin nichts raffen, ein zu kleines Mädchen und einen zu fahrigen Jungen, vielleicht ficken sie ja, und es gibt was zum Erzaehlen, als Aufpasser, damit niemand in der Zwischenzeit nach vergoldeten Steckern sucht oder die Chips von den Prozessorboards stemmt oder hier bloss seinen privaten Muell dazukippt.

Die beiden klettern die zweieinhalb Meter hohen Seitenwände hinauf und lassen sich in den riesigen, viertelsgefüllten Behälter hineinfallen.

Nur eine Wand an der Längsseite hat nicht die volle Höhe, aber trotzdem noch über anderthalb Meter. Beide Wächter besitzen einen Walkman, den sie sich wie auf Kommando gleichzeitig überstülpen und anschalten.

Scheinbar ohne Rücksicht auf seine schwarze Lederjacke zu nehmen lehnt sich der Schüler an die einzige schräge, die verkürzte Wand und blinzelt nach oben in die Sonne, die jetzt schon so stark brennt, dass ihm heiss ist in seiner Jacke, die aus Leder ist. Ausziehen käme schon wegen der Torte nicht in Frage. In seinem Alter kann er es sich nicht erlauben, nicht cool zu sein.

Mehr im Stil der siebziger Jahre ist die Schülerin gekleidet. Sie hat lange Haare und eine Jacke mit langen Fransen. Sie trägt zwar ebenso Jeans wie der andere auch, aber ihre haben einen Stoffsticker aufgenäht: ein offener Mund, aus welchem eine obszön lange Zunge herausgestreckt wird.

Sie sitzt auf dem Teil des Bodens, welcher vom Müll unbedeckt ist und blickt mit verzücktem Gesichtsausdruck in den blauen Himmel, welcher sich über dem Container wölbt.

Als ihr die Wärme zu schaffen macht, zieht sie die Fransenjacke aus und krempelt die Ärmel ihres Holzfällerhemdes hoch. Obgleich es erst April ist, wirkt die Sonnenstrahlung sehr stark, und der dunkelblaue Lack auf dem Stahl, wo er noch nicht abgebeizt ist, speichert die Hitze zusätzlich.

Ab und zu läuft draussen jemand vorbei, so dass die Schritte auf dem Asphalt, die im Container widerhallen, die quäkenden Rhythmen aus den Walkmännern übertönen.

Irgendwann kommen zwei bäuerliche Traktoren mit Anhängern vorgefahren, die kurz vor der Sammelstelle heftig abgebremsen und von denen sogleich eine Meute Schüler herunterspringt. Die älteren Schüler machen derbe Späße ueber das wachende Schülerpaar.

Wieder lädt man einige Zentner Datenverarbeitungsreststoffe in den Stahlcontainer und fährt dann erneut los, um in den entfernteren Straßen die Sammeltätigkeit fortzuführen. Jetzt hat sich der eine Zurückgebliebene rittlings oben auf ein Eck gesetzt, während die andere immer noch einen freien Platz im Inneren findet.

Der Schüler fühlt sich da oben wie der Käpt'n, eine Willensanstrengung, und der ganze Kahn fährt ab in Richtung Amerika. Bloß da vorne an der Fabrik vorbei muss er sein Containerschiff lotsen und dann kommt schon freies Feld, Wiesen, Wälder, Frankreich, das große Meer und dann Amerika.

Und wenn schon Amerika, dann gleich nach Kalifornien. Da wäre die Torte sicher auch nicht dagegen. Brücke an Maschinenraum: Dampf machen!

"Hier stinkts volle Kanne" sagt das Mädchen ohne den Kopfhoerer abzunehmen und ungehört und ohnehin nicht an den Jungen gewandt, der seinerseits den Kopfhörer nicht abnehmen wird. Sie nimmt sich eine Platine von dem Haufen weg und studiert sie: große schwarze Ameisen, viereckig und mit vielen verankerten Beinen, festgewachsen in einem Feld voller buntlackierter Vergissmeinnicht.

Aber dafür sind die Ameisen groß. Sie sind mutiert und genmanipuliert. Schöner die Rückseite, wenn man die Platine umdreht, da ist ein kompliziertes Wegesystem, ein Labyrinth, wo sich der Strom nur noch gefühlsmaessig zurechtfinden kann. Der Strom, den die festgewachsenen Ameisen aussenden, um den Kontakt zu ihresgleichen nicht abbrechen zu lassen.

Sie schnippt die Leiterplatte zurück auf den Berg aus Datenschrott. Um dem üblen Geruch, der sich aus Lack-, Kunststoff- und Klebstoffdämpfen zusammensetzt, zu entgehen, klettert sie ebenfalls die Wand des Containers hoch und setzt sich oben hin, auf die entgegengesetzte Seite von derjenigen des Käptns. Es ist fast menschenleer auf dem Platz, ab und zu fahren schwere Lastkraftwagen vorbei, die von der Fabrik kommen.

Deren Lärm übertrifft zwar kaum den der Walkmanmusik, aber das Rumpeln übertraegt sich von der Strasse auf den Müllbehälter und von dort direkt in den Bauch der Bewacher.

Es scheint, dass die Hitze, der Lärm, die Verlassenheit ihrer Lage die beiden etwas benommen machen, denn obwohl sie erst seit einer dreiviertel Stunde ihr Amt ausüben, tragen sie schon alle Anzeichen der Erschöpfung.

Sie verständigen sich kurz mittels einigen Gesten, die eben diesen Sachverhalt verdeutlichen und amüsieren sich einen Moment lang über die Einigkeit ihrer negativen Gefühle. Dann ist wieder jeder mit sich selbst beschäftigt, die Cassette zu wechseln, sich irgendwie Kühlung zu verschaffen, und wieder auf die Anderen zu warten. Damit ist genug getan.

Der Käptn ist ab jetzt keiner mehr, er hat sich in Mad Max verwandelt, der ein Wüstenfort vor den in schweren, zu fahrenden Festungen umgewandelten, Bussen anrollenden Strauchdieben verteidigt. Cool ist gar kein Ausdruck, wie er sie auflaufen lässt, in Empfang nimmt mit Guns'n'Roses.

Und wenn die Riesenkampfwagen, am Bug getroffen, abdrehen und in voller Fahrt umstuerzen, spuert er es in seinem Bauch beben. Aber auch er wird schliesslich getroffen, als er eine Frau aus der Schusslinie zieht, in der Schulter, so dass er gefaehrlich viel Blut und Energie verliert.

Entkraeftet laesst er diese Vorstellung fahren und sieht seitlich hinueber zu der Torte. Diese ist anscheinend ebenfalls sehr mit sich beschaeftigt, malt geistesabwesend irgend etwas mit dem Kugelschreiber auf ihre Turnschuhe, aber trotzdem wird Ex-Mad Max es nicht wagen koennen, seine Jacke auszuziehen ohne sein Gesicht zu verlieren.

Diese Sonne macht ihn voellig kaputt. Und es ist erst Fruehling. Ueberhaupt scheint er eine Abneigung gegen den freien Himmel zu haben, gegen die "frische Luft", von der doch jeder weiss, wie wenig Frisches in ihr ist; gegen die Sonne, vor deren Strahlung selbst die Lehrer warnen.

Und dazu diese ungeordnete Akustik des Lebens im Freien. Unmotivierte Laute von Flugzeugen, Autos, Strommasten, Schritten, Stimmen. Wie haben es die Leute nur ausgehalten, als es noch keine transportable Musik gab?

Die Schuelerin schaut indessen ueber den Platz, in der Hoffnung, dass endlich etwas passiere. Sie wirft einen Schwall Haare nach hinten ueber die Schulter, um dann weiter auf ihren Turnschuh zu malen. Sie schreibt "Deep Purple" und "Pink Floyd", wobei sie die Buchstaben extra rund gestaltet und die Buchstabeninnenraeume minutioes ausmalt.

ie hat die Musik im Walkman, es ist Nirvana, laut gestellt, aber trotzdem fuehlt sie sich aeusserst ermattet. Sie schwankt und faellt beinahe ruecklings in den Reststoffsammelcontainer. Dann sammelt sie ihre Kraefte und steigt vorsichtig und langsam hinein. Unten setzt sie sich wieder auf den Boden, wobei sie die Augen schliesst und irgendwie anfaengt zu traeumen.

Es ist eher ein Fabulieren mit offenen Augen, denn zum Traeumen ist die Vierzehnjaehrige wirklich nicht aufgelegt. Dazu hat sie in ihrer Lage wirklich keinen Nerv; sie fuehlt sich viel zu schlapp. Sie denkt zwangshaft, um sich etwas abzulenken, an die Logikbausteine, die ihr es in ihrer uebergrossen Schwaerze angetan haben.

Logikbausteine, zwischen denen sich der Strom auf der Leiterbahn nur gefuehlsmaessig hin- und herbewegte, als sie ueberhaupt noch an den Stromkreislauf angeschlossen waren, so weiss sie. Komisch eigentlich, dass sich der Strom ueberhaupt an die vorgeschriebenen Wege haelt. Er wuerde doch nichts verlieren, wenn ers nicht taete. Vielleicht ist das die Logik, dass ers eben einfach tut, ohne auf die Konsequenzen zu achten.

Sie findet das sympathisch von dem Strom und ueberlegt, ob sie nicht mit ihren runden Buchstaben "Logik" auf den Turnschuh schreiben soll, wobei das o und das g natuerlich schwarz ausgefuellt werden muessten, so schwarz wie die Speicherchips selber sind. Oder so schwarz wie die Lederjacke von dem Dings da oben. Oder so schwarz, wie wenn man erst versucht in die Sonne zu blicken und dann die Augen fest zudrueckt.

Jetzt traeumt sie doch: dass sie auf dem Gras einer Wiese liegt und dass Ameisen ueber ihrem Koerper hin und her laufen. Die Ameisen sind alle viel zu gross und genmutiert, doch sie findet das lustig, dass jemand ueber sie hinweglaeuft und die Ameisen finden das auch. Dann merkt sie aber, dass die Ameisen nicht zu gross sind, sondern dass sie selbst viel zu klein ist.

Ihr Gewicht muss sie tief hinunter gedrueckt haben, so dass die Grashalme wie kahle Baeume gegen den Himmel zeigen und das Gesichtsfeld versperren. Seltsam, denkt sie, dass keine Voegel zu hoeren sind, wo doch jetzt Fruehling ist. Da ist bloss eine elektrische Gitarre und ein Schlagzeug, aber die Maenner, die sie spielen, sind mitten in ihrem Kopf. Das ist unlogisch, denkt sie.

Dann sieht sie die Vergissmeinnicht, die in Reih und Glied zwischen den Ameisen eingepflanzt sind. Als sie versucht, daran zu riechen, faehrt sie entsetzt zurueck, denn die Fruehlingsblumen riechen alt und staubig. Was soll das, denkt die Schuelerin erbittert, Blumen haben gefaelligst nach Blumen zu riechen. Aber vielleicht riechen die hier nunmal so.

Und als sie sich daran erinnern will, wie Blumen denn sonst riechen koennten, faellt es ihr nicht ein. Die muessen vielleicht bloss mit etwas elektrischem Strom gewaessert werden. Aber insgeheim glaubt sie nicht daran.

Sie wendet sich den logischen Ameisen zu, die sich gegenseitig zum Zeitvertreib knifflige Aufgaben stellen und ueber die Loesungen lachen. Denn freilich fallen ihnen sogleich die Loesungen ein. Und ueberhaupt sind sie sehr lustig.

Vielleicht wirft man sie eben deswegen in den Muellcontainer, vermutet ihre Bewacherin. Logische Bausteine haben logisch und konsequent zu sein, und wenn sie trotzdem spontan und witzig sein wollen, dann werden sie ueberfluessig und unerwuenscht.

Sie wird ganz traurig ueber das Schicksal der lustigen logischen Bauteile, doch diese wenden sich ihr zu und nennen sie Alice. Man scherzt auf binaer, und es ist alles viel froehlicher als in der Schule, so dass Alice auch schnell wieder bessere Laune bekommt. Vor allem ist sie erheitert darueber, dass sie waehrend ihres Traumes weiss, noch nie so seltsames Zeug getraeumt zu haben.

Und sie entscheidet sich dafuer, dass ihr Traeumen doch eher ein Fabulieren sein muesse.

(Doch später, als die Polizei alle vernahm, vor allem die Lehrer, wie es geschehen konnte, dass man Schüler über einen Zeitraum von mehreren Stunden solch einen Cocktail von diffundierendem Sondermüll atmen ließ, sodass man mit dauerhaften Schäden bei den beiden rechnen müsse, stellte sich heraus, dass sich niemand auch nur träumen ließ, was das bedeuten würde. Klares Ergebnis aus diesem Ereignis war schließlich, dass dies die letzte Sammlung solcher Art an dieser Schule bleiben würde.)

28.01.2021, aktualisiert vom Januar 2017 (src)

Gegen den Strich

Die Welt ohne Friseure

Ich sehe die verwilderten Menschen
mit ihren wirren Haaren
huschen durch die Welt mit dieser Scham
die Haare nicht mehr schön zu haben,
das ist ein allgemeiner Gram.

Doch mir gefallen alle Scheitelträger
ohne Scheitel sehr
und die Barbarellas sowieso
sie sehen aus wie immer mehr
sie wollten.

Die vielen Haare
erinnern mich an Jahre,
als die Jungen nicht mehr alt sein wollten.

Und das ist wieder so.

Barockgedicht

Ach Liebste, lass uns eilen

Ach Liebste, lass uns eilen,
Wir haben Zeit:
Es schadet das Verweilen
Uns beiderseit.

Der edlen Schönheit Gaben
Fliehn Fuß für Fuß,
Daß alles, was wir haben,
Verschwinden muss.

Der Wangen Zier verbleichet
Das Haar wird greis,
Der Äuglein Feuer weichet,
Die Brunst wird Eis.

Das Mündlein von Korallen
Wird ungestalt,
Die Händ als Schnee verfallen,
Und du wirst alt.

Drum lass uns jetzt genießen
Der Jugend Frucht,
Eh denn wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.

Wo du dich selber liebest,
So liebe mich,
Gib mir, dass, wann du gibest
Verlier auch ich.

[[https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Opitz][Martin Opitz]]

28.01.2021, aktualisiert vom Juni 2020 (src)

Auch die wunderbare Zaz

singt jetzt Paris-Lieder und ist ganz staatstragend.

  • Bis hierher war sie sehr wunderbar.
    • Es ist ein bisschen mit ihr wie mit Patricia Kaas oder Edith Piaf,
      • sie werden in Frankreich genauso vereinnahmt wie hier die doofen nationalen Stars.
25.01.2021, aktualisiert vom Februar 2015 (src)

Über die Wahrheit der Liebe

Zu Mersburg bei Konstanz lebte gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein ehrlicher Bursch, Heinz Klöpfgeißel geheißen, und Faßbinder seines Zeichens, von guter Gestalt und Gesundheit. Er stand in inniger Wechselneigung mit einem Mädchen, Bärbel, der einzigen Tochter eines verwitweten Glöckners, und wollte sie ehelichen, doch stieß des Pärchens Wunsch auf väterlichen Widerstand, denn Klöpfgeißel war ein armer Kerl, und der Glöckner forderte erst eine stattliche Lebensstellung von ihm, daß er Meister würde in seinem Gewerbe, bevor er ihm seine Tochter gäbe. Die Neigung der jungen Leute aber war stärker gewesen als ihre Geduld, und aus dem Pärchen war vor der Zeit schon ein Paar geworden. Denn nächtlich, wenn der Glöckner glöckeln gegangen war, stieg Klöpfgeißel ein bei Bärbel, und ihre Umarmungen ließen das eine dem andern als das herrlichste Wesen auf Erden erscheinen.

So standen die Dinge, als eines Tages der Faßbinder sich mit anderen munteren Gesellen nach Konstanz begab, wo Kirchweih war und wo sie einen guten Tag hatten, so daß sie am Abend der Haber stach und sie beschlossen, in eine Schlupfbude zu Weibern zu gehen. Nach Klöpfgeißels Sinn war es nicht, er wollte nicht mithalten. Aber die Burschen verhöhnten ihn als einen Zümpferling und setzten ihm zu mit ehrrührigen Spottreden, ob es am Ende mit ihm nicht das Rechte und er gar nicht auf dem Posten sei; und da er dies nicht ertrug, dazu auch des Starkbiers sowenig geschont hatte wie die anderen, so ließ er sich breitschlagen, sagte "Hoho, das weiß ich anders" und stieg mit der Bande ins Zatzenstift.

Hier begab es sich, daß er eine arge Beschämung erlitt, so, daß er nicht wußte, welch Gesicht zu sich selber machen. Denn wider alles Erwarten war es bei der Schlumpe, einem ungarischen Weibe, ganz und gar nichts Rechtes mit ihm, und ganz und gar nicht war er bei ihr auf dem Posten, worüber sein Ärger unmäßig war und auch sein Schrecken. Denn das Mensch lachte ihn nicht nur aus, sondern schüttelte auch bedenklich den Kopf und meinte, da müsse was stinken und nicht geheuer sein; ein Bursche von seinem Bau, dem´s plötzlich nicht mehr gelänge, der sei des Teufels Märtyrer, dem müsse man es gekocht haben, - und was solcher Reden noch mehr waren. Er schenkte ihr viel, damit sie es seinen Kumpanen nicht sagte, und kehrte niedergeschlagen nach Hause zurück.

Sobald wie möglich, wenn auch nicht ohne Besorgnis, gab er sich mit seiner Bärbel ein Stelldichein, und während der Glöckner glöckelte, hatten sie miteinander die wohlgeratenste Stunde. So fand er seine Jungmannsehre wiederhergestellt und hätte vergnügt sein können. Denn außer der Ersten und Einen war ihm an keiner gelegen, und warum sollte ihm also an sich viel gelegen sein, außer bei ihr? Aber eine Unruhe war seit jenem Fehlschlag in seiner Seele zurückgeblieben, und es bohrte in ihm, daß er sich auf die Probe stelle und einmal, wenn auch dann niemals wieder, der Herzallerliebsten ein Schnippchen schlüge. Darum lugte er heimlich nach einer Gelegenheit aus, sich zu versuchen, sich und auch sie; denn er konnte kein Mißtrauen hegen gegen sich selbst, ohne daß es als leiser, zwar zärtlicher, aber banger Verdacht zurückgegangen wäre auf die, an der seine Seele hing.

Nun fügte es sich, daß er im Keller des Weinwirts, eines kränkelnden Wanstes, die gelockerten Reifen zweier Fässer an den Dauben festzuschlagen bestellt war, und des Wirtes Weib, ein noch rösches Frauenzimmer, mit hinabstieg und ihm bei der Arbeit zusah. Da streichelte sie ihm den Arm und legte den ihren daran zum Vergleich und machte ihm solche Mienen, daß er ihr unmöglich abschlagen konnte, was zu leisten sein Fleisch bei aller Willigkeit des Geistes denn doch gänzlich gehindert war, so daß er ihr sagen mußte, es tanzerte ihn nicht, und er habe es eilig, und gewiß komme gleich ihr Mann die Treppe herunter, und Fersengeld gab, indem er der verbittert Hohnlachenden schuldig blieb, was kein rüstiger Bursche schuldig bleibt.

Er war tief verwundet, irregemacht an sich selbst und nicht nur an sich; denn der Verdacht, der sich schon nach dem ersten Mißgeschick in seine Seele geschlichen, besaß ihn nun ganz, und daß er des Teufels Märtyrer sei, litt für ihn keinen Zweifel mehr. Darum, weil das Heil einer armen Seele und seines Fleisches Ehre dazu auf dem Spiele standen, ging er zum Pfaffen und sagte ihm alles durchs Gitter ins Ohr: daß es mit ihm spuke, und daß er´s nicht vermöchte, sondern gehindert sei, ausgenommen bei einer einzigen, und wie das zugehen möge, und ob die Religion gegen eine solche Unbilde nicht mütterliche Abhilfe wisse.

Nun war aber damals und dazulande die Pest des Hexenwesens nebst vielen einschlägigen Leichtfertigkeiten, Sünden und Lastern durch Anstiftung des Feindes des menschlichen Geschlechtes und zur Beleidigung göttlicher Majestät in arger Ausbreitung begriffen, und strenge Wachsamkeit war den Seelenhirten zur Pflicht gemacht worden. Der Pfaffe, dem diese Kategorie des Unwesens, daß Männer an ihrer besten Kraft waren verzaubert worden, nur allzu bekannt war, ging mit Klöpfgeißels Beichte an höhere Stelle, das Glöcknerskind wurde eingezogen, vernommen und gestand wahr und wahrhaftig, sie habe, in Herzensangst um die Treue des Jungen, damit er nicht anderweitig ihr möchte ausgespannt werden, bevor er vor Gott und den Menschen der Ihre geworden, von einer Vettel, Badefrau von Gewerb, ein Specificum angenommen, eine Salbe, angeblich aus dem Fett eines ungetauft verstorbenen Kindes hergestellt, mit der sie, um sich seiner nur fest zu versichern, ihrem Heinz bei der Umarmung heimlich und in bestimmter Figur den Rücken gesalbt habe. Nun ward auch das Badeweib inquiriert, das zähe leugnete. Sie mußte der weltlichen Behörde überstellt werden mit der Anheimgabe von Befragungsmitteln, die der Kirche nicht anstanden; und unter einigem Druck kam denn an den Tag, was man hatte erwarten müssen: daß die Vettel in der Tat eine Abrede mit dem Teufel hatte, der ihr in Gestalt eines bocksfüßigen Mönches erschienen war und sie beredet hatte, die göttlichen Personen auf den christlichen Glauben mit greulichen Schmähreden zu verleugnen, wogegen er sie mit Anweisungen zur Herstellung nicht nur jener Liebessalbe, sondern auch noch anderer Schand-Panazeen versehen hatte, darunter eines Fettes, mit dem bestrichen jedes Holz sich mit dem Adepten flugs in die Lüfte erhob. Die Umständlichkeiten, durch die der Böse seinen Pakt mit der Alten besiegelt hatte, kamen nur stückweise, unter wiederholtem Druck, zum Vorschein und waren haarsträubend.

Für die nur mittelbar Verführte hing alles nunmehr davon ab, wie weit ihr eigenes Seelenheil durch die Annahme und den Gebrauch des verworfenen Präparates in Mitleidenschaft gezogen war. Zum Unglück des Glöcknerkindes legte die Alte nieder, daß der Drache ihr aufgegeben hatte, recht viele Proselyten zu machen, denn für jedes Menschenkind, das sie ihm zuführe, indem sie es zum Gebrauch seiner Gaben verleite, wolle er sie gegen das ewige Feuer etwas fester machen, so daß sie nach fleißiger Zutreibe-Arbeit mit einem asbestenem Panzer gegen die Flammen der Hölle gewappnet sein werde. - Dies brach Bärbeln den Hals. Die Notwendigkeit, ihre Seele vor ewigem Verderben zu retten, sie durch Darangabe des Leibes den Klauen des Teufels zu entreißen, lag auf der Hand. Und da überdies, einreißender Verderbnis wegen, ein Exemplum zu statuieren bitter notwendig war, so wurden an benachbarten Pfählen auf öffentlichem Platze zwei Hexen eingeäschert, die alte und die junge. Heinz Klöpfgeißel, der Verzauberte, stand entblößten Hauptes und Gebete murmelnd in der Zuschauermenge. Die vom Rauche erstickten und und heiser verfremdeten Schreie seiner Geliebten erschienen ihm als die Stimme des Dämons, der widerwillig krächzend aus ihr fuhr. Von Stund an war die ihm angetane schnöde Beschränkung behoben, denn nicht sobald war seine Liebe verkohlt, als ihm die sündlich entwendete freie Verfügung über seine Männlichkeit zurückgegeben war. -

Aus: Thomas Mann, Doktor Faustus

18.01.2021, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

Die Sprache

Worte sind der Seele Bild -
Nicht ein Bild! sie sind ein Schatten!
Sagen herbe, deuten mild,
Was wir haben, was wir hatten. -
Was wir hatten, wo ist's hin?
Und was ist's denn, was wir haben? -
Nun, wir sprechen! Rasch im Fliehn
Haschen wir des Lebens Gaben.

J. W. v. Goethe, Aussicht, 16. August 1815

13.01.2021, aktualisiert vom Juni 2005 (src)

Die Lehrer vom Zwecke des Daseins.

Ich mag nun mit gutem oder bösem Blicke auf die Menschen sehen, ich finde sie immer bei Einer Aufgabe, Alle und jeden Einzelnen in Sonderheit: Das zu thun, was der Erhaltung der menschlichen Gattung frommt. Und zwar wahrlich nicht aus einem Gefühl der Liebe für diese Gattung, sondern einfach, weil Nichts in ihnen älter, stärker, unerbittlicher, unüberwindlicher ist, als jener Instinct, - weil dieser Instinct eben das Wesen unserer Art und Heerde ist. Ob man schon schnell genug mit der üblichen Kurzsichtigkeit auf fünf Schritt hin seine Nächsten säuberlich in nützliche und schädliche, gute und böse Menschen auseinander zu thun pflegt, bei einer Abrechnung im Grossen, bei einem längeren Nachdenken über das Ganze wird man gegen dieses Säubern und Auseinanderthun misstrauisch und lässt es endlich sein. Auch der schädlichste Mensch ist vielleicht immer noch der allernützlichste, in Hinsicht auf die Erhaltung der Art; denn er unterhält bei sich oder, durch seine Wirkung, bei Anderen Triebe, ohne welche die Menschheit längst erschlafft oder verfault wäre. Der Hass, die Schadenfreude, die Raub- und Herrschsucht und was Alles sonst böse genannt wird: es gehört zu der erstaunlichen Oekonomie der Arterhaltung, freilich zu einer kostspieligen, verschwenderischen und im Ganzen höchst thörichten Oekonomie: - welche aber bewiesener Maassen unser Geschlecht bisher erhalten hat. Ich weiss nicht mehr, ob du, mein lieber Mitmensch und Nächster, überhaupt zu Ungunsten der Art, also "unvernünftig" und "schlecht" leben kannst; Das, was der Art hätte schaden können, ist vielleicht seit vielen Jahrtausenden schon ausgestorben und gehört jetzt zu den Dingen, die selbst bei Gott nicht mehr möglich sind. Hänge deinen besten oder deinen schlechtesten Begierden nach und vor Allem: geh' zu Grunde! - in Beidem bist du wahrscheinlich immer noch irgendwie der Förderer und Wohlthäter der Menschheit und darfst dir daraufhin deine Lobredner halten - und ebenso deine Spötter! Aber du wirst nie den finden, der dich, den Einzelnen, auch in deinem Besten ganz zu verspotten verstünde, der deine grenzenlose Fliegen- und Frosch-Armseligkeit dir so genügend, wie es sich mit der Wahrheit vertrüge, zu Gemüthe führen könnte! Ueber sich selber lachen, wie man lachen müsste, um aus der ganzen Wahrheit heraus zu lachen, - dazu hatten bisher die Besten nicht genug Wahrheitssinn und die Begabtesten viel zu wenig Genie! Es giebt vielleicht auch für das Lachen noch eine Zukunft! Dann, wenn der Satz "die Art ist Alles, Einer ist immer Keiner" - sich der Menschheit einverleibt hat und Jedem jederzeit der Zugang zu dieser letzten Befreiung und Unverantwortlichkeit offen steht. Vielleicht wird sich dann das Lachen mit der Weisheit verbündet haben, vielleicht giebt es dann nur noch "fröhliche Wissenschaft". Einstweilen ist es noch ganz anders, einstweilen ist die Komödie des Daseins sich selber noch nicht "bewusst geworden", einstweilen ist es immer noch die Zeit der Tragödie, die Zeit der Moralen und Religionen. Was bedeutet das immer neue Erscheinen jener Stifter der Moralen und Religionen, jener Urheber des Kampfes um sittliche Schätzungen, jener Lehrer der Gewissensbisse und der Religionskriege? Was bedeuten diese Helden auf dieser Bühne? Denn es waren bisher die Helden derselben, und alles Uebrige, zeitweilig allein Sichtbare und Allzunahe, hat immer nur zur Vorbereitung dieser Helden gedient, sei es als Maschinerie und Coulisse oder in der Rolle von Vertrauten und Kammerdienern. (Die Poeten zum Beispiel waren immer die Kammerdiener irgend einer Moral.)

  • Es versteht sich von selber, dass auch diese Tragöden im Interesse

der Art arbeiten, wenn sie auch glauben mögen, im Interesse Gottes und als Sendlinge Gottes zu arbeiten. Auch sie fördern das Leben der Gattung, indem sie den Glauben an das Leben fördern. "Es ist werth zu leben - so ruft ein jeder von ihnen - es hat Etwas auf sich mit diesem Leben, das Leben hat Etwas hinter sich, unter sich, nehmt euch in Acht!" Jener Trieb, welcher in den höchsten und gemeinsten Menschen gleichmässig waltet, der Trieb der Arterhaltung, bricht von Zeit zu Zeit als Vernunft und Leidenschaft des Geistes hervor; er hat dann ein glänzendes Gefolge von Gründen um sich und will mit aller Gewalt vergessen machen, dass er im Grunde Trieb, Instinct, Thorheit, Grundlosigkeit ist. Das Leben soll geliebt werden, denn Der Mensch soll sich und seinen Nächsten fördern, denn! Und wie alle diese Soll's und Denn's heissen und in Zukunft noch heissen mögen! Damit Das, was nothwendig und immer, von sich aus und ohne allen Zweck geschieht, von jetzt an auf einen Zweck hin gethan erscheine und dem Menschen als Vernunft und letztes Gebot einleuchte, - dazu tritt der ethische Lehrer auf, als der Lehrer vom Zweck des Daseins; dazu erfindet er ein zweites und anderes Dasein und hebt mittelst seiner neuen Mechanik dieses alte gemeine Dasein aus seinen alten gemeinen Angeln. Ja! er will durchaus nicht, dass wir über das Dasein lachen, noch auch über uns, - noch auch über ihn; für ihn ist Einer immer Einer, etwas Erstes und Letztes und Ungeheures, für ihn giebt es keine Art, keine Summen, keine Nullen. Wie thöricht und schwärmerisch auch seine Erfindungen und Schätzungen sein mögen, wie sehr er den Gang der Natur verkennt und ihre Bedingungen verleugnet: - und alle Ethiken waren zeither bis zu dem Grade thöricht und widernatürlich, dass an jeder von ihnen die Menschheit zu Grunde gegangen sein würde, falls sie sich der Menschheit bemächtigt hätte - immerhin! jedesmal wenn "der Held" auf die Bühne trat, wurde etwas Neues erreicht, das schauerliche Gegenstück des Lachens, jene tiefe Erschütterung vieler Einzelner bei dem Gedanken: "ja, es ist werth zu leben! ja, ich bin werth zu leben!"

  • das Leben und ich und du und wir Alle einander wurden uns wieder

einmal für einige Zeit interessant. - Es ist nicht zu leugnen, dass auf die Dauer über jeden Einzelnen dieser grossen Zwecklehrer bisher das Lachen und die Vernunft und die Natur Herr geworden ist: die kurze Tragödie gieng schliesslich immer in die ewige Komödie des Daseins über und zurück, und die "Wellen unzähligen Gelächters" - mit Aeschylus zu reden - müssen zuletzt auch über den grössten dieser Tragöden noch hinwegschlagen. Aber bei alle diesem corrigirenden Lachen ist im Ganzen doch durch diess immer neue Erscheinen jener Lehrer vom Zweck des Daseins die menschliche Natur verändert worden, - sie hat jetzt ein Bedürfniss mehr, eben das Bedürfniss nach dem immer neuen Erscheinen solcher Lehrer und Lehren vom "Zweck". Der Mensch ist allmählich zu einem phantastischen Thiere geworden, welches eine Existenz-Bedingung mehr, als jedes andere Thier, zu erfüllen hat: der Mensch muss von Zeit zu Zeit glauben, zu wissen, warum er existirt, seine Gattung kann nicht gedeihen ohne ein periodisches Zutrauen zu dem Leben! Ohne Glauben an die Vernunft im Leben! Und immer wieder wird von Zeit zu Zeit das menschliche Geschlecht decretiren: "es giebt Etwas, über das absolut nicht mehr gelacht werden darf!" Und der vorsichtigste Menschenfreund wird hinzufügen: "nicht nur das Lachen und die fröhliche Weisheit, sondern auch das Tragische mit all seiner erhabenen Unvernunft gehört unter die Mittel und Nothwendigkeiten der Arterhaltung!" - Und folglich! Folglich! Folglich! Oh versteht ihr mich, meine Brüder? Versteht ihr dieses neue Gesetz der Ebbe und Fluth? Auch wir haben unsere Zeit!

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

12.01.2021, aktualisiert vom Oktober 2019 (src)

Entscheidungen treffen

Du wirst es bereuen

Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; entweder du heiratest oder du heiratest nicht, du bereust beides. Lache über die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; weine über sie, du wirst es auch bereuen; lache über die Torheiten der Welt oder weine über sie, du wirst es beides bereuen; entweder du lachst oder du weinst über die Torheiten de Welt, du bereust beides. Trau einem Mädchen, du wirst es bereuen, traue ihr nicht, du wirst es auch bereuen; trau einem Mädchen oder traue ihr nicht, du wirst beides bereuen; entweder du traust einem Mädchen oder du traust ihr nicht, du wirst beides bereuen. Erhänge dich, du wirst es bereuen, erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen, erhänge dich oder erhänge dich nicht, du wirst beides bereuen; entweder du erhängst dich oder du erhängst dich nicht, du wirst beides bereuen.

Sören Kierkegaard

09.01.2021, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

Ich stieg in die Takelage

Ich erkannte die Gefahr, die wir liefen, und die böse Wirkung seiner Exorzismen auf die Mannschaft, die der einfältige Priester entmutigte, anstatt ihr Mut einzuflößen, und hielt es für klug, mich einzumischen. Ich stieg in die Takelage, rief die Matrosen an die Arbeit und sagte ihnen, es gäbe gar keine Teufel, und der Priester, der sie ihnen zeigen wollte, wäre ein Narr. Ich konnte sprechen, was ich wollte, mich selber der größten Gefahr aussetzen und ihnen zeigen, daß nur von tatkräftigem Eingreifen die Rettung zu hoffen sei: ich vermochte nicht den Priester zu hindern, mich für einen Atheisten zu erklären und den größten Teil der Mannschaft gegen mich aufzuhetzen. Die Winde wühlten während der zwei folgenden Tage die Wogen unaufhörlich auf, und der Schurke wußte den Matrosen, die aufmerksam ihm zuhörten, einzureden, das Unwetter würde sich nicht legen, solange ich auf dem Schiff wäre. Von diesem Gedanken durchdrungen, hielt einer von ihnen den Augenblick für günstig, um die Wünsche des Priesters zu erfüllen, und versetzte mir, der ich am Rande des Oberdecks stand, einen so heftigen Schlag mit einem Tau, daß ich hinfiel. Es wäre um mich geschehen gewesen, hätte sich nicht die Spitze eines Ankers in meinem Rock verfangen und mich so vor dem Sturz ins Meer bewahrt; es war im eigentlichsten Wortsinn mein Rettungsanker. Man kam mir zu Hilfe, und ich wurde gerettet. Ein Korporal zeigte mir den Matrosen, der den mörderischen Anschlag auf mich gemacht hatte, ich nahm den Korporalstock und prügelte den Kerl tüchtig durch; doch die Matrosen und der wütende Priester eilten auf sein Geschrei herbei und ich würde unterlegen sein, wenn die Soldaten sich nicht auf meine Seite gestellt hätten. Der Kapitän des Schiffes kam mit Herrn Dolfino hinzu, sie mußten den Priester anhören und der Bande zu deren Beruhigung versprechen, mich sobald als möglich ans Land zu setzen. Damit noch nicht zufrieden, forderte der Priester, ich sollte ihm ein Pergament überliefern, das ich in Malamocco im Augenblick der Einschiffung von einem Griechen gekauft hatte. Ich erinnerte mich dessen nicht mehr, aber es war wahr. Lachend ühergab ich es Herrn Dolfino, und dieser lieferte es dem fanatischen Kapellan aus, der ein Siegesgeschrei ausstieß, sich das Kohlenbecken aus der Küche holen ließ und darauf ein auto da fé hielt. Das unglückselige Pergament wand und krümmte sich eine halbe Stunde lang, es zerfiel, und der Priester stellte das als eine wundersame Erscheinung dar, die alle Matrosen überzeugte, es sei ein Höllenpakt gewesen. Die angebliche Kraft dieses Pergaments sollte darin bestehen, alle Frauen in den Mann, der es trug, verliebt zu machen. Ich hoffe, der Leser wird mir die Gunst schenken und glauben, daß ich nicht im mindesten an Zaubertränke, Talismane und Amulette glaubte. Ich hatte das Pergament nur aus reinem Scherz gekauft.

Casanova - Erinnerungen

08.01.2021, aktualisiert vom Februar 2006 (src)

Faule Vernunft

"F.V." (ignava ratio) kann man jeden Grundsatz nennen, "welcher macht, daß man seine Naturuntersuchung, wo es auch sei, für schlechthin vollendet ansieht, und die Vernunft sich also zur Ruhe begibt, als ob sie ihr Geschäft völlig ausgerichtet habe". Man begeht diesen Fehler, wenn man die transzendentalen "Ideen"(s.d.) "konstitutiv" statt bloß "regulativ" (s.d.) gebraucht. KrV Anh. zur tr. Dial. Von d. Endabsicht … (I 581 f. - Rc 727f.) Sich in der Wissenschaft statt auf natürlichen Ursachen gleich im einzelnen auf Gott berufen, ist Sache der faulen V., ebenso die Vernachlässigung der kausal-mechanischen Erklärung durch eine Teleologie am unrechten Platze (s. Zweck), ibid. vgl. tr. Meth. 1. H. 3. Abs. (I643 – Rc792)

(Kant-Lexikon)

07.01.2021, aktualisiert vom November 2004 (src)

Clair de lune

Votre âme est un paysage choisi
Que vont charmant masques et bergamasques
Jouant du luth et dansant et quasi
Tristes sous leurs déguisements fantasques.

Tout en chantant sur le mode mineur
L'amour vainqueur et la vie opportune
Ils n'ont pas l'air de croire à leur bonheur
Et leur chanson se mêle au clair de lune,

Au calme clair de lune triste et beau,
Qui fait rêver les oiseaux dans les arbres
Et sangloter d'extase les jets d'eau,
Les grands jets d'eau sveltes parmi les marbres.

Paul Verlaine, Fêtes galantes (1869)

29.12.2020, aktualisiert vom November 2008 (src)

Sprache als Zufallserfolg

Die Feststellung, daß das Erleben der Gegenwart und ihre Verarbeitung, die sie zur Vergangenheit macht, nichts Objektives ist, sondern Willkür und Meinung. In Großereignissen mag man darüber eine intersubjektive Sprache finden, doch auch diese wird vergessen.

  • Eine wirkliche Vergangenheit gibt es nicht, nur ein menschliches

oder unmenschliches Denken darüber, welches die Gegenwart mitformt.

(siehe auch den Eintrag in Wikipedia zu "Intuition"

26.12.2020, aktualisiert vom März 2004 (src)

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Created: 2021-02-22 Mo 20:51

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