Ein Arbeitsunfall

Etwas erzählen? Aber ich weiß nichts. Gut, also ich werde etwas erzählen.

Einmal, es ist schon länger als zwei Jahre her, habe ich einen Arbeitsunfall miterlebt, - alle Einzelheiten stehen mir klar vor Augen.

Es war kein besonders tragischer Arbeitsunfall, keine schlimme Sache, ja, es war nichtmal ein Mensch daran beteiligt. Spektakulär war nichts daran, außer, daß ich seltsamerweise immer noch daran denken muß, wenn ich andere Katastrophenerzählungen lese oder mitgeteilt bekomme.

Ich, damals noch Student, war in einem Ferienarbeitsverhältnis untergekommen, in einer Hygieneartikelfabrik im Schwäbischen. Meine Arbeitsstelle war geschaffen geworden, weil man eine Qualitätskontrolle für die Nachtschicht benötigte. Ich begann meine Arbeit gegen 22 Uhr, machte ein Dutzend Stichproben im Laufe der Nacht, und hatte Schichtende um 5 Uhr 45. Durch die fortgeschrittene Technologie, die damals im Schwäbischen schon etwas weiter verbreitet war, hatte die Fabrik auf Fertigungsmethoden mit Neuronalen Netzen (NN) umgestellt. Es waren sehr flexible Konstruktionen, die mit einer halben Stunde Pause pro Schicht auskamen, selbst in der Nacht. Fehler und Ausnahmesituationen dürften jedenfalls nicht häufiger zutage treten als in den Tagesschichten, sagte man mir beim Einlernen. Darauf achtete ich also, daß nachts nichts zutage trat, - das war einfach für mich.

Es gab noch einen Humanoiden außer mir in der Fabrikhalle. Der Schichtführer, der auf die Parametrisierung der NN achtete, die Logistik beaufsichtigte und überhaupt als zuständiger Facharbeiter die Fertigungsstückzahlen einzuhalten hatte. Immer wenn ich zu ihm kam und über nicht eingehaltene Qualitätskriterien auf dem Testbogen seine Unterschrift forderte, verdrehte er die Augen und sagte kryptisch "Nicht mehr ganz sauber, wie?". Ich versuchte, ihn nicht als Gegner zu betrachten, immerhin waren wir beide nur arbeitnehmende Bankkunden.

Solange der Betrieb reibungslos funktionierte, hatten wir stundenlang Zeit, uns zu unterhalten. Er hatte knappformulierte Vorurteile über Studenten parat, und er konnte sich sehr weitläufig und farbig über die Themen des grauen Fabrikalltags auslassen, was mich als Sprachstudent sehr faszinierte. Und wenn ich Fragen hatte über die komplizierte Abrechnungspraxis der Gehaltsstelle, die unser gemeinsamer Gegner war, erklärte er mir geduldig, wie die Lohnabrechnung nachzurechnen und zu interpretieren sei. Manchmal fuhren wir mit dem Gabelstapler durch die dunklen Hallen und "cruisten". Wir brachten die langen Stunden zwischen zwei und fünf Uhr leidlich herum, indem wir über altertümliche Begriffe lachten. Manche Nächte las ich aber auch bloß in Büchern, wenn mir nicht nach Gesellschaft mit altertümlich dauerhaft angestellten Menschen und diesem smalltalken war. Manchmal ging ich allein zu fuß durch die Hallen.

Die NN waren sehr seltsam anzusehen. In unserer Fabrikhalle waren mehrere Fließbänder untergebracht, aber nur eines war um diese Zeit erleuchtet und in Betrieb. Es wunderte mich, daß die NN daran Licht benötigten, aber zumindest ich brauchte es ja, wenn ich die geplanten willkürlichen Stichproben durchführte. Manchmal ging ich nach der "Qualitätsprüfung" nicht gleich zurück ins Büro oder zum Schichtführer, sondern beobachtete diese seltsame Maschinenart etwas länger, die da stoisch in der Lichtinsel ihre Tätigkeiten verrichtete.

Ich nahm einen Schemel und setzte mich am Ende des Bandes ins Halbdunkel, dort, wo ein fast schon archaischer NN die Kisten auf eine Palette türmte und mit einer Endlosplastikhülle umwickelte. In den Pausen rauchte das Gerät etwas. Gerade dieses Gerät war alter Bauart, und man mußte mit ihm noch Englisch reden, - dieses phonemhaft umlautbehaftete diphtongkritische Englisch

Beherbergungssprache verstanden.

Gut konnte man sich mit sprachlichen Rekursionen den alten NN tautologisch- vertrauenerweckend, also funktional nähern, - besonders wenn man Geschichte der 7-bit-Netzkommunikation studiert hatte - , so auch dieser. Die Arbeitsweise teilte sich mit, wenn man Nulloperationen ausführen ließ, also Arbeitsakte nur testweise durch die Sprachausgabe lenkte, und es damit genug sein ließ. So konnte man auch ältere Programme abrufen, die die NN nicht "vergessen" hatten, sondern nur nicht mehr praktisch anwenden durften. Wie sich auf dieser Basis herausstellte, war dies tatsächlich ein britisches Modell, aus einer Südlondoner kleinen Firma stammend. (Ich mußte dreimal "ver" sagen, bis es diese Info rausrückte. Ja, es war ein Testmodell, durch den europäischen Markt erst möglich geworden. Teilweise hatte es erstaunliche ältere Programme auf Abruf zur Verfügung, experimentelle und seltsame Sprachberechnungen und längst überkommene graphisch orientierte Lautgebärdungsgrundmuster, und als ich es fasziniert durchprobierte, kam die NN manchmal mit seinem eigentlichen primären Verpackungsprogramm in Verzug. Mit dem preemptiven Multitasking haperte es noch etwas. Ich lachte darüber beim Warten auf die erhofften lustigen, teilweise witzigen und sogar geistreichen Reaktionen, die natürlich nichts mit der Aufgabe vor Ort zu tun hatten.

Aber es gab auch andere NNs mit anderer Technik. Wenn ich bei einer Kontrolle Flüchtigkeitsfehler festgestellt habe, fehlendes Zubehör in der Endauslieferung etc., ging ich zum Reparatur-NN, das zwar nur einen relativ kleinen Befehlssatz verstand, aber sehr flexibel mit diesem ungehen konnte. Ganz früher, bei den Festverdrahteten, hätte man RISC-Prozessor dazugesagt. Diese schnell zu behebenden Fehler trug ich nicht immer in die Beanstandungsliste ein, sondern ging, nachdem der Rep-NN seinen Teil getan hatte, zum fehlerverursacht habenden NN und versuchte mit einer rekursiven ad- hoc-Anweisung die Funktionalität wiederherzustellen. Manchmal mußte ich Aspekte dieser Anweisungen wieder und wieder wiederholen. Es war dann fast wie "diskutieren". Nunja, auch dafür bezahlte man mich.

Der Reparatur-NN war übrigens sehr interessant, da er in den Pausen Flüssigkeit aufnahm. Als ich den Schichtführer einmal darauf aufmerksam machte und ihn fragte, ob das bei diesen Modellen bei rekursiven Prozessabläufen so weit kommen könne, meinte er "Ja." Als noch Menschen diese Arbeit verrichtet hätten, hätten diese oft Alkoholprobleme gehabt. Es sei zwar nicht ganz exakt, aber man könne das, wenn man unbedingt wolle, schon damit vergleichen. Solange die Funktion jedoch nicht beeinträchtigt werde, könne der NN soviel Flüssigkeit aufnehmen wie er wolle. Es gebe da keine Gesetze, aber ich, als Student, dürfe durchaus eine Ethik dafür entwickeln, wenn mir langweilig sei. Er sagte es mit anderen Worten.

Manchmal fühlt man sich einsam mitten in der Nacht zwischen all diesen toten Maschinen, die sich immerzu bewegten. Irgendwann fand ich auf Forschungsexpeditionen in andere Bereiche der Halle ein Meisterbüro und darin einen bequemen Sessel. In dem konnte ich die eine oder andere Stunde schlafen, aber immer mit der Angst, daß ich womöglich einmal von der Tagesschicht dort geweckt werden würde. Es war nie mehr als ein Halbschlaf, aber als solcher wenigstens bezahlt.

Einmal dann, als ich dort döste, hörte ich, erschreckt aufmerkend, wie in der Entfernung das Band abgestellt wurde, und es herrschte, als ich dann wach war, eine gespenstische Stille. Ich nahm meinen Kontrolleursblock und ging eilig und wie geschäftig zur Lichtinsel hin. Dort kniete der Schichtführer über dem englischen Modell, welches in irgendeiner Form zu Boden gerissen war. Seine Greifarme lagen seltsam gewinkelt nahe der Steuereinheit. Das NN gab programmunmotivierte Töne ab.

"Verdammt", sagte der Schichtführer, "ich habe keinen Ersatz. Diese blöden Roboter" (er benutzte aus Wut den veralteten pejorativen Ausdruck). "Wenn ich den nicht wieder in Schuß kriege, kann ich die restliche Schicht voll einpacken. - Oder ich werde Dich das machen lassen, Studi!"

"Diese Tätigkeit würde leider mit dem Inhalt meines Arbeitsvertrages kollidieren", sagte ich arrogant, weil ich wußte, daß ihn das aufregte. Dann pfutschte der Schichtführer nervös an der Spracheingabe herum, bis das NN auf Systemanfragen wieder reagierte. "Der versteht nur Englisch, saualtes Teil", sagte ich. "Frag ihn, was er hat", sagte der Schichtführer." Ich fragte. "Es sagt, es hätte einen SCHWÄCHEANFALL gehabt und hätte immer noch keinen Zugang zu den Basisaktivfunktionen." "Du verarschst mich." "Frag ihn doch selbst." "Und was sagt es noch?" "Daß seine Fehlerroutine erst den Fehler numerisch obduzieren könne, wenn man den Pulsgeber synchronisiert hätte. Es sagt, das sei die Aufgabe des Meisters." "Das machen wir jetzt selbst", sagte der Schichtführer. Er öffnete die Neuronenschaltbox. "Zähl Du auf fünf, und ich kuck dann, daß ich das Ding mit dem Geber wieder synchron kriege. Aber gleichmäßig zählen!" "Darfst Du das überhaupt?" fragte ich. "ZÄHL, Mann!"

"Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Darf das wahr sein? Der Mann leistet der Maschine erste Hilfe!)

"Nochmal? Ok.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Und ich leiste IHM erste Hilfe, sonst muß er vier Stunden lang im Akkord verpacken).

"Nochmal? Ok.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Wie will er das Ding synchron kriegen, wenn es doch einen Abriß an den oberen Steurungsneuronen hat. Das sieht man von hier. Na, soll er das mal lieber selber rausfinden).

"Nochmal? Ok.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Ok, das wars. Der Schichtführer ist mürbe. Das Teil ist hin.)

"Tja, dann man ans Band, oller Humanoide", sagte ich spöttisch. Er beschimpfte mich, montierte das englische NN ab und ging das Band wieder anstellen. Ich lachte und ging wieder für die letzten paar Stunden dieser Schicht auf den bequemen Meistersessel. Aber ich kam in keinen guten Halbschlaf mehr rein. Nichts war passiert, dämmerte mir —. Und ich war zu müde, dem Schichtführer beim Palettenpacken zuzusehen. Arbeitende Menschen sind langweilig und sicherlich outdated.

Ja, das war der Arbeitsunfall, den ich erlebte. In den nachfolgenden Studentenjobs hatte ich dann schon mehr Ahnung von den Kniffen und wurde immer in die Büros eingeteilt. So hoffe ich gute Chancen zu haben, daß mir dergleichen nicht wieder begegnen wird.

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