Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst

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Das Leier-Blog

Der Leiermann

Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern
Dreht er, was er kann

Barfuß auf dem Eise
Wankt er hin und her;
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer

Keiner mag ihn hören
Keiner sieht ihn an;
Und die Hunde knurren
Um den alten Mann

Und er läßt es gehen
Alles, wie es will
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still

Wunderlicher Alter
Soll ich mit dir gehn?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier drehn?

Wilhelm Müller

Eine würdige Interpretation auf YouTube.

27.09.2022, aktualisiert vom September 2020 (src)

Ein Kopf wie ein doppelt Bernmäß

Diesem Hans von Stoffeln fiel es bei, dort hinten auf dem Bärhegenhubel ein großes Schloß zu bauen; dort, wo man noch jetzt, wenn es wild Wetter geben will, die Schloßgeister ihre Schätze sonnen sieht, stand das Schloß. Sonst bauten die Ritter ihre Schlösser über den Straßen, wie man jetzt die Wirtshäuser an die Straßen baut, beides, um die Leute besser plündern zu können, auf verschiedene Weise freilich. Warum aber der Ritter dort auf dem wilden, wüsten Hubel in der Einöde ein Schloß haben wollte, wissen wir nicht, genug, er wollte es, und die Bauern, welche zum Schlosse gehörten, mußten es bauen. Der Ritter fragte nach keinem von der Jahreszeit gebotenen Werk, nicht nach dem Heuet, nicht nach der Ernte, nicht nach dem Säet. Soundso viel Züge mußten fahren, soundso viel Hände mußten arbeiten, zu der und der Zeit sollte der letzte Ziegel gedeckt, der letzte Nagel geschlagen sein. Dazu schenkte er keine Zehntgarbe, kein Mäß Bodenzins, kein Fasnachthuhn, ja nicht einmal ein Fasnachtei; Barmherzigkeit kannte er keine, die Bedürfnisse armer Leute kannte er nicht. Er ermunterte sie auf heidnische Weise mit Schlägen und Schimpfen, und wenn einer müde wurde, langsamer sich rührte oder gar ruhen wollte, so war der Vogt hinter ihm mit der Peitsche, und weder Alter noch Schwachheit ward verschont. Wenn die wilden Ritter oben waren, so hatten sie ihre Freude dran, wenn die Peitsche recht knallte, und sonst trieben sie noch manchen Schabernack mit den Arbeitern; wenn sie ihre Arbeit mutwillig verdoppeln konnten, so sparten sie es nicht und hatten dann große Freude an ihrer Angst, an ihrem Schweiß.

Endlich war das Schloß fertig, fünf Ellen dick die Mauren, niemand wußte, warum es da oben stand, aber die Bauren waren froh, daß es einmal stand, wenn es doch stehen mußte, der letzte Nagel geschlagen, der letzte Ziegel oben war.

Sie wischten sich den Schweiß von den Stirnen, sahen mit betrübtem Herzen sich um in ihrem Besitztum, sahen seufzend, wie weit der unselige Bau sie zurückgebracht. Aber war doch ein langer Sommer vor ihnen und Gott über ihnen, darum faßten sie Mut und kräftig den Pflug und trösteten Weib und Kind, die schweren Hunger gelitten, und denen Arbeit eine neue Pein schien.

Aber kaum hatten sie den Pflug ins Feld geführt, so kam Botschaft, daß alle Hofbauern eines Abends zur bestimmten Stunde im Schlosse zu Sumiswald sich einfinden sollten. Sie bangten und hofften. Freilich hatten sie von den gegenwärtigen Bewohnern des Schlosses noch nichts Gutes genossen, sondern lauter Mutwillen und Härte, aber es dünkte sie billig, daß die Herren ihnen etwas täten für den unerhörten Frondienst, und weil es sie so dünkte, so meinten viele, es dünke die Herren auch so und sie werden an selbem Abend ihnen ein Geschenk machen oder einen Nachlaß verkünden wollen.

Sie fanden sich am bestimmten Abend zeitig und mit klopfendem Herzen ein, mußten aber lange warten im Schloßhofe, den Knechten zum Gespött. Die Knechte waren auch im Heidenlande gewesen. Zudem wird es gewesen sein wie jetzt, wo jedes halbbatzige Herrenknechtlein das Recht zu haben meint, gesessene Bauern verachten zu können und verhöhnen zu dürfen.

Endlich wurden sie in den Rittersaal entboten; vor ihnen öffnete sich die schwere Türe; drinnen saßen um den schweren Eichentisch die schwarzbraunen Ritter, wilde Hunde zu ihren Füßen, und obenan der von Stoffeln, ein wilder, mächtiger Mann, der einen Kopf hatte wie ein doppelt Bernmäß, Augen machte wie Pflugsräder und einen Bart hatte wie eine alte Löwenmähne. Keiner ging gerne zuerst hinein, einer stieß den andern vor. Da lachten die Ritter, daß der Wein über die Humpen spritzte, und wütend stürzten die Hunde vor; denn wenn diese zitternde, zagende Glieder sehen, so meinen sie, dieselben gehören einem zu jagenden Wilde. Den Bauern aber ward nicht gut zumute, es dünkte sie, wenn sie nur wieder daheim wären, und einer drückte sich hinter den andern. Als endlich Hunde und Ritter schwiegen, erhob der von Stoffeln seine Stimme, und sie tönte wie aus einer hundertjährigen Eiche: ›Mein Schloß ist fertig, doch noch eines fehlt, der Sommer kömmt, und droben ist kein Schattengang. In Zeit eines Monates sollt ihr mir einen pflanzen, sollt hundert ausgewachsene Buchen nehmen aus dem Münneberg mit Ästen und Wurzeln und sollt sie mir pflanzen auf Bärhegen, und wenn eine einzige Buche fehlt, so büßt ihr mir es mit Gut und Blut. Drunten steht Trunk und Imbiß, aber morgen soll die erste Buche auf Bärhegen stehn. ‹

Als von Trunk und Imbiß einer hörte, meinte er, der Ritter sei gnädig und gut gelaunt und begann zu reden von ihrer notwendigen Arbeit und dem Hunger von Weib und Kind und vom Winter, wo die Sache besser zu machen wäre. Da begann der Zorn des Ritters Kopf größer und größer zu schwellen, und seine Stimme brach los wie der Donner aus einer Fluh, und er sagte ihnen: wenn er gnädig sei, so seien sie übermütig. Wenn im Polenlande einer das nackte Leben habe, so küsse er einem die Füße, hier hätten sie Kind und Rind, Dach und Fach und doch nicht satt. ›Aber gehorsamer und genügsamer mache ich euch, so wahr ich Hans von Stoffeln bin, und wenn in Monatsfrist die hundert Buchen nicht oben stehen, so lasse ich euch peitschen, bis kein Fingerlang mehr ganz an euch ist, und Weiber und Kinder werfe ich den Hunden vor.‹

Jeremias Gotthelf - Die schwarze Spinne

09.09.2022, aktualisiert vom Februar 2006 (src)

Kein Ort, nirgends

Ich trage ein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen.

Heinrich von Kleist

01.09.2022, aktualisiert vom Juli 2006 (src)

Da es aber nicht so ist

Auf der Galerie

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind - vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das - Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Franz Kafka

19.08.2022, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

Internet

Im Internet

Eines steht fest, sagte sich Lucien, wenn ich ein vernünftiger Mensch bleiben will, werde ich hier auch nicht einen einzigen armseligen kleinen Salon finden, in dem ich meine Abende verbringen kann.

Stendhal, Lucien Leuwen

10.08.2022, aktualisiert vom August 2021 (src)

Neulich nachts im IRC

Chatterzeit

In der Menschenstunde
fanden sich drei Nicks zusammen,
pinot, vindepays und isotonic.

In Spracherzeugungslaune
erörterten sie Sonnenfinsternisse.
Helle Augenblicke wechselten zu
hochexperimenstruellen Phrasen.

Ein Ereignis so jahrhundertgroß
im reichen Raum der Sprache
von pinot, vindepays und isotonic
findet statt.

Währenddessen aber ging der
Schlagschatten der Seligkeit
über #stuttgart, #konstanz, #avignon.

(Aus: Gedichte für Übersetzer.pdf)

27.07.2022, aktualisiert vom März 2006 (src)

Wahrheitsspekulation

Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert, kann allein das wissenschaftliche System derselben sein. Daran mitzuarbeiten, daß die Philosophie der Form der Wissenschaft näher komme - dem Ziele, ihren Namen der Liebe zum Wissen ablegen zu können und wirkliches Wissen zu sein -, ist es, was ich mir vorgesetzt. Die innere Notwendigkeit, daß das Wissen Wissenschaft sei, liegt in seiner Natur, und die befriedigende Erklärung hierüber ist allein die Darstellung der Philosophie selbst. Die äußere Notwendigkeit aber, insofern sie, abgesehen von der Zufälligkeit der Person und der individuellen Veranlassungen, auf eine allgemeine Weise gefaßt wird, ist dasselbe, was die innere, in der Gestalt, wie die Zeit das Dasein ihrer Momente vorstellt. Daß die Erhebung der Philosophie zur Wissenschaft an der Zeit ist, dies aufzuzeigen würde daher die einzig wahre Rechtfertigung der Versuche sein, die diesen Zweck haben, weil sie die Notwendigkeit desselben dartun, ja weil sie ihn zugleich ausführen würde.

Indem die wahre Gestalt der Wahrheit in die Wissenschaftlichkeit gesetzt wird - oder, was dasselbe ist, indem die Wahrheit behauptet wird, an dem Begriffe allein das Element ihrer Existenz zu haben -, so weiß ich, daß dies im Widerspruch mit einer Vorstellung und deren Folgen zu stehen scheint, welche eine so große Anmaßung als Ausbreitung in der Überzeugung des Zeitalters hat. Eine Erklärung über diesen Widerspruch scheint darum nicht überflüssig; wenn sie auch hier weiter nichts als gleichfalls eine Versicherung, wie das, gegen was sie geht, sein kann. Wenn nämlich das Wahre nur in demjenigen oder vielmehr nur als dasjenige existiert, was bald Anschauung, bald unmittelbares Wissen des Absoluten, Religion, das Sein - nicht im Zentrum der göttlichen Liebe, sondern das Sein desselben selbst - genannt wird, so wird von da aus zugleich für die Darstellung der Philosophie vielmehr das Gegenteil der Form des Begriffs gefodert. Das Absolute soll nicht begriffen, sondern gefühlt und angeschaut, nicht sein Begriff, sondern sein Gefühl und Anschauung sollen das Wort führen und ausgesprochen werden.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Vorwort

25.07.2022, aktualisiert vom Juli 2008 (src)

Das Gegenstück

Daher ist jeder von uns das Gegenstück eines Menschen, weil wir wie die Schollen aus einem in zweie geschnitten wurden. Ewig sucht jeder sein Gegenstück. Alle männer, welche ein Stück von dem gemischten Geschlecht sind, das damals mannweiblich hieß, lieben das Weib. Die Ehebrecher entstammen diesem Geschlecht, und die Frauen, die den Mann lieben und ehebrecherisch sind, entstammen auch diesem Geschlecht. Und alle Frauen, die Stücke eines Weibes sind, richten den Sinn nicht sehr auf die Männer, sondern halten sich mehr an die Frauen, und diesem Geschlecht entstammen die Buhlerinnen. Alle, die Stücke des männlichen sind, folgen dem Männlichen, und als Knaben lieben sie, weil sie ja Teile vom Männlichen sind, die Männer und sind froh, wenn sie bei den Männern liegen und sie umarmen. Und diese sind die besten unter den Knaben und Jünglingen, weil sie von Natur die mannhaftesten sind. Manche sagen, sie seien schamlos, aber das ist Lüge, denn sie tun nicht aus Schamlosigkeit so, sondern aus Mut und Mannheit und Männlichkeit: das ihnen Ähnliche haben sie gern. Das ist sicher bewiesen: Denn diese allein landen, wenn sie zu Männern gereift sind, im Staatsleben.

Platon, das Gastmahl.

23.07.2022, aktualisiert vom Dezember 2005 (src)

Hymnen an die Nacht

Über der Menschen weitverbreitete Stämme herrschte vor Zeiten ein eisernes Schicksal mit stummer Gewalt. Eine dunkle, schwere Binde lag um ihre bange Seele. - Unendlich war die Erde - der Götter Aufenthalt, und ihre Heimat. Seit Ewigkeiten stand ihr geheimnisvoller Bau. Über des Morgens roten Bergen, in des Meeres heiligem Schoß wohnte die Sonne, das allzündende, lebendige Licht.

Ein alter Riese trug die selige Welt. Fest unter Bergen lagen die Ursöhne der Mutter Erde. Ohnmächtig in ihrer zerstörenden Wut gegen das neue herrliche Göttergeschlecht und dessen Verwandten, die fröhlichen Menschen. Des Meers dunkle, grüne Tiefe war einer Göttin Schoß. In den kristallenen Grotten schwelgte ein üppiges Volk. Flüsse, Bäume, Blumen und Tiere hatten menschlichen Sinn. Süßer schmeckte der Wein von sichtbarer Jugendfülle geschenkt - ein Gott in den Trauben - eine liebende, mütterliche Göttin, emporwachsend in vollen goldenen Garben - der Liebe heil'ger Rausch ein süßer Dienst der schönsten Götterfrau - ein ewig buntes Fest der Himmelskinder und der Erdbewohner, rauschte das Leben, wie ein Frühling, durch die Jahrhunderte hin. - Alle Geschlechter verehrten kindlich die zarte, tausendfältige Flamme als das Höchste der Welt. Ein Gedanke nur war es, ein entsetzliches Traumbild.

Novalis, Hymnen an die Nacht

21.07.2022, aktualisiert vom November 2005 (src)

Hörst Du?

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?
Hörst du, wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt;
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt!
O! wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Dass an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg, ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt.

Clemens Brentano

19.07.2022, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

Lob der verkehrten Lebensweise

Ich hatte die traurigen Folgen einer normalen Lebensweise, mit der ich es eine Zeitlang versuchte, nur zu bald an Leib und Geist zu spüren bekommen und beschloß, noch einmal, ehe es zu spät wäre, ein unvernünftiges Leben zu beginnen. Nun sehe ich die Welt wieder mit jenen umflorten Blicken, die einem nicht nur über die Wirklichkeit der irdischen Übel hinweghelfen, sondern denen ich auch manch eine übertriebene Vorstellung von den möglichen Lebensfreuden verdanke. Das gesunde Prinzip einer verkehrten Lebensweise innerhalb einer verkehrten Weltordnung hat sich an mir in jedem Betracht bewährt. Auch ich brachte das Kunststück zuwege, mit der Sonne aufzustehen und mit ihr schlafen zu gehen. Aber die unerträgliche Objektivität, mit der sie alle meine Mitbürger ohne Ansehen der Person bescheint, allen Mißwachs und alle Häßlichkeit, entspricht nicht jedermanns Geschmack, und wer sich beizeiten vor der Gefahr retten kann, mit klaren Augen in den Tag dieser Erde zu sehen, der handelt klug, und er erlebt die Freude, darob von jenen gemieden zu werden, die er meidet. Denn als der Tag sich noch in Morgen und Abend teilte, wars eine Lust, mit dem Hahnenschrei zu erwachen und mit dem Nachtwächterruf zu Bett zu gehen. Aber dann kam die andere Einteilung auf, es ward Morgenblatt und es ward Abendblatt, und die Welt lag auf der Lauer der Ereignisse. Wenn man eine Weile zugesehen hat, in wie beschämender Art sich diese vor der Neugierde erniedrigen,wie feige sich der Lauf der Welt den gesteigerten Bedürfnissen der Information anpaßt und wie schließlich Zeit und Raum Erkenntnisformen des journalistischen Subjekts werden - dann legt man sich aufs andere Ohr und schläft weiter. "Nehmt, müde Augen, eures Vorteils wahr, den Aufenthalt der Schmach nicht anzusehn!"

Darum schlafe ich in den Tag hinein. Und wenn ich erwache, breite ich die ganze papierene Schande der Menschheit vor mir aus, um zu wissen, was ich versäumt habe, und bin glücklich. Die Dummheit steht zeitlich auf, darum haben die Ereignisse die Gewohnheit, vormittags zu geschehen. Bis zum Abend kann immerhin noch manches passieren, aber im allgemeinen fehlt dem Nachmittag die lärmende Betriebsamkeit, durch die sich der menschliche Fortschritt bis zur Stunde der Fütterung seines guten Rufs würdig zeigen will. Der richtige Müller erwacht erst, wenn die Mühle stillesteht; und wer mit den Menschen, deren Dasein ein Dabeisein ist, nichts gemein haben will, steht spät auf. Dann aber gehe ich über die Ringstraße und sehe, wie sie einen Festzug vorbereiten. Vier Wochen hallt der Lärm, wie eine Symphonie über das Thema von dem Geld, das unter die Leute kommt. Die Menschheit rüstet zu einem Feiertag, die Zimmermeister schlagen Tribünen und die Preise auf, und wenn ich bedenke, daß ich all die Herrlichkeit nicht sehen werde, beginnt auch mein Herz höher zu schlagen. Führte ich noch die normale Lebensweise, so hätte ich wegen des Festzugs abreisen müssen; nun kann ich dableiben und sehe trotzdem nichts. Ein alter König bei Shakespeare winkt ab: "Macht kein Geräusch, macht kein Geräusch; zieht den Vorhang zu! Wir wollen des Morgens zu Abend speisen." Ein Narr, der die Verkehrtheit dieser Weltordnung bestätigt, setzt hinzu: "Und ich will am Mittag zu Bette gehen." Wenn aber ich am Abend frühstücken werde, wird alles vorbei sein, und aus den Zeitungen erfahre ich bequem die Zahl der Sonnenstiche.

Alle größeren Unglücksfälle geschehen am Vormittag; so bewahre ich mir den Glauben an die Vortrefflichkeit der menschlichen Einrichtungen. Doch in den Abendblättern steht nicht nur was geschehen ist, sondern auch wer dabei war, man fühlt sich in eine sichere Entfernung von einer Brandstätte gerückt und bat dennoch Gelegenheit, die Häupter jener Lieben zu zählen, die rechtzeitig u. a. bemerkt wurden, so daß kein einziges fehlt. Man mache sich die Verwandlung des Weltenraumes in einen lokalen Teil zunutze, so gut man kann, man bediene sich des Verfahrens, das unter dem Namen Zeitung eine Konserve der Zeit herstellt. Die Welt ist häßlicher geworden, seit sie sich täglich in einem Spiegel sieht, darum wollen wir mit dem Spiegelbild vorlieb nehmen und auf die Betrachtung des Originals verzichten. Es ist erhebend, den Glauben an eine Wirklichkeit zu verlieren, die so aussieht, wie sie in den Zeitungen beschrieben wird. Wer den halben Tag verschläft, hat das halbe Leben gewonnen.

Alle größeren Dummheiten geschehen am Vormittag: der Mensch sollte erst erwachen, wenn die Amtsstunden zu Ende sind. Er trete nach Tisch ins Leben hinaus, wenn es frei von Politik ist. Daß auch die Attentate vormittags geschehen, wird er allerdings nicht aus den Abendblättern entnehmen können; denn sie werden zumeist auch von den Korrespondenten verschlafen. Es gibt eine Zeitung, die einen Vertreter nach dem andern nach Paris schickte, um die Attentate auf die Präsidenten rechtzeitig zu erfahren; und siehe da, ein Präsident nach dem andern kam ums Leben, und jedesmal war der Tod eines Präsidenten der Zwillingsbruder des Schlafs eines Korrespondenten. Als neulich die deutschen Fürsten in unserer Stadt weilten und alles auf den Beinen war, wußte ich nichts davon. Aber auch sonst hatte dieser Zwischenfall keine nachteiligen Folgen für mich, höchstens, daß es zum erstenmal geschah, daß ich zum Frühstück mein gewohntes Rindfleisch nicht bekam, also einer Neigung entsagen mußte, durch die ich bis dahin meine Zugehörigkeit zu der Stadt, in der ich lebe, demonstrativ bekundet hatte. Der Kellner entschuldigte sich und verwies mich zum Trost auf die Festigung des Dreibunds. Die hatte ich verschlafen. Wenn ein Theologe sich dazu durchringt, nicht mehr an die unbefleckte Empfängnis zu glauben, so geschieht es am Vormittag, wenn ein Nuntius sich blamiert, so geschieht es am Vormittag, und es ist wahrlich immer noch besser, daß ein Sturm der Bauern auf eine Universität oder der Ruf "Heraus mit dem allgemeinen Wahlrecht!" uns den Schlaf des Vormittags stört als die Ruhe des Nachmittags. Nur einmal kam ich zufällig des Weges, wie ein Minister nach Tisch demissionierte. Aber wie unordentlich ist es auch damals zugegangen! Die Polizisten hieben um drei Uhr auf die Volksmenge ein, die "Abzug!" gerufen hatte, und sagten schon um viertel auf vier. "Geht's harn, Leuteln, der Bodens is a schon gangen!" Wie steht es mit der Justiz? Sie ist nur am Vormittag blind, und geschieht ausnahmsweise einmal noch in vorgerückter Stunde ein Justizmord, so handelt es sich gewiß um einen besonders skandalösen Fall. Oder es kann in Deutschland passieren, daß in einer geschlechtlichen Affäre die Wahrheit auf dem Marsche ist, und zwar seit fünfundzwanzig Jahren, und dann muß sie wohl die Nachmittage zu Hilfe nehmen. Um einem solchen Ereignis zu entfliehen, nützt es auch nichts, sich wieder ins Schlafzimmer zurückzuziehen, da sich bekanntlich gegenüber dem Wahrheitsdrang gerade dieses als der am wenigsten sichere Ort herausgestellt hat. Gehört es aber sonst immerhin zu den Annehmlichkeiten des Lebens, dessen Unannehmlichkeiten verschlafen zu können, so muß ich leider zugeben, daß ich auf einem Gebiete mit meiner Praxis überhaupt kein Glück habe, und zwar im Bereich der schönen Künste. Denn es ist eine alte Erfahrung, daß die meisten Theaterdurchfälle gerade abends geschehen.

Dafür ist in der Nacht in allen Betrieben öffentlicher Betätigung Stillstand. Nichts regt sich. Es gibt nichts Neues. Nur die Kehrichtwalze zieht wie das Symbol einer verkehrten Weltordnung durch die Straße, damit der Staub verbreitet werde, den der Tag zurückgelassen hat, und wenns regnet, so geht auch der Spritzwagen hinterher. Sonst ist Ruhe. Die Dummheit schläft - da gehe ich an die Arbeit. Von fern klingt es wie das Geräusch von Druckpressen: die Dummheit schnarcht. Und ich beschleiche sie und ziehe aus der meuchlerischen Absicht noch Genuß. Wenn am östlichen Horizont der Kultur das erste Morgenblatt erscheint, gehe ich schlafen … Das sind so die Vorteile der verkehrten Lebensweise.

Karl Kraus

09.07.2022, aktualisiert vom Februar 2006 (src)

Krieg

Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser geht, hierauf die Erwartung, daß es einem nicht schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, des es dem anderen auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.

Karl Kraus

01.07.2022, aktualisiert vom April 2020 (src)

Reisetipps

Heute: Reisen im Internet

»Man soll die Sprache des Landes verstehen, das man besucht«; sie verstanden sie. »Eine bescheidene Haltung wahren«, das pflegten sie zu tun. »Nicht zuviel Geld bei sich haben«; nichts leichter als das. Und um sich schließlich alle möglichen Unannehmlichkeiten zu ersparen, ist es gut, »sich für einen Ingenieur auszugeben«.

Gustave Flaubert, Bouvard und Pécuchet

Barockgedicht

Ach Liebste, lass uns eilen

Ach Liebste, lass uns eilen,
Wir haben Zeit:
Es schadet das Verweilen
Uns beiderseit.

Der edlen Schönheit Gaben
Fliehn Fuß für Fuß,
Daß alles, was wir haben,
Verschwinden muss.

Der Wangen Zier verbleichet
Das Haar wird greis,
Der Äuglein Feuer weichet,
Die Brunst wird Eis.

Das Mündlein von Korallen
Wird ungestalt,
Die Händ als Schnee verfallen,
Und du wirst alt.

Drum lass uns jetzt genießen
Der Jugend Frucht,
Eh denn wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.

Wo du dich selber liebest,
So liebe mich,
Gib mir, dass, wann du gibest
Verlier auch ich.

[[https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Opitz][Martin Opitz]]

23.06.2022, aktualisiert vom Juni 2020 (src)

GNUstep revoilà

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Kunstgeschichte als Alltagsherausforderung im Umgang mit dem grafischen Desktop ist dann ein gültiges Kriterium für guten Geschmack, wenn das funktionale Umfeld auch noch nach 30 Jahren Entwicklungsstop sich problemlos einsetzen lässt.

Mood: entspannt und zufrieden

-—

23.06.2022, aktualisiert vom November 2016 (src)

Jedesmal aufs Neue

ist es außerordentlich emotionalisierend, kirchliche Oberhäupter im TV freundlich-verharmlost dokumentiert zu sehen.

Quo vadis, GEZ-TV?

23.06.2022, aktualisiert vom September 2007 (src)

Äußerst schlechte öffentlich-rechtliche Sender, heute: der SWR

Allzu viel wäre ja zu tun an journalistischer Aufklärungsarbeit in Baden-Württemberg und der dortigen gesellschaftlichen Lage. Etwa:

  • Autoindustrie und deren
    • Filz und Korruption!
  • Maschinenbau und dessen
    • Filz und Korruption!
  • Alle öffentlichen Aufträge der Landesregierung an Energiekonzerne und die S21-Bahn-AG und Tunnelbohrfirmen und deren
    • Filz und Korruption!
      • und darin die Rolle des grünen Ministerpräsidenten inzwischen,
        • der so glücklich an die Macht kam wegen
          • der vielen Protestwähler gegen den Filz und die Korruption.
            • und seine klare Stellung gegen das unsinnige Milliardenprojekt S21.

Gut ist: Im Grunde bleibt alles stabil

  • mit ein wenig Zeitkolorit wegen der Grünen, aber es gilt
    • der Filz und die Korruption
      • der uralten CDU-geprägten politischen Struktur.

Natürlich werden die Grünen scheitern. Man kann nicht gegen den traditionellen akademischen CDU-Burschenschafts-CDU-Bauern-CDU-Kirche-Kanon antreten.

  • Aber man könnte das doch etwas klüger tun,
    • mit dem Impetus der Opposition, mit dem man doch so weit kam und weiter käme.
      • und mit dem man endlich regieren sollte.
        • aber die grüne Landesregierung scheitert wegen ihrer Teilnahme am
          • großen Bahnhofsprojekt, das unfassbar viel Geld verschlingt und
            • die Umwelt schwer belastet und den Schienenverkehr stark verkleinert.

Und der SWR arbeitet daran, die eigentlichen Strukturen, nämlich

  • den Filz und die gekaufte ÖR-Meinung
    • wiederherzustellen.
      • Kein funktionierender SWR ohne eine versorgende CDU-Regierung.
        • Kein SWR ohne den reichen Junker- und Burschenschaftshintergrund.

Gerne darf der SWR sich auflösen und gerne durch nichts ähnliches ersetzt werden.

23.06.2022, aktualisiert vom Dezember 2013 (src)

Die bourgeoisen Leute

ohne TV wissen wohl ganz genau, was sie nicht vermissen. Seltsames Pack, das sich an der SPIEGEL-Bestsellerliste schadlos hält. Doch das ist nur ausnahmsweise Literatur. Die Phantasie wird auf jeden Fall mehr gefördert, indem sie sich an seichte Standards gewöhnt, die das TV noch nicht übernommen hat. Aber hey, die Verlags-Arbeitsplätze sind sehr geschätzte Jobs, und die der TV-Branche ebenfalls. Wer möchte das denn bekritteln, wo doch da die guten Löhne für gute Arbeit noch bezahlt werden.

23.06.2022, aktualisiert vom Juli 2010 (src)

Versteck Dein blutend Herz in Eis und Hohn.

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. -
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist Du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. -
Weh dem, der keine Heimat hat.

Nietzsche, Idyllen aus Messina

23.06.2022, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

La Rochefoucauld

Die Höflichkeit des Geistes besteht darin, edle und zarte Dinge zu denken.

(Maximen und Reflexionen, 99)

Nach der Schimpfära der auslaufenden Popliteratur und nach dem Abkotzzeitalter der Beatgeneration samt Social Beat-Ablegern wäre es hübsch, wieder eine freundliche Sprache zu lesen, die womöglich sogar mit einem kritischen Geist einherginge. Das wären gleich zwei Hauptunterschiede zu der gegenwärtigen.

23.06.2022, aktualisiert vom April 2005 (src)

Solange die Medien Propaganda betreiben,

weiß man ja nichts.

  • Die Wahrheit ist im deutschen Medienbetrieb längst verloren,
    • nein, besser formuliert, die Medien lancieren nur noch irgendetwas,
      • selbst wenn es wahr wäre, würde man es nie glauben,
        • denn so schlecht sind die Medien.

Nichts wissen, weil man nur manipuliert wird, ist vielleicht ein bisschen wenig in der Informations-Gesellschaft.

  • Man hätte ja immer wünschen wollen, daß die Informationsgesellschaft Informationen hätte.
    • Aber so ist es nicht.
23.06.2022, aktualisiert vom November 2014 (src)

Vorm Fernseher sitzend, mag man denken:

Der Bildersturm

  • beginnt immer dann, wenn die Bilder falsch sind
    • und die nachdenkliche Besinnung auf die sprachliche Begrifflichkeit die Vernunft stärkt,
      • denn nach wie vor ist die Vernunft, also das folgerichtige begriffliche Denken,
        • immer noch der humanere Versuch,
          • die Lebensverhältnisse der meisten Menschen grundlegend zu verbessern.
            • (Was es bisher kaum gibt)
23.06.2022, aktualisiert vom Dezember 2018 (src)

Fortunes

Beklagte man ehemals die Schuld der Welt, so sieht man jetzt mit Grausen auf die Schulden der Welt.

Arthur Schopenhauer

23.06.2022, aktualisiert vom Oktober 2008 (src)

Heute

dachte ich, daß man nur lieben kann mit einem freien Kopf, denn Liebe fordert alle Klarheit und alle Geistesgegenwart. Ein guter Tag ist das heute.

23.06.2022, aktualisiert vom Juni 2005 (src)

Menschsein ist Mondschein

Nur, weil etwas funktioniert, etwa das ständige Vorhandensein von

  • Krieg,
  • Arroganz,
  • Ignoranz,
  • Bösartigkeit,
  • Mafiastrukuren in Familienclans,
  • demütigende Abhängigkeiten,
    • Machtmißbrauch insgesamt,
  • Narzissmus und Unvernunft der Mächtigen, die Wahrkeit kaufen können,
    • oder die, die sich bezahlen lassen für falsche Wissenschaft,
  • demokratische Parteien gegen jeden Verstand aber für ein Ausnutzen stehen,

sollte man nicht unbedingt negativ darüber werten,

  • weil zu einer von dieser Gruppen gehörst auch Du,
    • mein Freund.
23.06.2022, aktualisiert vom April 2019 (src)

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Created: 2022-09-27 Di 23:20

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