Vorweihnachtszeit und Kaufhausalltag

Im dritten Stockwerk, in der Buchabteilung, direkt neben dem kathedralenartigen Bau der Karlspassage, der nebenbei gesagt ein offizieller Radweg ist, wo man aber freilich noch niemals einen Radfahrer hat durchfahren sehen, was auch schwerlich gehen würde, so neben dem Steinway-Flügel, der da immer mitten drin steht, - aber es ist, wie es ist, - beendeten wir das Durchblättern der Neuerscheinungen, die wir hinsichtlich ihrer Verschenkbarkeit geprüft hatten, denn es ging in ungebremster Fahrt auf Weihnachten zu. Dann würde bald wieder Frühjahr sein, der Sommer käme, schon wäre es Herbst, erneut Weihnachten, eins ums andere Mal Weihnachten, ein neues Jahrtausend, kollabierende Sonnen, und irgendwann mal würde unsere an der Reihe sein.

Wir wollten für den Augenblick aber bloß ins vierte Stockwerk fahren, in die Cafeteria, und gerade liessen wir die letzten Bücherstapel hinter uns und betraten den gummierten Vorplatz der Rolltreppe, schon den Abstand zu den metallenen Laufstufen abschätzend, mit dem Blick diejenigen Menschen taxierend, die auf dem Transitwege von unten kamen, um eine Lücke zu nutzen, dabei aber auch uns selbst nicht aus dem Auge lassend, weil wir zusammenbleiben wollten, außerdem redeten wir über Bücher von Martin Walser, und es gab ja keinen Grund, das abzubrechen, nur weil wir nach oben wollten. Eine Rolltreppe betreten geschieht immer nur nebenbei, als sei es nichts, auch wenn massenhaft Kleinhirnrechenpower dafür verbraucht wird.

Da kam eine schwarzgekleidete Frau herbei und stellte sich knapp vor uns in die Reihe, und es war ganz reibungslos, wie das gegangen war, plötzlich stand sie dicht vor uns, und war wahrscheinlich so elegant und geübt hinzugekommen, daß wir keinen Grund hatten, uns durch die Nähe gestört zu fühlen. Dennoch gab es plötzlich ein Gefühl von unterschrittenem Intimbereich, ein paar Millimeter wahrscheinlich nur, die sie zu nahe stand, so auf der Rolltreppe vor uns, sie genau wie wir nach vorn blickend und nach oben strebend. Während wir also über einen Schriftsteller sprachen und die abstrakte Kunst amüsant und zugleich politisch zu sein abschätzten, passierte es, daß mir die Augen für eine Zehntelsekunde aufgingen und ich die schwarzgekleidete Frau ansah, die unmittelbar vor mir stand.

Das hatte nichts mit Absicht zu tun, denn zuerst kuckte ich nur wie jedes normale tierische Wesen auf die Ursache des Unruhegefühls, das immer einsetzt, wenn eine Bewegung eines fremden Dinges dicht bei einem endet. Man überprüft kurz, ob Gefahr von dieser Sache ausgeht, und wenn die weiteren Signale Entwarnung geben, lebt man sein Leben weiter. Faktisch kommt es nie vor, daß man Argumente einsammeln würde, die auf tatsächliche Gefahr schließen liessen und Adrenalinauschüttung einsetzt. Das Wahrnehmen der Umwelt passiert immer auf diese Weise, ein paar Mal pro Sekunde während eines normalen Einkaufsbummels. Hier war es nicht anders: Die Identifikation als weibliches Tier; wahrscheinlich keine Gefahr; das Erspähung aus dem Blickwinkel schräg von unten seitlich auf die Brust, wo eine schwarze Plakette oder Brosche sitzt, es ist wohl ein Namensschild; aha, eine Verkäuferin von hier. Aber nanu, "Verkäuferin" ist doch immer etwas leicht asexuelles, immer ein bisschen zu alt, immer ein bisschen von verlorenem Leben, von hoffnungslosem Ausgang einer freudvoll angegangenen Vita, deshalb eher schleppend und sich schwer machend und widerwillig dienstbar seiend und oft als störend empfunden in aufgezwungenem Hilfsdienst. Wie paßt das zum lautlosen und mit angenehm unüberraschender Nichtempfindung verbundenem Hineinschlängeln eines solchen Wesens und urplötzlichem Dasein in der eigenen Intimsphäre? Gut, opfern wir diesem Phänomen eine zweite Zehntelsekunde.

Sie bricht langsam herein, diese zweite Zehntelsekunde, mit ihr trägt die Rolltreppe uns langsam in das erste Drittel auf unserem Wege, den wir stehend zurücklegen, eine Zwischenzone, fast schon explizit kommerzfreier Raum, aber nur für Sekunden, was eine Ewigkeit ist, wenn man, während man laut sprechend eine Theorie über die Exaltationen von politischen Schriftstellern verbreitet, ein bisschen fassungslos auf einen seiner Instinkte horcht. Für solche Augenblicke hat man millionenfach aufs Neue Zeit im Leben, und dies eine Mal ist genauso spannend, wie alle die anderen Male auch. Der Unterschied ist, diesmal gehts sogar vom komplett Unbewußten bin ins Zwischenbewußtsein hinauf, was einen immer stehend bewegt, und die Rede wird unkonzentriert, was aber gewiß niemand bemerkt.

Ein wenig zieht sich die Pupille zusammen, das Bewußtsein traut sich heraus, und man sieht den Stoff, eine schwarze Hose, es ist irgendeine Stretchhose, nagut, das ist eine Mode, daß sie enganliegend ist, es überrascht uns kaum, das sind sie alle, und daß es so nah ist, nimmt kaum noch wunder, denn ich stehe ja immer noch hier an der gleichen Stelle. Leicht glänzend ist er, dieser Stoff, ich sehe jedes Detail der Konsistenz, nehme den Blick ein wenig zurück, sehe also darüber ein schmales Stück Haut, auch deshalb mache ich mir keinen Kopf, auch wenn es mich vielleicht doch ein wenig trifft und zurückwirft, - darüber ein enger Pulli aus dünnem engen Fleece. Ab hier ist die Sache klar, daß es eine Verkäuferin aus dem Haus sein muß, die ganz am Anfang ihrer Karriere steht, die ganz ohne Zweifel nach dem Schulabschluß nicht jahrelang ihre Zeit vertrödelt hat, sondern gleich an die Zukunft gedacht hat, eine Ausbildung hier in diesem Hause angefangen hat, im Lauf der Jahre hier ihre Qualifikation vervollkommnen wird und im Augenblick gewiß den Kopf voll hat von Gedanken, die mit beruflichem Fortkommen, - sich in der Arbeitswelt beweisen, - durch angenehme fleißige Erscheinung auffallen - durch schnelles Lösen von abteilungsinternen Problemen bekannt werden - zu tun haben. Es ist klar, daß sie aus dem Hause stammt, denn man sieht zwischen der Hüftabnaht der Hose ein wenig Haut und dem Saum des Pullis, - während wir Auswärtigen alle warme Jacken anhaben, viele aus Leder, viele aus GoreTex oder Baumwollderivaten, fast alle in dieser Rolltreppengemeinschaft, - und Haut habe ich den ganzen Tag noch nicht gesehen, und wenn, waren es aschfahle Gesichter und tütenhaltende Hände. Dann kucke ich wieder auf die Hose, sehe bis die Konsistenz, nehme den Blick zurück, sehe eine Linie wie eine Naht, aber nein, das ist keine, es ist die Linie eines darunterliegenden Wäschestückes, das eine Kontur nach außen drückt, darunter?, ist das etwa irgendein Dessous?, denke ich, und dann denke ich aufatmend, ach, das ist bloß der Slip. Jetzt erschrecke ich, weil ich diesen Begriff gefunden habe, mit dem ich so begrifflich heute nicht gerechnet hätte an dieser Stelle. Darüber die Zeit vergeht. Es bricht eine neue Sekunde an, für die ich die Verantwortung nicht trage und die nicht eben an meinem beruflichen Fortkommen teil hat.

Zunächst beginne ich sie aber dennoch ganz gemächlich, diese Sekunde, indem ich überlegen verstumme. Das ist ein guter Anfang, man macht manchmal Pausen in seinen Sätzen, und ich kenne die Welt: das fällt schon nicht auf. Ich bin fürs erste zufrieden. Walser kann warten. Dann wird mir ein wenig flau, ich denke an mein Leben, was ich schon alles erreicht habe, was ich noch vorhabe, welches Gefühl ich dem Leben insgesamt entgegenbringe (Leichtigkeit), aber dann nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, auf die Gefahr hin, ohnmächtig zu werden, aber diese Mode des 19. Jahrhunderts wird ihren Anschluß schon nicht hier und heute finden, und kucke auf den Arsch, den ich als solchen in vorheriger harter Deduktionsarbeit erkannt habe. Ich genieße diesen Anblick die restliche Sekunde lang, also den überwiegenden Teil einer guten langen Zeit. Es gab andere Zeiten, als ich sogleich pornographische Aspekte in meiner Phantasie mit der gesehenen Wirklichkeit verbunden hätte, damals, als ich noch ein ungestümer Bursche war und nichts vom richtigen Gebrauch der Vernunft beim Genießen wußte. Heute weiß ich mit meiner Lebenszeit besser hauszuhalten. Ich verschmelze mit der Wirklichkeit und baue keine zeitraubenden Gegenwelten auf, sondern bleibe im Hier und Jetzt, solange es nur geht. Die Gedanken an Sex sind nicht so wichtig wie das Gefühl der Verbundenheit mit einer Wirklichkeit, die vage und abstrakte metaphysische Hoffnungen erotisiert.

Für sowas brauchte ich exakt verwunschene 1,2 Sekunden. Dann ging es weiter mit der diskursiv-integren Erörterung eines politisch-literarischen Problems, — dem wir wirklich ganz nahe kamen, schon zehn Sekunden später mußte man wieder kucken, daß man den Schritt von der Bewegung auf die feste Gummimatte möglichst unterbewußt hinkriegte, lenkte seine Bahn zur Cafeteria, verfolgte aus Neugier aus den hinteren Augenvierteln noch ein wenig den Weg der venushaften Verkäuferin, die zu einer halb verborgenen Türe kurvte, sich beim Hindurchwinden dreiviertels herumdrehte, und aus meinem Aufmerksamkeitsbereich schließlich ganz entschwand. In der Cafeteria tranken wir einen frisch gepreßten Orangensaft, unterhielten uns angeregt über die Struktur der Öffentlichkeit, begaben uns dann wieder hinunter auf die Passagen-Ebene im kathedralenartigen Bau der Karlspassage, wo ein Musikstudent inmitten reichen vorweihnachtlichen Fußgängergetümmels "As time goes by" auf dem Steinway-Flügel spielte und meine Begleiterin von einem rüpelhaften Radfahrer fast umgefahren worden wäre.

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