· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

Poetischer Nihilismus

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Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

#+BEGINQUOTE

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

#+ENDQUOTE

Paul Celan

Eine Banalität

Der Gedanke ist das, was einer Banalität zum Gedanken fehlt.

Karl Kraus

12.05.2020, aktualisiert vom April 2020 (src)

Hegel-Stadt

Aber diese Welt ist geistiges Wesen, sie ist an sich die Durchdringung des Seins und der Individualität; dies ihr Dasein ist das Werk des Selbstbewußtseins; aber ebenso eine unmittelbar vorhandne ihm fremde Wirklichkeit, welche eigentümliches Sein hat, und worin es sich nicht erkennt. Sie ist das äußerliche Wesen, und der freie Inhalt des Rechts; aber diese äußerliche Wirklichkeit, welche der Herr der Welt des Rechts in sich befaßt, ist nicht nur dieses zufällig für das Selbst vorhandne elementarische Wesen, sondern sie ist seine aber nicht positive Arbeit - vielmehr seine negative.

Hegel-Haus

Krieg

Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser geht, hierauf die Erwartung, daß es einem nicht schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, des es dem anderen auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.

Karl Kraus

Herr Doktor, das ist schön von Euch.

Es gibt nichts Harmloses mehr. Die kleinen Freuden, die Äußerungen des Lebens, die von der Verantwortung des Gedankens ausgenommen scheinen, haben nicht nur ein Moment der trotzigen Albernheit, des hartherzigen sich blind Machens, sondern treten unmittelbar in den Dienst ihres äußersten Gegensatzes. Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschuldige Wie schön wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders ist, und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält. Mißtrauen ist geraten gegenüber allem Unbefangenen, Legeren, gegenüber allem sich Gehenlassen, das Nachgiebigkeit gegen die Übermacht des Existierenden einschließt. Der böse Hintersinn des Behagens, der früher einmal auf das Prosit der Gemütlichkeit beschränkt war, hat längst freundlichere Regungen ergriffen. Das Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn, dem man, damit es nicht zu einem Streit kommt, auf ein paar Sätze zustimmt, von denen man weiß, daß sie schließlich auf den Mord hinauslaufen müssen, ist schon ein Stück Verrat; kein Gedanke ist immun gegen seine Kommunikation, und es genügt bereits, ihn an falscher Stelle und in falschem Einverständnis zu sagen, um seine Wahrheit zu unterhöhlen. Aus jedem Besuch des Kinos komme ich bei aller Wachsamkeit dümmer und schlechter wieder heraus. Umgänglichkeit selber ist Teilhabe am Unrecht, indem sie die erkaltete Welt als eine vorspiegelt, in der man noch miteinander reden kann, und das lose, gesellige Wort trägt bei, das Schweigen zu perpetuieren, indem durch die Konzessionen an den Angeredeten dieser im Redenden nochmals erniedrigt wird. Das böse Prinzip, das in der Leutseligkeit immer schon gesteckt hat, entfaltet sich im egalitären Geist zu seiner ganzen Bestialität. Herablassung und sich nicht besser Dünken sind das Gleiche. Durch die Anpassung an die Schwäche der Unterdrückten bestätigt man in solcher Schwäche die Voraussetzung der Herrschaft und entwickelt selber das Maß an Grobheit, Dumpfheit und Gewalttätigkeit, dessen man zur Ausübung der Herrschaft bedarf. Wenn dabei, in der jüngsten Phase, der Gestus der Herablassung entfällt und Angleichung allein sichtbar wird, so setzt gerade in solcher vollkommenen Abblendung der Macht das verleugnete Klassenverhältnis um so unversöhnlicher sich durch. Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. Einig sein soll man mit dem Leiden der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer zur Verhärtung des Leidens.

Theodor Adorno

Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses

Auf einem silbernen Teller befand sich einst ein Edamer Käs, und nahe dabei ein Talglicht, welches den Käs bestrahlte. Milben hatten sich, durch die innere Gährung seiner organischen Partikeln, im Käse erzeugt. Unter ihnen war eine Philosophin, welche dem Ursprung und der Bestimmung des Käses und der Milben nachdachte. Jemand, der den Käs zu essen im Begriff war, belauschte ihren Monolog mit dem Ohr jener Geniemänner, welche die Sphären singen, die Nerven stimmen, die Flöhe husten hören.

Man fragt mich nicht, wie Das möglich war. Die Frage über das Wie der Dinge ist oft indiskret, und wir könnten eher allgemeine Zweifler werden, als sie in jedem Falle beantworten. Genug, dieser Fürwitzbeutel vernahm die Milbe so reden.

"Wie lieblich duftet dieser Käs! Wie ambrosisch ist dieser Geschmack! Wie nahrhaft diese Speise! Wie bequem meine Wohnung! Eine unermeßliche, durchaus eßbare Welt.

Wie mächtig, wie wohltätig muß der sein, der den Käs machte, ihn für Milben schuf! Unser Sein war sein Wille, unser Wohlsein sein Zweck. Denn vom Nutzen eines Dings schliessen wir auf seine Absicht.

Ich gehe weiter: Dieser Käs ist der beste unter den möglichen. (Der Eigentümer hielt ih für versalzen). Der Beweis ist simpel. Hätte der Urheber einen besseren machen können, so würde er ihn vorgezogen haben. Warum sollte er das Vollkommene dem Mittelmäßigen nachsetzen!

Jener glänzende Körper, der aus ungemessener Ferne meinen Käs bestrahlt (hier lächelte die Milbe gegen das Talglicht) was kann er sein, als unsere Laterne? Wie erquickend, wie wohltätig ist sein Licht! Wie anpassend der Organisation meiner Augen. Ja, das Licht ist um der Milben willen gemacht.

Glückliche Milben! Ihr seid Mittelpunkt - Endzweck aller Kombinationen der Welt. Euch erfreuet das Licht. Euch duftet der Käs, Euch laden seine fetten Partikeln zum Genusse ein.

Aber eben darum, weil Milben der Zweck sind, dem die Natur alle ihre Werke, als Mittel, subordiniert hat; eben darum, erhabene Milben, ist diese ephemerische Existenz nicht das ganze Erbteil, welches die Natur euch beschieden hat.

Sollte sie nicht ewige Zwecke lieben? Sollte der Zirkel der Allnatur ohne seinen Mittelpunkt, worauf alle Strahlen sich beziehen, bestehen können? Nimmermehr! Milben: ihr seid zu den erhabensten Aussichten bestimmt. Eure Existenz; in der Höhle des Käses ist nur der rosenfarbene Morgen eines schönen Tags, dessen Mittag eurer wartet.

Die sublimen Gedanken, welche itzt meinen Geist beschäftigen, sind mehr als die Wirkung meiner Organisation. Es ist wahr, ich kenne meinen Körper, die inere Natur seiner Elemente, die Art ihrer Zusammensetzung beinah gar nicht. Aber dennoch kann ich a priori bestimmen, welche Wirkungen aus dieser Zusammensetzung möglich sind, und welche nicht."

So eben wollte die Rednerin von der Zukunft weissagen, und die Natur der Käse, welche sie künftig bewohnte, und zum Teil essen würde, auf unzählichen, wie sie meinte unumstößlichen Grundbegriffe der Milben metaphysik zu demonstrieren beginnen, als der Zuhörer, vom Mitleid über ihre Mühe gerührt und um ihr eine langwierige Reihe Syllogismen zu ersparen, die Rednerin samt dem Katheder, worauf sie stand, in den Mund steckte und verschlang.

Man sagt, sie habe noch zwischen den Zähnen des Würgers behauptet, ihre Erhaltung, ihr Wohl sei der Endzweck der Natur.

Wilhelm Ludwig Wekhrlin

Hegel

Glückskinder leben im Glauben einer schönen Welt, und sie stecken andere an, das Schöne zu denken um einer Wirklichkeit willen, die in allem Bewußtsein sein sollte.

  • Die tiefere Struktur des menschlichen Geistes.
    • Das ist der darwinistischen Gedanke, der im Materiellen gilt. Die

noch tiefere Wahrheit, jenseits des Sozialdarwinismus, welcher ein dummes Wort ist, liegt darin, daß die denkenden Menschen die Solidarität immerzu aus genetischem Instinkt für das Menschliche bewahren.

Hegel dachte das Schöne und nahm den Wahn daran ernst.

  • Presseorgane unserer Springer-Zeit haben ihn längst widerlegt.
  • Daß es einen Fortschritt gibt, ist ein wundervoller Gedanke. Daß

Glückskinder diesen Gedanken intuitiv verwirklichen, ist ein schöner Menschheitsgedanke.

  • Ispell kennt den Begriff "Menschheitsgedanke" nicht und macht ihn als Fehler kenntlich durch Hervorhebung.
  • Bei den Menschen gibt es diesen Gedanken oft in Sci-Fi-Lektüren, aber sie erkennen ihn nicht mehr als mögliche Alternative des Alltags.
    • Die Menschen haben ihren Fortschritt nur da, wo sie individuell die Hoffnung erkennen und die Motivation bekommen, die Freiheit zu suchen.

Das ist in der Sprache allein. Das ist der Geist ihrer dialektischen Identität etc.

  • Ja, der Hegel.
  • Unnötig zu erwähnen, daß er nicht originell war, sondern nur festhaltend. Der berühmte Schriftsteller Schiller, der inzwischen die Attribution "berühmt" dringend benötigt, weil er es längst nicht mehr ist, arbeitete einiges vor. Wie kühn, ihn zu erwähnen.

(edit Wikipedia-Beitrag Hegel im Literaturbereich: "Drei Studien zu Hegel" von Adorno).

Das Klopfen der Pulsadern

Die Religion hatte in dieser Seele, die sie ganz durchtränkte und die eine aus der Zeit Heinrichs III. stammende Vererbung vielleicht dafür empfänglich gemacht hatte, ein übermenschliches Ideal entstehen lassen und damit auch das unbillige Ideal der Wollust in ihr aufgerührt. Ausschweifende und mystische Zwangsvorstellungen vereint quälten sein Gehirn, geschwächt von dem hartnäckigen Verlangen, der Gewöhnlichkeit der Welt zu entgehen, fern von ehrwürdigen Gebräuchen in neuen Ekstasen zu vergehen, in himmlischen oder höllischen Krisen, welche durch den Verlust des Lichts in gleichem Maße zerrütten.

Er erwachte aus diesen Träumen, vernichtet, gebrochen, fast sterbend; sofort zündete er alle Lampen und Kerzen an, überschwemmte sich mit Helligkeit, im Glauben, dadurch weniger als im Dunkeln das dumpfe, hartnäckige, unerträgliche Klopfen der Pulsadern zu hören, die mit doppelter Schnelle unter der Haut des Halses schlugen.

Joris K. Huysmans, Gegen den Strich

Die wichtigen Menschen

  • sind immer in Konzernen beschäftigt
    • sie verdienen Geld.
      • und sie wollen keine Veränderung der Welt,
        • an denen sie nicht mitverdienen.

Wohl aber ist die Welt verloren gegenüber allen,

  • die an ihr "Geld" verdienen,
    • was ein Verbrechen ist
      • an den lebendigen Menschen.

Die wichtigen Menschen in der Wirtschaft, Exekutive, Legislative und Judiskative sind wahrscheinlich meistens Verbrecher.

  • Wo die Regeln der Demokratie enden, beginnt die Freiheit des Erz-Schuftes.
Neu: Sonntag, 29.03.2020 (src)


»Der Öffentlichkeit Einzelheiten über mich selbst mitzuteilen, ist eine bourgeoise Versuchung, der ich stets widerstanden habe.«
Gustave Flaubert


(Ein zusätzlicher Abschnitt über Gustave Flaubert ist übrigens weiter unten zu finden)

"Nein, ich bin nicht verstockt", sagte er. "Es ist mir egal, und es geht mich auch nichts an, wie sich die Leute öffentlich präsentieren. Früher nannte man fremde Leute, die einen auf der Straße angesprochen und einen sofort mit ihren intimen Lebensgeheimnissen bekannt gemacht haben, verrückt. Ich finde aber, man sollte gerecht sein, und sie nur als zu früh in die Zeit Geworfene betrachten."

"Aber kuckmal", sagte A., der ehemalige Kollege seiner treuen und würdigen Ehefrau D. aus Bibliothekarszeiten. Sie hatten sich hier verabredet, weil die beiden Bibliothekare etwas im Netz nachschauen wollten, aber dann hatte es sich doch so ergeben, daß er sich dazugesellt fand und man die homepages diverser Bekannter aufgesucht hatte, worin das gesittete Surfen doch immer endet. "Kuckmal, das ist doch so schön gemacht. Ich finde diese schwarze Schrift auf gelbem Untergrund, hier etwa die da, sehr ästhetisch." A. zeigte mit dem Finger darauf und ging näher an den Monitor, um zu lesen. A. hatte sich aus den Bibliothekarskreisen hochgearbeitet und studierte jetzt Informationswissenschaften in Konstanz. "Ich möchte nochmals auf den www-Buchkatalog zurückkommen, äh -klicken, mhh -blättern", sagte D., die als einzige noch wußte, warum sie vor dem Computer standen und die homepages nicht mochte. Sie wollte Informationen. Sie verstummte.

Wohlgemerkt, die drei standen vor einem Terminal, hier in der Stadtbücherei, weil man auf diese Weise wohl von oben, von der Verwaltungsseite hoffte, die kostenlose Surferei wenigstens der älteren und gebrechlicheren Neuen-Medien-Benutzer abzukürzen. Die älteren Leute unter den Neue-Medien-Benutzern hatten, wieder einmal, wie so oft in allen Lebensbereichen, das Nachsehen beim technologischen Vorpreschen. Es ist doch immer das gleiche mit den Neuen Medien, elitär, arrogant, selbstbezogen und nabelschauend, diese Neuen Medien, und die sie verwalten, die Neuen Medien, sind es auch. Die Neuen Medien, die das ganze Leben umwälzen werden, ich sag nur Neue Medien.

"Bäck, bäck, bäck, da, Buch", sagte D..

"Die Wirklichkeit ist doch ganz anders", sagte A., er hatte den Blick immer noch dicht beim Focus. "Man sieht doch nur, was man sehen will. Den Leuten früher, die einen auf der Straße ansprachen, konnte man nicht ausweichen. Hier mußt Du die Seiten ja nicht anwählen, auf denen sich die Leute allzu geschmacklos selber in den Vordergrund stellen. Das sind diese Leute, die, nur weil sie wissen, wie man eine Suchmaschine foppt, immer am Anfang jeder Trefferliste erscheinen und daher wichtig sind. Und das ist doch wirklich so, daß sie dadurch auch wirklich wichtig sind, oder?" Er strich sich eine Strähne aus der Stirn. (Er verließ sich darauf, daß man die Ironie seiner Aussage ohne weiteres verstand.)

"Hast Du eigentlich auch eine homepage, A.?" fragte er. "Dann sollten wir ja jetzt noch kurz hinbrausen, und danach gehe ich aber heim" - "Naja, ich gestalte einige Seiten im Institut", sagte A., und tipperte flink auf der öffentlichen Tastatur. "Es ist nichts besonderes, nur statistische Graphiken und so." - "Keine eigebauten JAVA-Applets?" fragte er entsetzt. A. war jetzt ganz kleinlaut, desavouiert und bloßgestellt. "Nein", gab er zu.

"Hast ja auch recht. Guck mal, obwohl die ganzen Medien so toll und neu sind, finden sich schon jetzt reichlich Menschen, die den Stuß nicht mehr mitmachen. Hier ist ja auch schon wieder so einer, der dem Allerneuesten schon mit Überdruß begegnet", sagte er.

"Ja", sagte A., "aber die meisten haben dennoch einen irren Spaß daran."

"Das muß doch eine Entwicklung sein, die den Bibliothekaren Zukunftsangst macht", sagte er vorsichtig. "Bücher liest zwar ohnehin keiner mehr, aber bisher tat man wenigstens so, als würde man sie für unheimlich wichtig halten. Inzwischen geht man doch bloß noch in die Bibliothek, um Leute anzugaffen. Schau dich doch nur mal um, die ganzen Leute hier machen ja nichts anderes als uns anzustieren."

"Das ist, weil du so laut rumtönst", sagte D.. "Außerdem redest Du, wie so oft, auch inhaltlichen Unsinn, denn natürlich lesen die Leute weiterhin Bücher. Glaubst Du im Ernst, daß im Internet irgendwer einen langen Text auch nur anfängt zu lesen, geschweige ihn bis zuende mit seiner Geduld beehrt, und wenn doch, ihn nur eilig quergelesen haben wird. Richtiges Lesen mitsamt den Museminuten des genußvollen Verstehens findet nur offline statt. — Und außerdem sind wir drei ja auch deshalb hier, weil man hier kostenlos surfen kann. Auch das hat etwas mit öffentlicher Bereitstellung von aufklärerischer Lektüre zu tun." Sie war ein bisschen genervt, sah aber unglaublich gut dabei aus. "Übrigens hat da sogar einer seine Bücherliste veröffentlicht, ah, gar nicht mal so uninteressant." Sie vergaß ihren Ärger und scrollte durch. D. war ihrem Mann etwas böse. Eigentlich hatten sie bibliographieren wollen, und jetzt kam man wieder mal vom Hundersten ins Tausendste. Aber eigentlich hatte sie schon vorher gewußt, daß wieder mal keine ernsthaften Informationen übers Netz wandern würden. Und sie fand es okay, daß ihr Mann nun heimgehen würde, während sie mit A. noch ein wenig in Roger's Kiste sitzen würde. So hatte sie die Chance, an diesem Tag noch über etwas anderes reden zu können als über diese dummen unsoliden indiskreten und verrückten Neuen Medien.

Als sie dann draußen, vor der Stadtbücherei, am Portal des Wilhelmspalais, direkt am Charlottenplatz, dem wichtigsten Verkehrsknotenplatz der Stadt standen, und ein lauer Frühlingswind über sie hinwegwehte; während gleichzeitig die Abendsonne die drei ein wenig zum Blinzeln brachte, sagte er, daß er sich nun verabschieden würde.

(Solltest Du, geneigter und voyeuristischer Leser, nicht ebenfalls weitersurfen, spätestens an dieser Stelle? Merkst Du nicht, wie indiskret Du bist, wenn Du inmer noch weiterliest? Der Chat wartet! Wer weiß, wohin sich dieser losgelassene Homepage-Ersteller noch treiben lassen wird in seiner bodenlosen Geschwätzigkeit! Überhaupt, was bist Du denn für einer, der bis hierher gelesen hat. Das ist nicht vorhergesehen, es widerspricht allen Erfahrungen und allen Thesen dieser Seite, und das ist eigentlich eher ärgerlich. Los, verpiß Dich!)

Er wiederum sagte, er habe nun Hunger und wolle sich daheim sein eigenes Süppchen kochen. "Ich habe auch Hunger!" sagte D., "ich will eine Currywurst beim Brunnenwirt!". - "Die Currywürste sollen ja echt gut sein beim Brunnenwirt, die besten in der ganzen Stadt, wie man hört. Ich glaube, ich versuche auch eine." sagte A.. "Ach, eine Currywurst beim Brunnenwirt…" sagte er träumerisch. "Warum kommst Du nicht einfach mit?" fragte A.. "Na gut", sagte er.

Exkurs: Bauwerke

Sie schlenderten die ehemalige Auffahrt des Königs von Württemberg, der ja tatsächlich früher in der Stadtbücherei gewohnt hatte, hinunter, ergötzten sich am Neubau der Musikbücherei, der sich linker Hand sehr postmodern ins Bewußtsein drängte und fühlten ein schnelles Gefühl der Freiheit in der Zeitlosigkeit vorüberhuschen. Zumindest ihm ging es so. Aber er war ja auch der einzige, der gerade etwas Ungeplantes tat.

"Dafür, daß Stuttgart gewiß eine schrecklich biedere und pietistisch schrille Stadt ist, hat sie eine lustige Prachtstraße als Visitenkarte, Aushängeschild oder reale Homepage, oder wie man das im wirklichen Leben so nennt." - (Nachsichtiges Lächeln der anderen, sie wußten ja, dies ist nur ein Text, den keiner zuende lesen würde) - "Lauter verschiedene Baustile, die teils extrem häßlich sind, wie etwa die Landesbibliothek, die ganz ungehemmt im Stil der sechziger Jahre hingeklotzt wurde. Mannmannmann. Daneben die Stadtbücherei im niedlichen Wilhelmspalais, das kennen wir schon von innen. Und da hinten residiert die Edle, die Prachtvolle, die Staatsgalerie, die wahnsinnig schick und berühmt ist. Die Musikhochschule daneben, die den Stilemix hübsch erweitert, indem sie versucht, die Staatsgalerie ideenlos zu kopieren, paßt schon wieder zur Landesbibliothek, die daran anschließt. Langweile ich Euch sehr?"

"Das Witzige ist, daß ich es noch nie so betrachtet habe, obwohl ich schon tausendmal in Stuttgart war", sagte A..

"Ja, es macht schon einen Unterschied, etwas nur zu sehen oder darüber zu sprechen", sagte er mit Inbrunst.

"Reden ist ja ohnehin etwas, was Du die ganze Zeit ohne zu ermüden tun könntest", meinte D., die immer noch nachsichtig lächelte.

Er antwortete nicht. Sie standen nun direkt am Charlottenplatz am Fußgängerüberweg und sahen Unmengen an Vans, Cabrios, Jeeps und sonstigen Autos an sich vorbeibrausen. Es war so laut, daß das Gespräch sowieso unterbrochen worden wäre. —

Plötzlich war da ein Mann, der sie anbrüllte. Sie erschraken und sahen den Mann an, der aus Leibeskräften schrie. Warum tat er das? Woher wußte er das? Nach einigen Sekunden merkten sie, daß er sich nur verständlich machen wollte und daß er eigentlich innerhalb seiner Möglichkeiten ganz höflich nach dem Weg zum Bahnhof fragte. Er sei Tourist und habe sich verlaufen. Dann standen vier Leute gestikulierend und brüllend da, und nach einer Weile gingen drei davon über den Fußgängerüberweg, während einer den Weg zur Staatsgalerie einschlug. Ein paar hundert Augenpaare hatten das Vorkommnis hinter Autoscheiben hervorlugend beobachtet.

Dies alles geschah auf dem Charlottenplatz, auf dem und unter dem lauter kleine Informationspakete ihren Weg in irgendeiner Weise suchten. Es war heavy traffic um diese Zeit. "Früher war hier der sogenannte Häfelesmarkt, in einem Stuttgart-Bildband in der Bücherei habe ich mal ein Bild davon gesehen. Das war wirklich ziemlich anders. So idyllisch. Irgendwelche Frauen verkauften unter Platanen Töpfe und Behältnisse für den Haushalt, und das war ihr Leben. Ein Gefühl wie noch im Internet 1993", sagte er, der es sich einfach nicht abgewöhnen konnte, den Insider und Geschichtsintimen zu spielen, vielleicht, weil er irgendetwas beweisen mußte.

"Schaut mal, da hinten läuft ein Mann, der aussieht wie Gustave Flaubert", sagte D..

"Wer ist das denn?" fragten A. und der "Insider" im Chor. Aber da wurde die Fußgängerampel grün und sie brauchten alle Aufmerksamkeit, um über die Straße zu gelangen. Auf der anderen Seite hatten sie dann so viel erlebt, daß sie die Frage wieder vergessen hatten. (Aber selbstverständlich würde die Rede nocheinmal ausführlich auf diesen Punkt kommen, deswegen existiert diese Aufzeichnung ja überhaupt.)

Zweiter Exkurs: A.s Erzählung

Während sie unter dem großen Hochhaus am Charlottenplatz durchgingen und den Eingang zur U-Bahn-Haltestelle rechts unten liegen ließen, sagte A.: "Ist das eigentlich das höchste Hochhaus in Stuttgart?" - "Kann gut sein", sagte der andere. "Ich meine, es ist ja schwindelerregend, selbst im Vergleich mit allem, was so in Manhattan rumsteht. Eigentlich schade, daß es keine Schwarzweiß-Fotos aus den sechziger Jahren gibt, als beim Bau irgendwelche speziellen unerschrockenen Oberschwaben in schwindelerregender Höhe die T-Träger verflanschen." - "Ja, das wäre doch wichtig: Dokumentationen in irgendwelchen Bildbänden über Stuttgart. Vorne Häfelesmarktidylle, hinten scysraper-Baufotos. Aber im Ernst, zehn oder elf Stockwerke sind es schon, oder?" fragte A.. "Meinst Du wirklich?" fragte D. zweifelnd.

Sie kamen am Bohnenviertel vorbei. "Das ist das Bohnenviertel!" sagte er.

"Ich kenne einen Typ in Konstanz, der studiert auch Informationswissenschaft, Dennis ist sein Nickname, der ist auch so eine Bohnenstange. Der ist so lang und dürr wie dieses Hochhaus da", sagte A.. "Jedenfalls: der hat dort unten eine Studentin kennengelernt, die ein bisschen schräg drauf ist. Sie hat so einen touch von Alt-68er-Tum, schwer menschenfreundlich in der Grundeinstellung und wird von romantischen Anwandlungen offenbar regelmäßig heimgesucht…

…und wie die sich anzieht! Aber sie hat ein süßes und liebes Gesicht, und auf sowas fahren die Kerle ja öfters mal ab." - "Ich nicht", sagte er. - "Jedenfalls", sagte A., "ist dieser Dennis volle kanne drauf abgefahren. Einmal, als ich in Konstanz vom Parkhaus rauskam und zur Uni ging, hörte ich, wie die beiden an diesem Kunstwerk am Parkhausausgang, bei diesem Betonporsche da, heftig diskutierten. Was haben wohl solche Menschen miteinander zu reden? Sex? Karriere? Verbrechen? Ich hörte also mal zu, damit ich was lernte. `Also, ich muß noch tanken, und dann können wir los.` sagte dieser Dennis. Und die Romantikerin `Ich muß noch die Eltern anrufen, außerdem muß ich noch ein Treffen mit Tamara heute abend absagen.` Dann sagte der Typ: `Und Du willst das Seminar wirklich ausfallen lassen? Das ist ein wichtiger Schein.` Da überlegte die Romantikerin rum, was mich ärgerte, denn ich wollte wissen, was die da verabredeten und konnte ja auch nicht stehenbleiben. Mach hin, entscheide dich, dachte ich und ging langsamer. `Mhh, mhhh`, machte die Menschenfreundin, und dann endlich `ja, los, laß uns jetzt sofort nach Venedig fahren. Haben wir eigentlich genug Geld?` - `Ich habe noch achtzig Mark`, sagte der Typ, und ich dachte schon, ob das nicht ein bisschen wenig ist. `Ich habe noch dreißig` sagte die Tussi. Und dann war ich endgültig vorbei."

"Ja, und dann?" fragte D..

"Naja, einige Wochen später sah ich die beiden in der Mensa sitzen und erinnerte mich wieder an die Betonporscheszene. Dann sah ich wieder einige Zeit später Dennis, diese Bohnenstange, und fragte, was er die letzte Zeit so getrieben habe. `Programmiert`, sagte er. Und sonst, fragte ich. `Flaubert gelesen, Bouvard und Pécuchet.` Hast du noch diese hübsche, nette Freundin, die sich so toll unkonventionell anzieht, fragte ich, schon ganz leicht genervt.

`Naja, wir waren im Urlaub, da ging uns das Geld aus.` - `Oh, seid ihr beraubt worden? Wo wart ihr denn?` - `Wir

waren in Italien, in Venedig, und das Auto ist uns ausgeraubt worden, als wir es in einem Großparkplatz geparkt hatten. Wir sind dann zur Polizei und haben den Schaden gemeldet, die gaben uns einen Schein für die Versicherung, aber wir waren gar nicht versichert, und auf dem deutschen Konsulat hatten wir eine Menge Glück, die haben uns das Geld vorgestreckt, das die Versicherung zahlen mußte. Keine Ahnung, wie das ging, der Schein hat gereicht. Dann sind wir in ein schönes Hotel am Lido und haben dort vier Tage lang gewohnt. Der Service war echt gut.` - `Das klingt ja wie im Märchen.` sagte ich, und meine Neugier war eigentlich schon erschöpft. Ein bisschen neidisch war ich natürlich auch. Mir passieren nie so seltsame und romantische Dinge, aber ehrlichgesagt finde ich das auch bodenständiger. - `Im Hotel wußten alle von unserem Mißgeschick und bemühten sich, uns gut zu bedienen. Der Kellner abends war richtig zuvorkommend. Es war ziemlich ok. Es gab sogar eine polnische Familie, die sehr kultiviert war und einen sehr hübschen etwa vierzehnjährigen Sohn auf die alten Herren wirken ließ. Aber wir lachten natürlich nur darüber.` - `Oh, und jetzt seid ihr wahnsinnig verliebt, da ja die Umstände so glücklich stehen?` fragte ich leicht konsterniert. `Ja`, sagte er."

"Ich meine ja nur, irgendwie ist er eine Bohnenstange und weil wir hier an diesem Bohnenstangenviertel vorbeigehen, ist es mir halt so eingefallen", sagte A..

"Es heißt bloß: Bohnenviertel", sagte er. "Dann vergiß die Geschichte", sagte A..

"Fällt das unter die Rubrik ` Tratsch

und Klatsch aus Konstanz`?", fragte D.. "Naja, wie man's nimmt", sagte A., "es gab in Konstanz mal sogar eine Diplom- oder gar Doktorarbeit über den sozial höchst wichtigen Status des Tratschens, die sogar im Spiegel rezensiert wurde."

"Das ist wirklich lächerlich", sagte D.. "Alles, was ich an Büchern aus Universitätskreisen kriege, sind immer die lächerlichsten Untersuchungen über alberne kleine Dinge des Lebens, welche aber, ich meine die Untersuchungen, immer einen Magister- oder Doktortitel rechtfertigen. Ich finde das schrecklich."

"Vielleicht ist ja alles Wichtige längst bearbeitet, sodaß nur noch solche Sottisen für den akademischen Betrieb taugen?", vermutete er.

"Das gilt dann aber nur für die höchst veralteten Fakultäten der Germanistik, Soziologie oder Philosophie ", sagte A.. "Denen fällt nichts mehr ein als Kleinkram und biedermeierliche Aufwertung des Vernachlässigbaren. - Aber bei uns gibt es sehr interessante Untersuchungen über die Nutzung der neuen Medien, intelligente Informationsbereitstellung im Internet und solche Dinge, die wir doch sogar selber noch vor einer halben Stunde gebraucht haben, als wir Informationen im Internet recherchiert haben." Er mußte selber lachen.

"Ach, gerade das meinte ich doch mit dem Vernachlässigbaren. Der Tratsch tritt nur in eine neue Form ein, die ihm leider wieder zuviel Bedeutung verschafft", sagte D., obwohl sie zum Thema eigentlich nichts mehr zu sagen hatte. "Es ist sowas wie ein Rückfall in die Zeit, als es noch keine öffentliche Meinung gab, und einzelne Leute meinten, sie hätten die Wahrheit für sich gepachtet und auch mit ihren Meinungen so auftraten." Jetzt hatte sie aber eindeutig genug gesagt und kuckte in ein Schaufenster einer Bildergalerie, an der sie gerade vorbeikamen. Im Bohnenviertel gab es sie an jeder Straßenecke.

Sie blieben alle drei stehen und kuckten ein bisschen durch das Schaufenster.

"Unglaublich", sagte A.. "Das ist die Härte", sagte er. "Mhh", sagte sogar D..

Unter vielen abstrakten Gemälden der Moderne, die meistenteils von Willi Baumeister oder Oskar Schlemmer oder sonstigen Stuttgarter Wilden in sehr antibürgerlicher Manier hergestellt waren, hing ein sehr konkretes Bild, aus Öl und laut Legende den Besitzer der Galerie mit Frau und Kind darstellend, eine neosozialistischen Realität anmahnend, dem kleinsten Detail verpflichtet, aber das große Ganze höchstwahrscheinlich verfehlend (aber wer konnte das sagen: keiner von ihnen kannte den Galeriebesitzer), wahrscheinlich kein Jahr alt, und es biß sich mit den anderen.

"Ich bin begeistert", sagte er und blickte gleich darauf in viel nachsichtiges Lächeln der beiden Bibliothekare, wovon einer seine Frau war, denn sie wußten ja schon, was er jetzt sagen würde, aber er merkte es nicht, "ich liebe Peinlichkeiten grundsätzlich. Ich kenne einen Chat-Freund, dem ist es ähnlich ergangen wie diesem Galerist. Er hat sich eine Homepage zugelegt, in der er über die Wirklichkeit seines Lebens berichtet hat, inmitten all der Lüge und abstrakten Wissensvermittlung, meine Güte, ich fand es ehrlich und gut gemeint und wahnsinnig eigentlich und nicht weiter auffallend in dieser gigantischen Schülerzeitung namens Internet, mäßig amüsant, aber so gut wie alles andere. Nagut, er setzt seine Page ins Netz, wird öffentlich und hofft natürlich auf die Zuschriften fremder Menschen, die sich in ihm wiederfinden und ihm aus sicherer Entfernung in sein Guestbook hinein sagen, daß er sympathisch und nett und nicht allein in der Welt ist."

"Bis hierher ist alles ganz normal." sagte A. lächelnd.

"Genau. Aber dann war es so, daß niemand seine Seite interaktiv annahm, außer seinen Eltern, die extra wegen ihm neu in diese Technik dazukamen. Extra wegen ihm. Also sie wußten nichts von der sogenannten Netzkultur, sondern sie wollten nichts anderes als seine homepage lesen und auf diese Weise was von ihrem Sohn erfahren, - und die dann einigermaßen empört waren."

"Hatten sie einen Kulturschock?" fragte D. lächelnd.

"Genau. Er beklagte sich daraufhin im Chat bei uns anderen, daß seine Eltern keine Ahnung hätten von dem Witz und Esprit, den er parodistisch auf seine Netzerfahrungen verwendet hätte, denn sie kannten nichts vom Netz, sondern nur seinen Text und mußten daher die Freuden der Intertextualität vermissen. Nunja, und auf seinen Seiten sei halt, auf ironische Weise, wie er selber meinte, viel von Sex die Rede. Aber man müsse halt wissen, daß Pornographie im Netz etwas anderes sei als anderswo."

"Moment mal, er hatte eine von diesen Schweinegifseiten, und seine Eltern waren die einzigen, die sie besuchten? Das kann aber nicht sein", sagte D. ernst. - "Das kann schon sein, denn sie waren die einzigen, die ihm Rückmeldung gaben. Die anderen haben nur die Bilder abgesaugt, wortlos, sozusagen lüstern schweigend während des Downloads, wie das in diesen Kreisen üblich ist. Wer im Netz plaudert, hat nicht verstanden, daß Sprache hundertmal indiskreter ist, als jede Veröffentlichung von Bildmaterial. Überhaupt sind Bilder immer herrlich unbedeutend, solange bis jemand kommt, der über sie spricht und kund tut, ob sie gut oder schlecht zu bewerten sind. Das ist dann der, der sie in Sprache umsetzt."

"Das ist jetzt aber sehr seicht, was Du sagst", sagte D. noch ernster. Sie bogen in die Leonhardsstrasse ein.

"Gewiß, es ist ein statistisches Problem, ob man verstanden wird, oder nicht. Kunst besteht darin, den normalen Anteil an Irren für sich stärker zu interessieren, und der Anteil der Irren hängt immer von den jeweiligen sozialen Verhältnissen in den jeweils populären Medien ab."

"Das verstehen wir nicht!" sangen die beiden anderen im Chor.


…Kommentieren?

Alles normal

Literaturtip für Eingeschlossene:

  • Die Pest von Albert Camus.
  • Das gilt für beide große Epidemien,
    • die vom Nazivirus.
      • und die von Coronavirus nebenbei auch.

Es ist alles eitel

Du sihst, wohin du sihst, nur Eitelkeit auff Erden.
Was diser heute baut, reist jener morgen ein.
Wo itzund Staedte stehn, wird eine Wisen seyn,
Auff der ein Schaefers-Kind wird spilen mit den Herden.

Was itzund praechtig blueht, sol bald zertretten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein,
Nichts ist, das ewig sey, kein Ertz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glueck uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm, muß wie ein Traum vergehn.
Soll den das Spil der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß, was wir vor koestlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wisen-Blum, die man nicht wider find't.
Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

Andreas Gryphius

Die Menschen haben einen Schnupfen

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis

Frei wie ein V…

Viel Schauerliches

  • Ach ja, und viel Schauern.

Der Literaturtipp für uns alle Eingeschlossene:

  • Die Pest von Albert Camus.
    • Das Buch gilt für beide große Epidemien,
      • die vom Nazivirus.
        • und die von Coronavirus nebenbei auch.

Pour le merite…

Systeme, die sich ändern,

  • sind spannend, interessant,
    • und manchmal auch positiv,
      • und wir erleben es nun mit.
        • (Wie immerzu)

Zukunft ohne Utopie.

Es gibt keine Idee,

  • die das ganze Erleben aller Menschen zusammenfasst,
    • denn das ist immerzu völlig und jeweilig speziell.
      • und mit allerhand unterschiedlichen Gedanken gespickt.
  • für das Alter,
    • lieber keine Versicherungsagenten bezahlen,
    • lieber keine Finanzkonzerne bezahlen,
    • lieber keine Privatkonzerne bezahlen,
    • lieber keine Parteien wählen, die die Privatkonzerne bereichern wollen. (CDU/SPD)

Der verkrachte Landschaftsarchitekt

Ich setze mich tief unter's Wasser
an eine Stelle weit stromabwärts,

geb' mich meiner Halbheit hin
im Träumen und im Planen
und im konkreten Rahmen des
von mir, dem Wasserarchitekten, klug
erdachten fließgenauen Landstriches da unten, den
ich mir auf sand'ger Fläche selbst erschuf.

Schon manchmal badete ich mich
in der Erinnerung an trockenangelegte Gärten,
sonnenzugewandt im heißen Mistral.
Das Atmen in der Luft.
Man ruhte dort auf Bänken und im sanften Schatten.

Doch setz' ich mich viel lieber unter's Wasser
an eine Stelle weit stromabwärts
und bleibe meistens wochenlang,

ohne aufzufallen.

(Aus: Gedichte für Übersetzer.pdf)

Carne

Also zu Fasching werden

  • die Frauen wieder jeweils einzeln zum Weiblein, aber unterm
    • falschen Historien-Humor ist das das letzte Refugium der
      • FDP-Frauen.

Was wüst ist, ist schön

  • Jede Industrielache wird einst ein Stausee sein,
    • und jeder Wald, wir einst eine Industrielache werden,
      • denn so wächst die Welt,
        • denn so gedeiht die Welt,
          • denn so stirbt die Welt.
  • Jeder Weltuntergang wird ein weiterer sein,
    • und danach gibt es wieder die Genesis einer bereits in den Startlöchern, die wohl echte Löcher sind, steckenden species sind.

Ungenutzt bleiben

Dialektik des Anstands.

  • Die Massentierhaltung ist fest im CDU-Denken, schade um die
    • Qualen der Tiere, aber Tiere sind halt auch nur Dinge im
    • Staatsverständnis aller anderen Parteien aber vor allem der
    • CDU. aber es gibt keine Befreiung jemals für die immerzu
    • lebendigen Industrie-tiere.

Der Anstand, das ist das Verhalten gegenüber aller anderen Lebensformen,

  • indem man sie ungenutzt leben läßt.

Emile Zola

schrieb die Romane, die die moderne Welt verständlich machen. In "Die Beute" erzählt er von der Immobilienspekulation im Paris des großen Umbaus in den 1880er Jahren. In "Germinal" beschreibt er die Bergarbeiteraufstände in Nordfrankreich Ende des 19. Jhs.

  • Und diese Themen gelten in erstaunlicher Weise heute noch.
    • Es reicht völlig für die Kenntnis unserer modernen Welt, diese Romane zu kennen,
      • und auch das Wort "Modernität" ist sehr relativ.
        • Zola ist kein sehr zeitgemäßer Autor, er ist der zeitgemäßeste.

Das Paar

Kürzlich langweilte ich mich im Alten Schauspielhaus bei dem Theaterstück Der Tod des Handlungsreisenden von Arthur Miller fast zu Tode, während seiner dahinfließenden Unaufdringlichkeit hatte ich genügend Zeit, über den Autor nachzudenken. Besonders gut schnitt der Mann dabei natürlich nicht ab.

Dies mag schon während mancher Aufführung von manchem, der im Dunkeln saß und gelangweilt auf die hellerleuchteten Bühnendialoge blickte, gedacht worden sein: Millers künstlerische und solide Unbedarftheit, die einem Amerikaner gut ansteht und einem Europäer schnell ins Auge springt, hätte ihn weniger in den Rang des repräsentativen Intellektuellen der sechziger Jahre erheben können, als es seine Aufsehen erregende Heirat mit der immer noch repräsentativen Schönheit der Marilyn Monroe vermochte. Diese Heirat aber des Stückeschreibers Arthur mit der Filmschauspielerin Marilyn gilt als Paradigma von Schönheit, die sich mit der Intelligenz verbindet, bis in unsere Tage; es gibt kein neueres; der vollendete Zusammenschluß von Körper und Geist, der die überkommene Vorbildhaftigkeit antiker Statuen ablöst und den Werkstoff Marmor endlich gegen die wirksameren Materialien Hochglanzpapier und Zelluloid eintauscht, ist das immer noch moderne Ideal. Gäbe es einen Mythos von Eros und Psyche in der postmythischen Zeit, das wäre er.

Aufgrund dieser inzwischen historischen Mixtur von Miller und Monroe hält sich der geistige Teil, - das ist unter anderem Der Tod des Handlungsreisenden-, bis heute auf den Spielplänen und kann weiter nebenbei einer öden und schal gewordenen Humanität frönen.

Aber es ist seltsam, wie Qualität gewonnen wird durch das Zusammenbringen von Blondheit und Denkertum, so unvollkommen beides für sich genommen auch sein mag. Denn natürlich ist Marilyn Monroe nicht die schönste Frau der sechziger Jahre und schon gar nicht die begabteste Schauspielerin. Und Arthur Miller ist, entgegen den Behauptungen der Kritik, keineswegs ein literarisches Genie. Aber beide zusammen, auf einem Photo, in einem offenen Auto, in ihrer Eigenschaft als Sexsymbol und Erfolgsschriftsteller, bewirken eine ungeheure Suggestion vom höchsterreichbaren Glück. Noch in unserer Zeit fühlen sich viele Schönheitsköniginnen dem spröden Charme von Stubenhockern verpflichtet, nur weil sie an diese Harmonie der Sphären glauben, die ausgerechnet in den sechziger Jahren von ausgerechnet Amerikanern vorbestimmt wurde.

Ich hielt mich dank solcher Überlegungen ganz gut bis zum Schluß des Stückes, welches selbstverständlich von einem amerikanischen Vater-Sohn-Konflikt handelte. Na gut. Nach einem höflichen, doch knappen Schlußapplaus, strich sich Marcia, die ich übrigens für diesen Abend gewinnen konnte, und die sich im Gestühl neben mir träge geräkelt hatte, ihre blonden Haare nach hinten und fragte mich, ob wir nicht noch etwas trinken gehen sollten, nach all dem Durchgestandenen, etwa in die "Bar le théatre" nahe der Königsstrasse und unseres Autos. Wir schlenderten dorthin, durch die belebte Fußgängerzone, und ich fühlte mich verpflichtet, uns den Weg durch einige wohlgesetzte Kommentare zu der erlebten Theateraufführung zu verkürzen, was aber mich selbst mehr amüsierte als Marcia. Immer hatte ich das Problem, nicht so mondän scheinen zu können wie sie es war.

Später tranken wir Rotwein, den uns der Ober in dem halbleeren Café rasch herbeibrachte, und Marcia erzählte mir von ihrer neuen Lieblingsmusik, einem "total abgefahrenen Techno-Album" von der Gruppe X. Das sei "brutal tanzbar" und es habe einen durchlaufenden "Mörderbass", der einem direkt in die Eingeweide fahre. Mit einer vernünftigen Lightshow könne man sich auf diese Musik ziemlich edel in eine dezente Ekstase tanzen, und das sei unter uns gesagt ein anderes Vergnügen als so ein Abend im Schauspielhaus. Ich war schon einmal vor längerem mit Marcia in einer Discothek gewesen und mußte zugeben, daß sie beim ekstatischen Tanzen freilich keine schlechte Figur machte. Es gibt also ein ganz objektives Amüsiergefälle zwischen Theater und Musikbetrieb, dachte ich bei mir. Und natürlich kannte ich diese neue Techno-Gruppe ebenfalls und bestätigte, daß deren Musik sehr hörbar sei. Ich würde aber vermutlich alles bestätigen, was Marcia sagt, wenn sie nur indessen mit dieser bestimmten Geste ihre blonden Haare aus der Stirn striche.

Dies tat sie des öfteren, als ich, ein wenig animiert vom Rotwein, gesprächsweise die folgende Theorie entwickelte: Die Anziehungskraft des Ehepaares Monroe/Miller sei restlos veraltet, sowohl was die ästhetische als auch die künstlerische Seite betreffe. Man müsse sich endlich neue Paradigmen suchen, die einfach mehr reinhauten, aber trotzdem ähnliche Chancen auf Popularität besäßen. Gewiß würde solche Kritik nicht an der Blondheit Marilyn Monroes ansetzen, was immer etwas äußerst hinreißendes sei, eher schon an dem Beruf der Schauspielerin. Der Ruhm, der in dieser Branche zu erwerben sei, habe kaum noch das geheimnisvolle Flair wie in den früheren Zeiten, sondern sei denkerisch weitgehend erschlossen und liege nun, aufgrund der bekannten und deftigen Kritik an der Kulturindustrie, eher glanzlos da. Die Monroe sei das Symbol des seichten Unterhaltungsfilmes, und eben der Unterhaltungsfilm sei das z. B. von Adorno geprügelte Beispiel einer dekadenten und verlogenen Unterhaltungsmaschinerie. "Erfolgreiche Filmschauspieler sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!" sagte ich und Marcia schaute mich zweifelnd, aber durchdringend an. Sie sagte: "Na, und was ist mit Depardieu und Philippe Noiret? Oder was ist mit den großen amerikanischen Stars, von denen doch einer berühmter ist als der andere. Zum Beispiel Arnold Schwarzenegger…"

Ich schwieg eine Minute und sprach dann weiter: "…oder Michelle Pfeiffer. Du hast natürlich schon recht. Aber ich bleibe dabei, daß der soziale Rang der Schauspielerei nicht mehr diesen Glanz verbreitet wie in den sechziger Jahren. Größeres Prestige und mehr öffentliche Zuwendung genießen in unseren neunziger Jahren die großen Stars der Musikszene. Was ist Noiret gegen Madonna? Was unter uns gesagt nichts daran ändert, daß Popularität als solche immer mehr in den Ruch der Dämlichkeit gerät, egal in welchem Bereich sie stattfindet. In unserer öffentlichen Welt ist der öffentliche Mensch etwas durch und durch verwerfliches geworden. Aber dennoch: wenn schon unbedingt populär sein, dann doch bitte als Musiker. Da ist wenigstens noch ein bißchen Magie, durchmischt mir Scharlatanerie und ziemlich viel Erotik, nicht wahr? Und verbringt nicht ein normaler Mensch mehr Zeit damit, Musik zu hören und darüber zu sprechen, als über Filme. Denn freilich befindet man sich häufiger in der Nähe eines Radios als im Kino. Daß kaum einer mehr in der Lage ist, geistreich über solche kulturellen Dinge zu sprechen, mit denen man doch Großteile seines Tages zubringt, beweist schon die annähernde Ausschließlichkeit, mit der die Musikkultur rezipiert wird. Es gibt inhaltliche Kinokritiken, aber kaum inhaltliche Musikkritiken. In diesem Bereich herrscht Sprachlosikgeit, was aber eben für diesen Bereich spricht. Es gibt ja kaum noch Vergleichsmöglichkeiten zwischen der populären Musik und was für anderen Dingen eigentlich? Es gibt keine Vergleiche! Die Musikindustrie in ihrer Unangreifbarkeit ist viel absoluter geworden als die Filmindustrie je war. Das mag daran liegen, daß Musik eben weit schwieriger verbal zu erfassen ist, als eine Filmhandlung. Die Zeitschriften mögen leichter Kritiker für´s Filmfeuilleton finden als fürs Musikgeschehen, also ist ihnen und damit der Kultur der Film immer noch näher. Es gibt den anarchischen und äußerst anziehenden Zustand der Wortlosigkeit in der Musikkultur. Die Jugendlichen, die durch jedes geschriebene Wort schon wieder an ihre Geißel Schule oder Ausbildung erinnert werden, lassen sich solch eine Verbalisierung und Vergeistigung, wie sie im Filmgewerbe üblich geworden ist, nicht bieten. Sie vergnügen sich lieber wortlos in der Musik und genügen sich in der gegenseitigen Versicherung, daß diese oder jene Musik echt super sei. Welche Freiräume des Gefühls in dieser simplen Versicherung! Und was braucht es auch mehr zum Ausdruck des Nicht-Allein-Seins-in-der-Welt?

Somit sei also als moderne Göttin solch eines Lebensgefühls eine schöne, natürlich hellhaarige Musikerin genommen, mit verspielten Locken und einem schönen Lächeln, Marcia."

Der Ober kam und wir bestellten noch Wein. Marcia dehnte sich in ihrem Kleid und erzählte mir von den Schwierigkeiten, eine angemessene Kleidung zu einem angemessenen Preis zu finden, und daß Strickröcke noch immer eine gute Alternative seien, wenn man ins Theater ginge. Ja, eben bei solchen Theaterabenden wie heute habe sie einige Energie aufwenden müssen, eine gemäße Hülle zu finden. Sie lächelte durch mich hindurch an, als sie die übergeschlagenen Beine träge durchtauschte. Ich hatte große Mühe, den Faden wieder zu finden, und über dieser Mühe vergaß ich den Strickrock.

"Wenn wir nun also die künstliche Schönheit und zweifelhafte Sängerin Madonna mit Deiner Erlaubnis als das populäre Paradigma ansetzen wollen, deren Perfektion in allen Aussehensdingen uns beide entsetzt und deren Reichtum uns lächeln macht; die jetzt allgegenwärtig ist und in wenigen Jahren schon wieder ganz und gar vergessen sein wird, dann wollen wir uns instinktiv nicht nur an weniger Künstliches und weniger Befremdendes halten, sondern dann wollen wir auch was Passendes aus dem Denkerreich entnehmen, um unsere imaginäre Hochzeit perfekt zu machen, dozierte ich. Damit meine ich, logo, keine der schillernden Schriftstellerpersönlichkeiten wie Peter Handke oder Botho Strauss, sondern einen richtigen Intellektuellen, ein echts Gscheitle. Dummerweise fällt mir da im Augenblick überhaupt kein Zeitgenosse ein, sondern bloß der Claude Levi-Strauss, der allein vom Namen her bis heute ungeschlagen ist und auch sonst eine ganz zutreffende Wahl für unsere Belange sein mag. Dieser Mann ist Dir doch ein Begriff? Natürlich, wieso frage ich überhaupt? Du studierst ja Romanistik!

Im Vergleich mit Arthur Miller ist Levi-Strauss ein ganz ausgebuffter Denker aber so was von einem anderen Kaliber. Während Arthur immer noch an Vater-Sohn-Beziehungen rumknobelt, schiebt Claude schon längst mit der Gesamtheit aller dieser Konflikte die erstaunlichsten Erkenntnisse. Als Strukturalist der ersten Garde liefert er neue Wortfelder, die eine so intelligente Abstraktion ermöglichen, wie es das letzte Mal nur mit dem Aufkommen der Dialektik geschehen konnte. Tscha, und hier hätten wir ja auch gleich eine Möglichkeit der Annäherung zwischen ihm und Frau Madonna. Denn eine strukturalistische Betrachtung der Popmusik könnte uns ja solche Begriffe an die Hand geben, die wir so nötig brauchen, wenn wir dem Jugendslang entfliehen wollen: Begriffe aber, die wir noch nicht besitzen. Hier wäre eine intelligente Abstraktion, wie sie Claude Levi-Strauss in seiner "Mythologica" oder in "Das wilde Denken" vorführt, in ihrem Element. Denn abstrahierte Musik bedeutet ja zugleich eine Konkretion des Sprachlichen. Madonnas Musik könnte eine Aufwertung durch Claudes Denken erreichen und andererseits könnten all die ungenutzten neuen Wortschätze, die in Madonnas Musik liegen, endlich geborgen werden und in den ihnen zustehenden Hafen der Musik würdig einfahren."

Die blonde Romanistikstudentin tauschte ihre übereinander geschlagenen Beine durch und ich nahm daraufhin einen unkonzentrierten Schluck Rotwein.

Schließlich sprach mein Gegenüber: "Da hast du dich jetzt aber ganz schön in was verrannt. Aber nichtsdestoweniger habe ich dir interessiert zugehört und deine Partnervermittlungsgedanken wohlwollend geprüft. Nun sind dir aber ziemlich viele Fakten échappiert, zum Beispiel der, daß es ja nicht nur die von uns geliebte Techno-Musik gibt, zu der die Pop-Sängerin Madonna freilich nicht gehört, sondern auch noch die herkömmlichen Formen der Orchestermusik. Als ich das letzte Mal bei Freunden in Paris war, hat man mich auf ein Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter eingeladen, die dort gastierte. Und meine Begleiter hatten durchaus die passenden Worte für diese Art der Musik parat. Es gibt also längst einen rationalen Jargon der Empfindsamkeit für große Teile der Musik. Aber moderne Popmusik, die nur wenige Wochen in Mode bleibt und dann durch einen neuen moderneren Stil abgelöst wird, ist zu wechselhaft, als daß sich jedesmal ein ordentliches Wortfeld dafür herausbilden könnte. Also wenn du mich fragst, dann würde ich eher die Anne-Sophie Mutter dem Claude Levi-Strauss beigesellen, denn das wäre eine Musik, die dem strukturalistischen Denken eine adäquatere Aufgabe bereitet. Außerdem wäre unser modernes Traumpaar ein wenig zeitloser, sprich haltbarer geraten. Wenn Du schon auf die Existenz von Mythen anspielst, deren Untersuchung sich Herr Levi-Strauss zur Aufgabe gemacht hat, dann mußt Du auch diejenige Musik nehmen, deren Tradition soweit zurück reicht, daß ein Sprechen vom Mythos überhaupt gerechtfertigt ist. Und Techno-Musik als neueste Abart des Musikalischen wird kaum einen Bezug auf Mythisches erlauben."

"Gewiß hast Du recht, was die Wahl der Frau Mutter angeht", sagte ich, "aber glaubst Du nicht doch, daß sie mit ihrem realen Ehemann, einem arrivierten Prominentenanwalt, dann doch besser beraten ist, auch imagemäßig, innerhalb ihrer Weltanschauung zu verbleiben und nicht Neues aus ihrer Existenz zu schaffen? Denn die Verbindung von klassischer Musik und Intellektualismus ist denn doch inzwischen ein wenig sehr konventionell. Und außerdem möchte ich bezweifeln, daß die Phraseologie der klassischen Musikberichterstattung sehr hilfreich bei der Aufgabe ist, die Musik selbst verständlicher zu machen. Womit ich natürlich nichts gegen deine Bekannten gesagt haben will. Aber bis auf die Schriften von Adorno oder Max Weber gibt es nicht allzu viel an Gegrübel, das diese Aufgabe seriös löst. Ich halte die Umwandlung von musikalischen Gehalten in sprachliche auch in der klassischen Musik für ein äußerst schwieriges Unternehmen. Da gefällt es mir schon besser, wenn die Wirklichkeit die hohe Virtuosenkunst der Töne in die Nähe des virtuosen Gelderwerbs rückt, wie bei Anne-Sophie Mutter und ihrem angetrauten Prominentenanwalt.

Und eine Verbindung von Geld und moderner Musik würde uns wohl auch schon wieder langweilen, auch wenn sie noch so angebracht wäre. Nun denn, ich bleibe also bei meiner Synthese von blondem Gift und ausgebufftem Denken. Und in das ausgebuffte Denken hinein nehme ich die Vermutung, daß, um nochmal auf die Mythen zurückzukommen, die fortgeschrittene elektronische Musik mehr Bezug hat zur archaischen Zeit als die durchrationalisierte Orchestermusik. Die primitiven Rhythmen und Klänge unserer Ahnen sind uns in den Instinkt eingegangen und jederzeit abrufbar, während doch der Genuß eines Bachschen und Anne-Sophischen Violinkonzertes ziemlich sehr von unserer humanistischen Bildung abhängt, nicht? Madonna kann eben doch bloß von Einem richtig erkannt werden, der nicht nur ihren Augenblickserfolg liebt, sondern auch ihre freche und dreiste Art würdigt, mit christlich-moralischen und zugleich archaisch-primitiven Mythen zu spielen."

Marcia schaute mich zweifelnd an, warf einen Blick auf die Uhr.

Ich fragte sie, ob ich sie heimbringen solle, denn es sei ja nicht mehr ganz früh. Oder ob sie noch Lust habe auf ausgedehntere Unterhaltung. Der Ober kam an unserem Tisch vorbei und sie bestellte bei ihm einen Kaffee. Ich rief ihn zurück und bestellte mir auch einen.

"Okay, Claude" sagte meine Begleiterin nach kurzem Zögern und indem sie ihre Haare nach hinten strich, "laß uns anschließend noch ein wenig tanzen gehen."

Verletzlichkeit

  • Ich frag mal beim technischen Dienst nach
    • Er antwortet nicht.
      • Dann müssen wir die Zivilisation temporal beenden.

Inter esse

Die Problematik der sprachbegabten Säugetiere

Diese Sucht zum Berühren, Freundlichsein, Beisammensein, Knuddeln, Bewerten, Daumenhochklicken,

  • ja, das ist das positive Säugetierleben von uns allen.
    • Wir mögen uns gegenseitig lieben, verstehen, und danach kontrollieren.
  • Liebe und Kontrolle, Abhängigkeiten erzeugen und sich davon befreien,
    • Die Unterjochung durch Muskelkraft in einer Partnerschaft, das gilt immerzu,
      • aber das setzt sich fort in kompensatorischen Ersatzhandlungen
        • in den Gesellschaften, die die offene Gewalt nicht mehr goutieren.

Dieser inhärente Verzicht auf

  • Wahrheit, Ehrlichkeit und Zugeben,
    • wobei das ja nur der intrinsische Betrug alles Organischen ist.
      • also das Übliche ist, während
  • Wahrheit, Ehrlichkeit und Zugeben,
    • eine nominalistische rein irreale Spracherfindung ist,
      • aber halt vorhanden als Idee.
        • Eine Frage des inter esse.

Inter esse

Interesse - Die Problematik der sprachbegabten Säugetiere

Diese Sucht zum Berühren, Freundlichsein, Beisammensein, Knuddeln, Bewerten, Daumenhochklicken,

  • ja, das ist das positive Säugetierleben von uns allen.
    • Wir mögen uns gegenseitig lieben, verstehen, und danach kontrollieren.
  • Liebe und Kontrolle, Abhängigkeiten erzeugen und sich davon befreien,
    • Die Unterjochung durch Muskelkraft in einer Partnerschaft, das gilt immerzu,
      • aber das setzt sich fort in kompensatorischen Ersatzhandlungen
        • in den Gesellschaften, die die offene Gewalt nicht mehr goutieren.

Dieser inhärente Verzicht auf

  • Wahrheit, Ehrlichkeit und Zugeben,
    • wobei das ja nur der intrinsische Betrug alles Organischen ist.
      • also das Übliche ist, während
  • Wahrheit, Ehrlichkeit und Zugeben,
    • eine nominalistische rein irreale Spracherfindung ist,
      • aber halt vorhanden als Idee.
        • Eine Frage des inter esse.

500. Montagsdemo gegen S21

Sagen, was ist

Die Sprache derer, die vernünftig gegen die Unvernunft des Staates sprechen,

  • ist noch nicht korrumpiert.
    • Zumindest auf der heutigen 500. Montagsdemo gegen den staatlich-technologischen Großschaden S21.

Was für ein spanneder Abend heute, - dabei zu sein, wo die Sprache der Vernunft noch etwas gilt,

  • in der Demonstration vorm Bahnhof.

Die Stuttgarter Bewegung gegen S21 ist ein wunderbarer Grund, hier zu wohnen.

  • Die Grünen Bürgermeister und Ministerpräsident sind es indessen nicht.
    • Wie schade, daß sie hier auch wieder ideell gescheitert sind, wenn sie doch an der Macht sind,
      • und es eben faktisch doch nicht sind.

Wortspielhölle, aber nicht allzu häufig hier.

Die Mythen-Regulierung

ist dringend notwendig,

  • damit die Leute wohnen bleiben können.

Mit den eigenen Händen Kulturkritik schaffen

Alle Kultur

  • wiederholt sich ständig,
    • und sie greift fast immer die altbekannten und vorherigen Wirkungen wieder auf,
      • und nach und nach gesellen sich dem großen Kanon neue Effekte zu,
        • und weil die Kulturindustrie so groß ist, wird jeder neue Effekt
          • oder in den technischen Lösungen
            • kaum neue Lebensregeln zu,

sondern eben immer nur die altbekannten.

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Created: 2020-05-28 Do 20:33

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