Karl Kraus und die Presse,

Ist für die Presse das Wort Presse schon insultierend? Wahrscheinlich. Denn sie nennt sich selbst inzwischen Qualitätsjournalismus, und das ist sie nie gewesen. Selbst der gutgeschriebebe SPIEGEL der 80er Jahre war Kampfpresse, allerdings eine, ich ich mit intellektuellem Genuß las. Heute aber hat längst die Politik, nein, nicht die Politik, sondern die Bezahlenden gewonnen. Und die Bezahlenden sind nicht die Käufer, die für ein Zeitungsexemplar bezahlen. Die Bezahler sind die Reichen, ihre Institutionen, die die Presse gekauft haben durch Anzeigen und ihre Vorab-Informationen.

Karl Kraus hat das alles schon im Detail beschrieben, denn die Käuflichkeit der Presse ist keine neue Entwicklung, es ist die Substanz der Finanzierung. Mit großer Freude erinnere ich mich an Kraus' Aufklärung, was die "Literarische Welt" anging, als er nachwies, daß eine Trennung von Redaktion und Anzeigenabteilung nicht existiert. Sein Spott ist wahr und witzig, und er kann es nachweisen. Auch heutzutage behauptet die Presse freilich noch ihre Unabhängigkeit von den Anzeigenkunden.

Und alle glauben es natürlich weiterhin. Unabhängiger Journalismus läßt sich doch durch Anzeigenkunden nicht beeinflussen. Das wäre ja!

"Lügenpresse" war freilich ein treffender Begriff von Hitler gewesen, und er hat extra seine eigene Lügenpresse dagegengesetzt. Wobei es rechtsradikale Zeitungen natürlich schon lange vor ihm gab. Und für die heutigen Nazis ist der Begriff immer noch richtig, geht es doch längst nicht mehr darum, die "Fackel" von Karl Kraus damit zu kennzeichnen, obwohl er eben keine Lügenpresse war, sondern die heutigen Zeitungen, die es freilich mehrheitich sind. Sondern die Lügenpresse ist nur die normale Lügenpresse.

Hätte es denn einen aufklärerischen Journalismus deutschlandweit seit der Wiedervereinigung gegeben, hätten man doch die Nazizusammenrottungen, die es von sich selbst ja noch nichtmal wissen, vermieden.

Ich selbst habe Lügenpresse in Stuttgart kennengelernt in den letzten 5 Jahren, seit hier über den Bahnhof S21 diskutiert wird. Ich war immer bei den Demos und den Gegnern, und die hiesigen Zeitungen schrieben niemals über die sachlichen Fakten, sondern nannten uns Wutbürger und stärkten die CDU-Mächtigen. "Stuttgarter Nachrichten" waren aggressiv CDU-staatstragend, und die "Stuttgarter Zeitung" berichtete nichts von den vernünftigen Einwänden und kriminalisierte lieber pauschal die Demonstranten. Nun, nach fünf Jahren, geben sie sich abgeklärt. Aber ich habe dieses Zeitungswesen sehr wohl mitgekriegt: Entweder nur dumm, und zugleich natürlich cdu-lastig, ebenso arrogant staatstragend. Ständig lügend, Fakten gemeinhin vermeidend, freilich ständig Politik betreibend, angelegentlich eine rechte Staatsanwaltschaft kritiklos lobend, immerzu empörendste Polizeibrutalität verniedlichend und herben Amtsmißbrauch schönredend. Diese Zeitungen sehe ich als Beispiele für die Lügenpresse, die eben die normale Presse ist, seit es sie gibt.

Die radikale Pressekritik von Karl Kraus, der in der deutschen "Journaille" die Kriegstreiber für die Weltkriege sieht, kann ich immer völlig nachvollziehen. Und die Springerpresse macht ja nichts anderes, als wieder und wieder zu lügen und zu hetzen.

Die Pegida-Anhänger lesen sicher die Springerzeitungen. Im Tal der Ahnungslosen gelten die wohl als die einzig ehrlichen.

Daß ich als junger Mensch "Die Fackel" durchgelesen habe, prägt mein Verständnis des Zeitungswesens bis heute. Ein wohlinvestiertes Jahr.

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