Radelnde Hoffnungsträger

Vor zehn Jahren war alles noch anders. Doch dann setzte der stille Strukturwandel ein. Das Wort des zwanzigsten Jahrhunderts wurde plötzlich unpopulär: Erfolg. Karriere wurde unschick, ja verpönt. Die Manager hatten versagt, und keiner wollte es mehr sein. Die Reichen waren unmoralisch geworden, also blieb man lieber arm. Bilanzen wurden gefäscht, die schwarzen Zahlen wurden zu roten radiert, sonst wäre der Warenverkehr zusammengebrochen. Die öffentliche Meinung war einhellig. Vermögen war eine Schwäche, Leistungswillen wurde als Unvernunft verdächtigt.

Doch arm sein, das soziale Ziel aller, wurde schwierig. Die Firmen bangten um den Nachwuchs an der Führungsspitze. Alle studierten und bildeten sich, doch keiner wollte sein Wissen mehr verkaufen: wußte man doch, daß dies in der Korruption enden würde. Man verkaufte seine Zeit nicht mehr, man verschenkte sie,

Die Kultur änderte sich. Der Typ des Hans-Dampf-in-allen-Gassen, Intendanten, Regisseure, medienwirksame Schriftsteller, man ignorierte sie. Die Verlage begrenzten die Auflagen derjenigen Bücher, die ins Gespräch kommen sollten. Berühmte Theaterstücke durften nicht mehr öffentlich besprochen werden, weil deren Autoren dies erzwangen. Meinung wurde in dezentralisierten Medien gemacht, welche nur dann ernstgenommen wurden, wenn sie keinen Gewinn abwarfen und nichts kosteten.

Geld war in der Tat allgemein als langweilig begriffen geworden. Der Materialismus war so weit gediehen, daß man den Sinn von volkswirtschaftlichen Symbolen nicht mehr verstand. Trotzdem konnte sich das System erhalten: man setzte auf Minimierung und Understatement. Man sprach so wenig von konkreter Leistung und deren Bezahlung, wie man in den Zeiten davor nicht vom Anwenden der Moral gesprochen hatte.

Aber man sprach insgesamt viel. Die dezentralisierten Medien boten Austausch und Gesprächsmöglichkeiten für jedermann, man nutzte seine freie Zeit, dem unnennbaren Gedanken der Demokratie nachzuspüren. Allgemeine Ideen wurden von vielen ausgearbeitet und von vielen verworfen, doch wenn sie sich durchsetzten, blieb nur die Idee und nicht die Namen der Verfechter im Gedächtnis.

Es war die Zeit des Paradigmenwechsels. Aber die ersten, die den Wind der neuen Zeit spürten, hatte man schon vorher mit ihren Fahrrädern zu erotischen Streifzügen in die Bankenviertel fahren sehen.

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