Die hohe Philosophie des Idlens

<Zeitblom> Mhh, gut. Reden wir über die verschiedenen Sprachen, die hier gesprochen werden. Man könnte da Kategorien aufstellen. Die üblichen "ASL"-Fragen, dann die guten Gespräche im Query, und dann die letzte Stufe, die hohe philosophie des Idlens…. das sind locker zwei Absätze! [060117 22:05] <Zeitblom> Man muß überhaupt das Chatten als die Vorstufe des Idlens stilisieren - das ist witzig.

Der verfällt der Chatsprache unweigerlich, der durch sie besondere Freiheit und Erkenntnis spürt. Die Sprache, die nahe an der Literatur ist, das gelesene und geschriebene Wort, ist das Zaubermedium seit Homer, der Zugang zur Kultur und zur Zivilisation. Bisher war das in der Buchwelt oder in der leichteren Muse der Zeitungswelt verankert. Aber es geht noch leichter, und noch gegenwärtiger! Nämlich dann, wenn man durch Zufall im Chat, aber eben auch durch eine gute Wahrscheinlich aufgrund großer Quantitäten an Schreibern an jemanden gerät, der sich in seiner Einsamkeit auf dieselbe Weise getraut, unverbindlich die Sprache seiner Freiheit auszuprobieren. Wenn da zwei aneinandergeraten, dann entstehen sogenannte Synergieeffekte, und dies alles in Echtzeit… der Teil der Überraschung, der wie bei einer Geburtstagsüberraschungsparty sehr zeitnah und pulsanregend ist. Und dies 365 Tage im Jahr, wenn man will.

Wie bei der Entwicklung eines Sterns in seinen vielen Phasen ist der Chat in seinen Entwicklungsstufen ein geschichtliches Ereignis - hier in diesen erregenden Chatnächten ist es wie eine Supernova… das explodierende Ausbreiten der Gedankenwelt in extreme Weiten. Und natürlich ist das zugleich der Anfang vom Ende der großen Freude des Chattens. Denn dieser übergroße Reiz der perfekten Sprache für den Moment kann nicht ewig halten. Irgendwann fällt alles in sich zusammen, - und es beginnt das Schweigen der Einsamen und Verbitterten, die hier ihr großen Glück einmal gefunden und nun verloren haben. Und auch die Schweigenden, die weißen Zwerge im Chatuniversum, verbleiben hier, statthaft verortet im wilden Sprachmedium, denn man verläßt die Welt nicht, in dem es einem einst so gut ging. Das Kultivieren des Idlens - des schweigenden Wartens auf die nächste große Zeit der Sprache - weitet sich indes als permanenter Zustand in allen Channels aus, die ihre Geschichte schon hinter sich haben.. hier raschelt nur manchmal noch ein kleiner Lichtblitz auf, wie die Beine der Fliegen auf dem Fliegenpapier, das sie festhält bis in den Tod…

Es gibt eine Sucht und eine Abhängigkeit für die Sprache im Chat, wenn man einmal ordentlich reingeraten ist und deswegen seinen Job und seinen Freundeskreis verloren hat aus der Welt vor der Zeit des Internets und seiner hellen Sprachwelten, vielleicht nicht in der kosmologischen Größe der Sternentstehung, obwohl das sicher die richtige Kategorie fürs gute Chatten ist, aber vielleicht auch im kleinen Versumpfen wie bei "Das Fliegenpapier" von Musil. Man bleibt immer hängen in dieser Sprache, die die Sinne wirr macht, wenn sie den Chatter da abholt, wo er ist. Und der findet ja immer den richtigen Raum, in dem er seine Sehnsüchte erfüllt findet - zumindest in seinen Vorstellungen, aber das ist ja dasselbe.

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