Tagesparole

Es besteht nicht die geringste Gefahr, daß je die Vernunft auf Erden überhandnehmen, daß es je zu vernünftig zugehen könnte auf Erden. Es besteht keine Gefahr, daß die Menschen eines Tages zu emotionslosen Engeln werden, was sehr langweilig wäre. Aber daß sie übertrieben interessanterweise zu Bestien werden, dazu gehört, wie sich gezeigt hat, gar nicht viel. Diese Neigung ist viel stärker im Menschen als zum Anämisch-Engelhaften, und es genügt, durch allgemeine Instinktverherrlichung die schlechten Instinkte freizugeben, die immer die Verherrlichung zuerst auf sich beziehen, um die bestialische Neigung zu triumphalen Übergewicht zu bringen. Es ist bequem und genußsüchtig, sich auf die Seite der Natur gegen den Geist zu schlagen, auf die Seite also, die ohnedies immer die stärkere ist. Die einfachste Generosität und ein wenig humanes Pflichtgefühl müßten uns bestimmen, das schwache Flämmchen des Geistes und der Vernunft auf Erden zu schützen und zu nähren, damit es ein wenig besser leuchte und wärme.

Freiheit und Recht sind längst nicht mehr 'banal', sie sind vital, und sie langweilig finden, heißt nichts anderes, als auf den Schwindel der faschistischen Pseudo-Revolution hereinzufallen, daß Gewalt und Massenbetrug das Allerneueste und Zeitgemäßeste sind. Die besseren Geister wissen, daß das wirklich Neue in der Welt, dem zu dienen der lebendige Geist berufen ist, etwas ganz anderes ist, nämlich die soziale Demokratie und ein Humanismus, der, statt in mutlosem Relativismus steckenzubleiben, wieder den Mut hat zur Unterscheidung von Gut und Böse.

Thomas Mann

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