Hyperions Schicksalslied

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Hölderlin

Kommentar:

Ja, genau so ist es mit uns. Das Leben wirft uns von Klippe zu Klippe, und wir wissen nichts von unserer Zukunft. Doch die Gedichtform ist prima, denn in einigen kurzen Sätzen erfahren wir die psychische Offenbarung, und die ist sehr wegweisend. Im Grunde geht es ja darum, gern blindling auf die Klippen geworfen zu werden. Oderso.

Poststelle@Philosophischer-Nacht-und-Sonntagsdienst.de