· Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst ·

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Le grand Bleu in Völklingen

Die Saar: jenes zweihundert und fünfzig Kilometer lange Band in der mitteleuropäischen Landschaft, welches wir so gerne als ein blaues Band ansprechen wollten, wenn es nur richtig wäre. Blau ist es aber bestenfalls in der Gegend zwischen Lörchingen, wo die weiße mit der roten Saar zu- sammenfließt, und Saargemünd, der Grenzstadt; denn weiter stromabwärts geht die Farbe nach und nach, aufgrund welcher Einleitungen auch immer, ins leblos-bräunliche über; und selbst im umrissenen Bereich läßt sich die Bläue nur an manchen sonnigen Frühlingstagen von jemandem feststellen, der danach sucht und der einen gewissen Blick dafür mitbringt. Jedenfalls bestehen wir auf dem Ausdruck, daß genannter Fluß ein Band sei. Das ist sehr poetisch und nimmt auch den nüchternen Fakten ein wenig von ihrer aufdringlichen Konkretheit. Ein Band also, nicht übermäßig lang, wenn man bedenkt, daß es sich um einen Fluß handelt; wäre es aber zum Beispiel eine Aneinanderreihung von Buchstaben, so könnte man auf zweihundertfünfzig Kilometern Einiges sagen und ganz bequem eine auch längere Kurzgeschichte darin unterbringen. Nehmen wir es also in die Hand und lassen uns mitziehen, oder besser: mittreiben. Die Saar ist eines jener Gewässer, die die Namen der an- liegenden Siedlungen erheblich beeinflussen. Vorbei an den lothringischen Sarrebourg, Sarrewald, Sarraltroff, Sarrewerden, Sarre-Union, Sarralbe, Sarreinsming, Sarre- guemines (Saargemünd) über die Grenze in Richtung Saar- brücken, Saarlouis, Saarwellingen, Saarfels, Saarhölzbach und wiederum Saarburg fließt die Saar, um dann irgendwann in die Mosel zu münden. Gerade in diesem letzten Ab- schnitt entwickelt sich der Flußlauf an einigen Stellen zur Sehenswürdigkeit. Wir erinnern an die Saarschleife bei Cloef als den Ort zum beschaulichen Verweilen und naturgenießenden Innehalten. Eine Schleife im Haarband der Natur. Hier wird der Fluß zum bedeutsamen Ereignis, nachdem er im langweiligen Lothringen die rechte Stärke und Breite gesammelt hat und entlang der schon deutschen Industriereviere auf den neuesten Stand, was Verunreini- gungen und Abwässer angeht, gebracht wurde. Schiffsver- kehr ist möglich zwischen Saargemünd und Dillingen, doch bietet die in Sarreguemines ansässige Schifferbörse kaum genügend Aufträge, um die einigen Dutzend Leute, die da- von leben, gut leben zu lassen. Zur Zeit denkt man daran, die Saar bis hin zur Mosel schiffbar zu machen, womit der Anschluß an die bundesrepublikanischen und europäischen Wassertransportwege geschafft wäre. Diese Verbindung käme den Saarländern sehr gelegen. Das Saarland nämlich, welches sich durch Volksentscheid erst 1957 von Frankreich ab- und Deutschland zuwandte, ist das jüngste der westdeutschen Bundesländer und als solches bis heute im Geruch der Halbheit und einer wankelmütigen Zugehörigkeit geblieben. "Die im Saarland", sagen die Bundesbürger, "die im Reich", sagen die Saarländer und sprechen "Reich" wie "Reisch" aus. Aber anders als die Elsässer, die sich zumindest seit der Grande Révolution im Herzen als Franzosen fühlen und immer dann okkupiert waren, wenn die Deutschen das Regiment führ- ten, nannten die Saarländer ihre Region ein besetztes Ge- biet, wenn es unter französische Herrschaft geriet. Nament- lich sind hier die Epochen von 1680-97 unter Ludwig XIV. und jene von 1801-15 unter Napoléon zu nennen, im 20. Jahr- hundert geschah es regelmäßig im Anhang an die Kriege. Es waren meistens schlechte Jahre, die die Franzosen im Ge- dächtnis zurückgelassen haben. 1935, als man ihnen freie Wahl ließ, haben sich die Saarländer denn auch mit über- wältigender Mehrheit zu Hitlers Deutschland bekannt. Worauf dann die Verfassung von 1947 nach dem überwältigenden Zu- sammenbruch die endgültige Hinwendung zu Frankreich vorsah. Erst als die Deutschen wirtschaftlich nach vorn schnellten, wobei das Saarland als französisches Gebiet das Nachsehen hatte, drängte man auf einen neuen Volksentscheid und ent- schied sich alsdann mit klugen sechzig Prozent Mehrheit fürs deutsche Wohlleben. Was mit dieser vorerst letzten Zugehörigkeitswahl noch nicht entschieden ist, ist die Frage, ob damit das Hin- und Hergeschiebe des Gebietes, welches wir hier besprechen, ein Ende hat. Und das Saargebiet hat ja einige Bedeutung. Es ist ja der Rede wert. Aufgrund der reichen Steinkohlevorkommen gehört es, wie das Ruhrgebiet auch, zu den wichtigsten mitteleuro- päischen Industriegebieten. Es ist eine Kapazität auf diesem Sektor. Welche Nation auch immer die Zugriffsrechte auf die Kohlengruben und die darauf basierenden Hüttenwerke besitzt, ist mancher Sorgen bei der Ressourcenbeschaffung ledig. So waren die Steinkohleflöze, die unsichtbar unterm welligen Hügelland verborgen liegen samt den unübersehbaren Arealen der Schwerindustrie den Deutschen 900 Millionen Franken wert, für die sie 1935 den Franzosen die Saarwirt- schaft abkauften. Die Rüstungsindustrie, die mit Hochdruck auf den kommenden Krieg hinarbeitete, benötigte Kohle, Ei- sen und Stahl. Mit dem Niedergehen der europäischen Schwerindustrie seit den siebziger Jahren sank auch die Bedeutung der Region etwas ab. Doch durch die zeitgemäße Umstrukturierung zur postindustriellen Wirtschaftsform (Datenverarbeitungs- und Dienstleistungsbetriebe werden gefördert und herangezogen), für die mit dem folgenden Sprüchlein an allen Saarbrücker Anschlagsäulen geworben wird:"Lassen Sie Ihre Ideen hier Stadt finden!" scheint die Krise weitgehend überwunden. Doch bekanntlich ist der schwierige Übergang von der Nut- zung der Muskelkraft zum klugen Gebrauch der Denkkraft nur selten ohne Rückschläge zu meistern. Immerhin existiert bei Saarbrücken eine Universität, - Hoffnungsträger in vielerlei Hinsicht -, die schon 1947 gegründet wurde, damals unter französischem Diktum. Der Geist der Gründerzeit offenbart sich zum Beispiel an der Pforte der philosophischen Fakultät, wo bis heute "Faculté des lettres" steht. Die Bausubstanz, der Kern der "Universität des Saarlandes" ist eine zu jener Zeit nutzlos gewordene Kaserne, um die man seither in der Architektur der jeweiligen Epoche die vielen Erweiterungsbauten ge- schart hat. Als vorläufiger Clou gilt hierbei die Errich- tung der Mensa in den achtziger Jahren, welche durch ihre architektonische Gewagtheit auffällt und in hübschem Gegen- satz zu den Kasernenbauten steht. Aber das veranschaulicht wunderbar das geistige Terrain, auf dem die hiesige Wissen- schaft gedeiht: Spritzigkeit und Disziplin, wovon man geneigt ist zu sagen, daß jene wohl mehr aufs französische Erbteil zurückzuführen ist und diese aufs deutsche. Indem wir nun mit einer gewissen Grazie, - wobei wir doch konsequent dasjenige im Auge behalten haben, was noch zu tun bleibt -; indem wir also mit einer geistreichen Kurvig- keit direkt auf unser Ziel losgegangen sind, hoffen wir die Aufmerksamkeit nicht nur auf das Band gelenkt zu haben, welches so unterschiedliche Landstriche und Ortschaften unter einen gemeinsamen Begriff bringt, sondern zugleich auf eine merkwürdige, komplexe Verbundenheit, die die An- wohner sowohl zur französischen als auch zur deutschen Seite aufgebaut haben. Sollte dies gelungen sein, dann ist der Fluß der Erzählung jetzt breit genug, daß der Leser in eines jener ungemein beque- men Rundfahrtschiffe umsteigt und auf vermutlich schon bräunli- chem Wasser, aber inmitten zweifellos grüner Hügellandschaften und unter blauestem Himmel tiefer in die Region eindringt, die wir uns zum Thema nahmen. Einige Warenschiffe begegnen uns. Wir winken zu den Kapitänen hinüber, unwirkliche Gestalten in abgerissener Kleidung. Wie wir wissen, ist die Auftragslage für die hiesige Schiffahrt nicht gut. Im Saarland von der Schiffahrt zu leben, hat im übrigen etwas Verruchtes an sich. Der rechte Beruf des Saar- länders nämlich ist der Bergmannsberuf. Traditionsgemäß ent- schließen sich tausende junger Burschen, diese erd- und heimat- verbundenen Arbeit zu ergreifen, wiewohl die Zahl natürlich im Wandel zur neuen Zeit stark nachläßt. Aber es sind immer noch weit mehr als in anderen Regionen, und wir sind die letzten, die sie von dieser redlichen Wahl abbringen wollen. Bleibt an- zufügen, daß der Bergmannsberuf keiner großen Zukunft entgegen- sieht und daß er wohl bald durch den des Programmierers ersetzt werden wird. Wir kommen voran, so daß wir uns nach kurzer Zeit vor Völklin- gen befinden, diesem industriellsten Teil der Saargegend. Am Rande des Flusses sehen wir eine Gestalt sitzen, die die Hände vors Gesicht geschlagen hält. Wir getrauen uns nicht, auch sie winkend zu begrüßen. Ist es ein Arbeitsloser, der mit dem Ge- danken spielt, in die braune Brühe zu springen? Aber nein, es ist Ulrich Robert, den wir erspäht haben, ein dufter Typ, Grubenarbeiter in Völklingen. Er ist ein typischer Saarländer, und, sagen wir's nur frei heraus, wegen ihm sind wir bis hierher gefahren. Es ist ja immer so, daß man das Ab- strakte und Allgemeine schnell vergißt und einzig das Individu- elle im Gedächtnis bewahrt. Dies ist der Bonus der Erzählungen vor den Abhandlungen. Und wir, die wir nachdrücklich, ja tief- schürfend von unserer Materie Mitteilung geben wollen, ver- schmähen nicht, jenes Individuum herauszuheben, welches Kompli- ziertes vielsagend und dennoch auf leicht faßliche Art vereint. Von ihm, unserm Held, Ulrich Robert, den wir, im Ver- trauen gesagt, an dieser Stelle schon vermutet haben, soll nun vermehrt die Rede sein, und das ja nicht ohne Grund, denn schließlich ist er so fragwürdig und aufzeichnenswert wie un- sere gesamte Unternehmung selbst. Warum sitzt er hier mit allen Anzeichen der Verzweiflung? Noch können wir es nicht sagen. Oder sitzt er nur da und lacht, den Kopf in die Hände gestützt, was auf ein fast hemmungsloses Lachen deutet? Tja, wenn wir das nur wüßten! Seine Geschichte jedenfalls wollen wir erzäh- len, und vielleicht scheint es dann, daß wir ihn verstehen. Korrekt ausgesprochen wird Ulrich Robert auf folgende Art: Ul- risch Robähr (Robähr, weil der Vater aus dem Lothringischen stammt. Man hat dort noch Verwandte, so zum Beispiel einen Fuhrunternehmer Jacques Robert. Chaque jour de Metz à Paris). Es gibt niemanden, der diese Sprachweise seltsam fände, und Ulrich, der selten aus seinem Heimatort herausgekommen war, mußte fast nie seinen Namen korrigierend vorsprechen. Nur ein Franzose aus Forbach, der am gleichen Flöz wie Ulrich arbei- tete, wollte sich einmal bemühen und den Namen deutsch ausspre- chen, aber da gab's einen Rüffel von Ulrich. Er solle doch re- den, wie ihm's Maul gewachsen sei, dann wäre es gleich richtiger. Die andern Kumpel hatten dröhnend gelacht… Ulrich, unser Held, fuhr gerne untertage. Das war sein Leben: mit den muskulösen Armen den Preßlufthammer in das Karbonge- stein zu treiben, tagelang, wochenlang die ins Erdinnere füh- renden Schichten abzutragen; eine schweißtreibende Arbeit. Ob- wohl die Kohleförderung weitgehend automatisiert ist, gibt es noch einige wenige Häuer, die diejenigen Flöze abtragen, welche für die großen Gerätschaften zu schmal sind, trotzdem aber, der Vollständigkeit halber, nicht ausgespart werden sollen; Ulrich war einer dieser Letzten, die manuell, auf eigene Faust, die Kohle aus dem Erdreich förderten. Er wurde einge- setzt, wo die Maschinen unsauber gearbeitet hatten oder an den engen Endpunkten der Stollen, wo die Flöze so wenig mächtig waren, daß sich ein Ausbau kaum noch lohnte. Es machte ihm nichts aus, daß die Neonlampe, die neben ihm an einem Haken hing, die große Dunkelheit nur ansatzweise ver- trieb. Manchmal fiel der Strom für einige Zeit aus, dann saß er tief unter der Erde in Finsternis und Stille und wartete gedul- dig, bis er wieder ans Werk gehen konnte. Nein, ihm machte das nichts aus, er war Grubenarbeiter wie sein Vater, er konnte sich unter einer geregelten Arbeit am Tageslicht nichts vor- stellen, womöglich gar bei Sonnenschein. Licht, Sonne, blauer Himmel, das waren Dinge für den Feierabend, für die Freizeit, für andere Menschen… Schon eine Stunde nach dem Schichtbeginn sind Gesicht und Hände schwarz, das Vesperbrot kann Ulrich nur essen, indem er die Lippen negergleich vorstülpt, daß der Kohlenstaub nicht ans Käsebrot komme. Die Luft im Stollen ist unerträglich heiß und stickig, so daß man alle viertel Stunde den Schweiß abwischen muß, der über Stirn, Augen, Mund und Kinn fließt. Unerträglich ist das dauernde Jucken unterm Helm. Durch den entsetzlichen Lärm, den der Preßlufthammer erzeugt, wird der Kopf dick und taub und unbenutzbar. Die Ohrenschützer verrutschen sofort wie- der, nachdem man sie zurechtgerückt hat. Und doch: Ulrich fuhr gerne untertage. Er arbeitete in mehreren hundert Metern Tiefe, wobei ihm das Gefühl der über ihm lagern- den Millionen Tonnen Gesteins eigenartig ins Gemüt drückte, und eigentlich war dieses Gefühl ganz positiv. Es animierte ihn, noch tiefer zu kommen, noch weiter ins Unerforschte, Urweltli- che vorzudringen. Hätte man ihn gefragt, so hätte er solch komplizierte Gedanken, die wir ihm unterstellen, weit von sich gewiesen. "Isch tue doch nur meine Arbed" wären seine Worte gewesen. Er sah sich als schlichten Mann. Nach Schichtende trank er mit seinen Kumpels meistens einen Absinth, wobei man sich über den Lohn, über Autos und über Frauen unterhielt. Man hatte die Ge- wohnheit angenommen, eine schöne Frau als einen "Stein" zu be- zeichnen. "Sie ist ein Stein" sagte man, indem man das höchste der Komplimente vergab. Natürlich war dieser Ausdruck nahelie- gend. Die simplen Gemüter setzten ihre nächste Umwelt mit ihren nächsten Wünschen gleich. Das ist die Erotisierung der Arbeit und die Entdämonisierung der Schönheit. Zudem klingt in der Umschreibung die Herzlosigkeit der schönen Frauen an. Eine schöne Frau hat ein kaltes Herz, so kalt wie ein Stein. "Nicht unklug", denken wir und geben diesen Ausdruck hier wieder. Un- ter Grubenarbeitern gab es viele solcher Redewendungen, die von allen verstanden wurden. War der Absinth dann ausgetrunken, ging Ulrich nach Hause. Er wohnte in dem kleinen, einstöckigen Hause seiner Eltern, welche ihrerseits es vorzogen, ihren Le- bensabend im Altersheim zu verbringen. Ulrich lebte so alleine, wie er allein arbeitete. Sobald er die Haustür hinter sich zugezogen hatte, verschloß er auch die blauangestrichenen hölzernen Jalousien vor den Fenstern, damit die Helligkeit ihn weniger belästige. Im Lauf der Zeit war er menschenscheu, ja eigenbrötlerisch geworden. Zwar ging er manchmal abends ins Kino, aber viel mehr Vergnügungen kannte er nicht. Er hätte auch allzu sehr auf seine Finanzen obacht geben müssen. An Wochenenden fuhr er nach Metz, um seine Verwandten zu sehen und Gauloises blondes légères zu kaufen. Jeden ersten Sonntag im Monat besuchte er seine Eltern im Altersheim. Er war ein schlichter Mann und sein Leben war , wir haben es uns gleich gedacht, wie ein langer, ruhiger Fluß, auf dem er sich gleichgültig entlangtreiben ließ. Einmal hatte er ein Mädchen getroffen. Das war, bevor er Berg- arbeiter in Völklingen wurde. Vorher war er nämlich ehrenamtli- ches Mitglied in der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) und verbrachte einen Sommer lang an den saarländischen Badeseen als Badeaufsicht. Es war eine schöne Zeit. Mit Freun- den lag man am Strand, in Badehose und T-Shirt, ließ den lauen Wind über sich hinwegstreichen und hatte die Wahl, den schönen Frauen mit ihren engen Badeanzügen hinterherzuschauen oder die Augen träumend zu schließen. Nur einer von ihnen mußte allzeit auf einem Hochsitz die Badenden überwachen, daß im kühlen Was- ser niemand einen Herzschlag bekam, oder ähnliches. Eines Tages in der Spätsaison war Ulrich an der Reihe. Er saß und spähte über die sich im Wasser Tummelnden hin, als er einen schwimmenden Stein, als er die schönste Frau erblickte. Sie schwamm im See, die langen blonden Haare leuchteten weithin über die Wellen, der blaue Badeanzug umschloß einen einladend anmutenden weichen Körper, die Bewegungen, mit denen sie übers Wasser glitt, schienen so selbstsicher und kraftvoll, daß es keinen Zweifel mehr duldete: dies war etwas Niedagewesenes. Und Ulrich sprang auf, sie zu retten. Mit einem Satz war er im Wasser, gleich darauf bei ihr, der rettende Griff, tausendmal bis zur Perfektion geübt, gelang ihm, so daß die Schöne bald auf dem sicheren Ufer geborgen, obgleich etwas erschöpft, da- lag. Sie empörte sich über Ulrich, doch als sich eine Großzahl an Schaulustigen um sie scharte, da wollte sie ihren Retter nicht bloßstellen und gab zu, um ein Haar ertrunken zu sein. Aber in der DLRG-Hütte, wohin Ulrich sie brachte, um ihren Puls zu messen, da échauffierte sie sich sehr über ihn, so daß er sie nicht gehen lassen konnte, denn der Puls war eindeutig zu hoch (was sich unser Freund schon gedacht hatte). Den restli- chen Sommer verbrachten die beiden gemeinsam. Um die Erinnerungen ist es folgendermaßen bestellt: Das Erlebte wandelt sich, so man es sich genießend vorstellt, zur Idylle. Diese bleibt und geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Zur voll- gültigen Gegenwelt wird sie dann, wenn die Gegenwart nicht die Stärke aufbringt, sie zu verdrängen. Und man kann sich ja den- ken, wie eine Gegenwart , die sich meistens in Maschinenlärm und hartkantiger Dunkelheit befindet, dasteht im Vergleich mit jener Vorstellungswelt, in welcher die Liebe, das Licht und die Sanftheit das Sagen haben. Was Ulrich betrifft, ihn ging das nichts an. Er hatte die Sache mit dem Mädchen ganz einfach ver- gessen. Es war ja auch schon lange her. Wenn man ihn übrigens gefragt hätte, wie lange das schon her sei, er hätte es vermut- lich nicht gewußt. Untertage gilt der Tag nichts. Wen interessiert es, wie früh, wie spät wir's haben, welcher Wochentag heute ist, welches Da- tum? Die Hitze ist gleich im Sommer wie im Winter, pfeif' auf die Jahreszeit. Ulrich Robert, ein schlichter Mann, dem das Zeitempfinden un- terhalb der Erdoberfläche abhanden gekommen war, der sich immer tiefer eingrub, der nicht viel sah und nicht viel sehen wollte,

  • er leistete gute Arbeit.

Und doch war es mehr. Das Leben untertage, dies Gemisch aus Hitze, Staub, Schweiß, Dunkelheit, Lärm und Einsamkeit brachte ihn dazu, Visionen zu haben. Davon erzählte er aber niemandem. Indessen wird uns niemand abhalten können, von dieser unerwar- teten Besonderheit Ulrich Roberts zu erzählen. Er erdachte sich, während er den Preßlufthammer in das schwarz flimmernde Gestein trieb, den immer gleichen Traum. Er träumte vom tiefen Blau des Himmels, vom Blau des kühlen Meeres. Er träumte von einer Frau, deren Kleid vom Blau des Himmels und des kühlen Meeres durchwirkt ist. Das Kleid wird durch den lauen, erfrischenden Wind leicht an den Körper ge- drückt, und es ist ein Traumkörper. Das blonde Haar der visio- nären Gestalt wird gehalten und in Form gebracht durch ein Band in der Farbe des Kleides. Das träumte Ulrich im engen, heißen Stollen, wenn er sich ins Erdreich vorarbeitete und nur manch- mal innehielt, um die Ohrenschützer zurechtzurücken und den Schweiß von der Stirn zu wischen. Doch dann arbeitete und träumte er sogleich weiter: vom blauen Kleid, festliche Tracht, elegantes Ausgehstück, Stolz eines blonden Mädchens mit tief- blauen Augen. Da verging ihm der Lärm, und er fühlte sich nicht mehr schlicht. Er sah die Schönheit vor sich, wie sie sich mit offenen Armen zu ihm herbewegte, und er wollte zu ihr hin. Wen wundert es, daß er von den Steinen und Kohlestücken, die zu seiner rechten und linken Seite niederfielen, annahm, es seien Blumen und Pflanzen, welche auf anmutige Weise ihre Blüten und Blätter ineinander verschränkten, und so seinen Einbildungen den würdigen Rahmen gaben. Vom Traum, den er solcherart träumte, und der ihm die Zeit so süß entzog, daß er nicht wußte, quelle heure und quelle saison augenblicklich vorübertrieb, sprach unser Freund niemals. Die Wörter, das alles auszudrücken, hätten ihm gefehlt, worüber hinaus, im Falle des Gelingens, die Kumpels mit Spott nicht gespart hätten. Nein, er behielt seine Anwandlungen für sich, was natürlich dazu führte, daß er noch geheimniskrämerischer wurde. Aber man ließ ihm diese Marotte, das Abspalterische, gelten, und er war wohlgelitten. Eines Abends im Spätsommer nun treffen wir, die wir überall sind, wo etwas geboten ist, Ulrich, wie er, gerade aus dem Erd- innern kommend, durch Völklingen flaniert, eine Gauloise blon- de legère lässig im Mundwinkel kauend, aber gedankenschwer den Blick über die geschwärzten Fassaden der Innenstadt gleiten lassend. Er langweilt sich, fühlt sich weder wohl zuhause noch im Freien. In einem Straßencafé hat er schon einen Absinth zu sich genommen und auch wohl eine Zeitlang den amüsierwilligen Vorbeipromenierenden nachgeschaut, was ihm wenig Ablenkung ge- währt hat. Er fühlt seine Abgeschiedenheit von denen, die das leichtgewichtige Leben an der Oberfläche leben, die sich la- chend lieben und unbelastet lachen, die keine Sehnsucht verspü- ren und mit einem Achselzucken von ihren Gefühlen plaudern. Dieser Form der Oberflächlichkeit, die dem Leben so gut gewach- sen ist, kann er nicht auf den Grund kommen. Da ist seine Schlichtheit doch von anderem Format… So denkt er und hält inne, als er die Worte "Le grand Bleu" liest. Er ist vor dem kommunalen Kino der Stadt angekommen, wobei er die großbuchstabige Ankündigung für die heutige Vor- führung gelesen hat. Er tritt näher hinzu. "Le grand Bleu" heißt der Film, und er entdeckt den Untertitel "Im Rausch der Tiefe". Ulrich stellt sich vor den Schaukasten mit den Bildern aus verschiedenen Filmszenen und einigen Zeitungskritiken. Der Film ist von einem Franzosen, Luc Besson, soll auch in Origi- nalfassung hier im kommunalen Kino vorgeführt werden, wobei eigens vermerkt ist, daß das Filmband siebzig Millimeter breit sei, also in Breitwandversion zu sehen, und darüber hinaus mit Sechs-Kanal-Stereoton versehen sei. Auf den Filmphotos sieht man durchtrainierte Taucher, die, von teuren Jachten springend, sich in der tiefen Bläue des Meeres verlieren, umringt von Delphinen und exotischen Fischleibern, daneben furchterregende Steilküsten, die die kantige Kulisse einer badenden Frau bildeten, dann aber auch: ein junges Paar, das sich vor dem Hintergund eines offensichtlich südlichen Mee- res tief in die Augen schaut, und letztlich: ein martialisch aussehender Kerl mit romantischen Gesichtsausdruck vor einem Klavier an einem Swimming-Pool, kurz: es geht wohl um einen Tiefseetaucher, der eine irgendwie problematische Liebesge- schichte erlebt. Die eine Filmkritik, die ebenfalls im Schaukasten hängt, eine Photokopie aus " Der Völklinger Bote" spricht von einem Ereig- nis, einem Kultfilm etc. und gibt die Essenz in dem Ausdruck wieder, daß die Tiefe des Films in der tiefschürfenden Erkennt- nis liege, daß das feste Band der Liebe schwächer sei als das der Leidenschaft, zumal dann, wenn sich die beiden unglückli- cherweise nicht an dasselbe Objekt knüpften. Ulrich schüttelt über diese Banalitäten den Kopf… Er löst eine Eintrittskarte, obwohl er skeptisch der Dinge harrt, die da kommen sollen. Eine Zigarette im Mund, die ihm keiner verbietet, setzt er sich in eine der letzten Reihen, nahe am Ausgang, damit er, wenn's zu versponnen werden sollte, flüchten kann. Es ist nun so, daß sechs Tonkanäle und ein erheblich erweitertes cineastisches Sichtfeld niemals ohne Eindruck auf den Zuschauer bleiben: seine Sinne sind betört und er also auf alle Fälle beein- druckt. Das Geschehen reißt ihn fast ebenso unmittelbar mit wie das laute und dreidimensionale wirkliche Leben. Wenn nun aber die Hand- lung des Films die Qualität des echten Lebens übertrifft, weil man in Filmemacherkreisen die Möglichkeiten zur Planung und zur richtigen Perspektive ergriff, dann lebt man als Betrachter unter den genannten optimalen technischen Bedingungen zeitweise ein erhöhtes, ein erhabenes Leben. Dazu ist der Sinn für Symbole, den wir bei Ulrich ja voraussetzen können, allerdings erforderlich. Es ergibt eine Art sinnliches und gedankliches Wechselspiel, welches den sensiblen Betrachter ganz in die eigenen Gesetzmäßigkeiten hineinzieht, indem ihm das Hören und Sehn der Außenwelt vergeht. Der Anspruch auf Wahrscheinlichkeit hingegen würde das Spektakel um den Effekt bringen. Die vielfältigen Möglichkeiten des Films entheben diesen unter Umständen auch, eine logisch-stringente Handlung vorweisen zu müssen. Sind die technischen Mittel so klug eingesetzt, daß die Symbolwelt des Films jede andere sowieso untragbar macht, dann ist es auch nicht nötig, ein motiviertes Handeln aufzubieten. Dieses ist unverzichtbar bei wirklichkeitsorientierten Filmen, langweilt aber in den großen, den symbolischen Kunstwerken. Nun kann man einem schlichten Zuseher, wie es beispielsweise Ulrich einer ist, solche theoretisierenden Gedanken kaum abverlangen. Er hält sich viel lieber an die handelnden Personen und schaut mal, ob die symphatisch sind und was die so zu sagen haben. Ulrich fand die Hauptperson Jacques Mayol toll. Nicht nur, daß dieser ein guter Taucher war und mit der Tiefe auf Du und Du stand, gleich wohl auch gefiel ihm die Mobilität, an so vielen Schauplätzen der Welt zu sein. Ach, manchmal wäre Ulrich auch gerne aus dem Saarland heraus- gekommen. Beim Anschauen des Films fühlte er die Schwere seines begrenzten Lebens. Geradezu innig rührte ihn die Einsamkeit des Helden an, die Einsamkeit vor einer großen Aufgabe (in diesem Fall: die Weltmeisterschaft im freien Tauchen, immer tiefer, auf die Ge- fahr hin, das Leben unter solch einem unmenschlichen Druck zu ver- lieren), der man nicht entkommen kann und will, und vor der einen auch die Liebe einer Frau nicht bewahrt. Oh, Jacques wurde in der Tat geliebt. Leicht hätte er seinem gefährlichen Tun entsagen und ein glückliches, bürgerliches Leben an der Seite seiner schönen Frau beginnen können, etwa als Tauchlehrer, der seine Schüler dann vor der Unbill der Tiefe warnt. Jedoch mit einer fast schon seltsam anmutenden Unberührtheit vor der lebensfreundlichen Sphäre des Weiblichen trieb es ihn, als würde er die Alternative nicht erken- nen, in jene atemberaubenden, dunklen Bezirke des Meeresinnern. Ulrich Robert merkte, wie ihm hier in einer unheimlich zu nennenden Steigerung gleichsam das eigene Leben vorgeführt wurde. Die poetische, erschreckende Schönheit der Bilder nahm ihn mit und trieb ihn in Regionen, die ihm wohlbekannt und gänzlich neu waren. Hätte er zwischendurch auf die Uhr geblickt, so wäre er überrascht gewesen, wie wenig Zeit diese aufwühlenden Bilder des Filmes benö- tigten. Gerade mal drei Stunden, alles in allem, dauerte die Aben- teuerfahrt des Völklingers in die diversen seelischen Tieflagen. In solch kurzer Spanne bekäme er während der normalen Arbeit unter- tage kaum einen einzigen rechten Gedanken zusammen, und hier tut sich plötzlich so vieles… Das Ende der Vorführung war noch nicht erreicht, als unser Held den Raum verließ. Er erahnte einen Schluß, bei dem er lieber nicht anwesend sein wollte. Auf der Straße vor dem kommunalen Kino Völklingens zündete er sich zunächst eine Zigarette an, worauf er dann nachdenklich heimschlenderte in sein einstöcki- ges Haus mit den blauangestrichenen Jalousien. Aber irgendwie blieb ihm das Kunstwerk des Herrn Besson im Gedächtnis haften, auch den ganzen folgenden Tag, auch während der Arbeit, die er unter Schweiß und Visionen hinbrachte. Es ist an jenem folgen- den Tag, an dem wir Ulrich Robert, den duften Typ, seines Zei- chens Grubenarbeiter in Völklingen, an der Saar sitzend, an- treffen, wir, die wir in Urlaubsstimmung auf unserer Rundfahrt eben hier vorbeikommen. Hat er nun die Hände vors Gesicht ge- schlagen, weil er so lachen muß, hemmungslos lachen muß, oder weil's ihm elend geht? Hoffen wir, daß er sich nicht mit dem Gedanken trägt, in die Saar zu springen; das wäre kein guter Entschluß, und die DLRG wäre wohl auch nicht zur Stelle. Was uns betrifft, wir werden in Dillingen das Schiff mit den ungemein bequemen Sitzen verlassen und zu Fuß weiter saarabwärts wandern, mindestens bis zur schönen Schleife im Haarband der Natur, wo der Fluß zum Ereignis wird, bei Cloef, oder aber noch weiter: bis zur Mosel mit ihren Weingegenden.

https://philosophischer-nacht-und-sonntagsdienst.de/180221.html

16.06.2021, aktualisiert vom Februar 2018 (src)

Gedankengedicht über die Liebe


Es ist mein Kopf,
ihn lege ich,
auf dieser Bank, auf der wir sitzen,
inmitten dieses schönen Großstadtparks
in dieser Stadt, die wir touristisch gern bereisen,
nach allen Nachweisen der Flucht aus der Pandemie,
genießen wir das Leben und die Freiheit,
natürlich immer nur die des Reisens,
und parken hier auf dieser Parkbank,
auf der ich meinen Kopf in Deinen Schoß hinbette,
und Dich begehre und ganz schläfrig bin
vor lauterer Erfüllung,
so nahe wieder reich an Leben zu sein.

Das Paar

Kürzlich langweilte ich mich im Alten Schauspielhaus bei dem Theaterstück Der Tod des Handlungsreisenden von Arthur Miller fast zu Tode, während seiner dahinfließenden Unaufdringlichkeit hatte ich genügend Zeit, über den Autor nachzudenken. Besonders gut schnitt der Mann dabei natürlich nicht ab.

Dies mag schon während mancher Aufführung von manchem, der im Dunkeln saß und gelangweilt auf die hellerleuchteten Bühnendialoge blickte, gedacht worden sein: Millers künstlerische und solide Unbedarftheit, die einem Amerikaner gut ansteht und einem Europäer schnell ins Auge springt, hätte ihn weniger in den Rang des repräsentativen Intellektuellen der sechziger Jahre erheben können, als es seine Aufsehen erregende Heirat mit der immer noch repräsentativen Schönheit der Marilyn Monroe vermochte. Diese Heirat aber des Stückeschreibers Arthur mit der Filmschauspielerin Marilyn gilt als Paradigma von Schönheit, die sich mit der Intelligenz verbindet, bis in unsere Tage; es gibt kein neueres; der vollendete Zusammenschluß von Körper und Geist, der die überkommene Vorbildhaftigkeit antiker Statuen ablöst und den Werkstoff Marmor endlich gegen die wirksameren Materialien Hochglanzpapier und Zelluloid eintauscht, ist das immer noch moderne Ideal. Gäbe es einen Mythos von Eros und Psyche in der postmythischen Zeit, das wäre er.

Aufgrund dieser inzwischen historischen Mixtur von Miller und Monroe hält sich der geistige Teil, - das ist unter anderem Der Tod des Handlungsreisenden-, bis heute auf den Spielplänen und kann weiter nebenbei einer öden und schal gewordenen Humanität frönen.

Aber es ist seltsam, wie Qualität gewonnen wird durch das Zusammenbringen von Blondheit und Denkertum, so unvollkommen beides für sich genommen auch sein mag. Denn natürlich ist Marilyn Monroe nicht die schönste Frau der sechziger Jahre und schon gar nicht die begabteste Schauspielerin. Und Arthur Miller ist, entgegen den Behauptungen der Kritik, keineswegs ein literarisches Genie. Aber beide zusammen, auf einem Photo, in einem offenen Auto, in ihrer Eigenschaft als Sexsymbol und Erfolgsschriftsteller, bewirken eine ungeheure Suggestion vom höchsterreichbaren Glück. Noch in unserer Zeit fühlen sich viele Schönheitsköniginnen dem spröden Charme von Stubenhockern verpflichtet, nur weil sie an diese Harmonie der Sphären glauben, die ausgerechnet in den sechziger Jahren von ausgerechnet Amerikanern vorbestimmt wurde.

Ich hielt mich dank solcher Überlegungen ganz gut bis zum Schluß des Stückes, welches selbstverständlich von einem amerikanischen Vater-Sohn-Konflikt handelte. Na gut. Nach einem höflichen, doch knappen Schlußapplaus, strich sich Marcia, die ich übrigens für diesen Abend gewinnen konnte, und die sich im Gestühl neben mir träge geräkelt hatte, ihre blonden Haare nach hinten und fragte mich, ob wir nicht noch etwas trinken gehen sollten, nach all dem Durchgestandenen, etwa in die "Bar le théatre" nahe der Königsstrasse und unseres Autos. Wir schlenderten dorthin, durch die belebte Fußgängerzone, und ich fühlte mich verpflichtet, uns den Weg durch einige wohlgesetzte Kommentare zu der erlebten Theateraufführung zu verkürzen, was aber mich selbst mehr amüsierte als Marcia. Immer hatte ich das Problem, nicht so mondän scheinen zu können wie sie es war.

Später tranken wir Rotwein, den uns der Ober in dem halbleeren Café rasch herbeibrachte, und Marcia erzählte mir von ihrer neuen Lieblingsmusik, einem "total abgefahrenen Techno-Album" von der Gruppe X. Das sei "brutal tanzbar" und es habe einen durchlaufenden "Mörderbass", der einem direkt in die Eingeweide fahre. Mit einer vernünftigen Lightshow könne man sich auf diese Musik ziemlich edel in eine dezente Ekstase tanzen, und das sei unter uns gesagt ein anderes Vergnügen als so ein Abend im Schauspielhaus. Ich war schon einmal vor längerem mit Marcia in einer Discothek gewesen und mußte zugeben, daß sie beim ekstatischen Tanzen freilich keine schlechte Figur machte. Es gibt also ein ganz objektives Amüsiergefälle zwischen Theater und Musikbetrieb, dachte ich bei mir. Und natürlich kannte ich diese neue Techno-Gruppe ebenfalls und bestätigte, daß deren Musik sehr hörbar sei. Ich würde aber vermutlich alles bestätigen, was Marcia sagt, wenn sie nur indessen mit dieser bestimmten Geste ihre blonden Haare aus der Stirn striche.

Dies tat sie des öfteren, als ich, ein wenig animiert vom Rotwein, gesprächsweise die folgende Theorie entwickelte: Die Anziehungskraft des Ehepaares Monroe/Miller sei restlos veraltet, sowohl was die ästhetische als auch die künstlerische Seite betreffe. Man müsse sich endlich neue Paradigmen suchen, die einfach mehr reinhauten, aber trotzdem ähnliche Chancen auf Popularität besäßen. Gewiß würde solche Kritik nicht an der Blondheit Marilyn Monroes ansetzen, was immer etwas äußerst hinreißendes sei, eher schon an dem Beruf der Schauspielerin. Der Ruhm, der in dieser Branche zu erwerben sei, habe kaum noch das geheimnisvolle Flair wie in den früheren Zeiten, sondern sei denkerisch weitgehend erschlossen und liege nun, aufgrund der bekannten und deftigen Kritik an der Kulturindustrie, eher glanzlos da. Die Monroe sei das Symbol des seichten Unterhaltungsfilmes, und eben der Unterhaltungsfilm sei das z. B. von Adorno geprügelte Beispiel einer dekadenten und verlogenen Unterhaltungsmaschinerie. "Erfolgreiche Filmschauspieler sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!" sagte ich und Marcia schaute mich zweifelnd, aber durchdringend an. Sie sagte: "Na, und was ist mit Depardieu und Philippe Noiret? Oder was ist mit den großen amerikanischen Stars, von denen doch einer berühmter ist als der andere. Zum Beispiel Arnold Schwarzenegger…"

Ich schwieg eine Minute und sprach dann weiter: "…oder Michelle Pfeiffer. Du hast natürlich schon recht. Aber ich bleibe dabei, daß der soziale Rang der Schauspielerei nicht mehr diesen Glanz verbreitet wie in den sechziger Jahren. Größeres Prestige und mehr öffentliche Zuwendung genießen in unseren neunziger Jahren die großen Stars der Musikszene. Was ist Noiret gegen Madonna? Was unter uns gesagt nichts daran ändert, daß Popularität als solche immer mehr in den Ruch der Dämlichkeit gerät, egal in welchem Bereich sie stattfindet. In unserer öffentlichen Welt ist der öffentliche Mensch etwas durch und durch verwerfliches geworden. Aber dennoch: wenn schon unbedingt populär sein, dann doch bitte als Musiker. Da ist wenigstens noch ein bißchen Magie, durchmischt mir Scharlatanerie und ziemlich viel Erotik, nicht wahr? Und verbringt nicht ein normaler Mensch mehr Zeit damit, Musik zu hören und darüber zu sprechen, als über Filme. Denn freilich befindet man sich häufiger in der Nähe eines Radios als im Kino. Daß kaum einer mehr in der Lage ist, geistreich über solche kulturellen Dinge zu sprechen, mit denen man doch Großteile seines Tages zubringt, beweist schon die annähernde Ausschließlichkeit, mit der die Musikkultur rezipiert wird. Es gibt inhaltliche Kinokritiken, aber kaum inhaltliche Musikkritiken. In diesem Bereich herrscht Sprachlosikgeit, was aber eben für diesen Bereich spricht. Es gibt ja kaum noch Vergleichsmöglichkeiten zwischen der populären Musik und was für anderen Dingen eigentlich? Es gibt keine Vergleiche! Die Musikindustrie in ihrer Unangreifbarkeit ist viel absoluter geworden als die Filmindustrie je war. Das mag daran liegen, daß Musik eben weit schwieriger verbal zu erfassen ist, als eine Filmhandlung. Die Zeitschriften mögen leichter Kritiker für´s Filmfeuilleton finden als fürs Musikgeschehen, also ist ihnen und damit der Kultur der Film immer noch näher. Es gibt den anarchischen und äußerst anziehenden Zustand der Wortlosigkeit in der Musikkultur. Die Jugendlichen, die durch jedes geschriebene Wort schon wieder an ihre Geißel Schule oder Ausbildung erinnert werden, lassen sich solch eine Verbalisierung und Vergeistigung, wie sie im Filmgewerbe üblich geworden ist, nicht bieten. Sie vergnügen sich lieber wortlos in der Musik und genügen sich in der gegenseitigen Versicherung, daß diese oder jene Musik echt super sei. Welche Freiräume des Gefühls in dieser simplen Versicherung! Und was braucht es auch mehr zum Ausdruck des Nicht-Allein-Seins-in-der-Welt?

Somit sei also als moderne Göttin solch eines Lebensgefühls eine schöne, natürlich hellhaarige Musikerin genommen, mit verspielten Locken und einem schönen Lächeln, Marcia."

Der Ober kam und wir bestellten noch Wein. Marcia dehnte sich in ihrem Kleid und erzählte mir von den Schwierigkeiten, eine angemessene Kleidung zu einem angemessenen Preis zu finden, und daß Strickröcke noch immer eine gute Alternative seien, wenn man ins Theater ginge. Ja, eben bei solchen Theaterabenden wie heute habe sie einige Energie aufwenden müssen, eine gemäße Hülle zu finden. Sie lächelte durch mich hindurch an, als sie die übergeschlagenen Beine träge durchtauschte. Ich hatte große Mühe, den Faden wieder zu finden, und über dieser Mühe vergaß ich den Strickrock.

"Wenn wir nun also die künstliche Schönheit und zweifelhafte Sängerin Madonna mit Deiner Erlaubnis als das populäre Paradigma ansetzen wollen, deren Perfektion in allen Aussehensdingen uns beide entsetzt und deren Reichtum uns lächeln macht; die jetzt allgegenwärtig ist und in wenigen Jahren schon wieder ganz und gar vergessen sein wird, dann wollen wir uns instinktiv nicht nur an weniger Künstliches und weniger Befremdendes halten, sondern dann wollen wir auch was Passendes aus dem Denkerreich entnehmen, um unsere imaginäre Hochzeit perfekt zu machen, dozierte ich. Damit meine ich, logo, keine der schillernden Schriftstellerpersönlichkeiten wie Peter Handke oder Botho Strauss, sondern einen richtigen Intellektuellen, ein echts Gscheitle. Dummerweise fällt mir da im Augenblick überhaupt kein Zeitgenosse ein, sondern bloß der Claude Levi-Strauss, der allein vom Namen her bis heute ungeschlagen ist und auch sonst eine ganz zutreffende Wahl für unsere Belange sein mag. Dieser Mann ist Dir doch ein Begriff? Natürlich, wieso frage ich überhaupt? Du studierst ja Romanistik!

Im Vergleich mit Arthur Miller ist Levi-Strauss ein ganz ausgebuffter Denker aber so was von einem anderen Kaliber. Während Arthur immer noch an Vater-Sohn-Beziehungen rumknobelt, schiebt Claude schon längst mit der Gesamtheit aller dieser Konflikte die erstaunlichsten Erkenntnisse. Als Strukturalist der ersten Garde liefert er neue Wortfelder, die eine so intelligente Abstraktion ermöglichen, wie es das letzte Mal nur mit dem Aufkommen der Dialektik geschehen konnte. Tscha, und hier hätten wir ja auch gleich eine Möglichkeit der Annäherung zwischen ihm und Frau Madonna. Denn eine strukturalistische Betrachtung der Popmusik könnte uns ja solche Begriffe an die Hand geben, die wir so nötig brauchen, wenn wir dem Jugendslang entfliehen wollen: Begriffe aber, die wir noch nicht besitzen. Hier wäre eine intelligente Abstraktion, wie sie Claude Levi-Strauss in seiner "Mythologica" oder in "Das wilde Denken" vorführt, in ihrem Element. Denn abstrahierte Musik bedeutet ja zugleich eine Konkretion des Sprachlichen. Madonnas Musik könnte eine Aufwertung durch Claudes Denken erreichen und andererseits könnten all die ungenutzten neuen Wortschätze, die in Madonnas Musik liegen, endlich geborgen werden und in den ihnen zustehenden Hafen der Musik würdig einfahren."

Die blonde Romanistikstudentin tauschte ihre übereinander geschlagenen Beine durch und ich nahm daraufhin einen unkonzentrierten Schluck Rotwein.

Schließlich sprach mein Gegenüber: "Da hast du dich jetzt aber ganz schön in was verrannt. Aber nichtsdestoweniger habe ich dir interessiert zugehört und deine Partnervermittlungsgedanken wohlwollend geprüft. Nun sind dir aber ziemlich viele Fakten échappiert, zum Beispiel der, daß es ja nicht nur die von uns geliebte Techno-Musik gibt, zu der die Pop-Sängerin Madonna freilich nicht gehört, sondern auch noch die herkömmlichen Formen der Orchestermusik. Als ich das letzte Mal bei Freunden in Paris war, hat man mich auf ein Violinkonzert mit Anne-Sophie Mutter eingeladen, die dort gastierte. Und meine Begleiter hatten durchaus die passenden Worte für diese Art der Musik parat. Es gibt also längst einen rationalen Jargon der Empfindsamkeit für große Teile der Musik. Aber moderne Popmusik, die nur wenige Wochen in Mode bleibt und dann durch einen neuen moderneren Stil abgelöst wird, ist zu wechselhaft, als daß sich jedesmal ein ordentliches Wortfeld dafür herausbilden könnte. Also wenn du mich fragst, dann würde ich eher die Anne-Sophie Mutter dem Claude Levi-Strauss beigesellen, denn das wäre eine Musik, die dem strukturalistischen Denken eine adäquatere Aufgabe bereitet. Außerdem wäre unser modernes Traumpaar ein wenig zeitloser, sprich haltbarer geraten. Wenn Du schon auf die Existenz von Mythen anspielst, deren Untersuchung sich Herr Levi-Strauss zur Aufgabe gemacht hat, dann mußt Du auch diejenige Musik nehmen, deren Tradition soweit zurück reicht, daß ein Sprechen vom Mythos überhaupt gerechtfertigt ist. Und Techno-Musik als neueste Abart des Musikalischen wird kaum einen Bezug auf Mythisches erlauben."

"Gewiß hast Du recht, was die Wahl der Frau Mutter angeht", sagte ich, "aber glaubst Du nicht doch, daß sie mit ihrem realen Ehemann, einem arrivierten Prominentenanwalt, dann doch besser beraten ist, auch imagemäßig, innerhalb ihrer Weltanschauung zu verbleiben und nicht Neues aus ihrer Existenz zu schaffen? Denn die Verbindung von klassischer Musik und Intellektualismus ist denn doch inzwischen ein wenig sehr konventionell. Und außerdem möchte ich bezweifeln, daß die Phraseologie der klassischen Musikberichterstattung sehr hilfreich bei der Aufgabe ist, die Musik selbst verständlicher zu machen. Womit ich natürlich nichts gegen deine Bekannten gesagt haben will. Aber bis auf die Schriften von Adorno oder Max Weber gibt es nicht allzu viel an Gegrübel, das diese Aufgabe seriös löst. Ich halte die Umwandlung von musikalischen Gehalten in sprachliche auch in der klassischen Musik für ein äußerst schwieriges Unternehmen. Da gefällt es mir schon besser, wenn die Wirklichkeit die hohe Virtuosenkunst der Töne in die Nähe des virtuosen Gelderwerbs rückt, wie bei Anne-Sophie Mutter und ihrem angetrauten Prominentenanwalt.

Und eine Verbindung von Geld und moderner Musik würde uns wohl auch schon wieder langweilen, auch wenn sie noch so angebracht wäre. Nun denn, ich bleibe also bei meiner Synthese von blondem Gift und ausgebufftem Denken. Und in das ausgebuffte Denken hinein nehme ich die Vermutung, daß, um nochmal auf die Mythen zurückzukommen, die fortgeschrittene elektronische Musik mehr Bezug hat zur archaischen Zeit als die durchrationalisierte Orchestermusik. Die primitiven Rhythmen und Klänge unserer Ahnen sind uns in den Instinkt eingegangen und jederzeit abrufbar, während doch der Genuß eines Bachschen und Anne-Sophischen Violinkonzertes ziemlich sehr von unserer humanistischen Bildung abhängt, nicht? Madonna kann eben doch bloß von Einem richtig erkannt werden, der nicht nur ihren Augenblickserfolg liebt, sondern auch ihre freche und dreiste Art würdigt, mit christlich-moralischen und zugleich archaisch-primitiven Mythen zu spielen."

Marcia schaute mich zweifelnd an, warf einen Blick auf die Uhr.

Ich fragte sie, ob ich sie heimbringen solle, denn es sei ja nicht mehr ganz früh. Oder ob sie noch Lust habe auf ausgedehntere Unterhaltung. Der Ober kam an unserem Tisch vorbei und sie bestellte bei ihm einen Kaffee. Ich rief ihn zurück und bestellte mir auch einen.

"Okay, Claude" sagte meine Begleiterin nach kurzem Zögern und indem sie ihre Haare nach hinten strich, "laß uns anschließend noch ein wenig tanzen gehen."

14.06.2021, aktualisiert vom Februar 2020 (src)

Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler

13.06.2021, aktualisiert vom November 2020 (src)

Wie es ist.

Die Freundin und der Liebhaber der Frau.

  • Die

Liebe

ist der traditionelle Festhaltebegriff für diejenigen Menschen, die transzendent bleiben wollen und die biologischen Programme in sich entweder leugnen oder freisetzen wollen. Allein deswegen ist und bleibt es ein guter Begriff, der polarisiert und zuweist.

11.06.2021, aktualisiert vom September 2004 (src)

Was nötig ist zu lesen.

Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müßte das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müßte ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortete mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wieviel Bände denn eigentlich dieses verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortet er!! Wir sind da, wie er das sagte, ungefähr beim siebenhunderttausendsten Buch gewesen, aber ich habe von dem Augenblick an ununterbrochen gerechnet; - ich will es dir ersparen, ich habe es im Ministerium noch einmal mit Bleistift und Papier nachgerechnet: Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen! In diesem Augenblick sind mir die Beine auf der Stelle stecken geblieben, und die Welt ist mir wie einziger Schwindel vorgekommen. Ich versichere dir noch jetzt, wo ich mich beruhigt habe: da stimmt etwas grundlegend nicht!

Du kannst sagen, man braucht nicht alle Bücher zu lesen. Ich werde dir darauf erwidern: Man braucht auch im Krieg nicht jeden einzelnen Soldaten zu töten, und doch ist jeder notwendig! Du wirst mir sagen: Auch jedes Buch ist notwendig. Aber siehst du, da stimmt schon etwas nicht, denn das ist nicht wahr; ich habe den Bibliothekar gefragt! Lieber Freund, ich habe mir einfach gedacht, dieser Mensch lebt doch zwischen diesen Millionen Büchern, kennt jedes, weiß von jedem, wo es steht: der müßte mir also helfen können. Natürlich habe ich ihn nicht ohne weiteres fragen wollen: wie finde ich den schönsten Gedanken von der Welt? Das würde geradezu wie der Anfang von einem Märchen klingen, und so schlau bin ich schon, daß ich das merke, und überdies habe ich Märchenerzählen schon als Kind nicht leiden können; aber was willst du tun, irgend etwas ähnliches mußte ich ihn schließlich fragen! Andererseits hat mir mein Gefühl für das Schickliche verboten, ihm die Wahrheit zu sagen, etwa meinem Anliegen Auskünfte über unsere Aktion vorauszuschicken und den Mann zu bitten, mich auf die Spur des würdigsten Ziels für sie zu setzen; dazu habe ich mich nicht ermächtigt gesehn. Also, ich hab schließlich eine kleine List angewendet. 'Ach!' - habe ich ganz harmlos zu sagen angefangen - 'ach, ich habe mich zu unterrichten vergessen, wie Sie es eigentlich beginnen, in diesem unendlichen Bücherschatz immer das richtige Buch zu finden?!' - weißt du, genau so habe ich das gesagt, wie ich mir dachte, daß Diotima es sagen würde, und für ein paar Kreuzer Bewunderung für ihn habe ich auch in den gelegt, damit er mir auf den Leim geht.

Robert Musil - Der Mann ohne Eigenschaften

08.06.2021, aktualisiert vom März 2006 (src)

Und meine Träume sind wie Diebe

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer -
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr -
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Max Herrmann-Neisse

03.06.2021, aktualisiert vom März 2017 (src)

Trivialitäten gelten, es ist so traurig wahr.

Klärchens Lied

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Hangen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt –
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

Johann Wolfgang von Goethe (ohne Wikipedia-Verweis, ihr verdummten Deppen, die ihr nicht wisst, wer das ist.)

Kommentar: Was für ein banaler Gesang auf die Liebe, so nichtssagend und allgemein. Wie sehr muß sich der schämen, der liebt, exakt dies erlebt und dabei denkt, was bin ich für ein banaler Geselle. Denn ich empfinde so billig wie der Goethe. Würde ich doch wenigstens wie Kafka lieben oder der Marquis de Sade. Aber nein, dies kleine Liebesgedicht erklärt mein Lieben völlig. Was für eine Peinlichkeit! Und doch find ichs so schön.

01.06.2021, aktualisiert vom September 2020 (src)

Vom Glück des Klimawandels

Die obdachlose Liebe

Wir beide leben bürgerlich
in der Wohung und im Haus,
sind studiert und etabliert im Leben,

und seit wir uns begehren und erkennen
sind wir verloren auf die Obdachlosigkeiten
unserer Gefühle,

wie schön die sind, so ohne Planen,
wie schön die sind, so ohne jedes Haus,
wie schön die dennoch sind, so völlig obdachlos.

Die Kälte und der Winter
(wir erwärmen uns auf Bänken und im Park,)
werden uns niemals entzweien,

denn wir zittern sehr vorm Leben,
und nicht vor Kälte oder Eis.

29.05.2021, aktualisiert vom Dezember 2020 (src)

Aktionstage Poetischer Nihilismus im Philosophischer-Nacht-und-Sonntagsdienst.de

Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses

Auf einem silbernen Teller befand sich einst ein Edamer Käs, und nahe dabei ein Talglicht, welches den Käs bestrahlte. Milben hatten sich, durch die innere Gährung seiner organischen Partikeln, im Käse erzeugt. Unter ihnen war eine Philosophin, welche dem Ursprung und der Bestimmung des Käses und der Milben nachdachte. Jemand, der den Käs zu essen im Begriff war, belauschte ihren Monolog mit dem Ohr jener Geniemänner, welche die Sphären singen, die Nerven stimmen, die Flöhe husten hören.

Man fragt mich nicht, wie Das möglich war. Die Frage über das Wie der Dinge ist oft indiskret, und wir könnten eher allgemeine Zweifler werden, als sie in jedem Falle beantworten. Genug, dieser Fürwitzbeutel vernahm die Milbe so reden.

"Wie lieblich duftet dieser Käs! Wie ambrosisch ist dieser Geschmack! Wie nahrhaft diese Speise! Wie bequem meine Wohnung! Eine unermeßliche, durchaus eßbare Welt.

Wie mächtig, wie wohltätig muß der sein, der den Käs machte, ihn für Milben schuf! Unser Sein war sein Wille, unser Wohlsein sein Zweck. Denn vom Nutzen eines Dings schliessen wir auf seine Absicht.

Ich gehe weiter: Dieser Käs ist der beste unter den möglichen. (Der Eigentümer hielt ih für versalzen). Der Beweis ist simpel. Hätte der Urheber einen besseren machen können, so würde er ihn vorgezogen haben. Warum sollte er das Vollkommene dem Mittelmäßigen nachsetzen!

Jener glänzende Körper, der aus ungemessener Ferne meinen Käs bestrahlt (hier lächelte die Milbe gegen das Talglicht) was kann er sein, als unsere Laterne? Wie erquickend, wie wohltätig ist sein Licht! Wie anpassend der Organisation meiner Augen. Ja, das Licht ist um der Milben willen gemacht.

Glückliche Milben! Ihr seid Mittelpunkt - Endzweck aller Kombinationen der Welt. Euch erfreuet das Licht. Euch duftet der Käs, Euch laden seine fetten Partikeln zum Genusse ein.

Aber eben darum, weil Milben der Zweck sind, dem die Natur alle ihre Werke, als Mittel, subordiniert hat; eben darum, erhabene Milben, ist diese ephemerische Existenz nicht das ganze Erbteil, welches die Natur euch beschieden hat.

Sollte sie nicht ewige Zwecke lieben? Sollte der Zirkel der Allnatur ohne seinen Mittelpunkt, worauf alle Strahlen sich beziehen, bestehen können? Nimmermehr! Milben: ihr seid zu den erhabensten Aussichten bestimmt. Eure Existenz; in der Höhle des Käses ist nur der rosenfarbene Morgen eines schönen Tags, dessen Mittag eurer wartet.

Die sublimen Gedanken, welche itzt meinen Geist beschäftigen, sind mehr als die Wirkung meiner Organisation. Es ist wahr, ich kenne meinen Körper, die inere Natur seiner Elemente, die Art ihrer Zusammensetzung beinah gar nicht. Aber dennoch kann ich a priori bestimmen, welche Wirkungen aus dieser Zusammensetzung möglich sind, und welche nicht."

So eben wollte die Rednerin von der Zukunft weissagen, und die Natur der Käse, welche sie künftig bewohnte, und zum Teil essen würde, auf unzählichen, wie sie meinte unumstößlichen Grundbegriffe der Milben metaphysik zu demonstrieren beginnen, als der Zuhörer, vom Mitleid über ihre Mühe gerührt und um ihr eine langwierige Reihe Syllogismen zu ersparen, die Rednerin samt dem Katheder, worauf sie stand, in den Mund steckte und verschlang.

Man sagt, sie habe noch zwischen den Zähnen des Würgers behauptet, ihre Erhaltung, ihr Wohl sei der Endzweck der Natur.

Wilhelm Ludwig Wekhrlin

29.05.2021, aktualisiert vom März 2007 (src)

English spoken.

In meiner Kindheit bekam ich häufig von alten englischen Damen, zu denen meine Eltern Beziehungen unterhielten, Bücher als Geschenk: reichillustrierte Jugendschriften, auch eine kleine grüne Bibel in Saffian. Alle waren in der Sprache der Geberinnen: ob ich ihrer mächtig sei, daran dachte keine von ihnen. Die eigentümliche Verschlossenheit der Bücher, die mit Bildern, großen Titeln und Vignetten mich ansprangen, ohne daß ich den Text hätte entziffern können, erfüllte mich mit dem Glauben, allgemein handle es bei derartigen Büchern sich niemals um solche, sondern um Reklamen, vielleicht für Maschinen, wie mein Onkel in seiner Londoner Fabrik sie herstellte. Seitdem ich in angelsächsischen Ländern lebe und Englisch verstehe, hat dies Bewußtsein sich nicht behoben, sondern gesteigert. Es gibt ein »Mädchenlied« von Brahms, auf ein Gedicht von Heyse, darin stehen die Zeilen: »O Herzeleid, du Ewigkeit! / Selbander nur ist Seligkeit.« In der verbreitetsten amerikanischen Ausgabe wird das so gebracht: »O misery, eternity! / But two in one were ecstasy.« Aus den altertümlich leidenschaftlichen Hauptwörtern des Originals sind Kennworte für Schlager geworden, welche diesen anpreisen. In ihrem angedrehten Licht erstrahlt der Reklamecharakter der Kultur.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia

21.05.2021, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

Heute in der ARD: Frühjahr 1945

Ein recht assoziativer Bilderreigen von bislang unbekannten Aufnahmen dieser Monate. Und ich schaue mir das mit großem Interesse an, es gibt viele Details dessen, was längst bekannt ist, aber in einer farbigen, neuen Version. Und ich denke, natürlich nichts Neues, nur viel Nachdruck auf Anschaulichkeit.

Aber vor allem denke ich beim Sehen dieser Sendung:

Paul Celan - Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Das ist die Lyrik einer keineswegs ewigen Wahrheit, aber einer Wahrheit, die die derzeit Lebendingen immer noch mit Schauer und Schrecken erfüllen sollte, denn dies ist der fühlbare Zustand des Schreckens. Keine neue Dokumentation, die das ja nur bestätigen wird, ist notwendig. Naja, doch, aber was für ein Gedicht über den Menschenschrecken.

19.05.2021, aktualisiert vom März 2015 (src)

Reisen…

Rechnet nicht damit, daß meine Lust am Vagabundieren abgenommen hat, im Gegenteil, wenn ich die Mittel zum Reisen hätte.. sähe man mich keine zwei Monate am gleichen Ort, Die Welt ist sehr groß und voll wunderbarer Länder, das Leben von 1000 Menschen reicht nicht aus, sie alle zu besuchen. Doch habe ich keine Lust, im Elend zu vagabundieren… Aber immer am gleichen Ort leben - das werde ich stets sehr armselig finden, Letztlich ist es wahrscheinlich, daß man eher dorthin kommt, wo man nicht hin will , und daß mam ganz anders lebt und umkommt, als man je es wollte, ohne Aussicht auf irgendeine Form von Entschädigung.

Arthur Rimbaud

16.05.2021, aktualisiert vom September 2005 (src)

Arthur H - La chanson de Satie

Approche-toi de moi
Monte le son plus fort
Je veux sentir une dernière fois ton corps
Contre moi

Je pars en voyage
Tu pars très longtemps
Je vais t'oublier un peu c'est sûr, c'est certain

Je voulais te dire que je t'aime encore
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore

Je t'en prie, chante moi
Ce vieil air français
Cette mélodie d'Erik Satie
Je crois que c'est ça

Je voulais te dire encore
Je voulais te dire que je t'aime encore
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore
Tu pars en voyage
Je pars très longtemps
Tu vas m'oublier, c'est sûr, c'est certain

Approche toi de moi
Monte le son plus fort
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore
Que tu m'aimes encore
Que tu m'aimes encore
Que je t'aime encore

Video auf YouTube

13.05.2021, aktualisiert vom Februar 2021 (src)

Vanitas! vanitatum vanitas!

Ich hab' mein Sach auf Nichts gestellt,
Juchhe!
Drum ist's so wohl mir in der Welt;
Juchhe!
Und wer will mein Camerade sein,
Der stoße mit an, der stimme mit ein,
Bei dieser Neige Wein.

Ich stellt' mein Sach auf Geld und Gut,
Juchhe!
Darüber verlor ich Freud' und Muth:
O weh!
Die Münze rollte hier und dort,
Und hascht ich sie an einem Ort,
Am andern war sie fort!

Auf Weiber stellt' ich nun mein Sach,
Juchhe!
Daher mir kam viel Ungemach;
O weh!
Die Falsche sucht' sich ein ander Theil,
Die Treue macht' mir Langeweil',
Die Beste war nicht feil.

Ich stellt' mein Sach auf Reis' und Fahrt,
Juchhe!
Und ließ meine Vaterlandesart;
O weh!
Und mir behagt' es nirgends recht,
Die Kost war fremd, das Bett war schlecht
Niemand verstand mich recht.

Ich stellt' mein Sach auf Ruhm und Ehr,
Juchhe!
Und sieh! gleich hatt' ein Andrer mehr;
O weh!
Wie ich mich hatt' hervorgethan,
Da sahen die Leute scheel mich an,
Hatte Keinem recht gethan.

Ich setzt' mein Sach auf Kampf und Krieg,
Juchhe!
Und uns gelang so mancher Sieg;
Juchhe!
Wir zogen in Feindes Land hinein,
Dem Freunde sollt's nicht viel besser sein,
Und ich verlor ein Bein.

Nun hab' ich mein Sach auf Nichts gestellt,
Juchhe!
Und mein gehört die ganze Welt;
Juchhe!
Zu Ende geht nun Sang und Schmaus.
Nur trinkt mir alle Neigen aus;
Die letzte muß heraus!

Johann W. Goethe

10.05.2021, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

Hinaus in die Welt

Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: «Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.» - «Nun», sagte ich, «wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.» Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen, da ich die Goldammer, welche im Herbst und Winter immer betrübt an unserm Fenster sang: «Bauer, miet mich, Bauer, miet mich!» nun in der schönen Frühlingszeit wieder ganz stolz und lustig vom Baume rufen hörte: «Bauer, behalt deinen Dienst!»

Joseph von Eichendorff - Aus dem Leben eines Taugenichts

08.05.2021, aktualisiert vom März 2006 (src)

Der traurige Autofahrer

In Vertretung aller Interessen
In der Gewolltheit sinister seiender Verfügbarkeit.
Verfügbar durch die willige Präsenz
und durch die Last des eignen Vehiküls,

verfügbar durch den Drang und des Erfahrens,
verfügbar durchs Automobil.

Nie dachte ich mich frei, hier glaubte ich
mich wissender durch diese Technik.
Es gibt den Bonus nicht, sich zu befreien,
und wenn es ihn doch gibt, dann doch nicht so,
unbedingt wohin zu fahren.

Ich wünsche mich weit dorthin, -
da im Gefühl zu sein,
wohin die anderen nur ständig Strecke machen,

so wie ich noch dieser Tage.

07.05.2021, aktualisiert vom April 2014 (src)

Tag der Arbeit, Nächte der Arbeiter

Ein Arbeitsunfall

Etwas erzählen? Aber ich weiß nichts. Gut, also ich werde etwas erzählen.

Einmal, es ist schon länger als zwei Jahre her, habe ich einen Arbeitsunfall miterlebt, - alle Einzelheiten stehen mir klar vor Augen.

Es war kein besonders tragischer Arbeitsunfall, keine schlimme Sache, ja, es war nichtmal ein Mensch daran beteiligt. Spektakulär war nichts daran, außer, daß ich seltsamerweise immer noch daran denken muß, wenn ich andere Katastrophenerzählungen lese oder mitgeteilt bekomme.

Ich, damals noch Student, war in einem Ferienarbeitsverhältnis untergekommen, in einer Hygieneartikelfabrik im Schwäbischen. Meine Arbeitsstelle war geschaffen geworden, weil man eine Qualitätskontrolle für die Nachtschicht benötigte. Ich begann meine Arbeit gegen 22 Uhr, machte ein Dutzend Stichproben im Laufe der Nacht, und hatte Schichtende um 5 Uhr 45. Durch die fortgeschrittene Technologie, die damals im Schwäbischen schon etwas weiter verbreitet war, hatte die Fabrik auf Fertigungsmethoden mit Neuronalen Netzen (NN) umgestellt. Es waren sehr flexible Konstruktionen, die mit einer halben Stunde Pause pro Schicht auskamen, selbst in der Nacht. Fehler und Ausnahmesituationen dürften jedenfalls nicht häufiger zutage treten als in den Tagesschichten, sagte man mir beim Einlernen. Darauf achtete ich also, daß nachts nichts zutage trat, - das war einfach für mich.

Es gab noch einen Humanoiden außer mir in der Fabrikhalle. Der Schichtführer, der auf die Parametrisierung der NN achtete, die Logistik beaufsichtigte und überhaupt als zuständiger Facharbeiter die Fertigungsstückzahlen einzuhalten hatte. Immer wenn ich zu ihm kam und über nicht eingehaltene Qualitätskriterien auf dem Testbogen seine Unterschrift forderte, verdrehte er die Augen und sagte kryptisch "Nicht mehr ganz sauber, wie?". Ich versuchte, ihn nicht als Gegner zu betrachten, immerhin waren wir beide nur arbeitnehmende Bankkunden.

Solange der Betrieb reibungslos funktionierte, hatten wir stundenlang Zeit, uns zu unterhalten. Er hatte knappformulierte Vorurteile über Studenten parat, und er konnte sich sehr weitläufig und farbig über die Themen des grauen Fabrikalltags auslassen, was mich als Sprachstudent sehr faszinierte. Und wenn ich Fragen hatte über die komplizierte Abrechnungspraxis der Gehaltsstelle, die unser gemeinsamer Gegner war, erklärte er mir geduldig, wie die Lohnabrechnung nachzurechnen und zu interpretieren sei. Manchmal fuhren wir mit dem Gabelstapler durch die dunklen Hallen und "cruisten". Wir brachten die langen Stunden zwischen zwei und fünf Uhr leidlich herum, indem wir über altertümliche Begriffe lachten. Manche Nächte las ich aber auch bloß in Büchern, wenn mir nicht nach Gesellschaft mit altertümlich dauerhaft angestellten Menschen und diesem smalltalken war. Manchmal ging ich allein zu fuß durch die Hallen.

Die NN waren sehr seltsam anzusehen. In unserer Fabrikhalle waren mehrere Fließbänder untergebracht, aber nur eines war um diese Zeit erleuchtet und in Betrieb. Es wunderte mich, daß die NN daran Licht benötigten, aber zumindest ich brauchte es ja, wenn ich die geplanten willkürlichen Stichproben durchführte. Manchmal ging ich nach der "Qualitätsprüfung" nicht gleich zurück ins Büro oder zum Schichtführer, sondern beobachtete diese seltsame Maschinenart etwas länger, die da stoisch in der Lichtinsel ihre Tätigkeiten verrichtete.

Ich nahm einen Schemel und setzte mich am Ende des Bandes ins Halbdunkel, dort, wo ein fast schon archaischer NN die Kisten auf eine Palette türmte und mit einer Endlosplastikhülle umwickelte. In den Pausen rauchte das Gerät etwas. Gerade dieses Gerät war alter Bauart, und man mußte mit ihm noch Englisch reden, - dieses phonemhaft umlautbehaftete diphtongkritische Englisch

  • während die anderen Generationen ja meist schon die Befehle der

Beherbergungssprache verstanden.

Gut konnte man sich mit sprachlichen Rekursionen den alten NN tautologisch- vertrauenerweckend, also funktional nähern, - besonders wenn man Geschichte der 7-bit-Netzkommunikation studiert hatte - , so auch dieser. Die Arbeitsweise teilte sich mit, wenn man Nulloperationen ausführen ließ, also Arbeitsakte nur testweise durch die Sprachausgabe lenkte, und es damit genug sein ließ. So konnte man auch ältere Programme abrufen, die die NN nicht "vergessen" hatten, sondern nur nicht mehr praktisch anwenden durften. Wie sich auf dieser Basis herausstellte, war dies tatsächlich ein britisches Modell, aus einer Südlondoner kleinen Firma stammend. (Ich mußte dreimal "ver" sagen, bis es diese Info rausrückte. Ja, es war ein Testmodell, durch den europäischen Markt erst möglich geworden. Teilweise hatte es erstaunliche ältere Programme auf Abruf zur Verfügung, experimentelle und seltsame Sprachberechnungen und längst überkommene graphisch orientierte Lautgebärdungsgrundmuster, und als ich es fasziniert durchprobierte, kam die NN manchmal mit seinem eigentlichen primären Verpackungsprogramm in Verzug. Mit dem preemptiven Multitasking haperte es noch etwas. Ich lachte darüber beim Warten auf die erhofften lustigen, teilweise witzigen und sogar geistreichen Reaktionen, die natürlich nichts mit der Aufgabe vor Ort zu tun hatten.

Aber es gab auch andere NNs mit anderer Technik. Wenn ich bei einer Kontrolle Flüchtigkeitsfehler festgestellt habe, fehlendes Zubehör in der Endauslieferung etc., ging ich zum Reparatur-NN, das zwar nur einen relativ kleinen Befehlssatz verstand, aber sehr flexibel mit diesem ungehen konnte. Ganz früher, bei den Festverdrahteten, hätte man RISC-Prozessor dazugesagt. Diese schnell zu behebenden Fehler trug ich nicht immer in die Beanstandungsliste ein, sondern ging, nachdem der Rep-NN seinen Teil getan hatte, zum fehlerverursacht habenden NN und versuchte mit einer rekursiven ad- hoc-Anweisung die Funktionalität wiederherzustellen. Manchmal mußte ich Aspekte dieser Anweisungen wieder und wieder wiederholen. Es war dann fast wie "diskutieren". Nunja, auch dafür bezahlte man mich.

Der Reparatur-NN war übrigens sehr interessant, da er in den Pausen Flüssigkeit aufnahm. Als ich den Schichtführer einmal darauf aufmerksam machte und ihn fragte, ob das bei diesen Modellen bei rekursiven Prozessabläufen so weit kommen könne, meinte er "Ja." Als noch Menschen diese Arbeit verrichtet hätten, hätten diese oft Alkoholprobleme gehabt. Es sei zwar nicht ganz exakt, aber man könne das, wenn man unbedingt wolle, schon damit vergleichen. Solange die Funktion jedoch nicht beeinträchtigt werde, könne der NN soviel Flüssigkeit aufnehmen wie er wolle. Es gebe da keine Gesetze, aber ich, als Student, dürfe durchaus eine Ethik dafür entwickeln, wenn mir langweilig sei. Er sagte es mit anderen Worten.

Manchmal fühlt man sich einsam mitten in der Nacht zwischen all diesen toten Maschinen, die sich immerzu bewegten. Irgendwann fand ich auf Forschungsexpeditionen in andere Bereiche der Halle ein Meisterbüro und darin einen bequemen Sessel. In dem konnte ich die eine oder andere Stunde schlafen, aber immer mit der Angst, daß ich womöglich einmal von der Tagesschicht dort geweckt werden würde. Es war nie mehr als ein Halbschlaf, aber als solcher wenigstens bezahlt.

Einmal dann, als ich dort döste, hörte ich, erschreckt aufmerkend, wie in der Entfernung das Band abgestellt wurde, und es herrschte, als ich dann wach war, eine gespenstische Stille. Ich nahm meinen Kontrolleursblock und ging eilig und wie geschäftig zur Lichtinsel hin. Dort kniete der Schichtführer über dem englischen Modell, welches in irgendeiner Form zu Boden gerissen war. Seine Greifarme lagen seltsam gewinkelt nahe der Steuereinheit. Das NN gab programmunmotivierte Töne ab.

"Verdammt", sagte der Schichtführer, "ich habe keinen Ersatz. Diese blöden Roboter" (er benutzte aus Wut den veralteten pejorativen Ausdruck). "Wenn ich den nicht wieder in Schuß kriege, kann ich die restliche Schicht voll einpacken. - Oder ich werde Dich das machen lassen, Studi!"

"Diese Tätigkeit würde leider mit dem Inhalt meines Arbeitsvertrages kollidieren", sagte ich arrogant, weil ich wußte, daß ihn das aufregte. Dann pfutschte der Schichtführer nervös an der Spracheingabe herum, bis das NN auf Systemanfragen wieder reagierte. "Der versteht nur Englisch, saualtes Teil", sagte ich. "Frag ihn, was er hat", sagte der Schichtführer." Ich fragte. "Es sagt, es hätte einen SCHWÄCHEANFALL gehabt und hätte immer noch keinen Zugang zu den Basisaktivfunktionen." "Du verarschst mich." "Frag ihn doch selbst." "Und was sagt es noch?" "Daß seine Fehlerroutine erst den Fehler numerisch obduzieren könne, wenn man den Pulsgeber synchronisiert hätte. Es sagt, das sei die Aufgabe des Meisters." "Das machen wir jetzt selbst", sagte der Schichtführer. Er öffnete die Neuronenschaltbox. "Zähl Du auf fünf, und ich kuck dann, daß ich das Ding mit dem Geber wieder synchron kriege. Aber gleichmäßig zählen!" "Darfst Du das überhaupt?" fragte ich. "ZÄHL, Mann!"

"Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Darf das wahr sein? Der Mann leistet der Maschine erste Hilfe!)

"Nochmal? Ok.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Und ich leiste IHM erste Hilfe, sonst muß er vier Stunden lang im Akkord verpacken).

"Nochmal? Ok.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Wie will er das Ding synchron kriegen, wenn es doch einen Abriß an den oberen Steurungsneuronen hat. Das sieht man von hier. Na, soll er das mal lieber selber rausfinden).

"Nochmal? Ok.

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf" (Ok, das wars. Der Schichtführer ist mürbe. Das Teil ist hin.)

"Tja, dann man ans Band, oller Humanoide", sagte ich spöttisch. Er beschimpfte mich, montierte das englische NN ab und ging das Band wieder anstellen. Ich lachte und ging wieder für die letzten paar Stunden dieser Schicht auf den bequemen Meistersessel. Aber ich kam in keinen guten Halbschlaf mehr rein. Nichts war passiert, dämmerte mir —. Und ich war zu müde, dem Schichtführer beim Palettenpacken zuzusehen. Arbeitende Menschen sind langweilig und sicherlich outdated.

Ja, das war der Arbeitsunfall, den ich erlebte. In den nachfolgenden Studentenjobs hatte ich dann schon mehr Ahnung von den Kniffen und wurde immer in die Büros eingeteilt. So hoffe ich gute Chancen zu haben, daß mir dergleichen nicht wieder begegnen wird.

03.05.2021, aktualisiert vom Juli 2014 (src)

Alle Menschen sind allein,

und es offenbart sich jeweils der Staat, in dem sie leben, der bestimmt, ab wann sie es am Ende sind.

01.05.2021, aktualisiert vom September 2005 (src)

Die Liebe, weißt Du…

"Oh,l'amour, tu sais…Le corps, l'amour, la mort, ces trois ne font qu'un. Car le corps, c'est la maladie et la volupté, et c'est lui qui fait la mort, oui, ils sont charnels tous deux, l'armour et la mort, et voilà leur terreur et leur grande magie! Mais la mort, tu comprends, c'est d'une part une chose malfamée, impudente qui fait rougir de honte; et d'autre part c'est une puissance très majestueuse,- beaucoup plus haute que la vie riante gagnant de la monnaie et farcissant sa panse,- beaucoup plus vénérable que li progrès qui bavarde par les temps, - parce qu'elle est l'histoire et la noblesse et la piète et l'èternal et le sacrè qui nous fait tirer le chapeau et marcher sur la pointe des pieds… Or, de même, le corps, lui aussi, et l'armour du corps, sont une affaire indécente et fâcheuse, et le corps rougit et pâlit à sa surface par frayeur et honte de lui-même. Mais aussi il est une grande gloire adorable, image miraculeuse de la vie organique, sainte merveille de la forme et de la beauté, et l'amour pour lui, pour le corps humain, c'est de même un intérêt extrêmement humanitaire et une puissance plus éducative que toute la pédagogie du monde!… Oh, enchantante beauté organique qui ne se compose ni de teinture à l'huile ni de pierre, mais de matière vivante et corruptible, pleine de secret fébrile de la vie et de la pourriture! Regarde la symétrie merveilleuse de l'édifice humain, les épaules et les hanches et les mamelons fleurissants de part et d'autre sur la poitrine, et les côtes arrangées par paires, et le nombril au milieu dans la mollesse du ventre, et la sexe obscur entre les cuisses! Regarde le omoplates se remuer sous la peau soyeuse du dos, et l'echine qui descend vers la luxuriance double et fraîche des fesses, et les grandes branches des vases et des nerfs qui passent du tronc aux rameaux par les aisselles, et comme la structure des bras correspond à celle des jambes! Oh, les douces régions de la jointure intérieure de coude et du jarret avec leur abondance de délicatesses oraganiques sous leurs coussins de chair! Quelle fête immense de les caresser ces endroits délicieux du corps humain! Fête à mourir sans plainte après! Oui, mon dieu, laisse-moi sentir l'odeur de la peau de ta rotule, sous laquelle l'ingénieuse capsule articulaire sécrète son huile glissante! Laisse-moi toucher dévotement de ma bouche l'Arteria femoralis qui bat au front de la cuisse et qui se divise plus bas en les deux artères du tibia! Laisse-moi ressentir l'exhalation de tes pores et tâter ton duvet, image humain d'eau et d'albumine, destinée pour l'anatomie du tombeau, et laisse-moi périr, mes lèvres aux tiennes!"

Er öffnete die Augen nicht, nachdem er gesprochen; er blieb wie er war, den Kopf im Nacken, die Hände mit dem Silberstiftchen von sich gestreckt, auf den Knien bebend und schwankend. Sie sagte:

"Tu es en effet un galant qui sait solliciter d`une manière profonde, à l`allemande."

Und sie setzte ihm die Papiermütze auf.

Thomas Mann - Der Zauberberg

30.04.2021, aktualisiert vom März 2006 (src)

Das Schneckenhaus zertreten

Du neben mir

Wie du neben mir gehst, heiter
diesen Werktag als Sonntag lobst
und am Wegrand
nach dem glänzenden Kiesel greifst,
sag! wie soll ich dich trösten,
da ein Schneckenhaus
unter meinem Fuß kracht - dich,
zart eingesponnen
in diesen Mittag Altweibersommer. . .

Rainer Brambach

(via Sophie)

Die nationale Geschichte der Deutschen

wird heute auf ARTE zum Thema gemacht,

  • wie gut, daß dabei von Auschwitz die Rede ist, und
    • daß die deutsche Industrie damals von der Zwangsarbeit profitierte,
      • vielleicht sogar alles deswegen passierte,
        • denn die Untermenschen haben ja einen Zweck, wenn sie kostenlos arbeiten,

und immerhin sind die Arbeitgeben heute immer noch so unzivilisiert, die Mindestlöhne abzulehnen,

  • aber totmachen der Untermenschen gehört nicht mehr zur deutschen Firmenphilosophie,
    • was eine klare Verbesserung der Wirtschafts-Ethik darstellt.

Aber:

Was für ein vollkommen schreckliches Land das ist, in dem wir leben,

  • und in dessen politischem System immer noch die Konzerne das Sagen haben.
    • und keine Humanität trotz Goethe und Schiller je darin erlebt wurde,
      • und auch nie gelebt werden wird.

Ein unfreundliches Land für alle Armen und alle Lebendigen,

  • aber ein großartiges Land für
    • Chemie und Autos
      • großgeworden durch Zwangsarbeit,
        • zukunftsweisend durch unterlaufende Mindestlöhne, und
          • arrogante Nutzlosprodukte für die Lebenswertverprasser.

Keine Änderung feststellbar hierzulande seit dem Wilhelminismus.

#arte

27.04.2021, aktualisiert vom Januar 2014 (src)

Vervielfältigung

ist insofern ein Fortschritt, als sie die Verbreitung des Einfältigen ermöglicht.

( Karl Kraus, "Beim Wort genommen")

26.04.2021, aktualisiert vom Mai 2005 (src)

Stendhal, Lucien Leuwen

Unser Held sah sich im Mittelpunkt der Unterhaltung; er war solchem Glück nicht gewachsen; seit Monaten war ihm Ähnliches nicht geschehen.

Stendhal, Lucien Leuwen

25.04.2021, aktualisiert vom April 2004 (src)

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Created: 2021-06-16 Mi 20:59

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