Die Religion

Die Religion hatte in dieser Seele, die sie ganz durchtränkte und die eine aus der Zeit Heinrichs III. stammende Vererbung vielleicht dafür empfänglich gemacht hatte, ein übermenschliches Ideal entstehen lassen und damit auch das unbillige Ideal der Wollust in ihr aufgerührt. Ausschweifende und mystische Zwangsvorstellungen vereint quälten sein Gehirn, geschwächt von dem hartnäckigen Verlangen, der Gewöhnlichkeit der Welt zu entgehen, fern von ehrwürdigen Gebräuchen in neuen Ekstasen zu vergehen, in himmlischen oder höllischen Krisen, welche durch den Verlust des Lichts in gleichem Maße zerrütten.

Er erwachte aus diesen Träumen, vernichtet, gebrochen, fast sterbend; sofort zündete er alle Lampen und Kerzen an, überschwemmte sich mit Helligkeit, im Glauben, dadurch weniger als im Dunkeln das dumpfe, hartnäckige, unerträgliche Klopfen der Pulsadern zu hören, die mit doppelter Schnelle unter der Haut des Halses schlugen.

Joris K. Huysmans, Gegen den Strich

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