· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

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Der Blick aufs Eigentliche

ist der Blick der Philosophie. Würde man gerne glauben, doch die Objektivierung findet niemals statt. Es ist die Sprache, die ansteckend ist, und wenn genügend Leute die Poesie eines philosophischen Duktus teilen, haben wir eine "Schule" gegründet. Die Peripathetiker, die Jansenisten, die Fourieristen. Jede Zeit hat ihre politische Sprache, und die ist in ihrer abstrahierten Form die philosophische Sprache. Idealerweise ist das eine aufwühlende Diskussion um den Wahrheitsbegriff.

20.07.2021, aktualisiert vom Oktober 2010 (src)

Der Biberpelz

Mein Wiener Dasein ist jetzt wieder reicher geworden, das ewige Sichdiewanddeslebensentlangdrücken, damit man auf dem Trottoir von keinem Trottel angesprochen wird, hat ein Ende, und jeder Tag bringt neue Abenteuer. Durch all die Jahre keine Gesellschaft, kein Theater, kein Blumenkorso - wie hält man das nur aus? Die Zufuhr der wertvollsten Eindrücke abgeschnitten; und wer weiß, wie lange der innere Proviant gereicht hätte. Selbst die Katastrophen der Saison, Komet und Jagdausstellung, schienen an diesem Zustand nichts ändern zu können. Gewiß, ich wills nicht verhehlen, ich erwartete mir einige Anregung vom Weltuntergang. Wenns aber wieder eine Niete wäre? So lebt man dahin auf dem schmalen Pfad, der von immer demselben Schreibtisch in immer dasselbe Lokal führt, wo man immer dieselben Speisen ißt und immer dieselben Menschen meidet. Froher wird man nicht dabei. Die Welt rings ist bunt, und man möchte sich doch an ihr reiben, um zu sehen, ob die Farbe heruntergeht. Man will nicht auf so viel verzichten, ohne zu erfahren, wie wenig man verliert. Nur einmal noch an der vollbesetzten Tafel sitzen, alle Rülpse der Lebensfreude wieder hören, die Schweißhand der Nächstenliebe drücken - ich träumte davon, und eine gütige Fee, wahrscheinlich jene, die den Operettenkomponisten die Lieder an der Wiege singt, hat mich erhört. Ich bin mitten drin, die Erde hat mich wieder - mein Pelz ist mir gestohlen worden!

Nichts hätte mich den Menschen näher bringen können als der Diebstahl meines Pelzes. Ich müßte jetzt schon mit den Mitteln eines Caracalla arbeiten, wenn ich mich ihres Umgangs erwehren wollte. Jetzt gibts kein Zurück mehr in die Lebensflucht, jetzt heißt es in den sauern Apfel beißen und ein Menschenfreund sein! Ich habe mich lange genug verhaßt gemacht; aber nun vergeben sie mir, was sie an mir gesündigt haben. Sie vergeben mir, sie lieben mich, sie bedauern mich, sie bewundern mich, denn es läßt sich nicht mehr verbergen, alles Leugnen hilft nichts - mein Pelz ist mir gestohlen worden! Und in einem unbewachten Augenblick hatte mich da die Geselligkeit beim Wickel. Ich lebte still und harmlos, ich war ein Privatmann, denn ich übte seit vielen Jahren eine literarische Tätigkeit aus. Ich hatte nicht gewußt, daß ich vor allem einen Pelz besaß. Ich schrieb Bücher, aber die Leute verstanden nur den Pelz. Ich brachte mich selbst zum Opfer, und die Leute meinten den Pelz. Als ich ihn nicht mehr hatte, kam die allgemeine Anerkennung. Ich habe durch den Verlust des Pelzes die Aufmerksamkeit des Publikums gerechtfertigt, die ich durch den Besitz des Pelzes erregt hatte. Im Kaffeehaus - wo es geschah - war die erste Wirkung des entdeckten Diebstahls ein chaotisches Durcheinander, worin einige bestürzte Kaffeehausgäste zu zahlen vergaßen, und in dessen Mittelpunkt ich so plötzlich geraten war, daß ich mir erst auf dem Umweg der Überlegung darüber klar werden konnte, daß ich den Pelz bestimmt nicht gestohlen hatte. Man nahm eine Haltung an, als wollte man mir die Kleider, die ich noch hatte, vom Leibe reißen, und von allen Seiten brachen Vorwürfe wegen meiner Sorglosigkeit über mich herein. Auf diese Art schien sich die Empörung über den Dieb, der sich den Folgen seiner Handlungsweise entzogen hatte, Luft zu machen, denn mich hatte man, an mich konnte man sich halten, und wenn ich mich, erschöpft von der Untersuchung des Falles, zurücklehnte, in der rechten geistigen Verfassung, um endlich eine Zeitung zu lesen - dann ging der Chor der Nebenmenschen an mir vorüber und rief: "Nein, so was!" Ich spürte den Stachel des Vorwurfs. Zu spät sah ich ein, daß man, wenn man einen Pelz hat, auch gewisse Pflichten gegen die Welt hat, und es blieb mir nichts übrig, als jetzt jene letzte Pflicht gegen die Welt zu erfüllen, die man noch hat, wenn man keinen Pelz mehr hat: die Pflicht, Rede und Antwort zu stehen. Denn wenn es in solchen Fällen schon nicht mehr möglich ist, zu erfahren, wo der Pelz hingekommen ist, so muß man dem Publikum und der Polizei wenigstens darüber Auskunft geben, wo er hergekommen ist, wieviel er gekostet hat, wieviel er heute wert ist, ob der Kragen lange oder kurze Haare hatte, und ob die Schlinge aus Tuch oder aus Leder war. Die Polizei fragt außerdem noch, ob man einen Verdacht hat. Ein Verdacht wärmt, wenn man keinen Pelz hat, und ein Verdacht, den man hat, ist nach der Ansicht der Polizei immer eine hinreichende Entschädigung für die Gewißheit, die einem abhanden gekommen ist und die sie einem nie wieder verschaffen wird. Wozu diese Einmischung durch eine Amtshandlung? Ich hatte immer geglaubt, daß sich die Polizei um die öffentliche Sittlichkeit kümmere und nicht um Angelegenheiten des Privatlebens, wie einen gestohlenen Pelz. Aber diese Neugierde! Kaum war mir der Pelz gestohlen worden, waren auch schon drei Vertreter der Polizei im Lokal, drängten sich durch die Wucherer, die meinen Tisch umstanden und ihrer Entrüstung über den Diebstahl Ausdruck gaben, und fragten mich, ob ich einen Verdacht habe. Nun war auch die Nachbarschaft auf den Beinen, denn wie ein Lauffeuer hatte sich in der Großstadt das Gerücht verbreitet, und zahlreiche Passanten, unter denen man u. a. Persönlichkeiten bemerkte, die schon von ihrer Anwesenheit bei Premieren und Erdbeben bekannt sind, wohnten der Amtshandlung bei. So taktvoll und würdig nun sich der Pelzdiebstahl vollzogen hatte, in so marktschreierischer Weise äußerte sich das Mitgefühl des Publikums. Denn während die Pelzdiebe kein Aufsehen lieben, legen die Bankdiebe den größten Wert darauf, überall bemerkt und in den Zeitungen genannt zu werden. Hier freilich hatten sie sich einmal verrechnet. Denn die Zeitungen würden auch von einem Kometen keine Notiz nehmen, wenn sein Schweif meinen Kopf berührt hätte. Aus demselben Grunde mußte ich befürchten, daß sich der Chef des Sicherheitsbureaus dieser Sache nicht so energisch annehmen werde, wie er es in Fällen gewohnt ist, wo die Aussicht auf publizistische Unterstützung ihn zu einer fieberhaften Tätigkeit spornt. Natürlich läßt sich das echte fachmännische Interesse durch solche Bedenken nicht abweisen. Während mich nun die Vertreter der Behörde um Alter, Beschäftigung und Vorstrafen befragten, sprachen einige Gäste immer wieder ihr Bedauern aus, daß sie gerade nicht hingesehen hätten, als der Pelz gestohlen wurde, und vertraten die Ansicht, daß der Dieb sich einen Augenblick gewählt haben müsse, wo er sich nicht beobachtet fühlte. Das Personal wurde mit Fragen bestürmt, aber der Zahlmarkör, der Zuträger, der Pikkolo und der Feuerbursch - sie alle hatten bloß den einen Wunsch: "Wann i nur amal so einen derwischen könnt, den derschlaget i!" Ich bat, sich in Gegenwart von Kriminalbeamten nicht zu gefährlichen Drohun-gen hinreißen zu lassen, richtete noch an diese das Ersuchen, dafür zu sorgen, daß ich nicht vorgeladen würde, weil ich ja doch nichts anderes aussagen könnte, als daß ich keinen Pelz und keinen Verdacht habe, und entzog mich den Ovationen der Menge, indem ich meinen Hut nahm, der noch da war, und mich zum Ausgang wandte, an der Kassierin vorbei, welche die Hände rang. Draußen grüßten mich die Fiaker, die sich von dern Ereignis des Tages irgendwie einen besonderen Vorteil erhofften. Einer der Polizisten aber holte mich ein und machte mir den Vorschlag, mit ihm zu gehen und das Verbrecheralbum durchzusehen. Ich lehnte diesen Vorschlag ab, weil mir jede Vergleichsmöglichkeit fehle, solange ich den Dieb meines Pelzes nicht gesehen hätte. Die Polizei solle ihn erst zur Stelle schaffen, dann wäre ich gern bereit, ihn nach der Photographie zu agnoszieren. Einer der Kellner aber behauptete plötzlich, einen Verdacht zu haben, und schien entschlossen, mitzugehen. Diese Recherche hat, wie ich später erfuhr, meiner Sache nicht wesentlich genützt, dafür aber anderweitige erfreuliche Resultate ergeben. Der Kellner soll nämlich einige frühere Stammgäste des Kaffeehauses erkannt haben, und noch nie zuvor, heißt es, sei in einer Polizeistube eine so freudige Stimmung des Wiedersehens laut geworden. Schließlich mußte man, da diese Rufe "Jessas, der Herr von Kohn!" und "Nein, der Herr von Meier!'' nicht aufhören wollten, dem braven Burschen das Bilderbuch aus der Hand reißen. Am nächsten Tag erhielt ich eine Vorladung, der ich aber nicht Folge leistete. Immer hatte ich es bisher streng zu vermeiden gewußt, daß mir etwas gestohlen würde; denn nichts fürchte ich mehr als Unannehmlichkeiten mit der Polizei. Man hat mir auch tatsächlich nie das Geringste nachweisen können. Sollte ich jetzt wegen des einen Fehltritts mir eine so peinliche Untersuchung auf den Hals laden? Nimmermehr! Ich stellte mich der Polizei nicht! Wenigstens war ich entschlossen, es nicht eher zu tun, als bis sie den Pelz hätte. Ich hoffte übrigens, daß sie den Fall vertuschen und mich ruhig meiner gewohnten Beschäftigung nachgehen lassen werde.

Als ich somit wieder ins Kaffeehaus kam und meine Leseecke aufsuchen wollte, standen einige Herren davor, die sich sonst nur für Trabrennen interessierten, aber diesmal eine Wette abgeschlossen hatten, ob ich den Pelz bekommen würde oder nicht. Die der Meinung waren, daß ich ihn bekommen werde, sagten: "Nicht wird er ihn bekommen!"; während die andern, die der Meinung waren, daß ich ihn nicht bekommen werde, ein über das andere Mal riefen. Ja wird er ihn bekommen!" So vermochte ich die beiden Gruppen zu unterscheiden, ohne doch im Meritorischen eine Entscheidung treffen zu können. Ich setzte mich nieder und hörte aus dem Billardzimmer Rufe wie: "Echter Biber, sag ich Ihnen!" "Und ich sag Ihnen, Nerz", worauf ein dritter mit einem derben "Astrachan, Ihnen gesagt!" in die Debatte fuhr. Ich ließ fragen, ob es die Herrn störe, wenn ich Zeitungen lese. Sie verneinten und gingen auf ein anderes Thema über, indem nämlich einer behauptete, sich noch an den Fall zu erinnern, wie dem alten Löw ein Pelz um tausend, sage tausend Gulden gestohlen wurde; und da ein anderer die Frage einwarf: "Welchem Löw?" und die zurechtweisende Antwort bekam: "No, der später in Konkurs gegangen ist!" fühlte ich, daß die Aufmerksamkeit von mir abgelenkt sei, und war dessen froh. Ich nahm jene Zeitung zur Hand, die seit Jahren das Publikum dadurch zu interessieren weiß, daß sie meinen Namen nicht nennt, und suchte nach einer Notiz, in der davon die Rede wäre, daß einem Privaten ein Pelz gestohlen wurde und daß einer unserer Mitarbeiter Gelegenheit hatte, mit dem in den weitesten Kreisen bekannten Dieb zu sprechen. Da trat eine fremde Dame auf mich zu, tadelte mich wegen meiner Unachtsamkeit und fragte mich, ob ich noch mit der Familie T. verkehre. Ich antwortete, daß ich mit gar niemand verkehre, und bezahlte meine Zeche. Draußen grüßten mich die Fiaker, wiesen verheißend auf ihre Wagen, und riefen etwas wie "Verkühlns Ihna nur net" hinter mir.

Noch habe ich aber nicht erzählt, wie sich am Tage nach der Tat das Wiedersehen mit meiner Bedienerin gestaltet hat. Sie war eigentlich schuld, denn sie hatte mir, weil wir gerade im strengsten Mai einen Schneefall gehabt hatten, zugeredet, den Pelz anzuziehen, der Winters über beim Kürschner in Aufbewahrung gelegen war. Ich hatte mich gesträubt, denn ein unbestimmtes Gefühl sagte mir, daß bei Neuschnee die Pelzdiebe aus der Erde schießen, während die Schneeschaufler nichts zu tun bekommen, weil die Kommune die Konkurrenz des Tauwetters begünstigt. Aber wiewohl dieses schon eingetreten war, setzte die Frau ihren Willen durch, und richtig, eine halbe Stunde später war der Pelz gestohlen. Nun ist mir nichts peinlicher als Auseinandersetzungen über Dinge, die mit der Wirtschaft zusammenhängen, und so hatte ich, nachdem das Unglück geschehn war, nur die eine Sorge: Wie sage ich's meiner Bedienerin? Es gab eine lebhafte Szene, und ich bekam allerlei zu hören. Denn das Herz der Frauen hängt an irdischem Tand, und sie können sich auch von fremdem Besitz nur schwer trennen, während ich mich erleichtert fühlte, als ich bei Tauwetter ohne Pelz das Kaffeehaus verlassen konnte. Überhaupt hatte mich der Verlust des Pelzes kalt gelassen, und was mir naheging, war nur der Verlust meiner Ruhe. Daß ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, daß ich in Wien über Nacht berühmt war, und daß die Leute mit Fingern auf mich zeigten: "Dort geht er", "Kennst� ihn?" "Aber ja, Biber", "Er hat ihn effektiv nicht gekriegt" - das härmte mich, das fraß an mir wie Motten an einem Pelz, der einem nicht gestohlen wurde. Ich beschloß, die Straße zu meiden, bis ich das Gras über die Sache wachsen hörte. Aber als ich nach einer Woche mich behutsam in das Stammlokal wagte und den Weg von hinten nahm, da trat mir die Toilettenfrau entgegen und sagte: "Mir hat's furchtbar leid getan!" Da ich hineinkam, waren aller Augen auf mich und meinen Überrock gerichtet, und da ich ihn an den Kleiderstock hängte, rief's aus einem Winkel: "Aber jetzt heißt's doppelt vorsichtig sein!" und aus dein andern Winkel: "Ja, durch Schaden wird man klug." Als ein Kellner dazwischentrat und sagte: "Aber der Herr gibt ja so wie so acht", rief eine Stimme aus dem Spielzimmer: "A gebrenntes Kind fürchtet das Feuer!" Der Kellner sagte: "Wann i nur amal so einen derwischen könnt, den -" Ich zahlte sofort und nahm mir vor, das Lokal nur des Nachts zu besuchen, wenn ein anderes Publikum da wäre. Kaum hatte ich unter veränderten Umständen Platz genommen, drehte sich ein englischer Trainer zu mir herum, schob seinen Sessel vor und begann, die Arme auf die Lehne gestützt: "Einmal mir ist gestohlen ein Pferdedecke. . ." Ich sah, daß mein Erlebnis über das Mitteilungsbedürfnis der Wiener Bevölkerung hinaus dem internationalen Interesse entgegenkam. Ich fürchtete, daß hier die Hebung des Fremdenverkehrs ansetzen könnte. Ich schloß mich ein, und ich zeigte mich nicht eher, als bis mir die heiße Jahreszeit jede Gedankenverbindung mit einem Pelz auszubrennen schien. Da aber mußte ich es erleben, daß ein Mohr auf mich zutrat, der so perfekt Deutsch sprach, daß er mich fragen konnte, ob ich damals meinen Pelz wiederbekommen hätte. Ich suchte ein anderes Lokal auf - dessen Besitzer mich aber nicht nur durch seinen Gruß belästigte, sondern auch mit den Worten ansprach: "Bei uns wird Ihnen das nicht passieren!"

Ich erkannte, daß es kein Zurück mehr gab. Denn hier war ein Wiener Problem geboren. Hier war einmal eine Tatsache, die einen so plausiblen Reiz, eine so unmittelbare Popularität hatte, daß keine Rücksicht auf den Menschen, der von ihr betroffen wurde, die Leute fernhalten konnte. Hier war eine Solidarität hergestellt durch die in ihrer Einfachheit verblüffende Erkenntnis: daß das jedem von uns passieren kann! Ich war in den Ring einer Gemeinsamkeit einbezogen, die mir den Pelz bewachte, der mir gestohlen war, und die mir mit ihren Blicken das Maß für einen neuen zu nehmen schien, ohne mir ihn zu spenden. Jetzt mußte sich nur noch die Steuerbehörde für den Fall interessieren, die ja bald erhoben haben könnte, daß ich in den Verhältnissen bin, einen Pelz besessen zu haben. Ich begann den Dieb zu beneiden. Nicht weil er den Pelz hatte, sondern weil man ihm nicht draufgekommen war. Weil er auf freiem Fuße leben konnte, während es hinter mir "Aufhalten!" schrie und ich wie ein erwischter Bestohlener von der Dummheit eskortiert wurde … Ich beschloß, mich aus dem Privatleben zurückzuziehen. Mir war eine Hoffnung geblieben. Daß es mir durch die Herausgabe eines neuen Buches gelingen werde, mich den Wienern in Vergessenheit zu bringen.

Karl Kraus, Der Biberpelz

19.07.2021, aktualisiert vom Februar 2009 (src)

Die scheinbare Hilflosigkeit im Kampf gegen die Naturgewalten.

O malheureux mortels! ô terre déplorable!
O de tous les mortels assemblage effroyable!
D'inutiles douleurs éternel entretien!
Philosophes trompés qui criez: "Tout est bien"
Accourez, contemplez ces ruines affreuses
Ces débris, ces lambeaux, ces cendres malheureuses,
Ces femmes, ces enfants l'un sur l'autre entassés,
Sous ces marbres rompus ces membres dispersés;
Cent mille infortunés que la terre dévore,
Qui, sanglants, déchirés, et palpitants encore,
Enterrés sous leurs toits, terminent sans secours
Dans l'horreur des tourments leurs lamentables jours!
Aux cris demi-formés de leurs voix expirantes,
Au spectacle effrayant de leurs cendres fumantes,
Direz-vous: "C'est l'effet des éternelles lois
Qui d'un Dieu libre et bon nécessitent le choix"?
Direz-vous, en voyant cet amas de victimes:
"Dieu s'est vengé, leur mort est le prix de leurs crimes"?

Voltaire, Poème sur le désastre de Lisbonne

18.07.2021, aktualisiert vom September 2005 (src)

"Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"

finde ich so eine wundervolle und menschenfreundliche Grundlage einer menschlichen Gemeinschaft, ohne daß auch nur ein rundes Jubiläum der Französischen Revolution vorläge. Und die hat das ja eh auch nicht verwirklicht, aber sie konnte es immerhin denken und daran glauben. Ich wüßte von niemandem heutzutage, der daran noch ernsthaft glaubt, aber man sollte es dringend.

Eine aufgeklärte Menschheit zu denken und sie zu erzeugen durch menschenfreundliche Bildung ist unter dem derzeitigen Stand des Kapitalismus überhaupt nicht möglich, denn alle Menschen, alle Institutionen, alle Universitäten und alle NGOs müssen innerhalb dieser Grenzen denken. - Aber man sollte auf dessen Ende vorbereitet sein, und wenn das nur eine Denkübung sein sollte, die bestimmt freier, gleicher und brüderlicher macht.

15.07.2021, aktualisiert vom Mai 2015 (src)

Trivialitäten gelten, es ist so traurig wahr.

Klärchens Lied

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Hangen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt –
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

Johann Wolfgang von Goethe (ohne Wikipedia-Verweis, ihr verdummten Deppen, die ihr nicht wisst, wer das ist.)

Kommentar: Was für ein banaler Gesang auf die Liebe, so nichtssagend und allgemein. Wie sehr muß sich der schämen, der liebt, exakt dies erlebt und dabei denkt, was bin ich für ein banaler Geselle. Denn ich empfinde so billig wie der Goethe. Würde ich doch wenigstens wie Kafka lieben oder der Marquis de Sade. Aber nein, dies kleine Liebesgedicht erklärt mein Lieben völlig. Was für eine Peinlichkeit! Und doch find ichs so schön.

14.07.2021, aktualisiert vom September 2020 (src)

Lob der verkehrten Lebensweise

Ich hatte die traurigen Folgen einer normalen Lebensweise, mit der ich es eine Zeitlang versuchte, nur zu bald an Leib und Geist zu spüren bekommen und beschloß, noch einmal, ehe es zu spät wäre, ein unvernünftiges Leben zu beginnen. Nun sehe ich die Welt wieder mit jenen umflorten Blicken, die einem nicht nur über die Wirklichkeit der irdischen Übel hinweghelfen, sondern denen ich auch manch eine übertriebene Vorstellung von den möglichen Lebensfreuden verdanke. Das gesunde Prinzip einer verkehrten Lebensweise innerhalb einer verkehrten Weltordnung hat sich an mir in jedem Betracht bewährt. Auch ich brachte das Kunststück zuwege, mit der Sonne aufzustehen und mit ihr schlafen zu gehen. Aber die unerträgliche Objektivität, mit der sie alle meine Mitbürger ohne Ansehen der Person bescheint, allen Mißwachs und alle Häßlichkeit, entspricht nicht jedermanns Geschmack, und wer sich beizeiten vor der Gefahr retten kann, mit klaren Augen in den Tag dieser Erde zu sehen, der handelt klug, und er erlebt die Freude, darob von jenen gemieden zu werden, die er meidet. Denn als der Tag sich noch in Morgen und Abend teilte, wars eine Lust, mit dem Hahnenschrei zu erwachen und mit dem Nachtwächterruf zu Bett zu gehen. Aber dann kam die andere Einteilung auf, es ward Morgenblatt und es ward Abendblatt, und die Welt lag auf der Lauer der Ereignisse. Wenn man eine Weile zugesehen hat, in wie beschämender Art sich diese vor der Neugierde erniedrigen,wie feige sich der Lauf der Welt den gesteigerten Bedürfnissen der Information anpaßt und wie schließlich Zeit und Raum Erkenntnisformen des journalistischen Subjekts werden - dann legt man sich aufs andere Ohr und schläft weiter. "Nehmt, müde Augen, eures Vorteils wahr, den Aufenthalt der Schmach nicht anzusehn!"

Darum schlafe ich in den Tag hinein. Und wenn ich erwache, breite ich die ganze papierene Schande der Menschheit vor mir aus, um zu wissen, was ich versäumt habe, und bin glücklich. Die Dummheit steht zeitlich auf, darum haben die Ereignisse die Gewohnheit, vormittags zu geschehen. Bis zum Abend kann immerhin noch manches passieren, aber im allgemeinen fehlt dem Nachmittag die lärmende Betriebsamkeit, durch die sich der menschliche Fortschritt bis zur Stunde der Fütterung seines guten Rufs würdig zeigen will. Der richtige Müller erwacht erst, wenn die Mühle stillesteht; und wer mit den Menschen, deren Dasein ein Dabeisein ist, nichts gemein haben will, steht spät auf. Dann aber gehe ich über die Ringstraße und sehe, wie sie einen Festzug vorbereiten. Vier Wochen hallt der Lärm, wie eine Symphonie über das Thema von dem Geld, das unter die Leute kommt. Die Menschheit rüstet zu einem Feiertag, die Zimmermeister schlagen Tribünen und die Preise auf, und wenn ich bedenke, daß ich all die Herrlichkeit nicht sehen werde, beginnt auch mein Herz höher zu schlagen. Führte ich noch die normale Lebensweise, so hätte ich wegen des Festzugs abreisen müssen; nun kann ich dableiben und sehe trotzdem nichts. Ein alter König bei Shakespeare winkt ab: "Macht kein Geräusch, macht kein Geräusch; zieht den Vorhang zu! Wir wollen des Morgens zu Abend speisen." Ein Narr, der die Verkehrtheit dieser Weltordnung bestätigt, setzt hinzu: "Und ich will am Mittag zu Bette gehen." Wenn aber ich am Abend frühstücken werde, wird alles vorbei sein, und aus den Zeitungen erfahre ich bequem die Zahl der Sonnenstiche.

Alle größeren Unglücksfälle geschehen am Vormittag; so bewahre ich mir den Glauben an die Vortrefflichkeit der menschlichen Einrichtungen. Doch in den Abendblättern steht nicht nur was geschehen ist, sondern auch wer dabei war, man fühlt sich in eine sichere Entfernung von einer Brandstätte gerückt und bat dennoch Gelegenheit, die Häupter jener Lieben zu zählen, die rechtzeitig u. a. bemerkt wurden, so daß kein einziges fehlt. Man mache sich die Verwandlung des Weltenraumes in einen lokalen Teil zunutze, so gut man kann, man bediene sich des Verfahrens, das unter dem Namen Zeitung eine Konserve der Zeit herstellt. Die Welt ist häßlicher geworden, seit sie sich täglich in einem Spiegel sieht, darum wollen wir mit dem Spiegelbild vorlieb nehmen und auf die Betrachtung des Originals verzichten. Es ist erhebend, den Glauben an eine Wirklichkeit zu verlieren, die so aussieht, wie sie in den Zeitungen beschrieben wird. Wer den halben Tag verschläft, hat das halbe Leben gewonnen.

Alle größeren Dummheiten geschehen am Vormittag: der Mensch sollte erst erwachen, wenn die Amtsstunden zu Ende sind. Er trete nach Tisch ins Leben hinaus, wenn es frei von Politik ist. Daß auch die Attentate vormittags geschehen, wird er allerdings nicht aus den Abendblättern entnehmen können; denn sie werden zumeist auch von den Korrespondenten verschlafen. Es gibt eine Zeitung, die einen Vertreter nach dem andern nach Paris schickte, um die Attentate auf die Präsidenten rechtzeitig zu erfahren; und siehe da, ein Präsident nach dem andern kam ums Leben, und jedesmal war der Tod eines Präsidenten der Zwillingsbruder des Schlafs eines Korrespondenten. Als neulich die deutschen Fürsten in unserer Stadt weilten und alles auf den Beinen war, wußte ich nichts davon. Aber auch sonst hatte dieser Zwischenfall keine nachteiligen Folgen für mich, höchstens, daß es zum erstenmal geschah, daß ich zum Frühstück mein gewohntes Rindfleisch nicht bekam, also einer Neigung entsagen mußte, durch die ich bis dahin meine Zugehörigkeit zu der Stadt, in der ich lebe, demonstrativ bekundet hatte. Der Kellner entschuldigte sich und verwies mich zum Trost auf die Festigung des Dreibunds. Die hatte ich verschlafen. Wenn ein Theologe sich dazu durchringt, nicht mehr an die unbefleckte Empfängnis zu glauben, so geschieht es am Vormittag, wenn ein Nuntius sich blamiert, so geschieht es am Vormittag, und es ist wahrlich immer noch besser, daß ein Sturm der Bauern auf eine Universität oder der Ruf "Heraus mit dem allgemeinen Wahlrecht!" uns den Schlaf des Vormittags stört als die Ruhe des Nachmittags. Nur einmal kam ich zufällig des Weges, wie ein Minister nach Tisch demissionierte. Aber wie unordentlich ist es auch damals zugegangen! Die Polizisten hieben um drei Uhr auf die Volksmenge ein, die "Abzug!" gerufen hatte, und sagten schon um viertel auf vier. "Geht's harn, Leuteln, der Bodens is a schon gangen!" Wie steht es mit der Justiz? Sie ist nur am Vormittag blind, und geschieht ausnahmsweise einmal noch in vorgerückter Stunde ein Justizmord, so handelt es sich gewiß um einen besonders skandalösen Fall. Oder es kann in Deutschland passieren, daß in einer geschlechtlichen Affäre die Wahrheit auf dem Marsche ist, und zwar seit fünfundzwanzig Jahren, und dann muß sie wohl die Nachmittage zu Hilfe nehmen. Um einem solchen Ereignis zu entfliehen, nützt es auch nichts, sich wieder ins Schlafzimmer zurückzuziehen, da sich bekanntlich gegenüber dem Wahrheitsdrang gerade dieses als der am wenigsten sichere Ort herausgestellt hat. Gehört es aber sonst immerhin zu den Annehmlichkeiten des Lebens, dessen Unannehmlichkeiten verschlafen zu können, so muß ich leider zugeben, daß ich auf einem Gebiete mit meiner Praxis überhaupt kein Glück habe, und zwar im Bereich der schönen Künste. Denn es ist eine alte Erfahrung, daß die meisten Theaterdurchfälle gerade abends geschehen.

Dafür ist in der Nacht in allen Betrieben öffentlicher Betätigung Stillstand. Nichts regt sich. Es gibt nichts Neues. Nur die Kehrichtwalze zieht wie das Symbol einer verkehrten Weltordnung durch die Straße, damit der Staub verbreitet werde, den der Tag zurückgelassen hat, und wenns regnet, so geht auch der Spritzwagen hinterher. Sonst ist Ruhe. Die Dummheit schläft - da gehe ich an die Arbeit. Von fern klingt es wie das Geräusch von Druckpressen: die Dummheit schnarcht. Und ich beschleiche sie und ziehe aus der meuchlerischen Absicht noch Genuß. Wenn am östlichen Horizont der Kultur das erste Morgenblatt erscheint, gehe ich schlafen … Das sind so die Vorteile der verkehrten Lebensweise.

Karl Kraus

12.07.2021, aktualisiert vom Februar 2006 (src)

Gehn die armen Herzen einsam unter!

Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Daß das Herz des Widerhalls zerspringe,
Träumt das blinde Huhn, es zähl' die Kerne,
Und der drei je zählte kaum, die Sterne,
Träumt das starre Erz, gar linde tau' es,
Und das Eisenherz, ein Kind vertrau' es,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie der Traube Schüchternheit berausche;
Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,
Führt der hellen Töne Glanzgefunkel
Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,
Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen,
Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien
Der erwachten Nacht ins Herz all schreien;
Weh, ohn Opfer gehn die süßen Wunder,
Gehn die armen Herzen einsam unter!

Clemens Brentano

06.07.2021, aktualisiert vom Mai 2012 (src)

Wunderlicher Alter, soll ich mit Dir gehn?

Der Leiermann

Drüben hinterm Dorfe
Steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern
Dreht er, was er kann

Barfuß auf dem Eise
Wankt er hin und her;
Und sein kleiner Teller
Bleibt ihm immer leer

Keiner mag ihn hören
Keiner sieht ihn an;
Und die Hunde knurren
Um den alten Mann

Und er läßt es gehen
Alles, wie es will
Dreht, und seine Leier
Steht ihm nimmer still

Wunderlicher Alter
Soll ich mit dir gehn?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier drehn?

Wilhelm Müller

Eine würdige Interpretation auf YouTube.

04.07.2021, aktualisiert vom September 2020 (src)

Rainer Maria Rilke

DIE ENTFÜHRUNG

OFT war sie als Kind ihren Dienerinnen
entwichen, um die Nacht und den Wind
(weil sie drinnen so anders sind)
draußen zu sehn an ihrem Beginnen;

doch keine Sturmnacht hatte gewiß
den riesigen Park so in Stücke gerissen,
wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,

da er sie nahm von der seidenen Leiter
und sie weitertrug, weiter, weiter … : bis der Wagen alles war.

Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,
um den verhalten das Jagen stand
und die Gefahr.
Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;
und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.
Sie kroch in ihren Mantelkragen
und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
und hörte fremd einen Fremden sagen:
Ichbinbeidir.

Vgl. dazu auch die Entführung in: Stendhal, Rot und Schwarz.

02.07.2021, aktualisiert vom März 2004 (src)

Entscheidungen treffen

Du wirst es bereuen

Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; entweder du heiratest oder du heiratest nicht, du bereust beides. Lache über die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; weine über sie, du wirst es auch bereuen; lache über die Torheiten der Welt oder weine über sie, du wirst es beides bereuen; entweder du lachst oder du weinst über die Torheiten de Welt, du bereust beides. Trau einem Mädchen, du wirst es bereuen, traue ihr nicht, du wirst es auch bereuen; trau einem Mädchen oder traue ihr nicht, du wirst beides bereuen; entweder du traust einem Mädchen oder du traust ihr nicht, du wirst beides bereuen. Erhänge dich, du wirst es bereuen, erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen, erhänge dich oder erhänge dich nicht, du wirst beides bereuen; entweder du erhängst dich oder du erhängst dich nicht, du wirst beides bereuen.

Sören Kierkegaard

01.07.2021, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

An der sonngewohnten Straße

An der sonngewohnten Straße, in dem
hohlen halben Baumstamm, der seit lange
Trog ward, eine Oberfläche Wasser
in sich leis erneuernd, still’ ich meinen
Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft
in mich nehmend durch die Handgelenke.
Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich;
aber diese wartende Gebärde
holt mir helles Wasser ins Bewußtsein.

Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen,
nur ein leichtes Anruhn meiner Hände,
sei’s an deiner Schulter junge Rundung,
sei es an den Andrang deiner Brüste.

Rainer Maria Rilke

28.06.2021, aktualisiert vom Juli 2018 (src)

Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler

27.06.2021, aktualisiert vom November 2020 (src)

Über die Liebe

"Sie sind eben ein geistvoller Mann", entgegnete sie ihm lachend; "Sie sind nicht so töricht, sich zu verlieben … Großer Gott! Gibt es etwas Langweiligeres als die Liebe?"

Stendhal, Lucien Leuwen

24.06.2021, aktualisiert vom August 2020 (src)

Der verkrachte Landschaftsarchitekt

Ich setze mich tief unter's Wasser
an eine Stelle weit stromabwärts,

geb' mich meiner Halbheit hin
im Träumen und im Planen
und im konkreten Rahmen des
von mir, dem Wasserarchitekten, klug
erdachten fließgenauen Landstriches da unten, den
ich mir auf sand'ger Fläche selbst erschuf.

Schon manchmal badete ich mich
in der Erinnerung an trockenangelegte Gärten,
sonnenzugewandt im heißen Mistral.
Das Atmen in der Luft.
Man ruhte dort auf Bänken und im sanften Schatten.

Doch setz' ich mich viel lieber unter's Wasser
an eine Stelle weit stromabwärts
und bleibe meistens wochenlang,

ohne aufzufallen.

(Aus: Gedichte für Übersetzer.pdf)

23.06.2021, aktualisiert vom November 2008 (src)

Le grand Bleu in Völklingen

Die Saar: jenes zweihundert und fünfzig Kilometer lange Band in der mitteleuropäischen Landschaft, welches wir so gerne als ein blaues Band ansprechen wollten, wenn es nur richtig wäre. Blau ist es aber bestenfalls in der Gegend zwischen Lörchingen, wo die weiße mit der roten Saar zu- sammenfließt, und Saargemünd, der Grenzstadt; denn weiter stromabwärts geht die Farbe nach und nach, aufgrund welcher Einleitungen auch immer, ins leblos-bräunliche über; und selbst im umrissenen Bereich läßt sich die Bläue nur an manchen sonnigen Frühlingstagen von jemandem feststellen, der danach sucht und der einen gewissen Blick dafür mitbringt. Jedenfalls bestehen wir auf dem Ausdruck, daß genannter Fluß ein Band sei. Das ist sehr poetisch und nimmt auch den nüchternen Fakten ein wenig von ihrer aufdringlichen Konkretheit. Ein Band also, nicht übermäßig lang, wenn man bedenkt, daß es sich um einen Fluß handelt; wäre es aber zum Beispiel eine Aneinanderreihung von Buchstaben, so könnte man auf zweihundertfünfzig Kilometern Einiges sagen und ganz bequem eine auch längere Kurzgeschichte darin unterbringen. Nehmen wir es also in die Hand und lassen uns mitziehen, oder besser: mittreiben. Die Saar ist eines jener Gewässer, die die Namen der an- liegenden Siedlungen erheblich beeinflussen. Vorbei an den lothringischen Sarrebourg, Sarrewald, Sarraltroff, Sarrewerden, Sarre-Union, Sarralbe, Sarreinsming, Sarre- guemines (Saargemünd) über die Grenze in Richtung Saar- brücken, Saarlouis, Saarwellingen, Saarfels, Saarhölzbach und wiederum Saarburg fließt die Saar, um dann irgendwann in die Mosel zu münden. Gerade in diesem letzten Ab- schnitt entwickelt sich der Flußlauf an einigen Stellen zur Sehenswürdigkeit. Wir erinnern an die Saarschleife bei Cloef als den Ort zum beschaulichen Verweilen und naturgenießenden Innehalten. Eine Schleife im Haarband der Natur. Hier wird der Fluß zum bedeutsamen Ereignis, nachdem er im langweiligen Lothringen die rechte Stärke und Breite gesammelt hat und entlang der schon deutschen Industriereviere auf den neuesten Stand, was Verunreini- gungen und Abwässer angeht, gebracht wurde. Schiffsver- kehr ist möglich zwischen Saargemünd und Dillingen, doch bietet die in Sarreguemines ansässige Schifferbörse kaum genügend Aufträge, um die einigen Dutzend Leute, die da- von leben, gut leben zu lassen. Zur Zeit denkt man daran, die Saar bis hin zur Mosel schiffbar zu machen, womit der Anschluß an die bundesrepublikanischen und europäischen Wassertransportwege geschafft wäre. Diese Verbindung käme den Saarländern sehr gelegen. Das Saarland nämlich, welches sich durch Volksentscheid erst 1957 von Frankreich ab- und Deutschland zuwandte, ist das jüngste der westdeutschen Bundesländer und als solches bis heute im Geruch der Halbheit und einer wankelmütigen Zugehörigkeit geblieben. "Die im Saarland", sagen die Bundesbürger, "die im Reich", sagen die Saarländer und sprechen "Reich" wie "Reisch" aus. Aber anders als die Elsässer, die sich zumindest seit der Grande Révolution im Herzen als Franzosen fühlen und immer dann okkupiert waren, wenn die Deutschen das Regiment führ- ten, nannten die Saarländer ihre Region ein besetztes Ge- biet, wenn es unter französische Herrschaft geriet. Nament- lich sind hier die Epochen von 1680-97 unter Ludwig XIV. und jene von 1801-15 unter Napoléon zu nennen, im 20. Jahr- hundert geschah es regelmäßig im Anhang an die Kriege. Es waren meistens schlechte Jahre, die die Franzosen im Ge- dächtnis zurückgelassen haben. 1935, als man ihnen freie Wahl ließ, haben sich die Saarländer denn auch mit über- wältigender Mehrheit zu Hitlers Deutschland bekannt. Worauf dann die Verfassung von 1947 nach dem überwältigenden Zu- sammenbruch die endgültige Hinwendung zu Frankreich vorsah. Erst als die Deutschen wirtschaftlich nach vorn schnellten, wobei das Saarland als französisches Gebiet das Nachsehen hatte, drängte man auf einen neuen Volksentscheid und ent- schied sich alsdann mit klugen sechzig Prozent Mehrheit fürs deutsche Wohlleben. Was mit dieser vorerst letzten Zugehörigkeitswahl noch nicht entschieden ist, ist die Frage, ob damit das Hin- und Hergeschiebe des Gebietes, welches wir hier besprechen, ein Ende hat. Und das Saargebiet hat ja einige Bedeutung. Es ist ja der Rede wert. Aufgrund der reichen Steinkohlevorkommen gehört es, wie das Ruhrgebiet auch, zu den wichtigsten mitteleuro- päischen Industriegebieten. Es ist eine Kapazität auf diesem Sektor. Welche Nation auch immer die Zugriffsrechte auf die Kohlengruben und die darauf basierenden Hüttenwerke besitzt, ist mancher Sorgen bei der Ressourcenbeschaffung ledig. So waren die Steinkohleflöze, die unsichtbar unterm welligen Hügelland verborgen liegen samt den unübersehbaren Arealen der Schwerindustrie den Deutschen 900 Millionen Franken wert, für die sie 1935 den Franzosen die Saarwirt- schaft abkauften. Die Rüstungsindustrie, die mit Hochdruck auf den kommenden Krieg hinarbeitete, benötigte Kohle, Ei- sen und Stahl. Mit dem Niedergehen der europäischen Schwerindustrie seit den siebziger Jahren sank auch die Bedeutung der Region etwas ab. Doch durch die zeitgemäße Umstrukturierung zur postindustriellen Wirtschaftsform (Datenverarbeitungs- und Dienstleistungsbetriebe werden gefördert und herangezogen), für die mit dem folgenden Sprüchlein an allen Saarbrücker Anschlagsäulen geworben wird:"Lassen Sie Ihre Ideen hier Stadt finden!" scheint die Krise weitgehend überwunden. Doch bekanntlich ist der schwierige Übergang von der Nut- zung der Muskelkraft zum klugen Gebrauch der Denkkraft nur selten ohne Rückschläge zu meistern. Immerhin existiert bei Saarbrücken eine Universität, - Hoffnungsträger in vielerlei Hinsicht -, die schon 1947 gegründet wurde, damals unter französischem Diktum. Der Geist der Gründerzeit offenbart sich zum Beispiel an der Pforte der philosophischen Fakultät, wo bis heute "Faculté des lettres" steht. Die Bausubstanz, der Kern der "Universität des Saarlandes" ist eine zu jener Zeit nutzlos gewordene Kaserne, um die man seither in der Architektur der jeweiligen Epoche die vielen Erweiterungsbauten ge- schart hat. Als vorläufiger Clou gilt hierbei die Errich- tung der Mensa in den achtziger Jahren, welche durch ihre architektonische Gewagtheit auffällt und in hübschem Gegen- satz zu den Kasernenbauten steht. Aber das veranschaulicht wunderbar das geistige Terrain, auf dem die hiesige Wissen- schaft gedeiht: Spritzigkeit und Disziplin, wovon man geneigt ist zu sagen, daß jene wohl mehr aufs französische Erbteil zurückzuführen ist und diese aufs deutsche. Indem wir nun mit einer gewissen Grazie, - wobei wir doch konsequent dasjenige im Auge behalten haben, was noch zu tun bleibt -; indem wir also mit einer geistreichen Kurvig- keit direkt auf unser Ziel losgegangen sind, hoffen wir die Aufmerksamkeit nicht nur auf das Band gelenkt zu haben, welches so unterschiedliche Landstriche und Ortschaften unter einen gemeinsamen Begriff bringt, sondern zugleich auf eine merkwürdige, komplexe Verbundenheit, die die An- wohner sowohl zur französischen als auch zur deutschen Seite aufgebaut haben. Sollte dies gelungen sein, dann ist der Fluß der Erzählung jetzt breit genug, daß der Leser in eines jener ungemein beque- men Rundfahrtschiffe umsteigt und auf vermutlich schon bräunli- chem Wasser, aber inmitten zweifellos grüner Hügellandschaften und unter blauestem Himmel tiefer in die Region eindringt, die wir uns zum Thema nahmen. Einige Warenschiffe begegnen uns. Wir winken zu den Kapitänen hinüber, unwirkliche Gestalten in abgerissener Kleidung. Wie wir wissen, ist die Auftragslage für die hiesige Schiffahrt nicht gut. Im Saarland von der Schiffahrt zu leben, hat im übrigen etwas Verruchtes an sich. Der rechte Beruf des Saar- länders nämlich ist der Bergmannsberuf. Traditionsgemäß ent- schließen sich tausende junger Burschen, diese erd- und heimat- verbundenen Arbeit zu ergreifen, wiewohl die Zahl natürlich im Wandel zur neuen Zeit stark nachläßt. Aber es sind immer noch weit mehr als in anderen Regionen, und wir sind die letzten, die sie von dieser redlichen Wahl abbringen wollen. Bleibt an- zufügen, daß der Bergmannsberuf keiner großen Zukunft entgegen- sieht und daß er wohl bald durch den des Programmierers ersetzt werden wird. Wir kommen voran, so daß wir uns nach kurzer Zeit vor Völklin- gen befinden, diesem industriellsten Teil der Saargegend. Am Rande des Flusses sehen wir eine Gestalt sitzen, die die Hände vors Gesicht geschlagen hält. Wir getrauen uns nicht, auch sie winkend zu begrüßen. Ist es ein Arbeitsloser, der mit dem Ge- danken spielt, in die braune Brühe zu springen? Aber nein, es ist Ulrich Robert, den wir erspäht haben, ein dufter Typ, Grubenarbeiter in Völklingen. Er ist ein typischer Saarländer, und, sagen wir's nur frei heraus, wegen ihm sind wir bis hierher gefahren. Es ist ja immer so, daß man das Ab- strakte und Allgemeine schnell vergißt und einzig das Individu- elle im Gedächtnis bewahrt. Dies ist der Bonus der Erzählungen vor den Abhandlungen. Und wir, die wir nachdrücklich, ja tief- schürfend von unserer Materie Mitteilung geben wollen, ver- schmähen nicht, jenes Individuum herauszuheben, welches Kompli- ziertes vielsagend und dennoch auf leicht faßliche Art vereint. Von ihm, unserm Held, Ulrich Robert, den wir, im Ver- trauen gesagt, an dieser Stelle schon vermutet haben, soll nun vermehrt die Rede sein, und das ja nicht ohne Grund, denn schließlich ist er so fragwürdig und aufzeichnenswert wie un- sere gesamte Unternehmung selbst. Warum sitzt er hier mit allen Anzeichen der Verzweiflung? Noch können wir es nicht sagen. Oder sitzt er nur da und lacht, den Kopf in die Hände gestützt, was auf ein fast hemmungsloses Lachen deutet? Tja, wenn wir das nur wüßten! Seine Geschichte jedenfalls wollen wir erzäh- len, und vielleicht scheint es dann, daß wir ihn verstehen. Korrekt ausgesprochen wird Ulrich Robert auf folgende Art: Ul- risch Robähr (Robähr, weil der Vater aus dem Lothringischen stammt. Man hat dort noch Verwandte, so zum Beispiel einen Fuhrunternehmer Jacques Robert. Chaque jour de Metz à Paris). Es gibt niemanden, der diese Sprachweise seltsam fände, und Ulrich, der selten aus seinem Heimatort herausgekommen war, mußte fast nie seinen Namen korrigierend vorsprechen. Nur ein Franzose aus Forbach, der am gleichen Flöz wie Ulrich arbei- tete, wollte sich einmal bemühen und den Namen deutsch ausspre- chen, aber da gab's einen Rüffel von Ulrich. Er solle doch re- den, wie ihm's Maul gewachsen sei, dann wäre es gleich richtiger. Die andern Kumpel hatten dröhnend gelacht… Ulrich, unser Held, fuhr gerne untertage. Das war sein Leben: mit den muskulösen Armen den Preßlufthammer in das Karbonge- stein zu treiben, tagelang, wochenlang die ins Erdinnere füh- renden Schichten abzutragen; eine schweißtreibende Arbeit. Ob- wohl die Kohleförderung weitgehend automatisiert ist, gibt es noch einige wenige Häuer, die diejenigen Flöze abtragen, welche für die großen Gerätschaften zu schmal sind, trotzdem aber, der Vollständigkeit halber, nicht ausgespart werden sollen; Ulrich war einer dieser Letzten, die manuell, auf eigene Faust, die Kohle aus dem Erdreich förderten. Er wurde einge- setzt, wo die Maschinen unsauber gearbeitet hatten oder an den engen Endpunkten der Stollen, wo die Flöze so wenig mächtig waren, daß sich ein Ausbau kaum noch lohnte. Es machte ihm nichts aus, daß die Neonlampe, die neben ihm an einem Haken hing, die große Dunkelheit nur ansatzweise ver- trieb. Manchmal fiel der Strom für einige Zeit aus, dann saß er tief unter der Erde in Finsternis und Stille und wartete gedul- dig, bis er wieder ans Werk gehen konnte. Nein, ihm machte das nichts aus, er war Grubenarbeiter wie sein Vater, er konnte sich unter einer geregelten Arbeit am Tageslicht nichts vor- stellen, womöglich gar bei Sonnenschein. Licht, Sonne, blauer Himmel, das waren Dinge für den Feierabend, für die Freizeit, für andere Menschen… Schon eine Stunde nach dem Schichtbeginn sind Gesicht und Hände schwarz, das Vesperbrot kann Ulrich nur essen, indem er die Lippen negergleich vorstülpt, daß der Kohlenstaub nicht ans Käsebrot komme. Die Luft im Stollen ist unerträglich heiß und stickig, so daß man alle viertel Stunde den Schweiß abwischen muß, der über Stirn, Augen, Mund und Kinn fließt. Unerträglich ist das dauernde Jucken unterm Helm. Durch den entsetzlichen Lärm, den der Preßlufthammer erzeugt, wird der Kopf dick und taub und unbenutzbar. Die Ohrenschützer verrutschen sofort wie- der, nachdem man sie zurechtgerückt hat. Und doch: Ulrich fuhr gerne untertage. Er arbeitete in mehreren hundert Metern Tiefe, wobei ihm das Gefühl der über ihm lagern- den Millionen Tonnen Gesteins eigenartig ins Gemüt drückte, und eigentlich war dieses Gefühl ganz positiv. Es animierte ihn, noch tiefer zu kommen, noch weiter ins Unerforschte, Urweltli- che vorzudringen. Hätte man ihn gefragt, so hätte er solch komplizierte Gedanken, die wir ihm unterstellen, weit von sich gewiesen. "Isch tue doch nur meine Arbed" wären seine Worte gewesen. Er sah sich als schlichten Mann. Nach Schichtende trank er mit seinen Kumpels meistens einen Absinth, wobei man sich über den Lohn, über Autos und über Frauen unterhielt. Man hatte die Ge- wohnheit angenommen, eine schöne Frau als einen "Stein" zu be- zeichnen. "Sie ist ein Stein" sagte man, indem man das höchste der Komplimente vergab. Natürlich war dieser Ausdruck nahelie- gend. Die simplen Gemüter setzten ihre nächste Umwelt mit ihren nächsten Wünschen gleich. Das ist die Erotisierung der Arbeit und die Entdämonisierung der Schönheit. Zudem klingt in der Umschreibung die Herzlosigkeit der schönen Frauen an. Eine schöne Frau hat ein kaltes Herz, so kalt wie ein Stein. "Nicht unklug", denken wir und geben diesen Ausdruck hier wieder. Un- ter Grubenarbeitern gab es viele solcher Redewendungen, die von allen verstanden wurden. War der Absinth dann ausgetrunken, ging Ulrich nach Hause. Er wohnte in dem kleinen, einstöckigen Hause seiner Eltern, welche ihrerseits es vorzogen, ihren Le- bensabend im Altersheim zu verbringen. Ulrich lebte so alleine, wie er allein arbeitete. Sobald er die Haustür hinter sich zugezogen hatte, verschloß er auch die blauangestrichenen hölzernen Jalousien vor den Fenstern, damit die Helligkeit ihn weniger belästige. Im Lauf der Zeit war er menschenscheu, ja eigenbrötlerisch geworden. Zwar ging er manchmal abends ins Kino, aber viel mehr Vergnügungen kannte er nicht. Er hätte auch allzu sehr auf seine Finanzen obacht geben müssen. An Wochenenden fuhr er nach Metz, um seine Verwandten zu sehen und Gauloises blondes légères zu kaufen. Jeden ersten Sonntag im Monat besuchte er seine Eltern im Altersheim. Er war ein schlichter Mann und sein Leben war , wir haben es uns gleich gedacht, wie ein langer, ruhiger Fluß, auf dem er sich gleichgültig entlangtreiben ließ. Einmal hatte er ein Mädchen getroffen. Das war, bevor er Berg- arbeiter in Völklingen wurde. Vorher war er nämlich ehrenamtli- ches Mitglied in der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) und verbrachte einen Sommer lang an den saarländischen Badeseen als Badeaufsicht. Es war eine schöne Zeit. Mit Freun- den lag man am Strand, in Badehose und T-Shirt, ließ den lauen Wind über sich hinwegstreichen und hatte die Wahl, den schönen Frauen mit ihren engen Badeanzügen hinterherzuschauen oder die Augen träumend zu schließen. Nur einer von ihnen mußte allzeit auf einem Hochsitz die Badenden überwachen, daß im kühlen Was- ser niemand einen Herzschlag bekam, oder ähnliches. Eines Tages in der Spätsaison war Ulrich an der Reihe. Er saß und spähte über die sich im Wasser Tummelnden hin, als er einen schwimmenden Stein, als er die schönste Frau erblickte. Sie schwamm im See, die langen blonden Haare leuchteten weithin über die Wellen, der blaue Badeanzug umschloß einen einladend anmutenden weichen Körper, die Bewegungen, mit denen sie übers Wasser glitt, schienen so selbstsicher und kraftvoll, daß es keinen Zweifel mehr duldete: dies war etwas Niedagewesenes. Und Ulrich sprang auf, sie zu retten. Mit einem Satz war er im Wasser, gleich darauf bei ihr, der rettende Griff, tausendmal bis zur Perfektion geübt, gelang ihm, so daß die Schöne bald auf dem sicheren Ufer geborgen, obgleich etwas erschöpft, da- lag. Sie empörte sich über Ulrich, doch als sich eine Großzahl an Schaulustigen um sie scharte, da wollte sie ihren Retter nicht bloßstellen und gab zu, um ein Haar ertrunken zu sein. Aber in der DLRG-Hütte, wohin Ulrich sie brachte, um ihren Puls zu messen, da échauffierte sie sich sehr über ihn, so daß er sie nicht gehen lassen konnte, denn der Puls war eindeutig zu hoch (was sich unser Freund schon gedacht hatte). Den restli- chen Sommer verbrachten die beiden gemeinsam. Um die Erinnerungen ist es folgendermaßen bestellt: Das Erlebte wandelt sich, so man es sich genießend vorstellt, zur Idylle. Diese bleibt und geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Zur voll- gültigen Gegenwelt wird sie dann, wenn die Gegenwart nicht die Stärke aufbringt, sie zu verdrängen. Und man kann sich ja den- ken, wie eine Gegenwart , die sich meistens in Maschinenlärm und hartkantiger Dunkelheit befindet, dasteht im Vergleich mit jener Vorstellungswelt, in welcher die Liebe, das Licht und die Sanftheit das Sagen haben. Was Ulrich betrifft, ihn ging das nichts an. Er hatte die Sache mit dem Mädchen ganz einfach ver- gessen. Es war ja auch schon lange her. Wenn man ihn übrigens gefragt hätte, wie lange das schon her sei, er hätte es vermut- lich nicht gewußt. Untertage gilt der Tag nichts. Wen interessiert es, wie früh, wie spät wir's haben, welcher Wochentag heute ist, welches Da- tum? Die Hitze ist gleich im Sommer wie im Winter, pfeif' auf die Jahreszeit. Ulrich Robert, ein schlichter Mann, dem das Zeitempfinden un- terhalb der Erdoberfläche abhanden gekommen war, der sich immer tiefer eingrub, der nicht viel sah und nicht viel sehen wollte,

  • er leistete gute Arbeit.

Und doch war es mehr. Das Leben untertage, dies Gemisch aus Hitze, Staub, Schweiß, Dunkelheit, Lärm und Einsamkeit brachte ihn dazu, Visionen zu haben. Davon erzählte er aber niemandem. Indessen wird uns niemand abhalten können, von dieser unerwar- teten Besonderheit Ulrich Roberts zu erzählen. Er erdachte sich, während er den Preßlufthammer in das schwarz flimmernde Gestein trieb, den immer gleichen Traum. Er träumte vom tiefen Blau des Himmels, vom Blau des kühlen Meeres. Er träumte von einer Frau, deren Kleid vom Blau des Himmels und des kühlen Meeres durchwirkt ist. Das Kleid wird durch den lauen, erfrischenden Wind leicht an den Körper ge- drückt, und es ist ein Traumkörper. Das blonde Haar der visio- nären Gestalt wird gehalten und in Form gebracht durch ein Band in der Farbe des Kleides. Das träumte Ulrich im engen, heißen Stollen, wenn er sich ins Erdreich vorarbeitete und nur manch- mal innehielt, um die Ohrenschützer zurechtzurücken und den Schweiß von der Stirn zu wischen. Doch dann arbeitete und träumte er sogleich weiter: vom blauen Kleid, festliche Tracht, elegantes Ausgehstück, Stolz eines blonden Mädchens mit tief- blauen Augen. Da verging ihm der Lärm, und er fühlte sich nicht mehr schlicht. Er sah die Schönheit vor sich, wie sie sich mit offenen Armen zu ihm herbewegte, und er wollte zu ihr hin. Wen wundert es, daß er von den Steinen und Kohlestücken, die zu seiner rechten und linken Seite niederfielen, annahm, es seien Blumen und Pflanzen, welche auf anmutige Weise ihre Blüten und Blätter ineinander verschränkten, und so seinen Einbildungen den würdigen Rahmen gaben. Vom Traum, den er solcherart träumte, und der ihm die Zeit so süß entzog, daß er nicht wußte, quelle heure und quelle saison augenblicklich vorübertrieb, sprach unser Freund niemals. Die Wörter, das alles auszudrücken, hätten ihm gefehlt, worüber hinaus, im Falle des Gelingens, die Kumpels mit Spott nicht gespart hätten. Nein, er behielt seine Anwandlungen für sich, was natürlich dazu führte, daß er noch geheimniskrämerischer wurde. Aber man ließ ihm diese Marotte, das Abspalterische, gelten, und er war wohlgelitten. Eines Abends im Spätsommer nun treffen wir, die wir überall sind, wo etwas geboten ist, Ulrich, wie er, gerade aus dem Erd- innern kommend, durch Völklingen flaniert, eine Gauloise blon- de legère lässig im Mundwinkel kauend, aber gedankenschwer den Blick über die geschwärzten Fassaden der Innenstadt gleiten lassend. Er langweilt sich, fühlt sich weder wohl zuhause noch im Freien. In einem Straßencafé hat er schon einen Absinth zu sich genommen und auch wohl eine Zeitlang den amüsierwilligen Vorbeipromenierenden nachgeschaut, was ihm wenig Ablenkung ge- währt hat. Er fühlt seine Abgeschiedenheit von denen, die das leichtgewichtige Leben an der Oberfläche leben, die sich la- chend lieben und unbelastet lachen, die keine Sehnsucht verspü- ren und mit einem Achselzucken von ihren Gefühlen plaudern. Dieser Form der Oberflächlichkeit, die dem Leben so gut gewach- sen ist, kann er nicht auf den Grund kommen. Da ist seine Schlichtheit doch von anderem Format… So denkt er und hält inne, als er die Worte "Le grand Bleu" liest. Er ist vor dem kommunalen Kino der Stadt angekommen, wobei er die großbuchstabige Ankündigung für die heutige Vor- führung gelesen hat. Er tritt näher hinzu. "Le grand Bleu" heißt der Film, und er entdeckt den Untertitel "Im Rausch der Tiefe". Ulrich stellt sich vor den Schaukasten mit den Bildern aus verschiedenen Filmszenen und einigen Zeitungskritiken. Der Film ist von einem Franzosen, Luc Besson, soll auch in Origi- nalfassung hier im kommunalen Kino vorgeführt werden, wobei eigens vermerkt ist, daß das Filmband siebzig Millimeter breit sei, also in Breitwandversion zu sehen, und darüber hinaus mit Sechs-Kanal-Stereoton versehen sei. Auf den Filmphotos sieht man durchtrainierte Taucher, die, von teuren Jachten springend, sich in der tiefen Bläue des Meeres verlieren, umringt von Delphinen und exotischen Fischleibern, daneben furchterregende Steilküsten, die die kantige Kulisse einer badenden Frau bildeten, dann aber auch: ein junges Paar, das sich vor dem Hintergund eines offensichtlich südlichen Mee- res tief in die Augen schaut, und letztlich: ein martialisch aussehender Kerl mit romantischen Gesichtsausdruck vor einem Klavier an einem Swimming-Pool, kurz: es geht wohl um einen Tiefseetaucher, der eine irgendwie problematische Liebesge- schichte erlebt. Die eine Filmkritik, die ebenfalls im Schaukasten hängt, eine Photokopie aus " Der Völklinger Bote" spricht von einem Ereig- nis, einem Kultfilm etc. und gibt die Essenz in dem Ausdruck wieder, daß die Tiefe des Films in der tiefschürfenden Erkennt- nis liege, daß das feste Band der Liebe schwächer sei als das der Leidenschaft, zumal dann, wenn sich die beiden unglückli- cherweise nicht an dasselbe Objekt knüpften. Ulrich schüttelt über diese Banalitäten den Kopf… Er löst eine Eintrittskarte, obwohl er skeptisch der Dinge harrt, die da kommen sollen. Eine Zigarette im Mund, die ihm keiner verbietet, setzt er sich in eine der letzten Reihen, nahe am Ausgang, damit er, wenn's zu versponnen werden sollte, flüchten kann. Es ist nun so, daß sechs Tonkanäle und ein erheblich erweitertes cineastisches Sichtfeld niemals ohne Eindruck auf den Zuschauer bleiben: seine Sinne sind betört und er also auf alle Fälle beein- druckt. Das Geschehen reißt ihn fast ebenso unmittelbar mit wie das laute und dreidimensionale wirkliche Leben. Wenn nun aber die Hand- lung des Films die Qualität des echten Lebens übertrifft, weil man in Filmemacherkreisen die Möglichkeiten zur Planung und zur richtigen Perspektive ergriff, dann lebt man als Betrachter unter den genannten optimalen technischen Bedingungen zeitweise ein erhöhtes, ein erhabenes Leben. Dazu ist der Sinn für Symbole, den wir bei Ulrich ja voraussetzen können, allerdings erforderlich. Es ergibt eine Art sinnliches und gedankliches Wechselspiel, welches den sensiblen Betrachter ganz in die eigenen Gesetzmäßigkeiten hineinzieht, indem ihm das Hören und Sehn der Außenwelt vergeht. Der Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hingegen würde das Spektakel um den Effekt bringen. Die vielfältigen Möglichkeiten des Films entheben diesen unter Umständen auch, eine logisch-stringente Handlung vorweisen zu müssen. Sind die technischen Mittel so klug eingesetzt, daß die Symbolwelt des Films jede andere sowieso untragbar macht, dann ist es auch nicht nötig, ein motiviertes Handeln aufzubieten. Dieses ist unverzichtbar bei wirklichkeitsorientierten Filmen, langweilt aber in den großen, den symbolischen Kunstwerken. Nun kann man einem schlichten Zuseher, wie es beispielsweise Ulrich einer ist, solche theoretisierenden Gedanken kaum abverlangen. Er hält sich viel lieber an die handelnden Personen und schaut mal, ob die symphatisch sind und was die so zu sagen haben. Ulrich fand die Hauptperson Jacques Mayol toll. Nicht nur, daß dieser ein guter Taucher war und mit der Tiefe auf Du und Du stand, gleich wohl auch gefiel ihm die Mobilität, an so vielen Schauplätzen der Welt zu sein. Ach, manchmal wäre Ulrich auch gerne aus dem Saarland heraus- gekommen. Beim Anschauen des Films fühlte er die Schwere seines begrenzten Lebens. Geradezu innig rührte ihn die Einsamkeit des Helden an, die Einsamkeit vor einer großen Aufgabe (in diesem Fall: die Weltmeisterschaft im freien Tauchen, immer tiefer, auf die Ge- fahr hin, das Leben unter solch einem unmenschlichen Druck zu ver- lieren), der man nicht entkommen kann und will, und vor der einen auch die Liebe einer Frau nicht bewahrt. Oh, Jacques wurde in der Tat geliebt. Leicht hätte er seinem gefährlichen Tun entsagen und ein glückliches, bürgerliches Leben an der Seite seiner schönen Frau beginnen können, etwa als Tauchlehrer, der seine Schüler dann vor der Unbill der Tiefe warnt. Jedoch mit einer fast schon seltsam anmutenden Unberührtheit vor der lebensfreundlichen Sphäre des Weiblichen trieb es ihn, als würde er die Alternative nicht erken- nen, in jene atemberaubenden, dunklen Bezirke des Meeresinnern. Ulrich Robert merkte, wie ihm hier in einer unheimlich zu nennenden Steigerung gleichsam das eigene Leben vorgeführt wurde. Die poetische, erschreckende Schönheit der Bilder nahm ihn mit und trieb ihn in Regionen, die ihm wohlbekannt und gänzlich neu waren. Hätte er zwischendurch auf die Uhr geblickt, so wäre er überrascht gewesen, wie wenig Zeit diese aufwühlenden Bilder des Filmes benö- tigten. Gerade mal drei Stunden, alles in allem, dauerte die Aben- teuerfahrt des Völklingers in die diversen seelischen Tieflagen. In solch kurzer Spanne bekäme er während der normalen Arbeit unter- tage kaum einen einzigen rechten Gedanken zusammen, und hier tut sich plötzlich so vieles… Das Ende der Vorführung war noch nicht erreicht, als unser Held den Raum verließ. Er erahnte einen Schluß, bei dem er lieber nicht anwesend sein wollte. Auf der Straße vor dem kommunalen Kino Völklingens zündete er sich zunächst eine Zigarette an, worauf er dann nachdenklich heimschlenderte in sein einstöcki- ges Haus mit den blauangestrichenen Jalousien. Aber irgendwie blieb ihm das Kunstwerk des Herrn Besson im Gedächtnis haften, auch den ganzen folgenden Tag, auch während der Arbeit, die er unter Schweiß und Visionen hinbrachte. Es ist an jenem folgen- den Tag, an dem wir Ulrich Robert, den duften Typ, seines Zei- chens Grubenarbeiter in Völklingen, an der Saar sitzend, an- treffen, wir, die wir in Urlaubsstimmung auf unserer Rundfahrt eben hier vorbeikommen. Hat er nun die Hände vors Gesicht ge- schlagen, weil er so lachen muß, hemmungslos lachen muß, oder weil's ihm elend geht? Hoffen wir, daß er sich nicht mit dem Gedanken trägt, in die Saar zu springen; das wäre kein guter Entschluß, und die DLRG wäre wohl auch nicht zur Stelle. Was uns betrifft, wir werden in Dillingen das Schiff mit den ungemein bequemen Sitzen verlassen und zu Fuß weiter saarabwärts wandern, mindestens bis zur schönen Schleife im Haarband der Natur, wo der Fluß zum Ereignis wird, bei Cloef, oder aber noch weiter: bis zur Mosel mit ihren Weingegenden.

https://philosophischer-nacht-und-sonntagsdienst.de/180221.html

16.06.2021, aktualisiert vom Februar 2018 (src)

Gedankengedicht über die Liebe


Es ist mein Kopf,
ihn lege ich,
auf dieser Bank, auf der wir sitzen,
inmitten dieses schönen Großstadtparks
in dieser Stadt, die wir touristisch gern bereisen,
nach allen Nachweisen der Flucht aus der Pandemie,
genießen wir das Leben und die Freiheit,
natürlich immer nur die des Reisens,
und parken hier auf dieser Parkbank,
auf der ich meinen Kopf in Deinen Schoß hinbette,
und Dich begehre und ganz schläfrig bin
vor lauterer Erfüllung,
so nahe wieder reich an Leben zu sein.

Das Paar

Kürzlich langweilte ich mich im Alten Schauspielhaus bei dem Theaterstück Der Tod des Handlungsreisenden von Arthur Miller fast zu Tode, während seiner dahinfließenden Unaufdringlichkeit hatte ich genügend Zeit, über den Autor nachzudenken. Besonders gut schnitt der Mann dabei natürlich nicht ab.

Dies mag schon während mancher Aufführung von manchem, der im Dunkeln saß und gelangweilt auf die hellerleuchteten Bühnendialoge blickte, gedacht worden sein: Millers künstlerische und solide Unbedarftheit, die einem Amerikaner gut ansteht und einem Europäer schnell ins Auge springt, hätte ihn weniger in den Rang des repräsentativen Intellektuellen der sechziger Jahre erheben können, als es seine Aufsehen erregende Heirat mit der immer noch repräsentativen Schönheit der Marilyn Monroe vermochte. Diese Heirat aber des Stückeschreibers Arthur mit der Filmschauspielerin Marilyn gilt als Paradigma von Schönheit, die sich mit der Intelligenz verbindet, bis in unsere Tage; es gibt kein neueres; der vollendete Zusammenschluß von Körper und Geist, der die überkommene Vorbildhaftigkeit antiker Statuen ablöst und den Werkstoff Marmor endlich gegen die wirksameren Materialien Hochglanzpapier und Zelluloid eintauscht, ist das immer noch moderne Ideal. Gäbe es einen Mythos von Eros und Psyche in der postmythischen Zeit, das wäre er.

Aufgrund dieser inzwischen historischen Mixtur von Miller und Monroe hält sich der geistige Teil, - das ist unter anderem Der Tod des Handlungsreisenden-, bis heute auf den Spielplänen und kann weiter nebenbei einer öden und schal gewordenen Humanität frönen.

Aber es ist seltsam, wie Qualität gewonnen wird durch das Zusammenbringen von Blondheit und Denkertum, so unvollkommen beides für sich genommen auch sein mag. Denn natürlich ist Marilyn Monroe nicht die schönste Frau der sechziger Jahre und schon gar nicht die begabteste Schauspielerin. Und Arthur Miller ist, entgegen den Behauptungen der Kritik, keineswegs ein literarisches Genie. Aber beide zusammen, auf einem Photo, in einem offenen Auto, in ihrer Eigenschaft als Sexsymbol und Erfolgsschriftsteller, bewirken eine ungeheure Suggestion vom höchsterreichbaren Glück. Noch in unserer Zeit fühlen sich viele Schönheitsköniginnen dem spröden Charme von Stubenhockern verpflichtet, nur weil sie an diese Harmonie der Sphären glauben, die ausgerechnet in den sechziger Jahren von ausgerechnet Amerikanern vorbestimmt wurde.

Ich hielt mich dank solcher Überlegungen ganz gut bis zum Schluß des Stückes, welches selbstverständlich von einem amerikanischen Vater-Sohn-Konflikt handelte. Na gut. Nach einem höflichen, doch knappen Schlußapplaus, strich sich Marcia, die ich übrigens für diesen Abend gewinnen konnte, und die sich im Gestühl neben mir träge geräkelt hatte, ihre blonden Haare nach hinten und fragte mich, ob wir nicht noch etwas trinken gehen sollten, nach all dem Durchgestandenen, etwa in die "Bar le théatre" nahe der Königsstrasse und unseres Autos. Wir schlenderten dorthin, durch die belebte Fußgängerzone, und ich fühlte mich verpflichtet, uns den Weg durch einige wohlgesetzte Kommentare zu der erlebten Theateraufführung zu verkürzen, was aber mich selbst mehr amüsierte als Marcia. Immer hatte ich das Problem, nicht so mondän scheinen zu können wie sie es war.

Später tranken wir Rotwein, den uns der Ober in dem halbleeren Café rasch herbeibrachte, und Marcia erzählte mir von ihrer neuen Lieblingsmusik, einem "total abgefahrenen Techno-Album" von der Gruppe X. Das sei "brutal tanzbar" und es habe einen durchlaufenden "Mörderbass", der einem direkt in die Eingeweide fahre. Mit einer vernünftigen Lightshow könne man sich auf diese Musik ziemlich edel in eine dezente Ekstase tanzen, und das sei unter uns gesagt ein anderes Vergnügen als so ein Abend im Schauspielhaus. Ich war schon einmal vor längerem mit Marcia in einer Discothek gewesen und mußte zugeben, daß sie beim ekstatischen Tanzen freilich keine schlechte Figur machte. Es gibt also ein ganz objektives Amüsiergefälle zwischen Theater und Musikbetrieb, dachte ich bei mir. Und natürlich kannte ich diese neue Techno-Gruppe ebenfalls und bestätigte, daß deren Musik sehr hörbar sei. Ich würde aber vermutlich alles bestätigen, was Marcia sagt, wenn sie nur indessen mit dieser bestimmten Geste ihre blonden Haare aus der Stirn striche.

Dies tat sie des öfteren, als ich, ein wenig animiert vom Rotwein, gesprächsweise die folgende Theorie entwickelte: Die Anziehungskraft des Ehepaares Monroe/Miller sei restlos veraltet, sowohl was die ästhetische als auch die künstlerische Seite betreffe. Man müsse sich endlich neue Paradigmen suchen, die einfach mehr reinhauten, aber trotzdem ähnliche Chancen auf Popularität besäßen. Gewiß würde solche Kritik nicht an der Blondheit Marilyn Monroes ansetzen, was immer etwas äußerst hinreißendes sei, eher schon an dem Beruf der Schauspielerin. Der Ruhm, der in dieser Branche zu erwerben sei, habe kaum noch das geheimnisvolle Flair wie in den früheren Zeiten, sondern sei denkerisch weitgehend erschlossen und liege nun, aufgrund der bekannten und deftigen Kritik an der Kulturindustrie, eher glanzlos da. Die Monroe sei das Symbol des seichten Unterhaltungsfilmes, und eben der Unterhaltungsfilm sei das z. B. von Adorno geprügelte Beispiel einer dekadenten und verlogenen Unterhaltungsmaschinerie. "Erfolgreiche Filmschauspieler sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!" sagte ich und Marcia schaute mich zweifelnd, aber durchdringend an. Sie sagte: "Na, und was ist mit Depardieu und Philippe Noiret? Oder was ist mit den großen amerikanischen Stars, von denen doch einer berühmter ist als der andere. Zum Beispiel Arnold Schwarzenegger…"

Ich schwieg eine Minute und sprach dann weiter: "…oder Michelle Pfeiffer. Du hast natürlich schon recht. Aber ich bleibe dabei, daß der soziale Rang der Schauspielerei nicht mehr diesen Glanz verbreitet wie in den sechziger Jahren. Größeres Prestige und mehr öffentliche Zuwendung genießen in unseren neunziger Jahren die großen Stars der Musikszene. Was ist Noiret gegen Madonna? Was unter uns gesagt nichts daran ändert, daß Popularität als solche immer mehr in den Ruch der Dämlichkeit gerät, egal in welchem Bereich sie stattfindet. In unserer öffentlichen Welt ist der öffentliche Mensch etwas durch und durch verwerfliches geworden. Aber dennoch: wenn schon unbedingt populär sein, dann doch bitte als Musiker. Da ist wenigstens noch ein bißchen Magie, durchmischt mir Scharlatanerie und ziemlich viel Erotik, nicht wahr? Und verbringt nicht ein normaler Mensch mehr Zeit damit, Musik zu hören und darüber zu sprechen, als über Filme. Denn freilich befindet man sich häufiger in der Nähe eines Radios als im Kino. Daß kaum einer mehr in der Lage ist, geistreich über solche kulturellen Dinge zu sprechen, mit denen man doch Großteile seines Tages zubringt, beweist schon die annähernde Ausschließlichkeit, mit der die Musikkultur rezipiert wird. Es gibt inhaltliche Kinokritiken, aber kaum inhaltliche Musikkritiken. In diesem Bereich herrscht Sprachlosikgeit, was aber eben für diesen Bereich spricht. Es gibt ja kaum noch Vergleichsmöglichkeiten zwischen der populären Musik und was für anderen Dingen eigentlich? Es gibt keine Vergleiche! Die Musikindustrie in ihrer Unangreifbarkeit ist viel absoluter geworden als die Filmindustrie je war. Das mag daran liegen, daß Musik eben weit schwieriger verbal zu erfassen ist, als eine Filmhandlung. Die Zeitschriften mögen leichter Kritiker für´s Filmfeuilleton finden als fürs Musikgeschehen, also ist ihnen und damit der Kultur der Film immer noch näher. Es gibt den anarchischen und äußerst anziehenden Zustand der Wortlosigkeit in der Musikkultur. Die Jugendlichen, die durch jedes geschriebene Wort schon wieder an ihre Geißel Schule oder Ausbildung erinnert werden, lassen sich solch eine Verbalisierung und Vergeistigung, wie sie im Filmgewerbe üblich geworden ist, nicht bieten. Sie vergnügen sich lieber wortlos in der Musik und genügen sich in der gegenseitigen Versicherung, daß diese oder jene Musik echt super sei. Welche Freiräume des Gefühls in dieser simplen Versicherung! Und was braucht es auch mehr zum Ausdruck des Nicht-Allein-Seins-in-der-Welt?

Somit sei also als moderne Göttin solch eines Lebensgefühls eine schöne, natürlich hellhaarige Musikerin genommen, mit verspielten Locken und einem schönen Lächeln, Marcia."

Der Ober kam und wir bestellten noch Wein. Marcia dehnte sich in ihrem Kleid und erzählte mir von den Schwierigkeiten, eine angemessene Kleidung zu einem angemessenen Preis zu finden, und daß Strickröcke noch immer eine gute Alternative seien, wenn man ins Theater ginge. Ja, eben bei solchen Theaterabenden wie heute habe sie einige Energie aufwenden müssen, eine gemäße Hülle zu finden. Sie lächelte durch mich hindurch an, als sie die übergeschlagenen Beine träge durchtauschte. Ich hatte große Mühe, den Faden wieder zu finden, und über dieser Mühe vergaß ich den Strickrock.

"Wenn wir nun also die künstliche Schönheit und zweifelhafte Sängerin Madonna mit Deiner Erlaubnis als das populäre Paradigma ansetzen wollen, deren Perfektion in allen Aussehensdingen uns beide entsetzt und deren Reichtum uns lächeln macht; die jetzt allgegenwärtig ist und in wenigen Jahren schon wieder ganz und gar vergessen sein wird, dann wollen wir uns instinktiv nicht nur an weniger Künstliches und weniger Befremdendes halten, sondern dann wollen wir auch was Passendes aus dem Denkerreich entnehmen, um unsere imaginäre Hochzeit perfekt zu machen, dozierte ich. Damit meine ich, logo, keine der schillernden Schriftstellerpersönlichkeiten wie Peter Handke oder Botho Strauss, sondern einen richtigen Intellektuellen, ein echts Gscheitle. Dummerweise fällt mir da im Augenblick überhaupt kein Zeitgenosse ein, sondern bloß der Claude Levi-Strauss, der allein vom Namen her bis heute ungeschlagen ist und auch sonst eine ganz zutreffende Wahl für unsere Belange sein mag. Dieser Mann ist Dir doch ein Begriff? Natürlich, wieso frage ich überhaupt? Du studierst ja Romanistik!

Im Vergleich mit Arthur Miller ist Levi-Strauss ein ganz ausgebuffter Denker aber so was von einem anderen Kaliber. Während Arthur immer noch an Vater-Sohn-Beziehungen rumknobelt, schiebt Claude schon längst mit der Gesamtheit aller dieser Konflikte die erstaunlichsten Erkenntnisse. Als Strukturalist der ersten Garde liefert er neue Wortfelder, die eine so intelligente Abstraktion ermöglichen, wie es das letzte Mal nur mit dem Aufkommen der Dialektik geschehen konnte. Tscha, und hier hätten wir ja auch gleich eine Möglichkeit der Annäherung zwischen ihm und Frau Madonna. Denn eine strukturalistische Betrachtung der Popmusik könnte uns ja solche Begriffe an die Hand geben, die wir so nötig brauchen, wenn wir dem Jugendslang entfliehen wollen: Begriffe aber, die wir noch nicht besitzen. Hier wäre eine intelligente Abstraktion, wie sie Claude Levi-Strauss in seiner "Mythologica" oder in "Das wilde Denken" vorführt, in ihrem Element. Denn abstrahierte Musik bedeutet ja zugleich eine Konkretion des Sprachlichen. Madonnas Musik könnte eine Aufwertung durch Claudes Denken erreichen und andererseits könnten all die ungenutzten neuen Wortschätze, die in Madonnas Musik liegen, endlich geborgen werden und in den ihnen zustehenden Hafen der Musik würdig einfahren."

Die blonde Romanistikstudentin tauschte ihre übereinander geschlagenen Beine durch und ich nahm daraufhin einen unkonzentrierten Schluck Rotwein.

Schließlich sprach mein Gegenüber: "Da hast du dich jetzt aber ganz schön in was verrannt. Aber nichtsdestoweniger habe ich dir interessiert zugehört und deine Partnervermittlungsgedanken wohlwollend geprüft. Nun sind dir aber ziemlich viele Fakten échappiert, zum Beispiel der, daß es ja nicht nur die von uns geliebte Techno-Musik gibt, zu der die Pop-Sängerin Madonna freilich nicht gehört, sondern auch noch die herkömmlichen Formen der Orchestermusik. Als ich das letzte Mal bei Freunden in Paris war, hat man mich auf ein Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter eingeladen, die dort gastierte. Und meine Begleiter hatten durchaus die passenden Worte für diese Art der Musik parat. Es gibt also längst einen rationalen Jargon der Empfindsamkeit für große Teile der Musik. Aber moderne Popmusik, die nur wenige Wochen in Mode bleibt und dann durch einen neuen moderneren Stil abgelöst wird, ist zu wechselhaft, als daß sich jedesmal ein ordentliches Wortfeld dafür herausbilden könnte. Also wenn du mich fragst, dann würde ich eher die Anne-Sophie Mutter dem Claude Levi-Strauss beigesellen, denn das wäre eine Musik, die dem strukturalistischen Denken eine adäquatere Aufgabe bereitet. Außerdem wäre unser modernes Traumpaar ein wenig zeitloser, sprich haltbarer geraten. Wenn Du schon auf die Existenz von Mythen anspielst, deren Untersuchung sich Herr Levi-Strauss zur Aufgabe gemacht hat, dann mußt Du auch diejenige Musik nehmen, deren Tradition soweit zurück reicht, daß ein Sprechen vom Mythos überhaupt gerechtfertigt ist. Und Techno-Musik als neueste Abart des Musikalischen wird kaum einen Bezug auf Mythisches erlauben."

"Gewiß hast Du recht, was die Wahl der Frau Mutter angeht", sagte ich, "aber glaubst Du nicht doch, daß sie mit ihrem realen Ehemann, einem arrivierten Prominentenanwalt, dann doch besser beraten ist, auch imagemäßig, innerhalb ihrer Weltanschauung zu verbleiben und nicht Neues aus ihrer Existenz zu schaffen? Denn die Verbindung von klassischer Musik und Intellektualismus ist denn doch inzwischen ein wenig sehr konventionell. Und außerdem möchte ich bezweifeln, daß die Phraseologie der klassischen Musikberichterstattung sehr hilfreich bei der Aufgabe ist, die Musik selbst verständlicher zu machen. Womit ich natürlich nichts gegen deine Bekannten gesagt haben will. Aber bis auf die Schriften von Adorno oder Max Weber gibt es nicht allzu viel an Gegrübel, das diese Aufgabe seriös löst. Ich halte die Umwandlung von musikalischen Gehalten in sprachliche auch in der klassischen Musik für ein äußerst schwieriges Unternehmen. Da gefällt es mir schon besser, wenn die Wirklichkeit die hohe Virtuosenkunst der Töne in die Nähe des virtuosen Gelderwerbs rückt, wie bei Anne-Sophie Mutter und ihrem angetrauten Prominentenanwalt.

Und eine Verbindung von Geld und moderner Musik würde uns wohl auch schon wieder langweilen, auch wenn sie noch so angebracht wäre. Nun denn, ich bleibe also bei meiner Synthese von blondem Gift und ausgebufftem Denken. Und in das ausgebuffte Denken hinein nehme ich die Vermutung, daß, um nochmal auf die Mythen zurückzukommen, die fortgeschrittene elektronische Musik mehr Bezug hat zur archaischen Zeit als die durchrationalisierte Orchestermusik. Die primitiven Rhythmen und Klänge unserer Ahnen sind uns in den Instinkt eingegangen und jederzeit abrufbar, während doch der Genuß eines Bachschen und Anne-Sophischen Violinkonzertes ziemlich sehr von unserer humanistischen Bildung abhängt, nicht? Madonna kann eben doch bloß von Einem richtig erkannt werden, der nicht nur ihren Augenblickserfolg liebt, sondern auch ihre freche und dreiste Art würdigt, mit christlich-moralischen und zugleich archaisch-primitiven Mythen zu spielen."

Marcia schaute mich zweifelnd an, warf einen Blick auf die Uhr.

Ich fragte sie, ob ich sie heimbringen solle, denn es sei ja nicht mehr ganz früh. Oder ob sie noch Lust habe auf ausgedehntere Unterhaltung. Der Ober kam an unserem Tisch vorbei und sie bestellte bei ihm einen Kaffee. Ich rief ihn zurück und bestellte mir auch einen.

"Okay, Claude" sagte meine Begleiterin nach kurzem Zögern und indem sie ihre Haare nach hinten strich, "laß uns anschließend noch ein wenig tanzen gehen."

14.06.2021, aktualisiert vom Februar 2020 (src)

Wie es ist.

Die Freundin und der Liebhaber der Frau.

  • Die

Liebe

ist der traditionelle Festhaltebegriff für diejenigen Menschen, die transzendent bleiben wollen und die biologischen Programme in sich entweder leugnen oder freisetzen wollen. Allein deswegen ist und bleibt es ein guter Begriff, der polarisiert und zuweist.

11.06.2021, aktualisiert vom September 2004 (src)

Was nötig ist zu lesen.

Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müßte das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müßte ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortete mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wieviel Bände denn eigentlich dieses verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortet er!! Wir sind da, wie er das sagte, ungefähr beim siebenhunderttausendsten Buch gewesen, aber ich habe von dem Augenblick an ununterbrochen gerechnet; - ich will es dir ersparen, ich habe es im Ministerium noch einmal mit Bleistift und Papier nachgerechnet: Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen! In diesem Augenblick sind mir die Beine auf der Stelle stecken geblieben, und die Welt ist mir wie einziger Schwindel vorgekommen. Ich versichere dir noch jetzt, wo ich mich beruhigt habe: da stimmt etwas grundlegend nicht!

Du kannst sagen, man braucht nicht alle Bücher zu lesen. Ich werde dir darauf erwidern: Man braucht auch im Krieg nicht jeden einzelnen Soldaten zu töten, und doch ist jeder notwendig! Du wirst mir sagen: Auch jedes Buch ist notwendig. Aber siehst du, da stimmt schon etwas nicht, denn das ist nicht wahr; ich habe den Bibliothekar gefragt! Lieber Freund, ich habe mir einfach gedacht, dieser Mensch lebt doch zwischen diesen Millionen Büchern, kennt jedes, weiß von jedem, wo es steht: der müßte mir also helfen können. Natürlich habe ich ihn nicht ohne weiteres fragen wollen: wie finde ich den schönsten Gedanken von der Welt? Das würde geradezu wie der Anfang von einem Märchen klingen, und so schlau bin ich schon, daß ich das merke, und überdies habe ich Märchenerzählen schon als Kind nicht leiden können; aber was willst du tun, irgend etwas ähnliches mußte ich ihn schließlich fragen! Andererseits hat mir mein Gefühl für das Schickliche verboten, ihm die Wahrheit zu sagen, etwa meinem Anliegen Auskünfte über unsere Aktion vorauszuschicken und den Mann zu bitten, mich auf die Spur des würdigsten Ziels für sie zu setzen; dazu habe ich mich nicht ermächtigt gesehn. Also, ich hab schließlich eine kleine List angewendet. 'Ach!' - habe ich ganz harmlos zu sagen angefangen - 'ach, ich habe mich zu unterrichten vergessen, wie Sie es eigentlich beginnen, in diesem unendlichen Bücherschatz immer das richtige Buch zu finden?!' - weißt du, genau so habe ich das gesagt, wie ich mir dachte, daß Diotima es sagen würde, und für ein paar Kreuzer Bewunderung für ihn habe ich auch in den gelegt, damit er mir auf den Leim geht.

Robert Musil - Der Mann ohne Eigenschaften

08.06.2021, aktualisiert vom März 2006 (src)

Und meine Träume sind wie Diebe

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer -
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr -
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Max Herrmann-Neisse

03.06.2021, aktualisiert vom März 2017 (src)

Vom Glück des Klimawandels

Die obdachlose Liebe

Wir beide leben bürgerlich
in der Wohung und im Haus,
sind studiert und etabliert im Leben,

und seit wir uns begehren und erkennen
sind wir verloren auf die Obdachlosigkeiten
unserer Gefühle,

wie schön die sind, so ohne Planen,
wie schön die sind, so ohne jedes Haus,
wie schön die dennoch sind, so völlig obdachlos.

Die Kälte und der Winter
(wir erwärmen uns auf Bänken und im Park,)
werden uns niemals entzweien,

denn wir zittern sehr vorm Leben,
und nicht vor Kälte oder Eis.

29.05.2021, aktualisiert vom Dezember 2020 (src)

Aktionstage Poetischer Nihilismus im Philosophischer-Nacht-und-Sonntagsdienst.de

Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses

Auf einem silbernen Teller befand sich einst ein Edamer Käs, und nahe dabei ein Talglicht, welches den Käs bestrahlte. Milben hatten sich, durch die innere Gährung seiner organischen Partikeln, im Käse erzeugt. Unter ihnen war eine Philosophin, welche dem Ursprung und der Bestimmung des Käses und der Milben nachdachte. Jemand, der den Käs zu essen im Begriff war, belauschte ihren Monolog mit dem Ohr jener Geniemänner, welche die Sphären singen, die Nerven stimmen, die Flöhe husten hören.

Man fragt mich nicht, wie Das möglich war. Die Frage über das Wie der Dinge ist oft indiskret, und wir könnten eher allgemeine Zweifler werden, als sie in jedem Falle beantworten. Genug, dieser Fürwitzbeutel vernahm die Milbe so reden.

"Wie lieblich duftet dieser Käs! Wie ambrosisch ist dieser Geschmack! Wie nahrhaft diese Speise! Wie bequem meine Wohnung! Eine unermeßliche, durchaus eßbare Welt.

Wie mächtig, wie wohltätig muß der sein, der den Käs machte, ihn für Milben schuf! Unser Sein war sein Wille, unser Wohlsein sein Zweck. Denn vom Nutzen eines Dings schliessen wir auf seine Absicht.

Ich gehe weiter: Dieser Käs ist der beste unter den möglichen. (Der Eigentümer hielt ih für versalzen). Der Beweis ist simpel. Hätte der Urheber einen besseren machen können, so würde er ihn vorgezogen haben. Warum sollte er das Vollkommene dem Mittelmäßigen nachsetzen!

Jener glänzende Körper, der aus ungemessener Ferne meinen Käs bestrahlt (hier lächelte die Milbe gegen das Talglicht) was kann er sein, als unsere Laterne? Wie erquickend, wie wohltätig ist sein Licht! Wie anpassend der Organisation meiner Augen. Ja, das Licht ist um der Milben willen gemacht.

Glückliche Milben! Ihr seid Mittelpunkt - Endzweck aller Kombinationen der Welt. Euch erfreuet das Licht. Euch duftet der Käs, Euch laden seine fetten Partikeln zum Genusse ein.

Aber eben darum, weil Milben der Zweck sind, dem die Natur alle ihre Werke, als Mittel, subordiniert hat; eben darum, erhabene Milben, ist diese ephemerische Existenz nicht das ganze Erbteil, welches die Natur euch beschieden hat.

Sollte sie nicht ewige Zwecke lieben? Sollte der Zirkel der Allnatur ohne seinen Mittelpunkt, worauf alle Strahlen sich beziehen, bestehen können? Nimmermehr! Milben: ihr seid zu den erhabensten Aussichten bestimmt. Eure Existenz; in der Höhle des Käses ist nur der rosenfarbene Morgen eines schönen Tags, dessen Mittag eurer wartet.

Die sublimen Gedanken, welche itzt meinen Geist beschäftigen, sind mehr als die Wirkung meiner Organisation. Es ist wahr, ich kenne meinen Körper, die inere Natur seiner Elemente, die Art ihrer Zusammensetzung beinah gar nicht. Aber dennoch kann ich a priori bestimmen, welche Wirkungen aus dieser Zusammensetzung möglich sind, und welche nicht."

So eben wollte die Rednerin von der Zukunft weissagen, und die Natur der Käse, welche sie künftig bewohnte, und zum Teil essen würde, auf unzählichen, wie sie meinte unumstößlichen Grundbegriffe der Milben metaphysik zu demonstrieren beginnen, als der Zuhörer, vom Mitleid über ihre Mühe gerührt und um ihr eine langwierige Reihe Syllogismen zu ersparen, die Rednerin samt dem Katheder, worauf sie stand, in den Mund steckte und verschlang.

Man sagt, sie habe noch zwischen den Zähnen des Würgers behauptet, ihre Erhaltung, ihr Wohl sei der Endzweck der Natur.

Wilhelm Ludwig Wekhrlin

29.05.2021, aktualisiert vom März 2007 (src)

English spoken.

In meiner Kindheit bekam ich häufig von alten englischen Damen, zu denen meine Eltern Beziehungen unterhielten, Bücher als Geschenk: reichillustrierte Jugendschriften, auch eine kleine grüne Bibel in Saffian. Alle waren in der Sprache der Geberinnen: ob ich ihrer mächtig sei, daran dachte keine von ihnen. Die eigentümliche Verschlossenheit der Bücher, die mit Bildern, großen Titeln und Vignetten mich ansprangen, ohne daß ich den Text hätte entziffern können, erfüllte mich mit dem Glauben, allgemein handle es bei derartigen Büchern sich niemals um solche, sondern um Reklamen, vielleicht für Maschinen, wie mein Onkel in seiner Londoner Fabrik sie herstellte. Seitdem ich in angelsächsischen Ländern lebe und Englisch verstehe, hat dies Bewußtsein sich nicht behoben, sondern gesteigert. Es gibt ein »Mädchenlied« von Brahms, auf ein Gedicht von Heyse, darin stehen die Zeilen: »O Herzeleid, du Ewigkeit! / Selbander nur ist Seligkeit.« In der verbreitetsten amerikanischen Ausgabe wird das so gebracht: »O misery, eternity! / But two in one were ecstasy.« Aus den altertümlich leidenschaftlichen Hauptwörtern des Originals sind Kennworte für Schlager geworden, welche diesen anpreisen. In ihrem angedrehten Licht erstrahlt der Reklamecharakter der Kultur.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia

21.05.2021, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

Heute in der ARD: Frühjahr 1945

Ein recht assoziativer Bilderreigen von bislang unbekannten Aufnahmen dieser Monate. Und ich schaue mir das mit großem Interesse an, es gibt viele Details dessen, was längst bekannt ist, aber in einer farbigen, neuen Version. Und ich denke, natürlich nichts Neues, nur viel Nachdruck auf Anschaulichkeit.

Aber vor allem denke ich beim Sehen dieser Sendung:

Paul Celan - Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Das ist die Lyrik einer keineswegs ewigen Wahrheit, aber einer Wahrheit, die die derzeit Lebendingen immer noch mit Schauer und Schrecken erfüllen sollte, denn dies ist der fühlbare Zustand des Schreckens. Keine neue Dokumentation, die das ja nur bestätigen wird, ist notwendig. Naja, doch, aber was für ein Gedicht über den Menschenschrecken.

19.05.2021, aktualisiert vom März 2015 (src)

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Created: 2021-07-20 Di 20:11

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