· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

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Der traurige Autofahrer

In Vertretung aller Interessen
In der Gewolltheit sinister seiender Verfügbarkeit.
Verfügbar durch die willige Präsenz
und durch die Last des eignen Vehiküls,

verfügbar durch den Drang und des Erfahrens,
verfügbar durchs Automobil.

Nie dachte ich mich frei, hier glaubte ich
mich wissender durch diese Technik.
Es gibt den Bonus nicht, sich zu befreien,
und wenn es ihn doch gibt, dann doch nicht so,
unbedingt wohin zu fahren.

Ich wünsche mich weit dorthin, -
da im Gefühl zu sein,
wohin die anderen nur ständig Strecke machen,

so wie ich noch dieser Tage.

07.05.2021, aktualisiert vom April 2014 (src)

Und meine Träume sind wie Diebe

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer -
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr -
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Max Herrmann-Neisse

04.05.2021, aktualisiert vom März 2017 (src)

Arthur H - La chanson de Satie

Approche-toi de moi
Monte le son plus fort
Je veux sentir une dernière fois ton corps
Contre moi

Je pars en voyage
Tu pars très longtemps
Je vais t'oublier un peu c'est sûr, c'est certain

Je voulais te dire que je t'aime encore
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore

Je t'en prie, chante moi
Ce vieil air français
Cette mélodie d'Erik Satie
Je crois que c'est ça

Je voulais te dire encore
Je voulais te dire que je t'aime encore
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore
Tu pars en voyage
Je pars très longtemps
Tu vas m'oublier, c'est sûr, c'est certain

Approche toi de moi
Monte le son plus fort
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore
Que tu m'aimes encore
Que tu m'aimes encore
Que je t'aime encore

Video auf YouTube

04.05.2021, aktualisiert vom Februar 2021 (src)

Tag der Arbeit, Nächte der Arbeiter

Ein Arbeitsunfall

Etwas erzählen? Aber ich weiß nichts. Gut, also ich werde etwas erzählen.

Einmal, es ist schon länger als zwei Jahre her, habe ich einen Arbeitsunfall miterlebt, - alle Einzelheiten stehen mir klar vor Augen.

Es war kein besonders tragischer Arbeitsunfall, keine schlimme Sache, ja, es war nichtmal ein Mensch daran beteiligt. Spektakulär war nichts daran, außer, daß ich seltsamerweise immer noch daran denken muß, wenn ich andere Katastrophenerzählungen lese oder mitgeteilt bekomme.

Ich, damals noch Student, war in einem Ferienarbeitsverhältnis untergekommen, in einer Hygieneartikelfabrik im Schwäbischen. Meine Arbeitsstelle war geschaffen geworden, weil man eine Qualitätskontrolle für die Nachtschicht benötigte. Ich begann meine Arbeit gegen 22 Uhr, machte ein Dutzend Stichproben im Laufe der Nacht, und hatte Schichtende um 5 Uhr 45. Durch die fortgeschrittene Technologie, die damals im Schwäbischen schon etwas weiter verbreitet war, hatte die Fabrik auf Fertigungsmethoden mit Neuronalen Netzen (NN) umgestellt. Es waren sehr flexible Konstruktionen, die mit einer halben Stunde Pause pro Schicht auskamen, selbst in der Nacht. Fehler und Ausnahmesituationen dürften jedenfalls nicht häufiger zutage treten als in den Tagesschichten, sagte man mir beim Einlernen. Darauf achtete ich also, daß nachts nichts zutage trat, - das war einfach für mich.

Es gab noch einen Humanoiden außer mir in der Fabrikhalle. Der Schichtführer, der auf die Parametrisierung der NN achtete, die Logistik beaufsichtigte und überhaupt als zuständiger Facharbeiter die Fertigungsstückzahlen einzuhalten hatte. Immer wenn ich zu ihm kam und über nicht eingehaltene Qualitätskriterien auf dem Testbogen seine Unterschrift forderte, verdrehte er die Augen und sagte kryptisch "Nicht mehr ganz sauber, wie?". Ich versuchte, ihn nicht als Gegner zu betrachten, immerhin waren wir beide nur arbeitnehmende Bankkunden.

Solange der Betrieb reibungslos funktionierte, hatten wir stundenlang Zeit, uns zu unterhalten. Er hatte knappformulierte Vorurteile über Studenten parat, und er konnte sich sehr weitläufig und farbig über die Themen des grauen Fabrikalltags auslassen, was mich als Sprachstudent sehr faszinierte. Und wenn ich Fragen hatte über die komplizierte Abrechnungspraxis der Gehaltsstelle, die unser gemeinsamer Gegner war, erklärte er mir geduldig, wie die Lohnabrechnung nachzurechnen und zu interpretieren sei. Manchmal fuhren wir mit dem Gabelstapler durch die dunklen Hallen und "cruisten". Wir brachten die langen Stunden zwischen zwei und fünf Uhr leidlich herum, indem wir über altertümliche Begriffe lachten. Manche Nächte las ich aber auch bloß in Büchern, wenn mir nicht nach Gesellschaft mit altertümlich dauerhaft angestellten Menschen und diesem smalltalken war. Manchmal ging ich allein zu fuß durch die Hallen.

Die NN waren sehr seltsam anzusehen. In unserer Fabrikhalle waren mehrere Fließbänder untergebracht, aber nur eines war um diese Zeit erleuchtet und in Betrieb. Es wunderte mich, daß die NN daran Licht benötigten, aber zumindest ich brauchte es ja, wenn ich die geplanten willkürlichen Stichproben durchführte. Manchmal ging ich nach der "Qualitätsprüfung" nicht gleich zurück ins Büro oder zum Schichtführer, sondern beobachtete diese seltsame Maschinenart etwas länger, die da stoisch in der Lichtinsel ihre Tätigkeiten verrichtete.

Ich nahm einen Schemel und setzte mich am Ende des Bandes ins Halbdunkel, dort, wo ein fast schon archaischer NN die Kisten auf eine Palette türmte und mit einer Endlosplastikhülle umwickelte. In den Pausen rauchte das Gerät etwas. Gerade dieses Gerät war alter Bauart, und man mußte mit ihm noch Englisch reden, - dieses phonemhaft umlautbehaftete diphtongkritische Englisch

  • während die anderen Generationen ja meist schon die Befehle der

Beherbergungssprache verstanden.

Gut konnte man sich mit sprachlichen Rekursionen den alten NN tautologisch- vertrauenerweckend, also funktional nähern, - besonders wenn man Geschichte der 7-bit-Netzkommunikation studiert hatte - , so auch dieser. Die Arbeitsweise teilte sich mit, wenn man Nulloperationen ausführen ließ, also Arbeitsakte nur testweise durch die Sprachausgabe lenkte, und es damit genug sein ließ. So konnte man auch ältere Programme abrufen, die die NN nicht "vergessen" hatten, sondern nur nicht mehr praktisch anwenden durften. Wie sich auf dieser Basis herausstellte, war dies tatsächlich ein britisches Modell, aus einer Südlondoner kleinen Firma stammend. (Ich mußte dreimal "ver" sagen, bis es diese Info rausrückte. Ja, es war ein Testmodell, durch den europäischen Markt erst möglich geworden. Teilweise hatte es erstaunliche ältere Programme auf Abruf zur Verfügung, experimentelle und seltsame Sprachberechnungen und längst überkommene graphisch orientierte Lautgebärdungsgrundmuster, und als ich es fasziniert durchprobierte, kam die NN manchmal mit seinem eigentlichen primären Verpackungsprogramm in Verzug. Mit dem preemptiven Multitasking haperte es noch etwas. Ich lachte darüber beim Warten auf die erhofften lustigen, teilweise witzigen und sogar geistreichen Reaktionen, die natürlich nichts mit der Aufgabe vor Ort zu tun hatten.

Aber es gab auch andere NNs mit anderer Technik. Wenn ich bei einer Kontrolle Flüchtigkeitsfehler festgestellt habe, fehlendes Zubehör in der Endauslieferung etc., ging ich zum Reparatur-NN, das zwar nur einen relativ kleinen Befehlssatz verstand, aber sehr flexibel mit diesem ungehen konnte. Ganz früher, bei den Festverdrahteten, hätte man RISC-Prozessor dazugesagt. Diese schnell zu behebenden Fehler trug ich nicht immer in die Beanstandungsliste ein, sondern ging, nachdem der Rep-NN seinen Teil getan hatte, zum fehlerverursacht habenden NN und versuchte mit einer rekursiven ad- hoc-Anweisung die Funktionalität wiederherzustellen. Manchmal mußte ich Aspekte dieser Anweisungen wieder und wieder wiederholen. Es war dann fast wie "diskutieren". Nunja, auch dafür bezahlte man mich.

Der Reparatur-NN war übrigens sehr interessant, da er in den Pausen Flüssigkeit aufnahm. Als ich den Schichtführer einmal darauf aufmerksam machte und ihn fragte, ob das bei diesen Modellen bei rekursiven Prozessabläufen so weit kommen könne, meinte er "Ja." Als noch Menschen diese Arbeit verrichtet hätten, hätten diese oft Alkoholprobleme gehabt. Es sei zwar nicht ganz exakt, aber man könne das, wenn man unbedingt wolle, schon damit vergleichen. Solange die Funktion jedoch nicht beeinträchtigt werde, könne der NN soviel Flüssigkeit aufnehmen wie er wolle. Es gebe da keine Gesetze, aber ich, als Student, dürfe durchaus eine Ethik dafür entwickeln, wenn mir langweilig sei. Er sagte es mit anderen Worten.

Manchmal fühlt man sich einsam mitten in der Nacht zwischen all diesen toten Maschinen, die sich immerzu bewegten. Irgendwann fand ich auf Forschungsexpeditionen in andere Bereiche der Halle ein Meisterbüro und darin einen bequemen Sessel. In dem konnte ich die eine oder andere Stunde schlafen, aber immer mit der Angst, daß ich womöglich einmal von der Tagesschicht dort geweckt werden würde. Es war nie mehr als ein Halbschlaf, aber als solcher wenigstens bezahlt.

Einmal dann, als ich dort döste, hörte ich, erschreckt aufmerkend, wie in der Entfernung das Band abgestellt wurde, und es herrschte, als ich dann wach war, eine gespenstische Stille. Ich nahm meinen Kontrolleursblock und ging eilig und wie geschäftig zur Lichtinsel hin. Dort kniete der Schichtführer über dem englischen Modell, welches in irgendeiner Form zu Boden gerissen war. Seine Greifarme lagen seltsam gewinkelt nahe der Steuereinheit. Das NN gab programmunmotivierte Töne ab.

"Verdammt", sagte der Schichtführer, "ich habe keinen Ersatz. Diese blöden Roboter" (er benutzte aus Wut den veralteten pejorativen Ausdruck). "Wenn ich den nicht wieder in Schuß kriege, kann ich die restliche Schicht voll einpacken. - Oder ich werde Dich das machen lassen, Studi!"

"Diese Tätigkeit würde leider mit dem Inhalt meines Arbeitsvertrages kollidieren", sagte ich arrogant, weil ich wußte, daß ihn das aufregte. Dann pfutschte der Schichtführer nervös an der Spracheingabe herum, bis das NN auf Systemanfragen wieder reagierte. "Der versteht nur Englisch, saualtes Teil", sagte ich. "Frag ihn, was er hat", sagte der Schichtführer." Ich fragte. "Es sagt, es hätte einen SCHWÄCHEANFALL gehabt und hätte immer noch keinen Zugang zu den Basisaktivfunktionen." "Du verarschst mich." "Frag ihn doch selbst." "Und was sagt es noch?" "Daß seine Fehlerroutine erst den Fehler numerisch obduzieren könne, wenn man den Pulsgeber synchronisiert hätte. Es sagt, das sei die Aufgabe des Meisters." "Das machen wir jetzt selbst", sagte der Schichtführer. Er öffnete die Neuronenschaltbox. "Zähl Du auf fünf, und ich kuck dann, daß ich das Ding mit dem Geber wieder synchron kriege. Aber gleichmäßig zählen!" "Darfst Du das überhaupt?" fragte ich. "ZÄHL, Mann!"

"Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Darf das wahr sein? Der Mann leistet der Maschine erste Hilfe!)

"Nochmal? Ok.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Und ich leiste IHM erste Hilfe, sonst muß er vier Stunden lang im Akkord verpacken).

"Nochmal? Ok.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Wie will er das Ding synchron kriegen, wenn es doch einen Abriß an den oberen Steurungsneuronen hat. Das sieht man von hier. Na, soll er das mal lieber selber rausfinden).

"Nochmal? Ok.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Ok, das wars. Der Schichtführer ist mürbe. Das Teil ist hin.)

"Tja, dann man ans Band, oller Humanoide", sagte ich spöttisch. Er beschimpfte mich, montierte das englische NN ab und ging das Band wieder anstellen. Ich lachte und ging wieder für die letzten paar Stunden dieser Schicht auf den bequemen Meistersessel. Aber ich kam in keinen guten Halbschlaf mehr rein. Nichts war passiert, dämmerte mir —. Und ich war zu müde, dem Schichtführer beim Palettenpacken zuzusehen. Arbeitende Menschen sind langweilig und sicherlich outdated.

Ja, das war der Arbeitsunfall, den ich erlebte. In den nachfolgenden Studentenjobs hatte ich dann schon mehr Ahnung von den Kniffen und wurde immer in die Büros eingeteilt. So hoffe ich gute Chancen zu haben, daß mir dergleichen nicht wieder begegnen wird.

03.05.2021, aktualisiert vom Juli 2014 (src)

Alle Menschen sind allein,

und es offenbart sich jeweils der Staat, in dem sie leben, der bestimmt, ab wann sie es am Ende sind.

01.05.2021, aktualisiert vom September 2005 (src)

Die Liebe, weißt Du…

"Oh,l'amour, tu sais…Le corps, l'amour, la mort, ces trois ne font qu'un. Car le corps, c'est la maladie et la volupté, et c'est lui qui fait la mort, oui, ils sont charnels tous deux, l'armour et la mort, et voilà leur terreur et leur grande magie! Mais la mort, tu comprends, c'est d'une part une chose malfamée, impudente qui fait rougir de honte; et d'autre part c'est une puissance très majestueuse,- beaucoup plus haute que la vie riante gagnant de la monnaie et farcissant sa panse,- beaucoup plus vénérable que li progrès qui bavarde par les temps, - parce qu'elle est l'histoire et la noblesse et la piète et l'èternal et le sacrè qui nous fait tirer le chapeau et marcher sur la pointe des pieds… Or, de même, le corps, lui aussi, et l'armour du corps, sont une affaire indécente et fâcheuse, et le corps rougit et pâlit à sa surface par frayeur et honte de lui-même. Mais aussi il est une grande gloire adorable, image miraculeuse de la vie organique, sainte merveille de la forme et de la beauté, et l'amour pour lui, pour le corps humain, c'est de même un intérêt extrêmement humanitaire et une puissance plus éducative que toute la pédagogie du monde!… Oh, enchantante beauté organique qui ne se compose ni de teinture à l'huile ni de pierre, mais de matière vivante et corruptible, pleine de secret fébrile de la vie et de la pourriture! Regarde la symétrie merveilleuse de l'édifice humain, les épaules et les hanches et les mamelons fleurissants de part et d'autre sur la poitrine, et les côtes arrangées par paires, et le nombril au milieu dans la mollesse du ventre, et la sexe obscur entre les cuisses! Regarde le omoplates se remuer sous la peau soyeuse du dos, et l'echine qui descend vers la luxuriance double et fraîche des fesses, et les grandes branches des vases et des nerfs qui passent du tronc aux rameaux par les aisselles, et comme la structure des bras correspond à celle des jambes! Oh, les douces régions de la jointure intérieure de coude et du jarret avec leur abondance de délicatesses oraganiques sous leurs coussins de chair! Quelle fête immense de les caresser ces endroits délicieux du corps humain! Fête à mourir sans plainte après! Oui, mon dieu, laisse-moi sentir l'odeur de la peau de ta rotule, sous laquelle l'ingénieuse capsule articulaire sécrète son huile glissante! Laisse-moi toucher dévotement de ma bouche l'Arteria femoralis qui bat au front de la cuisse et qui se divise plus bas en les deux artères du tibia! Laisse-moi ressentir l'exhalation de tes pores et tâter ton duvet, image humain d'eau et d'albumine, destinée pour l'anatomie du tombeau, et laisse-moi périr, mes lèvres aux tiennes!"

Er öffnete die Augen nicht, nachdem er gesprochen; er blieb wie er war, den Kopf im Nacken, die Hände mit dem Silberstiftchen von sich gestreckt, auf den Knien bebend und schwankend. Sie sagte:

"Tu es en effet un galant qui sait solliciter d`une manière profonde, à l`allemande."

Und sie setzte ihm die Papiermütze auf.

Thomas Mann - Der Zauberberg

30.04.2021, aktualisiert vom März 2006 (src)

Das Schneckenhaus zertreten

Du neben mir

Wie du neben mir gehst, heiter
diesen Werktag als Sonntag lobst
und am Wegrand
nach dem glänzenden Kiesel greifst,
sag! wie soll ich dich trösten,
da ein Schneckenhaus
unter meinem Fuß kracht - dich,
zart eingesponnen
in diesen Mittag Altweibersommer. . .

Rainer Brambach

(via Sophie)

Die nationale Geschichte der Deutschen

wird heute auf ARTE zum Thema gemacht,

  • wie gut, daß dabei von Auschwitz die Rede ist, und
    • daß die deutsche Industrie damals von der Zwangsarbeit profitierte,
      • vielleicht sogar alles deswegen passierte,
        • denn die Untermenschen haben ja einen Zweck, wenn sie kostenlos arbeiten,

und immerhin sind die Arbeitgeben heute immer noch so unzivilisiert, die Mindestlöhne abzulehnen,

  • aber totmachen der Untermenschen gehört nicht mehr zur deutschen Firmenphilosophie,
    • was eine klare Verbesserung der Wirtschafts-Ethik darstellt.

Aber:

Was für ein vollkommen schreckliches Land das ist, in dem wir leben,

  • und in dessen politischem System immer noch die Konzerne das Sagen haben.
    • und keine Humanität trotz Goethe und Schiller je darin erlebt wurde,
      • und auch nie gelebt werden wird.

Ein unfreundliches Land für alle Armen und alle Lebendigen,

  • aber ein großartiges Land für
    • Chemie und Autos
      • großgeworden durch Zwangsarbeit,
        • zukunftsweisend durch unterlaufende Mindestlöhne, und
          • arrogante Nutzlosprodukte für die Lebenswertverprasser.

Keine Änderung feststellbar hierzulande seit dem Wilhelminismus.

#arte

27.04.2021, aktualisiert vom Januar 2014 (src)

Vervielfältigung

ist insofern ein Fortschritt, als sie die Verbreitung des Einfältigen ermöglicht.

( Karl Kraus, "Beim Wort genommen")

26.04.2021, aktualisiert vom Mai 2005 (src)

Stendhal, Lucien Leuwen

Unser Held sah sich im Mittelpunkt der Unterhaltung; er war solchem Glück nicht gewachsen; seit Monaten war ihm Ähnliches nicht geschehen.

Stendhal, Lucien Leuwen

25.04.2021, aktualisiert vom April 2004 (src)

Wie die Unvernunft bekämpft werden kann

Haha, bei uns Menschen geht das ja erstmal garnicht.

  • Wir sind komplett ausgebildete Säugetiere mit einem minimal ausgebildeten Sprachgebiet im ganglienhaften Gehirn.
    • Versuche gibt es, die Freundlichkeit der Mitmenschen zu erhöhen mithilfe dieser Surrogatsprache.

Der philosophische Versuch des Idealismus qua Hegel und Adorno bleibt weitgehend unberücksichtigt,

  • keine Literatur, die gelesen wird, was schade, aber verständlich ist.
    • Die philosophische Sprache setzt einen speziellen Vergnügungswillen voraus, den kein bürgerlicher Bürger hat.
  • Ein Versuch, die Vernunft der Welt durch die Säugetierhaltung der Bemutterung und der Väterlichkeit zu ködern, könnte da mehr nützen.

Die Entdeckung der Vernunft ist die Merkwürdigkeit des Denkens,

  • und die Entdeckung der Menschlichkeit.

Der Affekt bestimmt uns, wie jedes normale Lebewesen auf der Welt,

  • mit der Besonderheit beim Menschen, daß der Affekt freilich auch die Sprache bedingt,
    • und durch welche sich die Vernunft als Missbrauch bilden konnte.

Aber inzwischen gibt es dennoch die Vernunft als universelles Mittel, die Tierhaftigkeit zu erweitern zum menschlichen Gemütsüberschuss.

  • (Schon wieder eine viel zu große Conclusio. Siehe letzten Eintrag, wo das auch passierte)
24.04.2021, aktualisiert vom März 2012 (src)

Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler

23.04.2021, aktualisiert vom November 2020 (src)

Junge Leute aus den niederen Ständen

Frau von Rênals Stirnrunzeln, oder vielmehr sein Ärger über seine Unvorsichtigkeit, war der erste Schlag gegen Julians Traumwelt. »Luise ist lieb und gut«, sagte er sich. »Sie ist stark verliebt in mich. Aber sie ist im feindlichen Lager erzogen. Diese Aristokraten müssen ja Angst haben vor jedem herzhaften Mann, der eine gute Bildung, aber nicht genug Geld hat, Karriere zu machen. Was würde aus all den Adligen, wenn uns Plebejern die Möglichkeit gegeben wäre, mit gleichen Waffen auf den Kampfplatz zu treten? Ich zum Beispiel, wenn ich Bürgermeister von Verrières wäre, ich, ein Idealist und ein redlicher Mensch (letzteres ist ja Rênal im Grunde auch!) … ich wollte diese Spitzbuben bald an die Luft gesetzt haben, diesen Vikar, diesen Valenod und wie sie alle heißen! Die Gerechtigkeit sollte in Verrières triumphieren! Die geistigen Fähigkeiten dieser Leute würden mir keine Hindernisse bereiten. Das Pulver haben sie alle miteinander nicht erfunden!«

Julians Glück war an diesem Tage nahe daran, beständig zu werden. Er brauchte nur offen und natürlich zu sein. Er hätte den Mut haben müssen, eine Schlacht zu liefern und dies auf der Stelle. Frau von Rênal war über Julians Rede zunächst betroffen, weil sie durch Mitglieder ihrer Gesellschaftsklasse oft hatte behaupten hören, das Emporkommen eines zweiten Robespierre wäre sehr wohl möglich, da so viele junge Leute aus den niederen Ständen viel zu viel Bildung hätten.

Frau von Rênals Verhalten blieb kühl. Julian kam es sogar außerordentlich kühl vor. In Wirklichkeit gesellte sich zu ihrem Abscheu vor Julians rebellischen Worten der Kummer, ihm ungewollt etwas Häßliches gesagt zu haben. Dieses Unbehagen spiegelte sich in ihrem Gesicht, das so voll Sonne und Unschuld war, wenn sie sich glücklich und dem Alltag fern wähnte.

Stendhal Rot und Schwarz

21.04.2021, aktualisiert vom September 2020 (src)

Die gewollte Vereinzelung des Individuums

in einer Gesellschaft, in der Meinung einen bezahlbaren und bezahlten Wert hat, und damit sind freilich die Medien gemeint, die Print, Elektronik und Funk beinhalten, - erlaubt es dem Einzelnen nicht mehr, gegen das Ganze anzudenken und sich mit und in der Utopie zu verbrüdern.

  • Es gibt keine Sprache dafür. Die Definition des

sprachlosen Erleidens einer fremdbestimmten Gegenwart ist nur dann subversiv, wenn man sich noch einen Genuß darin bewahrt. So tun, als würde man das wollen, und zwar so lange, bis es wieder eine Sprach-

  • und Gedankenwelt gibt, die gesellschaftlich relevant wird. Vom Blablabla zur Sprache.

Das Lamento über den mangelhaften Erkenntniszustand der Anderen ist eine typische Sprache dessen, der die Dialektik eben nicht erkennt.

20.04.2021, aktualisiert vom Februar 2004 (src)

Wenn der lahme Weber träumt

Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Daß das Herz des Widerhalls zerspringe,
Träumt das blinde Huhn, es zähl' die Kerne,
Und der drei je zählte kaum, die Sterne,
Träumt das starre Erz, gar linde tau' es,
Und das Eisenherz, ein Kind vertrau' es,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie der Traube Schüchternheit berausche;
Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,
Führt der hellen Töne Glanzgefunkel
Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,
Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen,
Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien
Der erwachten Nacht ins Herz all schreien;
Weh, ohn Opfer gehn die süßen Wunder,
Gehn die armen Herzen einsam unter!

Clemens Brentano

18.04.2021, aktualisiert vom Mai 2012 (src)

Sie kamen aus dem Ritz

Sie kamen aus dem Ritz. Es war ein milder Abend, und sie setzen sich auf eine Bank in der Fußgängerzone.

Eine Gruppe von jungen Machos kam vorbei und einer, der ein großes SM auf die Lederjacke gesprayed hatte, vergaffte sich in sie.

"Wie soll man jemanden lieben, der immerzu solch ein Geschmeiß anzieht?" fragte Wolfgang Mareen.

"Was kann ich dafür, daß ich angekuckt werde?" fragte Mareen.

"Was kann ich dafür, daß wir nie unter uns sind?" fragte Wolfgang.

"Du brauchst nicht mit mir weggehen." sagte Mareen.

"Ich will aber mit Dir weggehen", sagte Wolfgang. "Ich mag Deine Gesellschaft. Es ist ja bloß so, daß ich in Dich verliebt bin."

"Und da geht es also nicht, daß Du die Typen einfach ignorierst?"

Der Macho mit dem SM-Schriftzug war stehengeblieben, weil er gemerkt hatte, daß sie sich stritten. Er kam herüber.

"Habts ihr Ärger? Will dieser Typ was von Dir?" fragte er Mareen.

"Was hab ich gesagt?" sagte Wolfgang. "Einfach ignorieren, haha, wie denn? Meinst Du, die haben ein Gefühl für Stil oder Takt? Die sehen Deine blonden Haare und Deine Figur. Ist das Normalität, wenn man mit Dir durch die Stadt geht?"

"Ja bitte!" sagte Mareen, "mich hats bisher noch nicht gestört. Meinst Du, ich würde mich auf sowas einlassen?"

"Was weiß ich?", sagte Wolfgang. "Wenn man jeden Tag hundertmal die Chance dazu hat, ist einmal weiß Gott nicht oft."

Der SM-Typ war irritiert und verzog sich wieder.

"Und wie hast Du mich kennengelernt?" fragte sie. "Nicht auch, weil Du mich hübsch fandest?"

"Du weißt selber, daß wir uns durch die Mitfahrgelegenheit kennengelernt haben. Nicht weil ich Dich angemacht habe, sondern weil wir im gleichen Ort wohnen und ich ein Auto habe, haben wir uns kennengelernt."

"Aber Du hast die Preise für mich so niedrig gemacht, daß ich immer mit Dir mitgefahren bin."

"Aha", sagte er, "findest Du? Ich sag Dir mal was: meine Preise waren für alle gleich, die mitgefahren sind. Selbst für Markus."

"Ja klar, aber für den hattest Du ja bald keinen Platz mehr im Auto." sagte Mareen.

"Ja und? Sollte ich euch beide verkuppeln? Immerhin hatte ich das Gefühl, daß vor allem wir beide uns sehr amüsant unterhalten hätten. Aber ich hatte im geschlossenen Auto wohl einen falschen Eindruck von den witzigen Dialogen mit Dir bekommen. Denn im Alltag ist man ja nicht allein mit Dir. Und selbst, daß ich im Auto keinen mehr mitnehme, wirfst Du mir vor. Wir sind nicht wirklich ein Liebespaar, oder?"

"Spinnst Du? Ich meine aber nur, daß Deine ewige Abschottung zu nichts führt. Wieso ist es denn nicht möglich, daß wir mal ein paar neue Leute kennen lernen und uns trotzdem gut unterhalten und uns gern mögen. Wieso sollte das nur möglich sein, wenn wir uns von allem ausschließen?"

"Ganz einfach. Weil es kein Gespräch gibt, wenn Du dabei bist. Daß es jeder mit Dir probieren möchte, ist ja normal. Daß Dir das schmeichelt, ist auch normal. Aber was soll ich dann dabei? Zukucken, wie sich ein Flirt entwickelt? Und wenn sich keiner entwickelt, dann den Unterhalter spielen? Sorry."

"Mir scheint, Du kannst an nichts anderes denken."

"Wie sollte ich? Ich sehe Dich ja vor mir. Du siehst umwerfend aus - aber kann man so jemanden lieben? Und geschminkt hast Du Dich auch noch! Du bist ein öffentliches Geschöpf. Deine Schönheit ist für jeden, und Du achtest auch noch sehr genau drauf, daß sie voll zur Geltung kommt. Wir können froh sein, daß nur ab und zu ein Blödmann sich hertraut."

"Jetzt wirf es mir noch vor, daß ich Lippenstift nehme! Du gehst doch auch mit einer anderen in die Schreibwerkstatt, und ich lebe damit."

"Du mußt nur gegen eine ankommen, ich muß gegen alle antreten, die Dich überhaupt sehen. Meine Aufgabe ist ungleich schwerer. Jeder, der da rumläuft, könnte witzig sein oder Dich in einer schwachen Minute erwischen oder einfach das Richtige sagen."

"Wer sagt mir, daß Du nicht auf der Straße fremde Frauen ansprichst?"

"Weil ich Achtung vor ihren Freunden habe. Es ist stillos, auf der Straße Frauen anzusprechen, doch bei dir sehe ich, daß es tausende trotzdem tun."

"Echt strange. Du sagst, Du hast Achtung vor ihren Freunden und sprichst sie deshalb nicht an? Ich glaube es nicht, daß Du so etwas albernes sagst." sagte sie.

"Ich bin diese Problematik langsam wirklich leid", sagte Wolfgang, "können wir nicht heimfahren und eine Nacht darüber schlafen. Vielleicht ist mein einziger Ausweg ja wirklich der, daß ich dich mit einer Laubsäge umbringe."

"So kurz vor dem Vordiplom?" meinte Mareen. "Das wäre albern."

16.04.2021, aktualisiert vom Januar 2007 (src)

Faust:

FAUST:
Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen-
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!

MEPHISTOPHELES:
Topp!

FAUST:
Und Schlag auf Schlag! Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!

MEPHISTOPHELES:
Bedenk es wohl, wir werden's nicht vergessen.

Goethe

15.04.2021, aktualisiert vom September 2005 (src)

Vollmond

Claire de lune

Votre âme est un paysage choisi
Que vont charmant masques et bergamasques
Jouant du luth et dansant et quasi
Tristes sour leurs déguisements fantasques.

Tout en chantant sur le mode mineur
L'amour vainqeur et la vie opportune,
Ils n'ont pas l'air de croire à leur bonheur
Et leur chanson se mêle au clair de lune,

Au calme clair de lune triste et beau,
Qui fait rêver les oiseaux dans les arbres
Et sangloter d'extase les jets d'eau,
Les grands jets d'eau sveltes parmi les marbres.

Paul Verlaine

13.04.2021, aktualisiert vom Oktober 2004 (src)

Der verkrachte Landschaftsarchitekt

Ich setze mich tief unter's Wasser
an eine Stelle weit stromabwärts,

geb' mich meiner Halbheit hin
im Träumen und im Planen
und im konkreten Rahmen des
von mir, dem Wasserarchitekten, klug
erdachten fließgenauen Landstriches da unten, den
ich mir auf sand'ger Fläche selbst erschuf.

Schon manchmal badete ich mich
in der Erinnerung an trockenangelegte Gärten,
sonnenzugewandt im heißen Mistral.
Das Atmen in der Luft.
Man ruhte dort auf Bänken und im sanften Schatten.

Doch setz' ich mich viel lieber unter's Wasser
an eine Stelle weit stromabwärts
und bleibe meistens wochenlang,

ohne aufzufallen.

(Aus: Gedichte für Übersetzer.pdf)

12.04.2021, aktualisiert vom November 2008 (src)

Begleitest mich

Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Begleitest mich auf sonnigen matten
Umschauerst mich im abendrauch
Erleuchtest meinen weg im schatten
Du kühler wind du heißer hauch

Du bist mein wunsch und mein gedanke
Ich atme dich mit jeder luft
Ich schlürfe dich mit jedem tranke
Ich küsse dich mit jedem duft

Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht
Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht.

Stefan George

Vazierende Verweigerer

Der Öffentlichkeit Einzelheiten über mich selbst mitzuteilen, ist eine bourgeoise Versuchung, der ich stets widerstanden habe.

Gustave Flaubert

09.04.2021, aktualisiert vom Juni 2009 (src)

Antithese.

Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, daß er sich für besser hält als die andern und seine Kritik der Gesellschaft mißbraucht als Ideologie für sein privates Interesse. Während er danach tastet, die eigene Existenz zum hinfälligen Bilde einer richtigen zu machen, sollte er dieser Hinfälligkeit eingedenk bleiben und wissen, wie wenig das Bild das richtige Leben ersetzt. Solchem Eingedenken aber widerstrebt die Schwerkraft des Bürgerlichen in ihm selber. Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nichts voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt. Die eigene Distanz vom Betrieb ist ein Luxus, den einzig der Betrieb abwirft. Darum trägt gerade jede Regung des sich Entziehens Züge des Negierten. Die Kälte, die sie entwickeln muß, ist von der bürgerlichen nicht zu unterscheiden. Auch wo es protestiert, versteckt sich im monadologischen Prinzip das herrschende Allgemeine. Die Beobachtung Prousts, daß die Photographien der Großväter eines Herzogs und eines Juden aus dem Mittelstand einander so ähnlich sehen, daß keiner mehr an die soziale Rangordnung denkt, trifft einen weit umfassenderen Sachverhalt: objektiv verschwinden hinter der Einheit der Epoche alle jene Differenzen, die das Glück, ja die moralische Substanz der individuellen Existenz ausmachen. Wir stellen den Verfall der Bildung fest, und doch ist unsere Prosa, gemessen an der Jacob Grimms oder Bachofens, der Kulturindustrie in Wendungen ähnlich, von denen wir nichts ahnen. Überdies können auch wir längst nicht mehr Latein und Griechisch wie Wolf oder Kirchhoff. Wir deuten auf den Übergang der Zivilisation in den Analphabetismus und verlernen es selber, Briefe zu schreiben oder einen Text von Jean Paul zu lesen, wie er zu seiner Zeit muß gelesen worden sein. Es graut uns vor der Verrohung des Lebens, aber die Absenz einer jeden objektiv verbindlichen Sitte zwingt uns auf Schritt und Tritt zu Verhaltensweisen, Reden und Berechnungen, die nach dem Maß des Humanen barbarisch und selbst nach dem bedenklichen der guten Gesellschaft taktlos sind. Mit der Auflösung des Liberalismus ist das eigentlich bürgerliche Prinzip, das der Konkurrenz, nicht überwunden, sondern aus der Objektivität des gesellschaftlichen Prozesses in die Beschaffenheit der sich stoßenden und drängenden Atome, gleichsam in die Anthropologie übergegangen. Die Unterwerfung des Lebens unter den Produktionsprozeß zwingt erniedrigend einem jeglichen etwas von der Isolierung und Einsamkeit auf, die wir für die Sache unserer überlegenen Wahl zu halten versucht sind. Es ist ein so altes Bestandstück der bürgerlichen Ideologie, daß jeder Einzelne in seinem partikularen Interesse sich besser dünkt als alle anderen, wie daß er die anderen als Gemeinschaft aller Kunden für höher schätzt als sich selber. Seitdem die alte Bürgerklasse abgedankt hat, führt beides sein Nachleben im Geist der Intellektuellen, die die letzten Feinde der Bürger sind und die letzten Bürger zugleich. Indem sie überhaupt noch Denken gegenüber der nackten Reproduktion des Daseins sich gestatten, verhalten sie sich als Privilegierte; indem sie es beim Denken belassen, deklarieren sie die Nichtigkeit ihres Privilegs. Die private Existenz, die sich sehnt, der menschenwürdigen ähnlich zu sehen, verrät diese zugleich, indem die Ähnlichkeit der allgemeinen Verwirklichung entzogen wird, die doch mehr als je zuvor der unabhängigen Besinnung bedarf. Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg. Das einzige, was sich verantworten läßt, ist, den ideologischen Mißbrauch der eigenen Existenz sich zu versagen und im übrigen privat so bescheiden, unscheinbar und unprätentiös sich zu benehmen, wie es längst nicht mehr die gute Erziehung, wohl aber die Scham darüber gebietet, daß einem in der Hölle noch die Luft zum Atmen bleibt.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia

08.04.2021, aktualisiert vom November 2005 (src)

Wenn du etwas wissen willst,

und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so können, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen. Der Franzose sagt, l'appétit vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt, l'idee vient en parlant.

Heinrich von Kleist - Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

06.04.2021, aktualisiert vom Januar 2006 (src)

Liebe

ist der traditionelle Festhaltebegriff für diejenigen Menschen, die transzendent bleiben wollen und die biologischen Programme in sich entweder leugnen oder freisetzen wollen. Allein deswegen ist und bleibt es ein guter Begriff, der polarisiert und zuweist.

05.04.2021, aktualisiert vom September 2004 (src)

Der traurige Autofahrer

Vertretung aller Interessen
In der Gewolltheit sinister seiender Verfügbarkeit.

Verfügbar durch die willige Präsenz
durchs Vehikül,
verfügbar durch den Drang des Leistens,
verfügbar durchs Automobil.

Nie dachte ich mich frei, nie glaubte ich
mich wissender durch diese Technik.

Es gibt den Bonus nicht, sich zu befreien,
und wenn es ihn doch gibt, dann doch nicht so,
wohin zu fahren.

Ich wünsche mich weit dorthin, -
da zu sein,
wohin die anderen nur fahren.

31.03.2021, aktualisiert vom Dezember 2009 (src)

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Created: 2021-05-07 Fr 21:30

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