· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

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Würde man,

ja, würde man den Konditional klüger einsetzen, hätte man doch viel mehr Menschlichkeit,

  • denn die würde wachsen mit der verbürgten Würde des Menschen.
    • Der Artikel eins der Verfassung hat nichts bewirkt bisher,
      • obwohl er alles aussagt,
        • was nie einen Polzisten vom Prügeln abgehalteb hat.

Hier gelten die schönen Sätze - und ein völlig anderer Alltag der wilhelministischen Polizeiprügelei und der Burschenschaftsjustiz.

  • Alles wie bisher.

Und ein würdiges Leben als würdiger Bürger in dieser Demokratie läßt noch auf sich warten,

  • sofern man es einfordern würde.
    • als Geschlagener.
20.10.2020, aktualisiert vom Dezember 2014 (src)

Ganz und gar

das Leben in aller Hingegebenheit leben - das ist sicher immer noch die falscheste aller Entscheidungen. Dies ist der Vitalismus, der sich wiederfindet in der Akzeptanz der Triebe und daher in der Existenz von Fernsehdokusoaps.

Es geht auch anders.Es geht auch in der Dezenz, der Vernunft, der Rücknahme und der Selbstobjektivierung.

19.10.2020, aktualisiert vom November 2004 (src)

Dritter Gesang

Durch mich geht’s ein zur Stadt der Qualerkornen,
Durch mich geht’s ein zum ew’gen Weheschlund,
Durch mich geht’s ein zum Volke der Verlornen.
Das Recht war meines hohen Schöpfers Grund;
Die Allmacht wollt’ in mir sich offenbaren;
Allweisheit ward und erste Liebe kund.
Die schon vor mir erschaffnen Dinge waren
Nur ewige; und ewig daur’ auch ich.
Laßt, die ihr eingeht jede Hoffnung fahren.
Die Inschrift zeigt’ in dunkler Farbe sich
Geschrieben dort am Gipfel einer Pforte,
Drum ich: Hart, Meister, ist ihr Sinn für mich.
Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte:
"Hier sei jedweder Argwohn weggebannt,
Und jede Feigheit sterb’ an diesem Orte.
Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,
Hier wirst du jene JammervoIIen schauen,
Für die das Heil des wahren Lichtes schwand."
Er faßte meine Hand, daher Vertrauen
Durch sein Gesicht voll Mut auch ich gewann.
Drauf führt’ er mich in das geheime Grauen.
Dort hob Geächz, Geschrei und Klagen an,
Laut durch die sternenlose Luft ertönend,
So daß ich selber weinte, da’s begann.

Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie

17.10.2020, aktualisiert vom November 2016 (src)

Alles Geschriebene kann warten

sagte der vergessene Dichter Ernst Wiechert. Logisch ist diese Aussage nicht zu durchdringen.

17.10.2020, aktualisiert vom September 2004 (src)

Äußerst schlechte öffentlich-rechtliche Sender, heute: der SWR

Allzu viel wäre ja zu tun an journalistischer Aufklärungsarbeit in Baden-Württemberg und der dortigen gesellschaftlichen Lage. Etwa:

  • Autoindustrie und deren
    • Filz und Korruption!
  • Maschinenbau und dessen
    • Filz und Korruption!
  • Alle öffentlichen Aufträge der Landesregierung an Energiekonzerne und die S21-Bahn-AG und Tunnelbohrfirmen und deren
    • Filz und Korruption!
      • und darin die Rolle des grünen Ministerpräsidenten inzwischen,
        • der so glücklich an die Macht kam wegen
          • der vielen Protestwähler gegen den Filz und die Korruption.
            • und seine klare Stellung gegen das unsinnige Milliardenprojekt S21.

Gut ist: Im Grunde bleibt alles stabil

  • mit ein wenig Zeitkolorit wegen der Grünen, aber es gilt
    • der Filz und die Korruption
      • der uralten CDU-geprägten politischen Struktur.

Natürlich werden die Grünen scheitern. Man kann nicht gegen den traditionellen akademischen CDU-Burschenschafts-CDU-Bauern-CDU-Kirche-Kanon antreten.

  • Aber man könnte das doch etwas klüger tun,
    • mit dem Impetus der Opposition, mit dem man doch so weit kam und weiter käme.
      • und mit dem man endlich regieren sollte.
        • aber die grüne Landesregierung scheitert wegen ihrer Teilnahme am
          • großen Bahnhofsprojekt, das unfassbar viel Geld verschlingt und
            • die Umwelt schwer belastet und den Schienenverkehr stark verkleinert.

Und der SWR arbeitet daran, die eigentlichen Strukturen, nämlich

  • den Filz und die gekaufte ÖR-Meinung
    • wiederherzustellen.
      • Kein funktionierender SWR ohne eine versorgende CDU-Regierung.
        • Kein SWR ohne den reichen Junker- und Burschenschaftshintergrund.

Gerne darf der SWR sich auflösen und gerne durch nichts ähnliches ersetzt werden.

17.10.2020, aktualisiert vom Dezember 2013 (src)

Die Auswanderer gab es schon immer.

  • Die Dialektik des Heimat-Begriffes

    • gefällt mir wohl eher nicht, aber sie besteht fort.
    • Der Heimatbegriff derer Deutschen, die sich nach Amerika oder nach Skandinavien absetzen,
      • ist ein niedlich netter, der das alte Nazitum verändert, was mit gefällt.
        • Der Begriff gewinnt dadurch etwas freiheitliches und entfremdetes.

Kein Bauhaus baut mehr Häuser.

  • Die neue Bauweise von 1-Familien-Häusern

    • erinnert im Grunde an die Wohnanlagen
      • der Pueblo-Indianer im Süden der USA.
    • das findet zumindest der Philosophischer-Nacht-und-Sonntagsdienst.de
17.10.2020, aktualisiert vom Januar 2019 (src)

Das Budget

ja, das Geld verändert die Welt. Und nach 150 Jahren Geldwirtschaft und können wir inzwischen sagen, das Geld hat die Welt verändert.

  • Und sie gehört inzwischen den großen Konzernen,
    • was nicht gut ist,
      • aber bis vor 150 Jahren haben die Adligen die Welt bestimmt,
        • und das war das Gleiche, was die Unvernunft angeht.

Die Welt gehört den Mächtigen, und die Mächtigen sind niemals vernünftig.

  • Sondern mächtig,
    • und Macht ist ein Gefühl und weder Verantwortung noch Vernunft.

Der Rausch der Macht wird jeden von uns korrumpieren,

  • sofern wir zufällig davon naschen.

Die Vernunft muß immer gegen die absolute Macht sein.

17.10.2020, aktualisiert vom Dezember 2014 (src)

Es gibt die Schwierigkeit,

das Leben gedanklich zu ordnen.

  • Einladungen dazu gibt es viele.
    • Heute erinnert man sich an Ingmar Bergmann, -weil er ein Jahresdatum hätte,
      • der ist immerzu wunderbar,
        • wenn man ihn für sich je entdeckt hat

Und immer wieder stellt sich die Frage:

  • Was bedeutet ein genialer Künstler für die Welt?
    • Viel für diejenigen, die ihn wertschätzen, weil sie ihn kennenlernten
      • aus den guten Gründen der kulturellen Neugier.

https://philosophischer-nacht-und-sonntagsdienst.de/180714.html

17.10.2020, aktualisiert vom Juli 2018 (src)

Sprache als Zufallserfolg

Die Feststellung, daß das Erleben der Gegenwart und ihre Verarbeitung, die sie zur Vergangenheit macht, nichts Objektives ist, sondern Willkür und Meinung. In Großereignissen mag man darüber eine intersubjektive Sprache finden, doch auch diese wird vergessen.

  • Eine wirkliche Vergangenheit gibt es nicht, nur ein menschliches

oder unmenschliches Denken darüber, welches die Gegenwart mitformt.

(siehe auch den Eintrag in Wikipedia zu "Intuition"

17.10.2020, aktualisiert vom März 2004 (src)

Die Welt bleibt sich gleich, aber die Umbenennungen

der Begriffe kümmern sich um das eine wichtige Problem, nämlich

  • einen scheinbaren Fortschritt der Gesellschaft vorgeben zu müssen.
    • Dabei ist das nicht nötig, allein durch das chronologische Prinzip der Welt würde sich das von allein ergeben.

Die Umbenennungen, Euphemismen und Zeitgeistvarianten

  • der Bennenung der Dinge
    • nämlich "Sagen, was ist!"
      • bewirken eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Macht,
  • und bewirken ebenso eine Stabilisierung der politischen Macht, was ja ein und dasselbe ist.

"Sagen, was ist."

  • Das schafft fast niemand mehr im medialen Berufsalltag.
17.10.2020, aktualisiert vom September 2016 (src)

Die große Liebe

ist die Zusammenkunft eines verblüffend gleichen Wahnsinns von zwei Leuten.

17.10.2020, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

Es sind die Flugzeuge, die fliegen.

und nicht mehr der Menschheitstraum des Fliegens.

  • Ach, wie billig macht die Technik alles,
    • und wie zerstört das Fliegen derzeit nicht den Traum,
      • denn den zerstört sie ja garnicht.

sondern sie zerstört den Traum des guten Lebens für alle anderen,

Genauso fliegt dahin der Traum der Freiheit, der Gesundheit, der Selbstbestimmtheit und der freien Meinung.

https://philosophischer-nacht-und-sonntagsdienst.de/180611.html

17.10.2020, aktualisiert vom Juni 2018 (src)

Verblasene Antonomie

Die vielen Windräder stehen bereit

  • für viele Don Quichottes,
    • die es wieder gibt;
      • das eine gehört wohl zum anderen.
17.10.2020, aktualisiert vom Januar 2019 (src)

Aus dem dauernden Emacs-Scratch

"Schön sprechen"

  • Haha, wie alt ist denn dieser Spruch.
    • Aber immer richtig für alle Beteiligten von Gemeinschaften,
      • für die das ja immer gilt, auch bei denen,
        • bei denen wüst schön ist.
17.10.2020, aktualisiert vom Oktober 2018 (src)

Es ist alles eitel

Du sihst, wohin du sihst, nur Eitelkeit auff Erden.
Was diser heute baut, reist jener morgen ein.
Wo itzund Staedte stehn, wird eine Wisen seyn,
Auff der ein Schaefers-Kind wird spilen mit den Herden.

Was itzund praechtig blueht, sol bald zertretten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein,
Nichts ist, das ewig sey, kein Ertz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glueck uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm, muß wie ein Traum vergehn.
Soll den das Spil der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß, was wir vor koestlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wisen-Blum, die man nicht wider find't.
Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

Andreas Gryphius

17.10.2020, aktualisiert vom Januar 2017 (src)

Die Religion

Die Religion hatte in dieser Seele, die sie ganz durchtränkte und die eine aus der Zeit Heinrichs III. stammende Vererbung vielleicht dafür empfänglich gemacht hatte, ein übermenschliches Ideal entstehen lassen und damit auch das unbillige Ideal der Wollust in ihr aufgerührt. Ausschweifende und mystische Zwangsvorstellungen vereint quälten sein Gehirn, geschwächt von dem hartnäckigen Verlangen, der Gewöhnlichkeit der Welt zu entgehen, fern von ehrwürdigen Gebräuchen in neuen Ekstasen zu vergehen, in himmlischen oder höllischen Krisen, welche durch den Verlust des Lichts in gleichem Maße zerrütten.

Er erwachte aus diesen Träumen, vernichtet, gebrochen, fast sterbend; sofort zündete er alle Lampen und Kerzen an, überschwemmte sich mit Helligkeit, im Glauben, dadurch weniger als im Dunkeln das dumpfe, hartnäckige, unerträgliche Klopfen der Pulsadern zu hören, die mit doppelter Schnelle unter der Haut des Halses schlugen.

Joris K. Huysmans, Gegen den Strich

17.10.2020, aktualisiert vom September 2005 (src)

Bist Du lebendig?

Mußt Du essen, atmen, sprechen und Dich kümmern?

  • Und Du mußt auch wählen.
    • Und Du mußt nachdenken, wenn Du Kinder hast.

Dann bist Du doch bestimmt ein freundlicher und überlegter Mensch,

  • der das Beste will für sich
    • und die Welt.
17.10.2020, aktualisiert vom November 2015 (src)

Vorweihnachtszeit im Kaufhaus.

Im dritten Stockwerk, in der Buchabteilung, direkt neben dem kathedralenartigen Bau der Karlspassage, der nebenbei gesagt ein offizieller Radweg ist, wo man aber freilich noch niemals einen Radfahrer hat durchfahren sehen, was auch schwerlich gehen würde, so neben dem Steinway-Flügel, der da immer mitten drin steht, - aber es ist, wie es ist, - beendeten wir das Durchblättern der Neuerscheinungen, die wir hinsichtlich ihrer Verschenkbarkeit geprüft hatten, denn es ging in ungebremster Fahrt auf Weihnachten zu. Dann würde bald wieder Frühjahr sein, der Sommer käme, schon wäre es Herbst, erneut Weihnachten, eins ums andere Mal Weihnachten, ein neues Jahrtausend, kollabierende Sonnen, und irgendwann mal würde unsere an der Reihe sein.

Wir wollten für den Augenblick aber bloß ins vierte Stockwerk fahren, in die Cafeteria, und gerade liessen wir die letzten Bücherstapel hinter uns und betraten den gummierten Vorplatz der Rolltreppe, schon den Abstand zu den metallenen Laufstufen abschätzend, mit dem Blick diejenigen Menschen taxierend, die auf dem Transitwege von unten kamen, um eine Lücke zu nutzen, dabei aber auch uns selbst nicht aus dem Auge lassend, weil wir zusammenbleiben wollten, außerdem redeten wir über Bücher von Martin Walser, und es gab ja keinen Grund, das abzubrechen, nur weil wir nach oben wollten. Eine Rolltreppe betreten geschieht immer nur nebenbei, als sei es nichts, auch wenn massenhaft Kleinhirnrechenpower dafür verbraucht wird.

Da kam eine schwarzgekleidete Frau herbei und stellte sich knapp vor uns in die Reihe, und es war ganz reibungslos, wie das gegangen war, plötzlich stand sie dicht vor uns, und war wahrscheinlich so elegant und geübt hinzugekommen, daß wir keinen Grund hatten, uns durch die Nähe gestört zu fühlen. Dennoch gab es plötzlich ein Gefühl von unterschrittenem Intimbereich, ein paar Millimeter wahrscheinlich nur, die sie zu nahe stand, so auf der Rolltreppe vor uns, sie genau wie wir nach vorn blickend und nach oben strebend. Während wir also über einen Schriftsteller sprachen und die abstrakte Kunst amüsant und zugleich politisch zu sein abschätzten, passierte es, daß mir die Augen für eine Zehntelsekunde aufgingen und ich die schwarzgekleidete Frau ansah, die unmittelbar vor mir stand.

Das hatte nichts mit Absicht zu tun, denn zuerst kuckte ich nur wie jedes normale tierische Wesen auf die Ursache des Unruhegefühls, das immer einsetzt, wenn eine Bewegung eines fremden Dinges dicht bei einem endet. Man überprüft kurz, ob Gefahr von dieser Sache ausgeht, und wenn die weiteren Signale Entwarnung geben, lebt man sein Leben weiter. Faktisch kommt es nie vor, daß man Argumente einsammeln würde, die auf tatsächliche Gefahr schließen liessen und Adrenalinauschüttung einsetzt. Das Wahrnehmen der Umwelt passiert immer auf diese Weise, ein paar Mal pro Sekunde während eines normalen Einkaufsbummels. Hier war es nicht anders: Die Identifikation als weibliches Tier; wahrscheinlich keine Gefahr; das Erspähung aus dem Blickwinkel schräg von unten seitlich auf die Brust, wo eine schwarze Plakette oder Brosche sitzt, es ist wohl ein Namensschild; aha, eine Verkäuferin von hier. Aber nanu, "Verkäuferin" ist doch immer etwas leicht asexuelles, immer ein bisschen zu alt, immer ein bisschen von verlorenem Leben, von hoffnungslosem Ausgang einer freudvoll angegangenen Vita, deshalb eher schleppend und sich schwer machend und widerwillig dienstbar seiend und oft als störend empfunden in aufgezwungenem Hilfsdienst. Wie paßt das zum lautlosen und mit angenehm unüberraschender Nichtempfindung verbundenem Hineinschlängeln eines solchen Wesens und urplötzlichem Dasein in der eigenen Intimsphäre? Gut, opfern wir diesem Phänomen eine zweite Zehntelsekunde.

Sie bricht langsam herein, diese zweite Zehntelsekunde, mit ihr trägt die Rolltreppe uns langsam in das erste Drittel auf unserem Wege, den wir stehend zurücklegen, eine Zwischenzone, fast schon explizit kommerzfreier Raum, aber nur für Sekunden, was eine Ewigkeit ist, wenn man, während man laut sprechend eine Theorie über die Exaltationen von politischen Schriftstellern verbreitet, ein bisschen fassungslos auf einen seiner Instinkte horcht. Für solche Augenblicke hat man millionenfach aufs Neue Zeit im Leben, und dies eine Mal ist genauso spannend, wie alle die anderen Male auch. Der Unterschied ist, diesmal gehts sogar vom komplett Unbewußten bin ins Zwischenbewußtsein hinauf, was einen immer stehend bewegt, und die Rede wird unkonzentriert, was aber gewiß niemand bemerkt.

Ein wenig zieht sich die Pupille zusammen, das Bewußtsein traut sich heraus, und man sieht den Stoff, eine schwarze Hose, es ist irgendeine Stretchhose, nagut, das ist eine Mode, daß sie enganliegend ist, es überrascht uns kaum, das sind sie alle, und daß es so nah ist, nimmt kaum noch wunder, denn ich stehe ja immer noch hier an der gleichen Stelle. Leicht glänzend ist er, dieser Stoff, ich sehe jedes Detail der Konsistenz, nehme den Blick ein wenig zurück, sehe also darüber ein schmales Stück Haut, auch deshalb mache ich mir keinen Kopf, auch wenn es mich vielleicht doch ein wenig trifft und zurückwirft, - darüber ein enger Pulli aus dünnem engen Fleece. Ab hier ist die Sache klar, daß es eine Verkäuferin aus dem Haus sein muß, die ganz am Anfang ihrer Karriere steht, die ganz ohne Zweifel nach dem Schulabschluß nicht jahrelang ihre Zeit vertrödelt hat, sondern gleich an die Zukunft gedacht hat, eine Ausbildung hier in diesem Hause angefangen hat, im Lauf der Jahre hier ihre Qualifikation vervollkommnen wird und im Augenblick gewiß den Kopf voll hat von Gedanken, die mit beruflichem Fortkommen, - sich in der Arbeitswelt beweisen, - durch angenehme fleißige Erscheinung auffallen - durch schnelles Lösen von abteilungsinternen Problemen bekannt werden - zu tun haben. Es ist klar, daß sie aus dem Hause stammt, denn man sieht zwischen der Hüftabnaht der Hose ein wenig Haut und dem Saum des Pullis, - während wir Auswärtigen alle warme Jacken anhaben, viele aus Leder, viele aus GoreTex oder Baumwollderivaten, fast alle in dieser Rolltreppengemeinschaft, - und Haut habe ich den ganzen Tag noch nicht gesehen, und wenn, waren es aschfahle Gesichter und tütenhaltende Hände. Dann kucke ich wieder auf die Hose, sehe bis die Konsistenz, nehme den Blick zurück, sehe eine Linie wie eine Naht, aber nein, das ist keine, es ist die Linie eines darunterliegenden Wäschestückes, das eine Kontur nach außen drückt, darunter?, ist das etwa irgendein Dessous?, denke ich, und dann denke ich aufatmend, ach, das ist bloß der Slip. Jetzt erschrecke ich, weil ich diesen Begriff gefunden habe, mit dem ich so begrifflich heute nicht gerechnet hätte an dieser Stelle. Darüber die Zeit vergeht. Es bricht eine neue Sekunde an, für die ich die Verantwortung nicht trage und die nicht eben an meinem beruflichen Fortkommen teil hat.

Zunächst beginne ich sie aber dennoch ganz gemächlich, diese Sekunde, indem ich überlegen verstumme. Das ist ein guter Anfang, man macht manchmal Pausen in seinen Sätzen, und ich kenne die Welt: das fällt schon nicht auf. Ich bin fürs erste zufrieden. Walser kann warten. Dann wird mir ein wenig flau, ich denke an mein Leben, was ich schon alles erreicht habe, was ich noch vorhabe, welches Gefühl ich dem Leben insgesamt entgegenbringe (Leichtigkeit), aber dann nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, auf die Gefahr hin, ohnmächtig zu werden, aber diese Mode des 19. Jahrhunderts wird ihren Anschluß schon nicht hier und heute finden, und kucke auf den Arsch, den ich als solchen in vorheriger harter Deduktionsarbeit erkannt habe. Ich genieße diesen Anblick die restliche Sekunde lang, also den überwiegenden Teil einer guten langen Zeit. Es gab andere Zeiten, als ich sogleich pornographische Aspekte in meiner Phantasie mit der gesehenen Wirklichkeit verbunden hätte, damals, als ich noch ein ungestümer Bursche war und nichts vom richtigen Gebrauch der Vernunft beim Genießen wußte. Heute weiß ich mit meiner Lebenszeit besser hauszuhalten. Ich verschmelze mit der Wirklichkeit und baue keine zeitraubenden Gegenwelten auf, sondern bleibe im Hier und Jetzt, solange es nur geht. Die Gedanken an Sex sind nicht so wichtig wie das Gefühl der Verbundenheit mit einer Wirklichkeit, die vage und abstrakte metaphysische Hoffnungen erotisiert.

Für sowas brauchte ich exakt verwunschene 1,2 Sekunden. Dann ging es weiter mit der diskursiv-integren Erörterung eines politisch-literarischen Problems, — dem wir wirklich ganz nahe kamen, schon zehn Sekunden später mußte man wieder kucken, daß man den Schritt von der Bewegung auf die feste Gummimatte möglichst unterbewußt hinkriegte, lenkte seine Bahn zur Cafeteria, verfolgte aus Neugier aus den hinteren Augenvierteln noch ein wenig den Weg der venushaften Verkäuferin, die zu einer halb verborgenen Türe kurvte, sich beim Hindurchwinden dreiviertels herumdrehte, und aus meinem Aufmerksamkeitsbereich schließlich ganz entschwand. In der Cafeteria tranken wir einen frisch gepreßten Orangensaft, unterhielten uns angeregt über die Struktur der Öffentlichkeit, begaben uns dann wieder hinunter auf die Passagen-Ebene im kathedralenartigen Bau der Karlspassage, wo ein Musikstudent inmitten reichen vorweihnachtlichen Fußgängergetümmels "As time goes by" auf dem Steinway-Flügel spielte und meine Begleiterin von einem rüpelhaften Radfahrer fast umgefahren worden wäre.

17.10.2020, aktualisiert vom November 2007 (src)

Über die Wahrheit der Liebe

Zu Mersburg bei Konstanz lebte gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein ehrlicher Bursch, Heinz Klöpfgeißel geheißen, und Faßbinder seines Zeichens, von guter Gestalt und Gesundheit. Er stand in inniger Wechselneigung mit einem Mädchen, Bärbel, der einzigen Tochter eines verwitweten Glöckners, und wollte sie ehelichen, doch stieß des Pärchens Wunsch auf väterlichen Widerstand, denn Klöpfgeißel war ein armer Kerl, und der Glöckner forderte erst eine stattliche Lebensstellung von ihm, daß er Meister würde in seinem Gewerbe, bevor er ihm seine Tochter gäbe. Die Neigung der jungen Leute aber war stärker gewesen als ihre Geduld, und aus dem Pärchen war vor der Zeit schon ein Paar geworden. Denn nächtlich, wenn der Glöckner glöckeln gegangen war, stieg Klöpfgeißel ein bei Bärbel, und ihre Umarmungen ließen das eine dem andern als das herrlichste Wesen auf Erden erscheinen.

So standen die Dinge, als eines Tages der Faßbinder sich mit anderen munteren Gesellen nach Konstanz begab, wo Kirchweih war und wo sie einen guten Tag hatten, so daß sie am Abend der Haber stach und sie beschlossen, in eine Schlupfbude zu Weibern zu gehen. Nach Klöpfgeißels Sinn war es nicht, er wollte nicht mithalten. Aber die Burschen verhöhnten ihn als einen Zümpferling und setzten ihm zu mit ehrrührigen Spottreden, ob es am Ende mit ihm nicht das Rechte und er gar nicht auf dem Posten sei; und da er dies nicht ertrug, dazu auch des Starkbiers sowenig geschont hatte wie die anderen, so ließ er sich breitschlagen, sagte "Hoho, das weiß ich anders" und stieg mit der Bande ins Zatzenstift.

Hier begab es sich, daß er eine arge Beschämung erlitt, so, daß er nicht wußte, welch Gesicht zu sich selber machen. Denn wider alles Erwarten war es bei der Schlumpe, einem ungarischen Weibe, ganz und gar nichts Rechtes mit ihm, und ganz und gar nicht war er bei ihr auf dem Posten, worüber sein Ärger unmäßig war und auch sein Schrecken. Denn das Mensch lachte ihn nicht nur aus, sondern schüttelte auch bedenklich den Kopf und meinte, da müsse was stinken und nicht geheuer sein; ein Bursche von seinem Bau, dem´s plötzlich nicht mehr gelänge, der sei des Teufels Märtyrer, dem müsse man es gekocht haben, - und was solcher Reden noch mehr waren. Er schenkte ihr viel, damit sie es seinen Kumpanen nicht sagte, und kehrte niedergeschlagen nach Hause zurück.

Sobald wie möglich, wenn auch nicht ohne Besorgnis, gab er sich mit seiner Bärbel ein Stelldichein, und während der Glöckner glöckelte, hatten sie miteinander die wohlgeratenste Stunde. So fand er seine Jungmannsehre wiederhergestellt und hätte vergnügt sein können. Denn außer der Ersten und Einen war ihm an keiner gelegen, und warum sollte ihm also an sich viel gelegen sein, außer bei ihr? Aber eine Unruhe war seit jenem Fehlschlag in seiner Seele zurückgeblieben, und es bohrte in ihm, daß er sich auf die Probe stelle und einmal, wenn auch dann niemals wieder, der Herzallerliebsten ein Schnippchen schlüge. Darum lugte er heimlich nach einer Gelegenheit aus, sich zu versuchen, sich und auch sie; denn er konnte kein Mißtrauen hegen gegen sich selbst, ohne daß es als leiser, zwar zärtlicher, aber banger Verdacht zurückgegangen wäre auf die, an der seine Seele hing.

Nun fügte es sich, daß er im Keller des Weinwirts, eines kränkelnden Wanstes, die gelockerten Reifen zweier Fässer an den Dauben festzuschlagen bestellt war, und des Wirtes Weib, ein noch rösches Frauenzimmer, mit hinabstieg und ihm bei der Arbeit zusah. Da streichelte sie ihm den Arm und legte den ihren daran zum Vergleich und machte ihm solche Mienen, daß er ihr unmöglich abschlagen konnte, was zu leisten sein Fleisch bei aller Willigkeit des Geistes denn doch gänzlich gehindert war, so daß er ihr sagen mußte, es tanzerte ihn nicht, und er habe es eilig, und gewiß komme gleich ihr Mann die Treppe herunter, und Fersengeld gab, indem er der verbittert Hohnlachenden schuldig blieb, was kein rüstiger Bursche schuldig bleibt.

Er war tief verwundet, irregemacht an sich selbst und nicht nur an sich; denn der Verdacht, der sich schon nach dem ersten Mißgeschick in seine Seele geschlichen, besaß ihn nun ganz, und daß er des Teufels Märtyrer sei, litt für ihn keinen Zweifel mehr. Darum, weil das Heil einer armen Seele und seines Fleisches Ehre dazu auf dem Spiele standen, ging er zum Pfaffen und sagte ihm alles durchs Gitter ins Ohr: daß es mit ihm spuke, und daß er´s nicht vermöchte, sondern gehindert sei, ausgenommen bei einer einzigen, und wie das zugehen möge, und ob die Religion gegen eine solche Unbilde nicht mütterliche Abhilfe wisse.

Nun war aber damals und dazulande die Pest des Hexenwesens nebst vielen einschlägigen Leichtfertigkeiten, Sünden und Lastern durch Anstiftung des Feindes des menschlichen Geschlechtes und zur Beleidigung göttlicher Majestät in arger Ausbreitung begriffen, und strenge Wachsamkeit war den Seelenhirten zur Pflicht gemacht worden. Der Pfaffe, dem diese Kategorie des Unwesens, daß Männer an ihrer besten Kraft waren verzaubert worden, nur allzu bekannt war, ging mit Klöpfgeißels Beichte an höhere Stelle, das Glöcknerskind wurde eingezogen, vernommen und gestand wahr und wahrhaftig, sie habe, in Herzensangst um die Treue des Jungen, damit er nicht anderweitig ihr möchte ausgespannt werden, bevor er vor Gott und den Menschen der Ihre geworden, von einer Vettel, Badefrau von Gewerb, ein Specificum angenommen, eine Salbe, angeblich aus dem Fett eines ungetauft verstorbenen Kindes hergestellt, mit der sie, um sich seiner nur fest zu versichern, ihrem Heinz bei der Umarmung heimlich und in bestimmter Figur den Rücken gesalbt habe. Nun ward auch das Badeweib inquiriert, das zähe leugnete. Sie mußte der weltlichen Behörde überstellt werden mit der Anheimgabe von Befragungsmitteln, die der Kirche nicht anstanden; und unter einigem Druck kam denn an den Tag, was man hatte erwarten müssen: daß die Vettel in der Tat eine Abrede mit dem Teufel hatte, der ihr in Gestalt eines bocksfüßigen Mönches erschienen war und sie beredet hatte, die göttlichen Personen auf den christlichen Glauben mit greulichen Schmähreden zu verleugnen, wogegen er sie mit Anweisungen zur Herstellung nicht nur jener Liebessalbe, sondern auch noch anderer Schand-Panazeen versehen hatte, darunter eines Fettes, mit dem bestrichen jedes Holz sich mit dem Adepten flugs in die Lüfte erhob. Die Umständlichkeiten, durch die der Böse seinen Pakt mit der Alten besiegelt hatte, kamen nur stückweise, unter wiederholtem Druck, zum Vorschein und waren haarsträubend.

Für die nur mittelbar Verführte hing alles nunmehr davon ab, wie weit ihr eigenes Seelenheil durch die Annahme und den Gebrauch des verworfenen Präparates in Mitleidenschaft gezogen war. Zum Unglück des Glöcknerkindes legte die Alte nieder, daß der Drache ihr aufgegeben hatte, recht viele Proselyten zu machen, denn für jedes Menschenkind, das sie ihm zuführe, indem sie es zum Gebrauch seiner Gaben verleite, wolle er sie gegen das ewige Feuer etwas fester machen, so daß sie nach fleißiger Zutreibe-Arbeit mit einem asbestenem Panzer gegen die Flammen der Hölle gewappnet sein werde. - Dies brach Bärbeln den Hals. Die Notwendigkeit, ihre Seele vor ewigem Verderben zu retten, sie durch Darangabe des Leibes den Klauen des Teufels zu entreißen, lag auf der Hand. Und da überdies, einreißender Verderbnis wegen, ein Exemplum zu statuieren bitter notwendig war, so wurden an benachbarten Pfählen auf öffentlichem Platze zwei Hexen eingeäschert, die alte und die junge. Heinz Klöpfgeißel, der Verzauberte, stand entblößten Hauptes und Gebete murmelnd in der Zuschauermenge. Die vom Rauche erstickten und und heiser verfremdeten Schreie seiner Geliebten erschienen ihm als die Stimme des Dämons, der widerwillig krächzend aus ihr fuhr. Von Stund an war die ihm angetane schnöde Beschränkung behoben, denn nicht sobald war seine Liebe verkohlt, als ihm die sündlich entwendete freie Verfügung über seine Männlichkeit zurückgegeben war. -

Aus: Thomas Mann, Doktor Faustus

17.10.2020, aktualisiert vom August 2020 (src)

Es gibt eine Art und Weise

der politischen Wertevermittlung,

  • die ständig im Wahlkampf aufkommt,
    • und das ist das Klischee.

Darüber kommen wir nie hinaus.

17.10.2020, aktualisiert vom Mai 2014 (src)

Preisvergleich-Web-Autrtitte

wollen Dich testen,

  • auf Deine Freigiebigkeit.
    • Man muß dem immer positiv willfahren.

Denn sonst ist man philosophisch betrachtet dogmatisch.

  • Das Web ist der Rotlichtbezirk im Internet.

Bildung im Internet gewinnt man bei der Suche nach den anderen Diensten, die es neben dem Web auch gibt.

17.10.2020, aktualisiert vom Februar 2013 (src)

Die Crux besteht

in der Gemeinheit und dem Betrug als grundlegende Motivation des gesellschaftlichen Miteinanders

  • im Kapitalismus, in der Korruption, in den befreundeten Kreisen,

und es ist die Crux, weil man den christlichen Haken darüber macht.

Der Begriff Kapitalismus bedeutet für alle normalen Leute,

  • daß sie davon leben können,
    • auch wenn andere daran sterben,
      • das sind dann halt die falschen.

Die Crux besteht zudem darin, daß der Geldfluß immerzu dereguliert wird

  • von den Nutznießern.

Doch die Menschen sollen alle leben.

  • Und würden es auch gerne wollen,
    • das würde man als Mitmensch ja vermuten,
      • wenn auch niemals als ein religiöser.
17.10.2020, aktualisiert vom August 2014 (src)

"Geld verdienen"

  • Das ist etwas,
    • was keiner nagut fast niemand tut,
      • vielleicht ein paar Handwerker oder Spezial-Arbeiter,
        • wobei letztere eher seltener.
  • Das ist etwas,
    • was von alleine läuft, ohne Zutun,
      • wenn man es nur erhält qua Familie oder weltaffiner Burschenschaft.
        • also durch einen glücklichen sozialen Status.
  • Das gibt es zumindest nicht sehr oft für die Leute, die arbeiten gehen.
    • was ja vielleicht gerechtfertigt ist,
      • denn sie arbeiten ja nur
        • und sind keine bürgerlichen erblichen Finanzhinnehmer.
17.10.2020, aktualisiert vom September 2018 (src)

Ich stieg in die Takelage

Ich erkannte die Gefahr, die wir liefen, und die böse Wirkung seiner Exorzismen auf die Mannschaft, die der einfältige Priester entmutigte, anstatt ihr Mut einzuflößen, und hielt es für klug, mich einzumischen. Ich stieg in die Takelage, rief die Matrosen an die Arbeit und sagte ihnen, es gäbe gar keine Teufel, und der Priester, der sie ihnen zeigen wollte, wäre ein Narr. Ich konnte sprechen, was ich wollte, mich selber der größten Gefahr aussetzen und ihnen zeigen, daß nur von tatkräftigem Eingreifen die Rettung zu hoffen sei: ich vermochte nicht den Priester zu hindern, mich für einen Atheisten zu erklären und den größten Teil der Mannschaft gegen mich aufzuhetzen. Die Winde wühlten während der zwei folgenden Tage die Wogen unaufhörlich auf, und der Schurke wußte den Matrosen, die aufmerksam ihm zuhörten, einzureden, das Unwetter würde sich nicht legen, solange ich auf dem Schiff wäre. Von diesem Gedanken durchdrungen, hielt einer von ihnen den Augenblick für günstig, um die Wünsche des Priesters zu erfüllen, und versetzte mir, der ich am Rande des Oberdecks stand, einen so heftigen Schlag mit einem Tau, daß ich hinfiel. Es wäre um mich geschehen gewesen, hätte sich nicht die Spitze eines Ankers in meinem Rock verfangen und mich so vor dem Sturz ins Meer bewahrt; es war im eigentlichsten Wortsinn mein Rettungsanker. Man kam mir zu Hilfe, und ich wurde gerettet. Ein Korporal zeigte mir den Matrosen, der den mörderischen Anschlag auf mich gemacht hatte, ich nahm den Korporalstock und prügelte den Kerl tüchtig durch; doch die Matrosen und der wütende Priester eilten auf sein Geschrei herbei und ich würde unterlegen sein, wenn die Soldaten sich nicht auf meine Seite gestellt hätten. Der Kapitän des Schiffes kam mit Herrn Dolfino hinzu, sie mußten den Priester anhören und der Bande zu deren Beruhigung versprechen, mich sobald als möglich ans Land zu setzen. Damit noch nicht zufrieden, forderte der Priester, ich sollte ihm ein Pergament überliefern, das ich in Malamocco im Augenblick der Einschiffung von einem Griechen gekauft hatte. Ich erinnerte mich dessen nicht mehr, aber es war wahr. Lachend ühergab ich es Herrn Dolfino, und dieser lieferte es dem fanatischen Kapellan aus, der ein Siegesgeschrei ausstieß, sich das Kohlenbecken aus der Küche holen ließ und darauf ein auto da fé hielt. Das unglückselige Pergament wand und krümmte sich eine halbe Stunde lang, es zerfiel, und der Priester stellte das als eine wundersame Erscheinung dar, die alle Matrosen überzeugte, es sei ein Höllenpakt gewesen. Die angebliche Kraft dieses Pergaments sollte darin bestehen, alle Frauen in den Mann, der es trug, verliebt zu machen. Ich hoffe, der Leser wird mir die Gunst schenken und glauben, daß ich nicht im mindesten an Zaubertränke, Talismane und Amulette glaubte. Ich hatte das Pergament nur aus reinem Scherz gekauft.

Casanova - Erinnerungen

17.10.2020, aktualisiert vom Januar 2018 (src)

Herr Doktor, das ist schön von Euch.

Es gibt nichts Harmloses mehr. Die kleinen Freuden, die Äußerungen des Lebens, die von der Verantwortung des Gedankens ausgenommen scheinen, haben nicht nur ein Moment der trotzigen Albernheit, des hartherzigen sich blind Machens, sondern treten unmittelbar in den Dienst ihres äußersten Gegensatzes. Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschuldige Wie schön wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders ist, und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält. Mißtrauen ist geraten gegenüber allem Unbefangenen, Legeren, gegenüber allem sich Gehenlassen, das Nachgiebigkeit gegen die Übermacht des Existierenden einschließt. Der böse Hintersinn des Behagens, der früher einmal auf das Prosit der Gemütlichkeit beschränkt war, hat längst freundlichere Regungen ergriffen. Das Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn, dem man, damit es nicht zu einem Streit kommt, auf ein paar Sätze zustimmt, von denen man weiß, daß sie schließlich auf den Mord hinauslaufen müssen, ist schon ein Stück Verrat; kein Gedanke ist immun gegen seine Kommunikation, und es genügt bereits, ihn an falscher Stelle und in falschem Einverständnis zu sagen, um seine Wahrheit zu unterhöhlen. Aus jedem Besuch des Kinos komme ich bei aller Wachsamkeit dümmer und schlechter wieder heraus. Umgänglichkeit selber ist Teilhabe am Unrecht, indem sie die erkaltete Welt als eine vorspiegelt, in der man noch miteinander reden kann, und das lose, gesellige Wort trägt bei, das Schweigen zu perpetuieren, indem durch die Konzessionen an den Angeredeten dieser im Redenden nochmals erniedrigt wird. Das böse Prinzip, das in der Leutseligkeit immer schon gesteckt hat, entfaltet sich im egalitären Geist zu seiner ganzen Bestialität. Herablassung und sich nicht besser Dünken sind das Gleiche. Durch die Anpassung an die Schwäche der Unterdrückten bestätigt man in solcher Schwäche die Voraussetzung der Herrschaft und entwickelt selber das Maß an Grobheit, Dumpfheit und Gewalttätigkeit, dessen man zur Ausübung der Herrschaft bedarf. Wenn dabei, in der jüngsten Phase, der Gestus der Herablassung entfällt und Angleichung allein sichtbar wird, so setzt gerade in solcher vollkommenen Abblendung der Macht das verleugnete Klassenverhältnis um so unversöhnlicher sich durch. Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. Einig sein soll man mit dem Leiden der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer zur Verhärtung des Leidens.

Theodor Adorno

17.10.2020, aktualisiert vom November 2017 (src)

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Created: 2020-10-20 Di 21:11

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