· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

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Und meine Träume sind wie Diebe

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer -
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr -
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Max Herrmann-Neisse

Heute in der ARD: Frühjahr 1945

Ein recht assoziativer Bilderreigen von bislang unbekannten Aufnahmen dieser Monate. Und ich schaue mir das mit großem Interesse an, es gibt viele Details dessen, was längst bekannt ist, aber in einer farbigen, neuen Version. Und ich denke, natürlich nichts Neues, nur viel Nachdruck auf Anschaulichkeit.

Aber vor allem denke ich beim Sehen dieser Sendung:

Paul Celan - Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Das ist die Lyrik einer keineswegs ewigen Wahrheit, aber einer Wahrheit, die die derzeit Lebendingen immer noch mit Schauer und Schrecken erfüllen sollte, denn dies ist der fühlbare Zustand des Schreckens. Keine neue Dokumentation, die das ja nur bestätigen wird, ist notwendig. Naja, doch, aber was für ein Gedicht über den Menschenschrecken.

Endlich wieder

Endlich wieder

  • was machen, was die Masken nicht schützen müüssen.

Gabs alles schon immer.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe.

„Johanna: … Nicht der Armen Schlechtigkeit Hast du mir gezeigt, sondern Der Armen Armut.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_heilige_Johanna_der_Schlachth%C3%B6fe

Herr Doktor, das ist schön von Euch.

Es gibt nichts Harmloses mehr. Die kleinen Freuden, die Äußerungen des Lebens, die von der Verantwortung des Gedankens ausgenommen scheinen, haben nicht nur ein Moment der trotzigen Albernheit, des hartherzigen sich blind Machens, sondern treten unmittelbar in den Dienst ihres äußersten Gegensatzes. Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschuldige Wie schön wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders ist, und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält. Mißtrauen ist geraten gegenüber allem Unbefangenen, Legeren, gegenüber allem sich Gehenlassen, das Nachgiebigkeit gegen die Übermacht des Existierenden einschließt. Der böse Hintersinn des Behagens, der früher einmal auf das Prosit der Gemütlichkeit beschränkt war, hat längst freundlichere Regungen ergriffen. Das Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn, dem man, damit es nicht zu einem Streit kommt, auf ein paar Sätze zustimmt, von denen man weiß, daß sie schließlich auf den Mord hinauslaufen müssen, ist schon ein Stück Verrat; kein Gedanke ist immun gegen seine Kommunikation, und es genügt bereits, ihn an falscher Stelle und in falschem Einverständnis zu sagen, um seine Wahrheit zu unterhöhlen. Aus jedem Besuch des Kinos komme ich bei aller Wachsamkeit dümmer und schlechter wieder heraus. Umgänglichkeit selber ist Teilhabe am Unrecht, indem sie die erkaltete Welt als eine vorspiegelt, in der man noch miteinander reden kann, und das lose, gesellige Wort trägt bei, das Schweigen zu perpetuieren, indem durch die Konzessionen an den Angeredeten dieser im Redenden nochmals erniedrigt wird. Das böse Prinzip, das in der Leutseligkeit immer schon gesteckt hat, entfaltet sich im egalitären Geist zu seiner ganzen Bestialität. Herablassung und sich nicht besser Dünken sind das Gleiche. Durch die Anpassung an die Schwäche der Unterdrückten bestätigt man in solcher Schwäche die Voraussetzung der Herrschaft und entwickelt selber das Maß an Grobheit, Dumpfheit und Gewalttätigkeit, dessen man zur Ausübung der Herrschaft bedarf. Wenn dabei, in der jüngsten Phase, der Gestus der Herablassung entfällt und Angleichung allein sichtbar wird, so setzt gerade in solcher vollkommenen Abblendung der Macht das verleugnete Klassenverhältnis um so unversöhnlicher sich durch. Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. Einig sein soll man mit dem Leiden der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer zur Verhärtung des Leidens.

Theodor Adorno

Er hustete

Urwissen ohne Sprache:

Klarheit vs. verkehrtes Wesen

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis

Clara an Nathanael

Wahr ist es, daß Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber dennoch glaube ich, daß Du mich in Sinn und Gedanken trägst. Denn meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn an mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum erst bei den Worten inne: »Ach mein herzlieber Lothar!« - Nun hätte ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen. Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei vorgeworfen, ich hätte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemüt, daß ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der Fenstergardine glattstreichen würde, so darf ich doch wohl kaum versichern, daß Deines Briefes Anfang mich tief erschütterte. Ich konnte kaum atmen, es flimmerte mir vor den Augen. - Ach, mein herzgeliebter Nathanael! was konnte so Entsetzliches in Dein Leben getreten sein! Trennung von Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie ein glühender Dolchstich. - Ich las und las! - Deine Schilderung des widerwärtigen Coppelius ist gräßlich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein guter alter Vater solch entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen, aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashändler Giuseppe Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schäme ich mich, es zu gestehen, daß er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstören konnte. Doch bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet. Sei mir nur nicht böse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa sagen möchte, daß ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde Dir etwas Böses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie immer.

E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann

Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses

Auf einem silbernen Teller befand sich einst ein Edamer Käs, und nahe dabei ein Talglicht, welches den Käs bestrahlte. Milben hatten sich, durch die innere Gährung seiner organischen Partikeln, im Käse erzeugt. Unter ihnen war eine Philosophin, welche dem Ursprung und der Bestimmung des Käses und der Milben nachdachte. Jemand, der den Käs zu essen im Begriff war, belauschte ihren Monolog mit dem Ohr jener Geniemänner, welche die Sphären singen, die Nerven stimmen, die Flöhe husten hören.

Man fragt mich nicht, wie Das möglich war. Die Frage über das Wie der Dinge ist oft indiskret, und wir könnten eher allgemeine Zweifler werden, als sie in jedem Falle beantworten. Genug, dieser Fürwitzbeutel vernahm die Milbe so reden.

"Wie lieblich duftet dieser Käs! Wie ambrosisch ist dieser Geschmack! Wie nahrhaft diese Speise! Wie bequem meine Wohnung! Eine unermeßliche, durchaus eßbare Welt.

Wie mächtig, wie wohltätig muß der sein, der den Käs machte, ihn für Milben schuf! Unser Sein war sein Wille, unser Wohlsein sein Zweck. Denn vom Nutzen eines Dings schliessen wir auf seine Absicht.

Ich gehe weiter: Dieser Käs ist der beste unter den möglichen. (Der Eigentümer hielt ih für versalzen). Der Beweis ist simpel. Hätte der Urheber einen besseren machen können, so würde er ihn vorgezogen haben. Warum sollte er das Vollkommene dem Mittelmäßigen nachsetzen!

Jener glänzende Körper, der aus ungemessener Ferne meinen Käs bestrahlt (hier lächelte die Milbe gegen das Talglicht) was kann er sein, als unsere Laterne? Wie erquickend, wie wohltätig ist sein Licht! Wie anpassend der Organisation meiner Augen. Ja, das Licht ist um der Milben willen gemacht.

Glückliche Milben! Ihr seid Mittelpunkt - Endzweck aller Kombinationen der Welt. Euch erfreuet das Licht. Euch duftet der Käs, Euch laden seine fetten Partikeln zum Genusse ein.

Aber eben darum, weil Milben der Zweck sind, dem die Natur alle ihre Werke, als Mittel, subordiniert hat; eben darum, erhabene Milben, ist diese ephemerische Existenz nicht das ganze Erbteil, welches die Natur euch beschieden hat.

Sollte sie nicht ewige Zwecke lieben? Sollte der Zirkel der Allnatur ohne seinen Mittelpunkt, worauf alle Strahlen sich beziehen, bestehen können? Nimmermehr! Milben: ihr seid zu den erhabensten Aussichten bestimmt. Eure Existenz; in der Höhle des Käses ist nur der rosenfarbene Morgen eines schönen Tags, dessen Mittag eurer wartet.

Die sublimen Gedanken, welche itzt meinen Geist beschäftigen, sind mehr als die Wirkung meiner Organisation. Es ist wahr, ich kenne meinen Körper, die inere Natur seiner Elemente, die Art ihrer Zusammensetzung beinah gar nicht. Aber dennoch kann ich a priori bestimmen, welche Wirkungen aus dieser Zusammensetzung möglich sind, und welche nicht."

So eben wollte die Rednerin von der Zukunft weissagen, und die Natur der Käse, welche sie künftig bewohnte, und zum Teil essen würde, auf unzählichen, wie sie meinte unumstößlichen Grundbegriffe der Milben metaphysik zu demonstrieren beginnen, als der Zuhörer, vom Mitleid über ihre Mühe gerührt und um ihr eine langwierige Reihe Syllogismen zu ersparen, die Rednerin samt dem Katheder, worauf sie stand, in den Mund steckte und verschlang.

Man sagt, sie habe noch zwischen den Zähnen des Würgers behauptet, ihre Erhaltung, ihr Wohl sei der Endzweck der Natur.

Wilhelm Ludwig Wekhrlin

Barockgedicht

Ach Liebste, lass uns eilen,

Ach Liebste, lass uns eilen,
Wir haben Zeit:
Es schadet das Verweilen
Uns beiderseit.

Der edlen Schönheit Gaben
Fliehn Fuß für Fuß,
Daß alles, was wir haben,
Verschwinden muss.

Der Wangen Zier verbleichet
Das Haar wird greis,
Der Äuglein Feuer weichet,
Die Brunst wird Eis.

Das Mündlein von Korallen
Wird ungestalt,
Die Händ als Schnee verfallen,
Und du wirst alt.

Drum lass uns jetzt genießen
Der Jugend Frucht,
Eh denn wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.

Wo du dich selber liebest,
So liebe mich,
Gib mir, dass, wann du gibest
Verlier auch ich.

[[https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Opitz][Martin Opitz]]

Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

Paul Celan

18.06.2020, aktualisiert vom Mai 2020 (src)

Klarheit vs. verkehrtes Wesen

Analsex?

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis

Sich Paaren statt sich alleine zu Bewahren

Gesellschaftliche Unterschiede

Du siehst, wohin Du siehst, kein Leben mehr und keine enge neue Liebe,
zwar sind alle ganz verlegen und wollen doch ein Leben voller Liebe,
und einzelne sind, - die sich eigenständig finden zu dem Zweiertum und Paarerleben,
doch nur diese paar mutige Paare bleiben nicht allein und werden glücklich Zweiermenschen sein.
Kein Hordenmensch wird jemals wieder in den Stadien sich vermessen um sich zu vermassen -
das ist wohl ein für alle Mal vermasselt.

Semantische Gruselorte

Konzentrationslager

ist freilich das falsche Wort für eine spezielle Folter-und-Tötungs-Einrichtung. Es sind niemals Aufenthaltsorte eines Wissenschaftlerteams, die sich in einer Klausur auf ein Problem konzentrieren, denn das nennt man dann Tagung oder Seminar oder Konzil.

Konzentrationslager sind Gefangenenlager, in denen man diejenigen unwürdig einpfercht, die in einem kriminellen Staatsgebilde nicht teilnehmen dürfen und sollen. Da sind dann oft auch Wissenschaftler dabei, aber es ist das Gegenteil einer Tagung oder eines Seminars.

Diese herabwürdigendde dauerhafte Zusammenpferchung derjenigen, die der kriminelle Staat nicht teilnehmen lässt und die an diesem kriminellen Staat nicht teilnehmen wollen, sollte man nicht Konzentrationslager, sondern immer auch Tötungslager nennen. Es sind menschentötende Vernichtungslager.

Ein falscher Euphemismus, der bisher semantisch selten durchdacht wurde.

Eine Banalität

Der Gedanke ist das, was einer Banalität zum Gedanken fehlt.

Karl Kraus

28.05.2020, aktualisiert vom April 2020 (src)

Hegel-Stadt

Aber diese Welt ist geistiges Wesen, sie ist an sich die Durchdringung des Seins und der Individualität; dies ihr Dasein ist das Werk des Selbstbewußtseins; aber ebenso eine unmittelbar vorhandne ihm fremde Wirklichkeit, welche eigentümliches Sein hat, und worin es sich nicht erkennt. Sie ist das äußerliche Wesen, und der freie Inhalt des Rechts; aber diese äußerliche Wirklichkeit, welche der Herr der Welt des Rechts in sich befaßt, ist nicht nur dieses zufällig für das Selbst vorhandne elementarische Wesen, sondern sie ist seine aber nicht positive Arbeit - vielmehr seine negative.

Hegel-Haus

28.05.2020, aktualisiert vom Mai 2020 (src)

Krieg

Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser geht, hierauf die Erwartung, daß es einem nicht schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, des es dem anderen auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.

Karl Kraus

Herr Doktor, das ist schön von Euch.

Es gibt nichts Harmloses mehr. Die kleinen Freuden, die Äußerungen des Lebens, die von der Verantwortung des Gedankens ausgenommen scheinen, haben nicht nur ein Moment der trotzigen Albernheit, des hartherzigen sich blind Machens, sondern treten unmittelbar in den Dienst ihres äußersten Gegensatzes. Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschuldige Wie schön wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders ist, und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält. Mißtrauen ist geraten gegenüber allem Unbefangenen, Legeren, gegenüber allem sich Gehenlassen, das Nachgiebigkeit gegen die Übermacht des Existierenden einschließt. Der böse Hintersinn des Behagens, der früher einmal auf das Prosit der Gemütlichkeit beschränkt war, hat längst freundlichere Regungen ergriffen. Das Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn, dem man, damit es nicht zu einem Streit kommt, auf ein paar Sätze zustimmt, von denen man weiß, daß sie schließlich auf den Mord hinauslaufen müssen, ist schon ein Stück Verrat; kein Gedanke ist immun gegen seine Kommunikation, und es genügt bereits, ihn an falscher Stelle und in falschem Einverständnis zu sagen, um seine Wahrheit zu unterhöhlen. Aus jedem Besuch des Kinos komme ich bei aller Wachsamkeit dümmer und schlechter wieder heraus. Umgänglichkeit selber ist Teilhabe am Unrecht, indem sie die erkaltete Welt als eine vorspiegelt, in der man noch miteinander reden kann, und das lose, gesellige Wort trägt bei, das Schweigen zu perpetuieren, indem durch die Konzessionen an den Angeredeten dieser im Redenden nochmals erniedrigt wird. Das böse Prinzip, das in der Leutseligkeit immer schon gesteckt hat, entfaltet sich im egalitären Geist zu seiner ganzen Bestialität. Herablassung und sich nicht besser Dünken sind das Gleiche. Durch die Anpassung an die Schwäche der Unterdrückten bestätigt man in solcher Schwäche die Voraussetzung der Herrschaft und entwickelt selber das Maß an Grobheit, Dumpfheit und Gewalttätigkeit, dessen man zur Ausübung der Herrschaft bedarf. Wenn dabei, in der jüngsten Phase, der Gestus der Herablassung entfällt und Angleichung allein sichtbar wird, so setzt gerade in solcher vollkommenen Abblendung der Macht das verleugnete Klassenverhältnis um so unversöhnlicher sich durch. Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. Einig sein soll man mit dem Leiden der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer zur Verhärtung des Leidens.

Theodor Adorno

Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses

Auf einem silbernen Teller befand sich einst ein Edamer Käs, und nahe dabei ein Talglicht, welches den Käs bestrahlte. Milben hatten sich, durch die innere Gährung seiner organischen Partikeln, im Käse erzeugt. Unter ihnen war eine Philosophin, welche dem Ursprung und der Bestimmung des Käses und der Milben nachdachte. Jemand, der den Käs zu essen im Begriff war, belauschte ihren Monolog mit dem Ohr jener Geniemänner, welche die Sphären singen, die Nerven stimmen, die Flöhe husten hören.

Man fragt mich nicht, wie Das möglich war. Die Frage über das Wie der Dinge ist oft indiskret, und wir könnten eher allgemeine Zweifler werden, als sie in jedem Falle beantworten. Genug, dieser Fürwitzbeutel vernahm die Milbe so reden.

"Wie lieblich duftet dieser Käs! Wie ambrosisch ist dieser Geschmack! Wie nahrhaft diese Speise! Wie bequem meine Wohnung! Eine unermeßliche, durchaus eßbare Welt.

Wie mächtig, wie wohltätig muß der sein, der den Käs machte, ihn für Milben schuf! Unser Sein war sein Wille, unser Wohlsein sein Zweck. Denn vom Nutzen eines Dings schliessen wir auf seine Absicht.

Ich gehe weiter: Dieser Käs ist der beste unter den möglichen. (Der Eigentümer hielt ih für versalzen). Der Beweis ist simpel. Hätte der Urheber einen besseren machen können, so würde er ihn vorgezogen haben. Warum sollte er das Vollkommene dem Mittelmäßigen nachsetzen!

Jener glänzende Körper, der aus ungemessener Ferne meinen Käs bestrahlt (hier lächelte die Milbe gegen das Talglicht) was kann er sein, als unsere Laterne? Wie erquickend, wie wohltätig ist sein Licht! Wie anpassend der Organisation meiner Augen. Ja, das Licht ist um der Milben willen gemacht.

Glückliche Milben! Ihr seid Mittelpunkt - Endzweck aller Kombinationen der Welt. Euch erfreuet das Licht. Euch duftet der Käs, Euch laden seine fetten Partikeln zum Genusse ein.

Aber eben darum, weil Milben der Zweck sind, dem die Natur alle ihre Werke, als Mittel, subordiniert hat; eben darum, erhabene Milben, ist diese ephemerische Existenz nicht das ganze Erbteil, welches die Natur euch beschieden hat.

Sollte sie nicht ewige Zwecke lieben? Sollte der Zirkel der Allnatur ohne seinen Mittelpunkt, worauf alle Strahlen sich beziehen, bestehen können? Nimmermehr! Milben: ihr seid zu den erhabensten Aussichten bestimmt. Eure Existenz; in der Höhle des Käses ist nur der rosenfarbene Morgen eines schönen Tags, dessen Mittag eurer wartet.

Die sublimen Gedanken, welche itzt meinen Geist beschäftigen, sind mehr als die Wirkung meiner Organisation. Es ist wahr, ich kenne meinen Körper, die inere Natur seiner Elemente, die Art ihrer Zusammensetzung beinah gar nicht. Aber dennoch kann ich a priori bestimmen, welche Wirkungen aus dieser Zusammensetzung möglich sind, und welche nicht."

So eben wollte die Rednerin von der Zukunft weissagen, und die Natur der Käse, welche sie künftig bewohnte, und zum Teil essen würde, auf unzählichen, wie sie meinte unumstößlichen Grundbegriffe der Milben metaphysik zu demonstrieren beginnen, als der Zuhörer, vom Mitleid über ihre Mühe gerührt und um ihr eine langwierige Reihe Syllogismen zu ersparen, die Rednerin samt dem Katheder, worauf sie stand, in den Mund steckte und verschlang.

Man sagt, sie habe noch zwischen den Zähnen des Würgers behauptet, ihre Erhaltung, ihr Wohl sei der Endzweck der Natur.

Wilhelm Ludwig Wekhrlin

Hegel

Glückskinder leben im Glauben einer schönen Welt, und sie stecken andere an, das Schöne zu denken um einer Wirklichkeit willen, die in allem Bewußtsein sein sollte.

  • Die tiefere Struktur des menschlichen Geistes.
    • Das ist der darwinistischen Gedanke, der im Materiellen gilt. Die

noch tiefere Wahrheit, jenseits des Sozialdarwinismus, welcher ein dummes Wort ist, liegt darin, daß die denkenden Menschen die Solidarität immerzu aus genetischem Instinkt für das Menschliche bewahren.

Hegel dachte das Schöne und nahm den Wahn daran ernst.

  • Presseorgane unserer Springer-Zeit haben ihn längst widerlegt.
  • Daß es einen Fortschritt gibt, ist ein wundervoller Gedanke. Daß

Glückskinder diesen Gedanken intuitiv verwirklichen, ist ein schöner Menschheitsgedanke.

  • Ispell kennt den Begriff "Menschheitsgedanke" nicht und macht ihn als Fehler kenntlich durch Hervorhebung.
  • Bei den Menschen gibt es diesen Gedanken oft in Sci-Fi-Lektüren, aber sie erkennen ihn nicht mehr als mögliche Alternative des Alltags.
    • Die Menschen haben ihren Fortschritt nur da, wo sie individuell die Hoffnung erkennen und die Motivation bekommen, die Freiheit zu suchen.

Das ist in der Sprache allein. Das ist der Geist ihrer dialektischen Identität etc.

  • Ja, der Hegel.
  • Unnötig zu erwähnen, daß er nicht originell war, sondern nur festhaltend. Der berühmte Schriftsteller Schiller, der inzwischen die Attribution "berühmt" dringend benötigt, weil er es längst nicht mehr ist, arbeitete einiges vor. Wie kühn, ihn zu erwähnen.

(edit Wikipedia-Beitrag Hegel im Literaturbereich: "Drei Studien zu Hegel" von Adorno).

Das Klopfen der Pulsadern

Die Religion hatte in dieser Seele, die sie ganz durchtränkte und die eine aus der Zeit Heinrichs III. stammende Vererbung vielleicht dafür empfänglich gemacht hatte, ein übermenschliches Ideal entstehen lassen und damit auch das unbillige Ideal der Wollust in ihr aufgerührt. Ausschweifende und mystische Zwangsvorstellungen vereint quälten sein Gehirn, geschwächt von dem hartnäckigen Verlangen, der Gewöhnlichkeit der Welt zu entgehen, fern von ehrwürdigen Gebräuchen in neuen Ekstasen zu vergehen, in himmlischen oder höllischen Krisen, welche durch den Verlust des Lichts in gleichem Maße zerrütten.

Er erwachte aus diesen Träumen, vernichtet, gebrochen, fast sterbend; sofort zündete er alle Lampen und Kerzen an, überschwemmte sich mit Helligkeit, im Glauben, dadurch weniger als im Dunkeln das dumpfe, hartnäckige, unerträgliche Klopfen der Pulsadern zu hören, die mit doppelter Schnelle unter der Haut des Halses schlugen.

Joris K. Huysmans, Gegen den Strich

Die wichtigen Menschen

  • sind immer in Konzernen beschäftigt
    • sie verdienen Geld.
      • und sie wollen keine Veränderung der Welt,
        • an denen sie nicht mitverdienen.

Wohl aber ist die Welt verloren gegenüber allen,

  • die an ihr "Geld" verdienen,
    • was ein Verbrechen ist
      • an den lebendigen Menschen.

Die wichtigen Menschen in der Wirtschaft, Exekutive, Legislative und Judiskative sind wahrscheinlich meistens Verbrecher.

  • Wo die Regeln der Demokratie enden, beginnt die Freiheit des Erz-Schuftes.
Neu: Sonntag, 29.03.2020 (src)


»Der Öffentlichkeit Einzelheiten über mich selbst mitzuteilen, ist eine bourgeoise Versuchung, der ich stets widerstanden habe.«
Gustave Flaubert


(Ein zusätzlicher Abschnitt über Gustave Flaubert ist übrigens weiter unten zu finden)

"Nein, ich bin nicht verstockt", sagte er. "Es ist mir egal, und es geht mich auch nichts an, wie sich die Leute öffentlich präsentieren. Früher nannte man fremde Leute, die einen auf der Straße angesprochen und einen sofort mit ihren intimen Lebensgeheimnissen bekannt gemacht haben, verrückt. Ich finde aber, man sollte gerecht sein, und sie nur als zu früh in die Zeit Geworfene betrachten."

"Aber kuckmal", sagte A., der ehemalige Kollege seiner treuen und würdigen Ehefrau D. aus Bibliothekarszeiten. Sie hatten sich hier verabredet, weil die beiden Bibliothekare etwas im Netz nachschauen wollten, aber dann hatte es sich doch so ergeben, daß er sich dazugesellt fand und man die homepages diverser Bekannter aufgesucht hatte, worin das gesittete Surfen doch immer endet. "Kuckmal, das ist doch so schön gemacht. Ich finde diese schwarze Schrift auf gelbem Untergrund, hier etwa die da, sehr ästhetisch." A. zeigte mit dem Finger darauf und ging näher an den Monitor, um zu lesen. A. hatte sich aus den Bibliothekarskreisen hochgearbeitet und studierte jetzt Informationswissenschaften in Konstanz. "Ich möchte nochmals auf den www-Buchkatalog zurückkommen, äh -klicken, mhh -blättern", sagte D., die als einzige noch wußte, warum sie vor dem Computer standen und die homepages nicht mochte. Sie wollte Informationen. Sie verstummte.

Wohlgemerkt, die drei standen vor einem Terminal, hier in der Stadtbücherei, weil man auf diese Weise wohl von oben, von der Verwaltungsseite hoffte, die kostenlose Surferei wenigstens der älteren und gebrechlicheren Neuen-Medien-Benutzer abzukürzen. Die älteren Leute unter den Neue-Medien-Benutzern hatten, wieder einmal, wie so oft in allen Lebensbereichen, das Nachsehen beim technologischen Vorpreschen. Es ist doch immer das gleiche mit den Neuen Medien, elitär, arrogant, selbstbezogen und nabelschauend, diese Neuen Medien, und die sie verwalten, die Neuen Medien, sind es auch. Die Neuen Medien, die das ganze Leben umwälzen werden, ich sag nur Neue Medien.

"Bäck, bäck, bäck, da, Buch", sagte D..

"Die Wirklichkeit ist doch ganz anders", sagte A., er hatte den Blick immer noch dicht beim Focus. "Man sieht doch nur, was man sehen will. Den Leuten früher, die einen auf der Straße ansprachen, konnte man nicht ausweichen. Hier mußt Du die Seiten ja nicht anwählen, auf denen sich die Leute allzu geschmacklos selber in den Vordergrund stellen. Das sind diese Leute, die, nur weil sie wissen, wie man eine Suchmaschine foppt, immer am Anfang jeder Trefferliste erscheinen und daher wichtig sind. Und das ist doch wirklich so, daß sie dadurch auch wirklich wichtig sind, oder?" Er strich sich eine Strähne aus der Stirn. (Er verließ sich darauf, daß man die Ironie seiner Aussage ohne weiteres verstand.)

"Hast Du eigentlich auch eine homepage, A.?" fragte er. "Dann sollten wir ja jetzt noch kurz hinbrausen, und danach gehe ich aber heim" - "Naja, ich gestalte einige Seiten im Institut", sagte A., und tipperte flink auf der öffentlichen Tastatur. "Es ist nichts besonderes, nur statistische Graphiken und so." - "Keine eigebauten JAVA-Applets?" fragte er entsetzt. A. war jetzt ganz kleinlaut, desavouiert und bloßgestellt. "Nein", gab er zu.

"Hast ja auch recht. Guck mal, obwohl die ganzen Medien so toll und neu sind, finden sich schon jetzt reichlich Menschen, die den Stuß nicht mehr mitmachen. Hier ist ja auch schon wieder so einer, der dem Allerneuesten schon mit Überdruß begegnet", sagte er.

"Ja", sagte A., "aber die meisten haben dennoch einen irren Spaß daran."

"Das muß doch eine Entwicklung sein, die den Bibliothekaren Zukunftsangst macht", sagte er vorsichtig. "Bücher liest zwar ohnehin keiner mehr, aber bisher tat man wenigstens so, als würde man sie für unheimlich wichtig halten. Inzwischen geht man doch bloß noch in die Bibliothek, um Leute anzugaffen. Schau dich doch nur mal um, die ganzen Leute hier machen ja nichts anderes als uns anzustieren."

"Das ist, weil du so laut rumtönst", sagte D.. "Außerdem redest Du, wie so oft, auch inhaltlichen Unsinn, denn natürlich lesen die Leute weiterhin Bücher. Glaubst Du im Ernst, daß im Internet irgendwer einen langen Text auch nur anfängt zu lesen, geschweige ihn bis zuende mit seiner Geduld beehrt, und wenn doch, ihn nur eilig quergelesen haben wird. Richtiges Lesen mitsamt den Museminuten des genußvollen Verstehens findet nur offline statt. — Und außerdem sind wir drei ja auch deshalb hier, weil man hier kostenlos surfen kann. Auch das hat etwas mit öffentlicher Bereitstellung von aufklärerischer Lektüre zu tun." Sie war ein bisschen genervt, sah aber unglaublich gut dabei aus. "Übrigens hat da sogar einer seine Bücherliste veröffentlicht, ah, gar nicht mal so uninteressant." Sie vergaß ihren Ärger und scrollte durch. D. war ihrem Mann etwas böse. Eigentlich hatten sie bibliographieren wollen, und jetzt kam man wieder mal vom Hundersten ins Tausendste. Aber eigentlich hatte sie schon vorher gewußt, daß wieder mal keine ernsthaften Informationen übers Netz wandern würden. Und sie fand es okay, daß ihr Mann nun heimgehen würde, während sie mit A. noch ein wenig in Roger's Kiste sitzen würde. So hatte sie die Chance, an diesem Tag noch über etwas anderes reden zu können als über diese dummen unsoliden indiskreten und verrückten Neuen Medien.

Als sie dann draußen, vor der Stadtbücherei, am Portal des Wilhelmspalais, direkt am Charlottenplatz, dem wichtigsten Verkehrsknotenplatz der Stadt standen, und ein lauer Frühlingswind über sie hinwegwehte; während gleichzeitig die Abendsonne die drei ein wenig zum Blinzeln brachte, sagte er, daß er sich nun verabschieden würde.

(Solltest Du, geneigter und voyeuristischer Leser, nicht ebenfalls weitersurfen, spätestens an dieser Stelle? Merkst Du nicht, wie indiskret Du bist, wenn Du inmer noch weiterliest? Der Chat wartet! Wer weiß, wohin sich dieser losgelassene Homepage-Ersteller noch treiben lassen wird in seiner bodenlosen Geschwätzigkeit! Überhaupt, was bist Du denn für einer, der bis hierher gelesen hat. Das ist nicht vorhergesehen, es widerspricht allen Erfahrungen und allen Thesen dieser Seite, und das ist eigentlich eher ärgerlich. Los, verpiß Dich!)

Er wiederum sagte, er habe nun Hunger und wolle sich daheim sein eigenes Süppchen kochen. "Ich habe auch Hunger!" sagte D., "ich will eine Currywurst beim Brunnenwirt!". - "Die Currywürste sollen ja echt gut sein beim Brunnenwirt, die besten in der ganzen Stadt, wie man hört. Ich glaube, ich versuche auch eine." sagte A.. "Ach, eine Currywurst beim Brunnenwirt…" sagte er träumerisch. "Warum kommst Du nicht einfach mit?" fragte A.. "Na gut", sagte er.

Exkurs: Bauwerke

Sie schlenderten die ehemalige Auffahrt des Königs von Württemberg, der ja tatsächlich früher in der Stadtbücherei gewohnt hatte, hinunter, ergötzten sich am Neubau der Musikbücherei, der sich linker Hand sehr postmodern ins Bewußtsein drängte und fühlten ein schnelles Gefühl der Freiheit in der Zeitlosigkeit vorüberhuschen. Zumindest ihm ging es so. Aber er war ja auch der einzige, der gerade etwas Ungeplantes tat.

"Dafür, daß Stuttgart gewiß eine schrecklich biedere und pietistisch schrille Stadt ist, hat sie eine lustige Prachtstraße als Visitenkarte, Aushängeschild oder reale Homepage, oder wie man das im wirklichen Leben so nennt." - (Nachsichtiges Lächeln der anderen, sie wußten ja, dies ist nur ein Text, den keiner zuende lesen würde) - "Lauter verschiedene Baustile, die teils extrem häßlich sind, wie etwa die Landesbibliothek, die ganz ungehemmt im Stil der sechziger Jahre hingeklotzt wurde. Mannmannmann. Daneben die Stadtbücherei im niedlichen Wilhelmspalais, das kennen wir schon von innen. Und da hinten residiert die Edle, die Prachtvolle, die Staatsgalerie, die wahnsinnig schick und berühmt ist. Die Musikhochschule daneben, die den Stilemix hübsch erweitert, indem sie versucht, die Staatsgalerie ideenlos zu kopieren, paßt schon wieder zur Landesbibliothek, die daran anschließt. Langweile ich Euch sehr?"

"Das Witzige ist, daß ich es noch nie so betrachtet habe, obwohl ich schon tausendmal in Stuttgart war", sagte A..

"Ja, es macht schon einen Unterschied, etwas nur zu sehen oder darüber zu sprechen", sagte er mit Inbrunst.

"Reden ist ja ohnehin etwas, was Du die ganze Zeit ohne zu ermüden tun könntest", meinte D., die immer noch nachsichtig lächelte.

Er antwortete nicht. Sie standen nun direkt am Charlottenplatz am Fußgängerüberweg und sahen Unmengen an Vans, Cabrios, Jeeps und sonstigen Autos an sich vorbeibrausen. Es war so laut, daß das Gespräch sowieso unterbrochen worden wäre. —

Plötzlich war da ein Mann, der sie anbrüllte. Sie erschraken und sahen den Mann an, der aus Leibeskräften schrie. Warum tat er das? Woher wußte er das? Nach einigen Sekunden merkten sie, daß er sich nur verständlich machen wollte und daß er eigentlich innerhalb seiner Möglichkeiten ganz höflich nach dem Weg zum Bahnhof fragte. Er sei Tourist und habe sich verlaufen. Dann standen vier Leute gestikulierend und brüllend da, und nach einer Weile gingen drei davon über den Fußgängerüberweg, während einer den Weg zur Staatsgalerie einschlug. Ein paar hundert Augenpaare hatten das Vorkommnis hinter Autoscheiben hervorlugend beobachtet.

Dies alles geschah auf dem Charlottenplatz, auf dem und unter dem lauter kleine Informationspakete ihren Weg in irgendeiner Weise suchten. Es war heavy traffic um diese Zeit. "Früher war hier der sogenannte Häfelesmarkt, in einem Stuttgart-Bildband in der Bücherei habe ich mal ein Bild davon gesehen. Das war wirklich ziemlich anders. So idyllisch. Irgendwelche Frauen verkauften unter Platanen Töpfe und Behältnisse für den Haushalt, und das war ihr Leben. Ein Gefühl wie noch im Internet 1993", sagte er, der es sich einfach nicht abgewöhnen konnte, den Insider und Geschichtsintimen zu spielen, vielleicht, weil er irgendetwas beweisen mußte.

"Schaut mal, da hinten läuft ein Mann, der aussieht wie Gustave Flaubert", sagte D..

"Wer ist das denn?" fragten A. und der "Insider" im Chor. Aber da wurde die Fußgängerampel grün und sie brauchten alle Aufmerksamkeit, um über die Straße zu gelangen. Auf der anderen Seite hatten sie dann so viel erlebt, daß sie die Frage wieder vergessen hatten. (Aber selbstverständlich würde die Rede nocheinmal ausführlich auf diesen Punkt kommen, deswegen existiert diese Aufzeichnung ja überhaupt.)

Zweiter Exkurs: A.s Erzählung

Während sie unter dem großen Hochhaus am Charlottenplatz durchgingen und den Eingang zur U-Bahn-Haltestelle rechts unten liegen ließen, sagte A.: "Ist das eigentlich das höchste Hochhaus in Stuttgart?" - "Kann gut sein", sagte der andere. "Ich meine, es ist ja schwindelerregend, selbst im Vergleich mit allem, was so in Manhattan rumsteht. Eigentlich schade, daß es keine Schwarzweiß-Fotos aus den sechziger Jahren gibt, als beim Bau irgendwelche speziellen unerschrockenen Oberschwaben in schwindelerregender Höhe die T-Träger verflanschen." - "Ja, das wäre doch wichtig: Dokumentationen in irgendwelchen Bildbänden über Stuttgart. Vorne Häfelesmarktidylle, hinten scysraper-Baufotos. Aber im Ernst, zehn oder elf Stockwerke sind es schon, oder?" fragte A.. "Meinst Du wirklich?" fragte D. zweifelnd.

Sie kamen am Bohnenviertel vorbei. "Das ist das Bohnenviertel!" sagte er.

"Ich kenne einen Typ in Konstanz, der studiert auch Informationswissenschaft, Dennis ist sein Nickname, der ist auch so eine Bohnenstange. Der ist so lang und dürr wie dieses Hochhaus da", sagte A.. "Jedenfalls: der hat dort unten eine Studentin kennengelernt, die ein bisschen schräg drauf ist. Sie hat so einen touch von Alt-68er-Tum, schwer menschenfreundlich in der Grundeinstellung und wird von romantischen Anwandlungen offenbar regelmäßig heimgesucht…

…und wie die sich anzieht! Aber sie hat ein süßes und liebes Gesicht, und auf sowas fahren die Kerle ja öfters mal ab." - "Ich nicht", sagte er. - "Jedenfalls", sagte A., "ist dieser Dennis volle kanne drauf abgefahren. Einmal, als ich in Konstanz vom Parkhaus rauskam und zur Uni ging, hörte ich, wie die beiden an diesem Kunstwerk am Parkhausausgang, bei diesem Betonporsche da, heftig diskutierten. Was haben wohl solche Menschen miteinander zu reden? Sex? Karriere? Verbrechen? Ich hörte also mal zu, damit ich was lernte. `Also, ich muß noch tanken, und dann können wir los.` sagte dieser Dennis. Und die Romantikerin `Ich muß noch die Eltern anrufen, außerdem muß ich noch ein Treffen mit Tamara heute abend absagen.` Dann sagte der Typ: `Und Du willst das Seminar wirklich ausfallen lassen? Das ist ein wichtiger Schein.` Da überlegte die Romantikerin rum, was mich ärgerte, denn ich wollte wissen, was die da verabredeten und konnte ja auch nicht stehenbleiben. Mach hin, entscheide dich, dachte ich und ging langsamer. `Mhh, mhhh`, machte die Menschenfreundin, und dann endlich `ja, los, laß uns jetzt sofort nach Venedig fahren. Haben wir eigentlich genug Geld?` - `Ich habe noch achtzig Mark`, sagte der Typ, und ich dachte schon, ob das nicht ein bisschen wenig ist. `Ich habe noch dreißig` sagte die Tussi. Und dann war ich endgültig vorbei."

"Ja, und dann?" fragte D..

"Naja, einige Wochen später sah ich die beiden in der Mensa sitzen und erinnerte mich wieder an die Betonporscheszene. Dann sah ich wieder einige Zeit später Dennis, diese Bohnenstange, und fragte, was er die letzte Zeit so getrieben habe. `Programmiert`, sagte er. Und sonst, fragte ich. `Flaubert gelesen, Bouvard und Pécuchet.` Hast du noch diese hübsche, nette Freundin, die sich so toll unkonventionell anzieht, fragte ich, schon ganz leicht genervt.

`Naja, wir waren im Urlaub, da ging uns das Geld aus.` - `Oh, seid ihr beraubt worden? Wo wart ihr denn?` - `Wir

waren in Italien, in Venedig, und das Auto ist uns ausgeraubt worden, als wir es in einem Großparkplatz geparkt hatten. Wir sind dann zur Polizei und haben den Schaden gemeldet, die gaben uns einen Schein für die Versicherung, aber wir waren gar nicht versichert, und auf dem deutschen Konsulat hatten wir eine Menge Glück, die haben uns das Geld vorgestreckt, das die Versicherung zahlen mußte. Keine Ahnung, wie das ging, der Schein hat gereicht. Dann sind wir in ein schönes Hotel am Lido und haben dort vier Tage lang gewohnt. Der Service war echt gut.` - `Das klingt ja wie im Märchen.` sagte ich, und meine Neugier war eigentlich schon erschöpft. Ein bisschen neidisch war ich natürlich auch. Mir passieren nie so seltsame und romantische Dinge, aber ehrlichgesagt finde ich das auch bodenständiger. - `Im Hotel wußten alle von unserem Mißgeschick und bemühten sich, uns gut zu bedienen. Der Kellner abends war richtig zuvorkommend. Es war ziemlich ok. Es gab sogar eine polnische Familie, die sehr kultiviert war und einen sehr hübschen etwa vierzehnjährigen Sohn auf die alten Herren wirken ließ. Aber wir lachten natürlich nur darüber.` - `Oh, und jetzt seid ihr wahnsinnig verliebt, da ja die Umstände so glücklich stehen?` fragte ich leicht konsterniert. `Ja`, sagte er."

"Ich meine ja nur, irgendwie ist er eine Bohnenstange und weil wir hier an diesem Bohnenstangenviertel vorbeigehen, ist es mir halt so eingefallen", sagte A..

"Es heißt bloß: Bohnenviertel", sagte er. "Dann vergiß die Geschichte", sagte A..

"Fällt das unter die Rubrik ` Tratsch

und Klatsch aus Konstanz`?", fragte D.. "Naja, wie man's nimmt", sagte A., "es gab in Konstanz mal sogar eine Diplom- oder gar Doktorarbeit über den sozial höchst wichtigen Status des Tratschens, die sogar im Spiegel rezensiert wurde."

"Das ist wirklich lächerlich", sagte D.. "Alles, was ich an Büchern aus Universitätskreisen kriege, sind immer die lächerlichsten Untersuchungen über alberne kleine Dinge des Lebens, welche aber, ich meine die Untersuchungen, immer einen Magister- oder Doktortitel rechtfertigen. Ich finde das schrecklich."

"Vielleicht ist ja alles Wichtige längst bearbeitet, sodaß nur noch solche Sottisen für den akademischen Betrieb taugen?", vermutete er.

"Das gilt dann aber nur für die höchst veralteten Fakultäten der Germanistik, Soziologie oder Philosophie ", sagte A.. "Denen fällt nichts mehr ein als Kleinkram und biedermeierliche Aufwertung des Vernachlässigbaren. - Aber bei uns gibt es sehr interessante Untersuchungen über die Nutzung der neuen Medien, intelligente Informationsbereitstellung im Internet und solche Dinge, die wir doch sogar selber noch vor einer halben Stunde gebraucht haben, als wir Informationen im Internet recherchiert haben." Er mußte selber lachen.

"Ach, gerade das meinte ich doch mit dem Vernachlässigbaren. Der Tratsch tritt nur in eine neue Form ein, die ihm leider wieder zuviel Bedeutung verschafft", sagte D., obwohl sie zum Thema eigentlich nichts mehr zu sagen hatte. "Es ist sowas wie ein Rückfall in die Zeit, als es noch keine öffentliche Meinung gab, und einzelne Leute meinten, sie hätten die Wahrheit für sich gepachtet und auch mit ihren Meinungen so auftraten." Jetzt hatte sie aber eindeutig genug gesagt und kuckte in ein Schaufenster einer Bildergalerie, an der sie gerade vorbeikamen. Im Bohnenviertel gab es sie an jeder Straßenecke.

Sie blieben alle drei stehen und kuckten ein bisschen durch das Schaufenster.

"Unglaublich", sagte A.. "Das ist die Härte", sagte er. "Mhh", sagte sogar D..

Unter vielen abstrakten Gemälden der Moderne, die meistenteils von Willi Baumeister oder Oskar Schlemmer oder sonstigen Stuttgarter Wilden in sehr antibürgerlicher Manier hergestellt waren, hing ein sehr konkretes Bild, aus Öl und laut Legende den Besitzer der Galerie mit Frau und Kind darstellend, eine neosozialistischen Realität anmahnend, dem kleinsten Detail verpflichtet, aber das große Ganze höchstwahrscheinlich verfehlend (aber wer konnte das sagen: keiner von ihnen kannte den Galeriebesitzer), wahrscheinlich kein Jahr alt, und es biß sich mit den anderen.

"Ich bin begeistert", sagte er und blickte gleich darauf in viel nachsichtiges Lächeln der beiden Bibliothekare, wovon einer seine Frau war, denn sie wußten ja schon, was er jetzt sagen würde, aber er merkte es nicht, "ich liebe Peinlichkeiten grundsätzlich. Ich kenne einen Chat-Freund, dem ist es ähnlich ergangen wie diesem Galerist. Er hat sich eine Homepage zugelegt, in der er über die Wirklichkeit seines Lebens berichtet hat, inmitten all der Lüge und abstrakten Wissensvermittlung, meine Güte, ich fand es ehrlich und gut gemeint und wahnsinnig eigentlich und nicht weiter auffallend in dieser gigantischen Schülerzeitung namens Internet, mäßig amüsant, aber so gut wie alles andere. Nagut, er setzt seine Page ins Netz, wird öffentlich und hofft natürlich auf die Zuschriften fremder Menschen, die sich in ihm wiederfinden und ihm aus sicherer Entfernung in sein Guestbook hinein sagen, daß er sympathisch und nett und nicht allein in der Welt ist."

"Bis hierher ist alles ganz normal." sagte A. lächelnd.

"Genau. Aber dann war es so, daß niemand seine Seite interaktiv annahm, außer seinen Eltern, die extra wegen ihm neu in diese Technik dazukamen. Extra wegen ihm. Also sie wußten nichts von der sogenannten Netzkultur, sondern sie wollten nichts anderes als seine homepage lesen und auf diese Weise was von ihrem Sohn erfahren, - und die dann einigermaßen empört waren."

"Hatten sie einen Kulturschock?" fragte D. lächelnd.

"Genau. Er beklagte sich daraufhin im Chat bei uns anderen, daß seine Eltern keine Ahnung hätten von dem Witz und Esprit, den er parodistisch auf seine Netzerfahrungen verwendet hätte, denn sie kannten nichts vom Netz, sondern nur seinen Text und mußten daher die Freuden der Intertextualität vermissen. Nunja, und auf seinen Seiten sei halt, auf ironische Weise, wie er selber meinte, viel von Sex die Rede. Aber man müsse halt wissen, daß Pornographie im Netz etwas anderes sei als anderswo."

"Moment mal, er hatte eine von diesen Schweinegifseiten, und seine Eltern waren die einzigen, die sie besuchten? Das kann aber nicht sein", sagte D. ernst. - "Das kann schon sein, denn sie waren die einzigen, die ihm Rückmeldung gaben. Die anderen haben nur die Bilder abgesaugt, wortlos, sozusagen lüstern schweigend während des Downloads, wie das in diesen Kreisen üblich ist. Wer im Netz plaudert, hat nicht verstanden, daß Sprache hundertmal indiskreter ist, als jede Veröffentlichung von Bildmaterial. Überhaupt sind Bilder immer herrlich unbedeutend, solange bis jemand kommt, der über sie spricht und kund tut, ob sie gut oder schlecht zu bewerten sind. Das ist dann der, der sie in Sprache umsetzt."

"Das ist jetzt aber sehr seicht, was Du sagst", sagte D. noch ernster. Sie bogen in die Leonhardsstrasse ein.

"Gewiß, es ist ein statistisches Problem, ob man verstanden wird, oder nicht. Kunst besteht darin, den normalen Anteil an Irren für sich stärker zu interessieren, und der Anteil der Irren hängt immer von den jeweiligen sozialen Verhältnissen in den jeweils populären Medien ab."

"Das verstehen wir nicht!" sangen die beiden anderen im Chor.


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Alles normal

Literaturtip für Eingeschlossene:

  • Die Pest von Albert Camus.
  • Das gilt für beide große Epidemien,
    • die vom Nazivirus.
      • und die von Coronavirus nebenbei auch.

Es ist alles eitel

Du sihst, wohin du sihst, nur Eitelkeit auff Erden.
Was diser heute baut, reist jener morgen ein.
Wo itzund Staedte stehn, wird eine Wisen seyn,
Auff der ein Schaefers-Kind wird spilen mit den Herden.

Was itzund praechtig blueht, sol bald zertretten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein,
Nichts ist, das ewig sey, kein Ertz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glueck uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm, muß wie ein Traum vergehn.
Soll den das Spil der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß, was wir vor koestlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wisen-Blum, die man nicht wider find't.
Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

Andreas Gryphius

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Created: 2020-08-11 Di 21:45

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