Viele Leben in Geschichten,

und von denen gibt es viel zu viele. Überall werden sie erzählt. Geschichten mit forciertem Tempo gelten als spannend. Leute, die viele Geschichten lesen und im Kino sehen, fangen an, ihr Leben als eine Geschichte zu erleben, das daher natürlich auch die Kriterien einer solchen erfüllen muß, was unglücklich macht, weil es einer Dramaturgie dafür bedarf. Geschichten sind beherrschend für die Psyche; das Erzählen von Geschichten ist vor Zeiten schon ausgeufert, nicht mehr kontrollierbar, verheerend. Mächtige Industriezweige leben vom Geschichtenerzählen und kaufen mit ihren Lobbyisten die Gesellschaft auf. Die simple Grammatik der Eindimensionalität und der plumpen Chronologie der Geschehnisse verdummt Geschichtenleser systematisch. Die Anlehnung der Form der Geschichten an die Erfahrung von einfachen sequentiellen Menschheitsverrichtungen wird als Wahrheit dargestellt und verschließt den Gedanken an jede Außergeschichtlichkeit. Die Transzendenz des Lebens wird üblicherweise negiert, wo Geschichten erzählt werden. Das ist, weil statische Ereignisse als solide gelten, vor allem, wenn sie fortlaufende Ereignisse beschreiben, die niemanden überfordern. Während Gedanken anders wären, nicht zeitgebunden, nicht dem Ort und der Handlung verbunden sind. - Gedanken gibt es viel zu wenige.

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