Minima Moralia

So hat Hegel, an dessen Methode die der Minima Moralia sich schulte, gegen das bloße Fürsichsein der Subjektivität auf all ihren Stufen argumentiert. Die dialektische Theorie, abhold jeglichem Vereinzelten, kann denn auch Aphorismen als solche nicht gelten lassen. Im freundlichsten Falle dürften sie, nach dem Sprachgebrauch der Vorrede der Phänomenologie des Geistes, toleriert werden als »Konversation«. Deren Zeit aber ist um. Gleichwohl vergißt das Buch nicht sowohl den Totalitätsanspruch des Systems, das nicht dulden möchte, daß man aus ihm herausspringt, als daß es dagegen aufbegehrt. Hegel hält sich dem Subjekt gegenüber nicht an die Forderung, die er sonst leidenschaftlich vorträgt: die, in der Sache zu sein und nicht »immer darüber hinaus«, anstatt »in den immanenten Inhalt der Sache einzugehen«. Verschwindet heute das Subjekt, so nehmen die Aphorismen es schwer, daß »das Verschwindende selbst als wesentlich zu betrachten« sei. Sie insistieren in Opposition zu Hegels Verfahren und gleichwohl in Konsequenz seines Gedankens auf der Negativität: »Das Leben des Geistes gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt.«

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Vorwort

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