»Lass' endlich gut sein mit diesem Internetsurfen. Es kostet nur Zeit, und es gibt Wichtigeres im Leben.« »Ist klar. Ich schaue nur noch in dieser Seite vorbei, da scheint was über einen Chevrolet drin zu stehen.«


»Wie ihr wollt«, sagte Fréderic; er saß in der Ecke des Landauers hingesunken, sah das Kabriolett am Horizont verschwinden und fühlte, daß etwas Nichtwiedergutzumachendes geschehen sei und er seine große Liebe verloren hatte. Freilich war die andere Liebe da, neben ihm, die fröhliche und leichte Liebe. Doch er war ermattet, einander widersprechende Gefühle erfüllten ihn, er wußte selbst nicht mehr, was er wollte, und er fühlte eine maßlose Traurigkeit und ein Verlangen nach dem Tod.
Flaubert, Education sentimentale


Öffentlicher Nahverkehr - Surfen exotisch.

  • 1 U1 - Haltestelle Kaltental bis Vaihingen Bahnhof
    • 1a Es beginnt an seiner Wahlheimathaltestelle "Kaltental". "Heimat" ist sonst nicht seine Sache, aber dort beginnen alle seine Fahrten und warum einen schwächeren Ausdruck bemühen?, - obwohl auch die naheliegende Haltestelle "Engelboldstraße" in Frage käme (gleicher Abstand zur Wohnung). Warum er "Kaltentalhaltestellenfrequentierer" aus Gewissensgründen ist, obwohl er doch von Rechts wegen und der Ordnung halber ein "Engelboldhaltestellenroutinier" sein müßte: hier sind die Argumente für diese vermiedene Doppelhaltestellenschaft:
      • 1a1 Zur Haltestelle "Kaltental" gehen sog. Staffeln hinunter, die nicht so langweilig sind wie der Weg auf der Straße zur Haltestelle Engelbold. Diese Treppen tragen viel zum Lokalkolorit der Stadt Stuttgart bei.
        • 1a1a Und da es sonst nicht viel Spezifisches in dieser Stadt gibt, benutzt man wenigstens sie. Zudem sportliche, also ethische Hintergründe: der Fußweg bis zur Haltestelle. Beim Heimkommen und Hinaufsteigen steigert man solcherart immer nochmal den Puls, das gibt oben ein Gefühl, als hätte man zumindest etwas als Tagewerk geleistet.
      • 1a2 Man sieht in "Kaltental" viel interessantere Leute, schon mittags betrunkene Arbeitslose mit der unvermeidlichen Bierdose in der Hand und, fast genauso oft, schöne junge Passagierinnen. Mit der Zeit merkt man sich sogar einige der Gesichter sowohl aus der einen wie aus der anderen Gruppe, und freut sich, wenn man sie wieder erkennt. Heimat ist das freudige Wiedererkennen von markanten Gesichtern, die man fast vergessen hätte. Das Warten vergeht jedenfalls wie im Flug. Heimat ist, wo das Warten auf den Tod wie im Fluge vergeht.
      • 1a3 Es gibt einen Zeitschriftenladen und eine Bankfiliale der sogenannten Landesgierokasse, sodaß es immer was zu sehen gibt, wenn die Anziehungskraft der SSB selbst einmal nicht den Voyeurismus befriedigen kann. Das gibt ein Gefühl der doppelten Sicherheit, fast schon einer grenzenlosen Geborgenheit.
      • 1a4 In der Haltestelle Engelboldstraße dagegen ist das Warten so langweilig, nur Rentner stehen da rum und oft garniemand.
    • 1b Heute an der Heimathaltestelle:
      • 1b1 (es ist übrigens eine Haltestelle wie die meisten anderen in der Vorstadt: inmitten der Straße gelegen, vom Autoverkehr umflossen, etwa anderthalb Meter hoch, eine Länge von etwa zwanzig Metern, mitten darauf ein Häuschen mit transparenter Plastikverkleidung zur Straße und einem kleinen Vordach, auf dem der Name der Haltestelle in schwarzen Lettern geklebt ist. Im Häuschen steht eine Holzbank, daneben ein Fahrkartenautomat, der wirklich sehr kompliziert zu verstehen und nichts für Anfänger ist. Vom Tarifsystem wird noch zu sprechen sein. Nochmal daneben befindet sich eine Informationstafel.
        • 1b1a Die wirklichen Regeln zur Benutzung innerhalb von öffentlichen Verkehrsmitteln sind dort aber freilich nicht aufgeschrieben.

          Sie lauten:

          • 1b1a1 Setze dich immer in eine freie Vierergruppe.
          • 1b1a2 Setze dich weit weg von Leuten, die SPRECHEN; sie könnten Dich in das Gespräch ziehen.
          • 1b1a3 Schau Dir den Platz an, bevor du dich auf ihn setzst, aber mach es dezent.
          • 1b1a4 Falls es keine freie Vierergruppe gibt, setze Dich in eine, die nur mit einer Person besetzt ist, und zwar so, daß du dich schräg auf der anderen Seite befindest: dies ist der größtmögliche Abstand.
          • 1b1a5 Sprich nicht, lächle nicht. All das könnte mißverstanden werden. Sei cool!
            • 1b1a5a Blicke auch niemandem über längere Zeit direkt ins Gesicht! Das ist unhöflich! Erlaubt sind nur kurze Orientierungsblicke. Du mußt das Wesentliche schnell wahrnehmen. Und: nicht lächeln!
              • 1b1a5a1 (Falls Du doch zu lange jemand anblickst, fällt das aber nicht so auf, wenn wenigstens derjenige höflich ist. Dann wird er es nicht merken und Du kannst in das Stadium des Gaffens eintreten.)
          • 1b1a6 Du darfst während der Fahrt nur Dinge ansehen, die dich ganz bestimmt überhaupt nicht interessieren. Lies dir die Werbung an den Wänden durch!

            • 1b1a6a Oder sieh aus dem Fenster, und zwar angestrengt.
            • 1b1a6b Bei Fahrten unter der Erde: sieh trotzdem aus dem Fenster und benütze es dann als Spiegel. Auf diese Weise kannst du dir auch Leute ankucken, wenn dir danach ist. Beobachte dabei denjenigen zuerst aus den Augenwinkeln, den Du angaffen willst, daß er nicht aus Versehen das gleiche macht und dich ansieht, sodaß sich Eure Blicke treffen könnten.

            -1b1a6c Bei Fahrten unter der Erde: Sieh Dich selbst im Spiegel an und entwickle Deine Coolheit weiter.

          • 1b1a7 Lies nicht! Das macht so einen arroganten Eindruck, als seist Du etwas Besseres.
      • 1b2 Die Länge des Bahnsteiges wird mit einem hellgrauen Eisengeländer zur Straße hin abgetrennt und mit einem speziellen weißgestrichenen Stein zu den Schienen hin),
    • 1c niemand ist da, außer einer alten Frau, stehend, und einer Frau, sitzend auf der Holzbank.
      • 1c1 Man muß erwähnen, daß der öffentliche Nahverkehr natürlich nur außerhalb derjenigen Tageszeiten vernünftig benutzbar ist, in denen die Berufstätigen sich drängeln. Ich vermute, der schlechte Ruf des Straßenbahnfahrens kommt auch daher, daß man an Drängelei übermüdeter Menschen mit schlechte Laune denkt, aber dies ist freilich bloß ein Mißbrauch, den die da betreiben. Dabei verliert man alle die faszinierenden Chancen aus den Augen, die sonst innerhalb dieser Lebensperspektive geboten werden.
      • 1c2 Das gemächliche Cruisen an einem Sommernachmittag mit dem öffentlichen gelben Riesenchevrolet durch die Stadt bleibt bisher vor allem Rentnern und modernen Flaneuren vorbehalten, welche dieses Bewegungsmittel langsam für die Avantgarde und Moderne etc. entdecken.
    • 1d Er setzt sich auf die Holzbank an der Haltestelle, ein unbestimmtes Gefühl der Erwartung bemächtigt sich seiner. Er mustert die anderen Wartenden nur flüchtig, und freut sich an der Sonne, die durch die Plastikscheibe nur leicht gedämpft wird. Es ist ein schöner Tag, aber nicht so furchtbar heiß wie die bisherigen Tage. Es kommt eine leichte, kühlende Brise von Vahingen herunter, und er fühlt sich wohl.
      • 1d1 Auch gegenüber, auf der in die Innenstadt führende Haltestelle, ist wenig los.
      • 1d2 Gerade als ein Zug einfährt, sieht er durch mehrere spiegelnde Scheiben der Wartehäuschen eine Passagierin sich nahen, die ihn in ihrer Geisterhaftigkeit sehr interessiert. Er ist tatsächlich sekundenlang nicht in der Lage, den wirklichen Standort derselben auszumachen. er sieht sie nur im Glas, ist dann abgelenkt durch die Einsteigeaktivitäten und steht dann auf
    • 1e und steigt ein.
    • 1f Als er sitzt, sieht er die Passagierin dann ganz wirklich auf der Gegenseite, und das ist zu spät, sie zu erkennen. Irgendwas mit enganliegender Kleidung, dunklen Haaren, irgendetwas Unbeschreibliches: spezifische Triggerung setzt bei ihm ein. Drei Sekunden Zeit dafür (und fünf mehr durch Glas-Reflektionen durch starkes Sonnenlicht) hat er gehabt.
    • 1g Er liest nicht. Er sieht sich nun in dem Wagen um, in den es ihn verchlagen hat. Irgendein Recke mit einem Gebirgsfahrrad und martialischen Aussehen, ein Paar über vierzig, eine Mutter mit Kindern, die Sonne, das Leben, sind bei ihm in seinem Wagen.
  • 2 U3 - Vaihingen Bahnhof bis Möhringen Bahnhof
    • 2a Bei der Einfahrt in den Vaihinger Endbahnhof der Linie 1 achtet er peinlich darauf, sich nicht zu früh von seinem Sitz zu erheben, um dann dämlich lange vor der Tür zu stehen, bis sie sich öffnet. Das tut man nur, wenn man unsicher ist und sich in diesem Verkehrsmittel so unwohl fühlt, daß es einen schnellstmöglich hinausdrängt. Aus dem Auto steigt man doch auch nicht so überstürzt.
    • 2b Gemächlichen Schrittes steigt er also aus und wechselt flaneurhaft langsam zu dem Gleis, worauf der gelbe Chevrolet der Linie 3 ihn schon erwartet. Manche Leute rennen jetzt, weil sie irrtümlich denken, er würde jeden Augenblick losfahren, und setzen sich gleich wieder in diesen öffentlichen Streß. Er weiß es besser. Er weiß, er hat über fünf Minuten Zeit. Dann geht er auch noch, weil er ja überreichlich Zeit hat, an der ganzen Länge des Zuges mit provozierender Langsamkeit vorbei und steigt erst ganz hinten ein. Er weiß zudem noch, daß dort weniger Leute sind, denn die meisten anderen hasten ja zur vorderen Tür. Hier hinten sitzen die Sachverständigen und Experten des öffentlichen Nahverkehrs. Man ist leidlich unter sich. Elitedenken herrscht, wie überhaupt jedes Denken hier, unausgesprochen.
    • 2c Er liest, ohne sich groß von anderen Einsteigenden und vom Losfahren ablenken zu lassen, in seinem Reclam-Bändchen, das er dabei hat. Es ist Büchners Lenz und beschreibt das Irrsinnigwerden eines Außenseiters.
      • 2c1 Lesen ist der beste Versuch, sich durch die Umgebung nicht ablenken zu lassen. Man hat keine Verantwortung für das, was um einen herum geschieht. "Das habe ich nicht gesehen, ich habe gelesen!" Tagsüber sind selten solche Leute im Wagen, vor denen man beschäftigt tun muß, und spätabends, wenn es eher der Fall ist, fällt man lesend eher auf. Es ist immer riskant, sich durch Lesen eine falsche Privatheit garantieren zu wollen, die im öffentlichen Bereich ohnehin kaum funktioniert. Aber es ist ein netter Versuch, vor allem, wenn man Bücher und Büchner und nicht die Bildzeitung liest.
  • 3 U5 - Möhringen Bahnhof bis Freiberg
    • 3a Der Möhringer Bahnhof ist ein recht großer Umsteigebahnhof, der vor allem durch zwei Sachverhalte Anspruch auf Aufmerksamkeit erheben darf.
      • 3a1 Viele Buslinien, die in das südliche Umland von Stuttgart fahren, enden hier und spucken recht viele interessante soziale Schichten mit hohem Angafffaktor aus.
      • 3a2 Schwerer wiegt das Kriterium, daß hier alle Menschen umsteigen, die von der Innenstadt und dem Hauptbahnhof kommend, zur Musicalhall fahren wollen. Es sind Touristen und Angestellte, die das Bahnsteigbild auf spezifische und lustige Weise prägen.
        • 3a2a Schon mehrmals mußte er hier Anfragen verwirrter und uneingeweihter ÖPNV-Benutzer beantworten, in Bezug auf das Erreichen des Musicals. Er war immer freundlich und geduldig mit diesen im Grunde hoffnungslosen Fällen, wohlwissend, daß man in Stuttgart auch durchaus das Recht hätte, mit indignierter Miene einfach wegzugehen und nichts zu reden. Unfreundlichkeit ist erlaubt, aber er machte nur selten Gebrauch von diesem Vorrecht.
    • 3b Nach dem Umsteigen, welches ohne Vorkommnisse und optische Reize vor sich ging: Lesend. In das Buch versunken seiend. Leute kommen und gehen, doch er klinkt sich aus dem spezifischen sozialen Leben für eine Weile aus. An der Endhaltestelle ist er fast allein im Wagen, deshalb achtet er nicht groß auf die korrekte Einhaltung beim Ritus des richtigen Aussteigens, sondern steigt einfach aus.
  • 4 Bus 54 - Freiberg bis Cannstatt Ziegelei
    • 4a Es ist ein Bus der spezifischen 54er Bauart: keine Ziehharmonika, keine Vierergruppen im Font, also einigermaßen anspruchslos in der Benutzung. Er setzte sich in die allerletzte Reihe und genoß bald darauf das Gefühl des gründlichen Durchvibriertwerdens, als der Fahrer den Motor anließ. Dies war ein großartiges Gefühl, das in den U- und S-Bahnen nicht zu bekommen war. Der Fahrer ließ den Motor eine Weile warmlaufen, dieser schüttelte den Bus in der Resonanzfrequenz, und dies war ja bekanntlich eine effiziente Entspannungstechnik, deren Nutznießer in diesem Fall die Passagiere waren. Noch mehr Spaß machte dieses Gefühl, wenn man es bewußt erlebte und den Genuß der Vorfreude mit in das positive Geschehen hineinnahm.
    • 4b Es ist eine spannende Strecke, und er kuckt neugierig die Stadtteile an, in die er nie kommt außer an Tagen des entspannten Cruisens. Von Freiberg sieht er nur ein paar Straßen, und die typischen Hochhausblocks sind gnädig hinter begrünten Wällen verborgen. Wohnen will er hier nie, umsteigen ist aber kein Problem.
    • 4c Es sind lauter ausgewiesen schlechte Stadtteile, die diese Buslinie abfährt. Hochspannend, nachdem er in Möhringen die gutgekleideten Touristen gesehen hat, die täppisch in der U-Bahn ihre ersten öffentlichen Fahrerlebnisse haben, während nun und hier viel routinierte Jugend ein- und aussteigt, denn hier hat kaum einer ein Auto. Er findet das schick. Dies ist ist die unprätentiöse Alltagsöffentlichkeit. Leider ist die Jugend nicht immer schön anzuschauen, und die Buben sind laut und die Mädchen gackern herum. Sie sind oft sexy, aber niemals erotisch. Er sieht sich auf die Außenwelt verwiesen. Mit großen Augen sieht er die vielen Beispiele der entsetzlichen Sechzigerjahrebaukultur an sich vorüberziehen, die alle ganz harmlos und wie selbstverständlich in der hellen Mittagssonne stehen.
  • 5 Straßenbahn (klein) 2 - Cannstatt Ziegelei bis Cannstatt Wilhelmsplatz
    • 5a Das Ruckeln und die unbequemen, weil knappbemessenen Sitze dieser alten Straßenbahnen, die es nur noch auf der Linie 2 und Linie 15 gibt. Bald wird es diese Bauform nicht mehr geben, deswegen fühlt man sich per default sentimental, und zweitens das ist nicht schlimm, denn das CRUISEN macht mit ihnen ohnehin wenig Spaß. Sie wurden damals zu einer Zeit gebaut, als man Straßenbahnen noch als notwendiges Fortbewegungsmittel betrachtete. (Aber es gibt Sonnenblenden an den Fenstern, was ein wenig gegen die Hitze hilft.
      • 5a1 Das sind ganz lustige Stoffbahnen, in denen unendlich viele kleine Löcher sind. Je nachdem, wie man den Kopf dreht, ergeben sich drollige optische Effekte.
        • 5a1a Man muß nur aufpassen, daß man sich nicht lächerlich macht beim Hin- und Herbiegen des Kopfes. Auch in kleinen Straßenbahnen ist Coolness und Dezenz erfordert.)
    • 5b Eine dicke Mama setzt sich aufdringlich dicht neben ihn.
    • 5c FAHRSCHEINKONTROLLE: Der Kontrolleur macht ihn an, daß er an seiner Monatsmarke die Nummer noch nicht eingetragen hätte. Er sagt: "Die ist eingetragen."
    • 5d Die Mama hat auch bezahlt. Aha, sie ist also Wissenschaftlerin.
      • 5d1 Man darf niemand verdächtigen, daß er mit Absicht schwarzfährt, denn das ist nie wahrscheinlich. Viel eher muß man damit rechnen, daß die Leute die Tarifstruktur nicht verstanden haben und aus Verzweiflung ein falsches oder, durch beginnenden Wahnsinn nach Lektüre der Infoplakate an den Rand ihrer bürgerlichen Existenz gedrängt, gar kein Ticket gelöst haben. Es ist eine Wissenschaft, und als Wissenschaftler muß man die Leute nehmen, die kontrolliert werden und die tatsächlich die richtige Zonenzahl vorweisen können,
        • 5d1a wobei diejenigen, die aus Angst zuviel bezahlt haben, freilich nie an den Pranger gestellt werden, obwohl sie das Schrecklichste machen, was in einer Marktwirtschaft geschehen kann: sie haben freiwillig zuviel bezahlt!
      • 5d2 An langweiligen Tagen kann man unter diesem Aspekt etwa an den Stuttgarter Flughafen fahren und einfach den neuangekommenen Touristen beim Fahrscheinlösen am VVS-Automaten zuschauen. Das ist ein Hauptspaß, und einsame Leute können sich hier Freunde fürs Leben gewinnen, indem sie helfend und erklärend eingreifen. Dabei merken sie auch gleich, wie gut sie wirklich Englisch können.
        • 5d2a Etwa als Praktische Alternative zum Töffeltest: "Explain, how one gets from Flughafen to Rotenberg to the gruft of the dead Kings of Wurttemberg"; das ist zwar eine akademische Frage, denn niemand will vom Flughafen als erstes dorthin, aber wer das auf englisch beantworten kann, kann überall auf Anhieb ÖPVN fahren und auch philosophische Fragestellungen zu Hegel auf englisch beantworten, was ebenfalls sehr akademisch ist.
  • 6 U13 - Cannstatt Wilhelmsplatz bis Untertürkheim Wasenstr
    • 6a Am Wilhelmsplatz war viel geboten: Verkehrspolizei regelte von Hand den Verkehr auf der großen Kreuzung, wegen Ampelreparaturen vermutlich. Reichlich Wartende und Guckende bei den Öffentlichen, er mittendrin, er sah eine sehr gepflegt wirkende Passagierin sich eine Fahrkarte im Automat routiniert ertippen, kuckte sie interessiert an, merkte, daß sie den kleinen Makel hatte, ein wenig sehr vollschlank zu sein, aber geschmacklich wirksam kaschierend durch ein wohlwirkendes enges Top und einen weiten Rock, womit sie sich nichts vergab. Ah, eine geschmackvolle Wissenschaftlerin mit Persönlichkeit! - Dann: weiterwarten, weiterkucken andere Reize, Gehupe unter den albernen Autofahrern belächeln.
      • 6a1 Beim Einsteigen durch Zufall gleicher Wagen, dann mit Absicht (und natürlich, weil es keine Schwierigkeiten machte) ihr gegenüber gesetzt in einen der zwei Erkerplätze, die es pro Wagen gibt. er schaut sie während der ganzen Fahrt von etwa 10 Minuten zwei oder dreimal an, hat Angst vorm Zittern <@ 021>, während er Büchner lesend tut, und trifft einmal ihren Blick, der ebenfalls unsicher ist und Unterwürfigkeit andeutet <@ 017>. Sie hat natürlich Komplexe wegen ihrer Figur, er genießt ihr perfekt schönes und kluges Gesicht, türkisch vielleicht, außerordentlich gut geschminkt. Sie steigt am Untertürkheimer Bahnhof aus, er vermeidet es, selbiges zu tun. Er ist Lenz. Deshalb eine weiter als es kommodiert, also bis Wasenstraße.
  • 7 U9 - Untertürkheimer Wasenstraße bis Schwab-/Bebelstraße
    • 7a An dieser Haltestelle war er zum ersten Mal. Und obwohl er eigentlich die U4 erwartete, kam die U9. Klar, die fährt ja hier auch!
    • 7b Zwei Mädchen stiegen eine Haltestelle später dazu, setzten sich in die freie Vierergruppe vor ihm, Frauenkörper und Kindergesichter, sehr stark geschminkt, die eine hatte sich irgendwie indisch geschminkt, mit schwarzer Ornamentik an den Augenrändern. Der Zug fährt an, er merkt auf.
      • 7b1 Wer die Trends der Zukunft finden will, muß dem Volk aufs Maul und den Teenagern den Blödsinn abschauen, mit denen sie sich abgrenzen wollen. Der Unsinn von heute ist die Hochkultur von morgen. Er weiß das und versucht gleich die Maltechnik zu erspähen Aber sein Zeitlimit ist zu klein dazu. Er will nicht gaffen und hat deswegen nur wenig mehr als eine Sekunde, das Phänomen zu ergründen. Aber es beschäftigt ihn die ganze Zeit, während er Webung liest, oder aus dem Fenster sieht. An der letzten Umsteigehaltestelle schafft er den Absprung und fand sich jetzt hier wieder:
  • 8 Bus 42 - Schwab-/Bebelstraße bis Schreiberstraße
    • 8a An der Kreuzung stand eine schicke Frau und hat mit Handy telefoniert. Er hab sie sich angesehen: sie war selbstbewußt, sie hat nett geredet, sie ging über die Kreuzung. Sie hatte was Enges an und war ganz gelöst.
    • 8b Busfahren war mit jeder Linie anders: der 42er ist eine andere Bauart als etwa der Bus 54 <@8d>. Dieser hier war ein Zieharmonikabus, bei dem es sich sehr lohnte, ganz hinten zu sitzen, vor allem, wenn der Fahrer wendig aufgelegt war.
      • 8b1 Eine weitere Besonderheit lag darin, daß man beim Einsteigen die flache Hand auf einen gelbe große Fläche an der Türe legen mußte wie bei einer Beschwörung. Die normale Knopftechnik war hier indisch vergeistigt und erweitert. Eine hübsche technische Ornamentik.
    • 8c Er schwang sich in eine hintere Vierergruppe, legte die Füße hoch, freute sich auf die Resonanzfrequenz und döst in Trance mehrere Haltestellen lang. Bei der letzten Gelegenheit, wieder in eine U-Bahn zu gelangen, wo er wieder lesen und seine Contenance im spiegelnden Fenster überprüfen können würde, stieg er natürlich um.
  • 9 U1 - Schreiberstraße bis Charlottenplatz
    • 9a Schreiberstraße war außerdem seine Lieblingshaltestelle. Sie hatte das Zertifikat "la station la plus sexy", vor allem jetzt im Sommer. Sie war die letzte obenliegende Haltestelle, bevor es unter die Erde ging, das Leben wogte fröhlich rechts und links an der umgebenden Straße vorbei, immer waren hier reichlich visuelle Reize zu gewärtigen. Da es wunderbarer Weise ein wenig windig war, sah er sich eine Passagierin im schicken Wickelrock an, der nett wehte. Leider plazierte sie sich dann so ungünstig, daß er nur den blauen Stoff gelegentlich wehen sah. Er war völlig mit seiner Einbuldungskraft beschäftigt, und rannte ein wenig zu schnell in seinen gelben Chevrolet hinein. Bis zum Charlottenplatz sammelt er sich, er hat so schrecklich viel erlebt, und nun will er einfach nur Zeit, um sein neues Wissen, seine Erfahrungen und Gefühle zu sammeln. Er verließ die Geleise.
  • 10 Intermezzo: Stadtbücherei.
    • 10a Kurz vor halb vier in der StaBü. Er holte sich das iX, die Titanic und Stendhal "Über die Liebe" und setzte sich auf den Balkon in die Sonne. Um sieben Uhr verließ er das Wilhelmspalais, ging zu Fuß zum Schloßplatz.
  • 11 Bus 42 - Schloßplatz bis Ostendplatz
    • 11a Er wartete am Schloßplatz im Bus, bis er losfuhr, es war wieder diese spezielle 42-Bauart, wo auch ganz hinten Vierer-Bänke sind, in einer solchen fläzte er und machte sich mit seinen langen Beinen breit wie ein Jugendlicher, las Büchners Lenz und wartete auf Motorenanlassen.
      • 11a1 Es stieg indessen eine langhaarige falschblonde Passagierin ein, die sich eine Hunderstelsekunde lang anschickte, sich neben ihn zu setzen, er kuckte vom Reclambändchen hoch und sie an, sah das weiße Feinripp-Shirt, vermutlich ohne BH, und die Jeans, außerdem war irgendwas mit Gold bei ihr dabei, Halskette, Armreif oder Ohrringe, sie setzte sich dann in die letzte Reihe, eine hinter seine, (sie hatte also guten Stil, sie wußte, wo man im 42er sitzen muß) - und ab dann ahnte er sie nur noch. Beim Aussteigen (irgendeine Haltestelle in Gablenberg) sieht er sie dann wieder, aber jetzt hat sie eine schwarze Stretchhose an, und er bemüht sich, sie nicht anzugaffen. Irgendwo hat sich ein Irrtum eingeschlichen, und er darf mehrere Minuten lang nachdenken, wie ungenau die Menschen im 42er werden.
      • 11a2 Überraschend findet sich während dieser selben Fahrt eine sommerkleidtragende Passagierin ein, die er schon draußen beim Hergehen sah, ihr Habit ist gelayert, ganz in weiß, sie selbst mittelmeerischen Gepräges und vielleicht sogar nordafrikanisch, welch schöne Menschen es gibt!, variierter Bubikopf, kompakter Körper, wunderschöne dunkle Augen, viel zu jung, um bei ihr auch nur ans Reden zu denken, aber diese Regelverletzung würde er ja ohnehin niemals begehen. Sie setzt sich in die Vierergruppe neben seiner. In der nachfolgenden Fahrt gelingt es ihm, ein zweimal auf die Haut ihrer Schenkel zu schielen, die pfirsichartig glänzt, und von der er bösartig vermutet, daß sie künstlich mit einem Lady-Shave blankpoliert ist. Strümpfe können es bei diesem Wetter unmöglich sein, oder hat diese Frau halt doch eine so unglaubliche Haut aus selbstschimmernder Bronze? Zum Glück steigt sie eine Haltestelle vor dem Ostendplatz aus, so daß er sich danach nicht mehr zum Hanswurst machen muß.
    • 11a3 Olgaeck: Eine große fette Afrikanerin setzt sich neben ihn; oh, schon wieder eine Mama, ob sie wohl auch zu bezahlen gewußt hat? Der Bus wird voll. Er sieht sie nicht an, fühlt sie aber. Er kann aber trotzdem noch die gelayerte Passagierin ausreichend sehen.
  • 12 U4 - Ostendplatz bis Untertürkheim Bahnhof
    • 12a Hundert Meter zu Fuß vom Bus zur U4-Haltestelle.
      • 12a1 Der Stuttgart Osten: ein Kapitel für sich: eine langweilige Einkaufspassage und der ganze Stil der Menschen hier den West- und Südstuttgartern allein von der Mentalität nicht nachvollziehbar. Eine fremde Welt.
    • 12b Dabei passierte er zu Fuß eine Videothek, die auf fremdsprachige Videos spezialisiert war, und etwa fünf attraktive Menschen diverser Sprachgemeinschaften lungerten hier auf der Straße, dabei eine sehr schlanke, nadelstreifenstretchbehoste und grünengbetopte langschwarzhaarige Frau, die hinter ihm das Gespräch beendete, und als er sich an der Haltestelle aufgestellt hatte und um sich schaute, auf ihn zukam, an ihm vorbeiging, und er sowohl an ihr als sie auch an ihm mindestens zwei Sekunden lang aneinander arbeiteten. Sie traf dann einige andere Frauen wieder, die an der Haltestelle standen, wohl weil sie gewartet hatten, daß sie nachkommt, stieg dann mit diesen nicht in die Straßenbahn, sondern in ein Auto mit Ludwigsburger Nummer, was ihn eine Minute rätseln machte, und dann kam seine Ablenkung herbeigefahren.
    • 12c Beim Einsteigen (es war eine Tiefhaltestelle, wo Stufen ausgefahren wurden und man die Höhe des Wagens erklimmen mußte), sah er nach Regelwerk kurzsekündlich nach oben in den Wagen, und da stand eine Passagierin, in komisch blau-weiß-gestreiften Shorts, nicht eben geschmackvoll, aber der Blickwinkel machts. er setzte sich in diesem Wagen ganz nach vorn, und sieht nichts, und liest Büchners Lenz während der ganzen Fahrt. Aber er ahnt die seltsamen Shorts hinter sich.
  • 13 S1 von Untertürkheim bis Vaihingen Bahnhof
    • 13a Untertürkheimer S-Bahnhof:
      • 13a1 Beim Warten wurde er von einer falschblonden Frau, die ihm nicht gefiel, angesprochen und gefragt, wann die nächste S-Bahn komme. Er sagte: "Keine Ahnung. Sie muß in der nächsten Viertelstunde kommen" und sie sagte danke, trollte sich zu ihrem Begleiter, und er hörte, wie sie ihm seine Worte wiedergab.
        • 13a1a Dies war ein extremer Regelverstoß: Man spricht niemals miteinander in der S-Bahn, und deshalb ist das sein größtes Erlebnis des Tages.
      • 13a2 In der S-Bahn wird es so hin mit dem Sitzplatz, daß er die beiden sehen kann, aber er konzentriert sich lieber auf den Lenz. Sie steigen in Cannstatt aus. Er im
    • 13b Stgt Hauptbahnhof:
      • 13b1 Eine junge Frau, die er soeben schon durchs Fenster gesehen hat und sie ihn, stieg ein und setzte sich in Bruchteilen einer Sekunde neben ihn. Die Schwierigkeiten, sich jemand anzuschauen, der direkt neben einem sitzt, sind unüberwindlich groß. Man kann es nicht tun, jede Maßnnahme wäre regelwidrig. Deswegen versucht er sich die ganze Zeit daran zu erinnern, wie er sie in der kurzen Zehntelsekunde wahrgenommen hat, bevor sie einstieg. Seltsam, mit jemandem lange 15 Minuten seines Lebens sehr nah zu verbringen, den man nur von früher kennt. Sie hatte eine irrsinnige Figur, mit der er sich sehr wohl befindet, ein grünes Top mit grauen Streifen, eine schwarze Stretchhose, wenn er sich richtig erinnert, lange schwarze Haare, und er stieg in Vahingen aus, während sie noch sitzen bleibt.
  • 14 U1 von Vaihingen zurück nach Kaltental
    • 14a In der U1 auf die Ab- und letzte Fahrt des Tages wartend, sah er sich das typische Endhaltestellenkiosk und die Telefonzellen an, doch, obwohl es hier fast immer etwas zu sehen gab, lag heute die Sache konträr. Auf der anderer Seite aber, wo niemand sonst wartete (eben weil man in der Endhaltestelle schon in die Wagen sitzen konnte), saß eine schwarzhaarige Frau, die wahrscheinlich gar keine Passagierin war und die auf irgendwas IRRATIONALES wartete, es konnte nichts mit dem ÖPNV zu tun haben. Er sah sie von hinten durch das rußige Glas eines Standardwartehäuschens, ihren Kopf und Rücken, und sie strich sich immerzu die langen Haare nach hinten. Entscheidender aber war, daß sie ein ziemlich rückenfreies Top anhatte, welches frau natürlich ohne BH tragen gemußt hätte, wenn sie Stil gehabt hätte, während sie aber einfach einen anhatte. Er kuckte sich diesen BH in Ruhe an, der blendend weiß war, rätselte über dessen Verschluß, der hinten und für ihn sichtbar war, überlegte lange an der Frage, ob er ihn mit einer Hand aufkriegen würde etc. Ganz normale Männerphantasien. Und das alles bei einer Frau, von der er weder das Gesicht noch die restliche Kleidung je sehen würde. Nur Haare, BH, Haut, als Stilleben und vorübergehendes Ereignis. Spannend ohne Maß, dieses neue öffentliche Menschenbild.

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