Philosophischer Nacht- und Sonntagsdienst

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Reisetips

Heute: Reisen im Internet

»Man soll die Sprache des Landes verstehen, das man besucht«; sie verstanden sie. »Eine bescheidene Haltung wahren«, das pflegten sie zu tun. »Nicht zuviel Geld bei sich haben«; nichts leichter als das. Und um sich schließlich alle möglichen Unannehmlichkeiten zu ersparen, ist es gut, »sich für einen Ingenieur auszugeben«.

Gustave Flaubert, Bouvard und Pécuchet

Ein Sommer auf dem Lande

(Der Sommer, endlich wieder wie früher)

Ein zerbrochener Zeh, ein verknackster Fuß, und das Auto hat keinen Katalysator und muß stehen bleiben. Komplette Bewegungslosigkeit. Aber ich erzähle von Anfang an:

Hitze. Zu fuß zur Kneipe. Wir stehen im Maulwurf und quatschen dies und das und kucken auf den überlasteten Kellner, der hin und her rennt. Wir reden über die Trägheit, die der Sommer so mit sich bringt, und die ganzen Veranstaltungen, die jetzt statt finden. Wir erwärmen uns bei dem Gedanken, ob das Leistungshüten in Bad Urach es lohnt, hinzufahren. Moderatoren haben ein legitimes Interesse daran, wie andere leistungshüten. Irgendwer drückt einem den Ellbogen gegen das Bier des Nachbarn.

Im Laufe des Abends wird es noch heißer. Der Kellner schwitzt alles voll. Wir reden von Romantik und bestellen Bier nach. Nur nicht ausfallend werden: Geschichten von Liebschaften kursieren durch die Menge; fast jeder kennt eine gute aus seinem Erlebenskreis, der eng ist. Man hört mit. Wir müssen rekurrieren, um nicht abzuschweifen, aber in der vollen Kneipe kommt man eh nicht weit. Am Nebentisch indes ein Kommen und Gehen: Pudel stimmen schweigsam, aber man hat ja Zeit. Ein Knoblauchbaguette, und schon kann die Unterweisung von Schäferhunden wieder Thema sein.

Wir hüten die Themen im parcours, die Menge sitzt anbei, wie die Ameisen, oder besser: wie die Schafe. Tips und Kniffe zur Tierquälerei, man schafft sich Platz, wenn man mit diesem Thema ausfallend wird. Schnecken tötet man, indem man Salz auf sie streut, schon gewußt? Dann trocknen sie aus.

Heiß, heiiß. Fidogespräche. Die unheilige Allianz der Wörter und der Worte. Wem erzähl ich was, und braucht das Netz diese Information? Am Bärensee haben sie das Schloß abgefackelt, gar nicht weit von hier. Unwichtig. Lieber den Bodensee aufwühlen. Dort ist der Hauptspaß angesiedelt. Das Saarland ist zwar wesentlich wohnlicher, aber da gibt es weniger Nodes.

Der Kellner kommt nicht nach. Jeder will was bei ihm bestellen. Er schuftet wie ein Tier. Ein unwilliger Gast unterweist ihn. Wir quälen ihn auch, indem wir abwechselnd bestellen. So hat er doppelte Wege. Da passiert es: einer von uns stößt sich den Zeh am Tischbein an. Und wir müssen zu fuß zurück!

Zur Schmerzlinderung muß wieder Fido bei Fuß. Romantik unter Schmerzen: das ist die wahre Romantik, und in Fido beißt der Schmerz ebenso, wenn sich das Private mit dem Öffentlichen mischt. Information tut weh, - und wird sie noch so hintergründig abgegeben. Nicht jeder erträgt den Sommer auf dem Lande. Über diese These lachen wir. Indiskretion ist das Futter, Andeutung die Nahrung der Romantik. Glücklich wirft uns der Kellner zur Sperrstunde aus dem Maulwurf hinaus.

Als wir zu fuß zurückgehen, verknackst sich einer von uns an einer der vielen dunklen Stellen im Stadtgebiet den Fuß. Der mit dem Zeh humpelt, lacht.

Am nächsten Tag ist Ozonalarm: ohne Katalysator darf uns das Auto nicht aufs Land bringen, - und wir wären so gern aufs Land gefahren, wo uns die Schäfer das Leistungshüten vorgeführt hätten.

Wir hatten uns schon dafür erwärmt.

13.06.2022, aktualisiert vom August 2013 (src)

Reisen…

Rechnet nicht damit, daß meine Lust am Vagabundieren abgenommen hat, im Gegenteil, wenn ich die Mittel zum Reisen hätte.. sähe man mich keine zwei Monate am gleichen Ort, Die Welt ist sehr groß und voll wunderbarer Länder, das Leben von 1000 Menschen reicht nicht aus, sie alle zu besuchen. Doch habe ich keine Lust, im Elend zu vagabundieren… Aber immer am gleichen Ort leben - das werde ich stets sehr armselig finden. Letztlich ist es wahrscheinlich, daß man eher dorthin kommt, wo man nicht hin will , und daß mam ganz anders lebt und umkommt, als man je es wollte, ohne Aussicht auf irgendeine Form von Entschädigung.

Arthur Rimbaud

02.06.2022, aktualisiert vom September 2005 (src)

Das Schneckenhaus zertreten

Du neben mir

Wie du neben mir gehst, heiter
diesen Werktag als Sonntag lobst
und am Wegrand
nach dem glänzenden Kiesel greifst,
sag! wie soll ich dich trösten,
da ein Schneckenhaus
unter meinem Fuß kracht - dich,
zart eingesponnen
in diesen Mittag Altweibersommer. . .

Rainer Brambach

(via Sophie)

28.04.2022, aktualisiert vom April 2021 (src)

Weit vom Schuß

Bei den Meldungen über Luftangriffe fehlen selten die Namen der Firmen, welche die Flugzeuge hergestellt haben: Focke-Wulff, Heinkel, Lancaster erscheinen dort, wo früher einmal von Kürassieren, Ulanen und Husaren die Rede war. Der Mechanismus der Reproduktion des Lebens, seiner Beherrschung und seiner Vernichtung ist unmittelbar der gleiche, und demgemäß werden Industrie, Staat und Reklame fusioniert. Die alte Übertreibung skeptischer Liberaler, der Krieg sei ein Geschäft, hat sich erfüllt: die Staatsmacht hat selbst den Schein der Unabhängigkeit vom partikularen Profitinteresse aufgegeben und stellt sich wie stets schon real, nun auch ideologisch in dessen Dienst. Jede lobende Erwähnung der Hauptfirma in der Städtezerstörung hilft ihr den guten Namen machen, um dessentwillen ihr dann die besten Aufträge beim Wiederaufbau zufallen.

Theodor Adorno - Minima Moralia, 1951

28.04.2022, aktualisiert vom März 2006 (src)

Arthur H - La chanson de Satie

Approche-toi de moi
Monte le son plus fort
Je veux sentir une dernière fois ton corps
Contre moi

Je pars en voyage
Tu pars très longtemps
Je vais t'oublier un peu c'est sûr, c'est certain

Je voulais te dire que je t'aime encore
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore

Je t'en prie, chante moi
Ce vieil air français
Cette mélodie d'Erik Satie
Je crois que c'est ça

Je voulais te dire encore
Je voulais te dire que je t'aime encore
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore
Tu pars en voyage
Je pars très longtemps
Tu vas m'oublier, c'est sûr, c'est certain

Approche toi de moi
Monte le son plus fort
Tu voulais me dire que tu m'aimes encore
Que tu m'aimes encore
Que tu m'aimes encore
Que je t'aime encore

Video auf YouTube

29.03.2022, aktualisiert vom Februar 2021 (src)

Refusez d'obéir

Le déserteur

Monsieur le Président
Je vous fais une lettre
Que vous lirez peut-être
Si vous avez le temps

Je viens de recevoir
Mes papiers militaires
Pour partir à la guerre
Avant mercredi soir

Monsieur le Président
Je ne veux pas la faire
Je ne suis pas sur terre
Pour tuer des pauvres gens

C'est pas pour vous fâcher
Il faut que je vous dise
Ma décision est prise
Je m'en vais déserter

Depuis que je suis né
J'ai vu mourir mon père
J'ai vu partir mes frères
Et pleurer mes enfants

Ma mère a tant souffert
Elle est dedans sa tombe
Et se moque des bombes
Et se moque des vers

Quand j'étais prisonnier
On m'a volé ma femme
On m'a volé mon âme
Et tout mon cher passé

Demain de bon matin
Je fermerai ma porte
Au nez des années mortes
J'irai sur les chemins

Je mendierai ma vie
Sur les routes de France
De Bretagne en Provence
Et je dirai aux gens:

Refusez d'obéir
Refusez de la faire
N'allez pas à la guerre
Refusez de partir

S'il faut donner son sang
Allez donner le vôtre
Vous êtes bon apôtre
Monsieur le Président

Si vous me poursuivez
Prévenez vos gendarmes
Que je n'aurai pas d'armes
Et qu'ils pourront tirer

Boris Vian, YouTube: Le déserteur

09.03.2022, aktualisiert vom September 2009 (src)

Rodion Raskolnikow

Raskolnikow betrachtete das alles mit tiefem Staunen und mit stumpfer, sinnloser Angst. Er beschloß, zu schweigen und abzuwarten, was weiter geschehen werde. Offenbar phantasiere ich nicht mehr, dachte er; offenbar ist das alles Wirklichkeit…

Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Schuld und Sühne

03.03.2022, aktualisiert vom August 2005 (src)

Krieg

Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser geht, hierauf die Erwartung, daß es einem nicht schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, des es dem anderen auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.

Karl Kraus

24.02.2022, aktualisiert vom April 2020 (src)

Die Menschen haben einen Schnupfen

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis

18.02.2022, aktualisiert vom März 2020 (src)

Auf der Galerie

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind - vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das - Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Franz Kafka

17.02.2022, aktualisiert vom Oktober 2005 (src)

Wissen und Wunder

Am frühen Morgen hatte ein Tieflader den Container mitten auf den Platz gestellt.

Gegen zehn Uhr kamen einige Schulklassen, die sich mit der Sammelaktion etwas Geld fuer die Klassenkasse verdienen wollten, und schwärmten mit Leiterwagen, elterlichen Kleinbussen, ausgeliehenen Traktoren gleich wieder aus, um in diesem Industriegebiet und den sich danach anschließenden Wohnstraßen das besondere Altmaterial schnell von den Gehwegen zum Container zu schaffen, welcher dadurch der Zielpunkt aller Aktivitäten war.

Nach einer halben Stunde sind die ersten zurück und werfen ausgediente Monitore, hunderte von alten Platinen und verstaubten Computergehäusen unter lautem Getöse in den Stahlbehälter.

Bevor sich die Schüler erneut aufmachen, bestimmen sie zwei der Jungen, Neuntklässler, welche, die ohnehin nichts raffen, ein zu kleines Mädchen und einen zu fahrigen Jungen, vielleicht ficken sie ja, und es gibt was zum Erzaehlen, als Aufpasser, damit niemand in der Zwischenzeit nach vergoldeten Steckern sucht oder die Chips von den Prozessorboards stemmt oder hier bloss seinen privaten Muell dazukippt.

Die beiden klettern die zweieinhalb Meter hohen Seitenwände hinauf und lassen sich in den riesigen, viertelsgefüllten Behälter hineinfallen.

Nur eine Wand an der Längsseite hat nicht die volle Höhe, aber trotzdem noch über anderthalb Meter. Beide Wächter besitzen einen Walkman, den sie sich wie auf Kommando gleichzeitig überstülpen und anschalten.

Scheinbar ohne Rücksicht auf seine schwarze Lederjacke zu nehmen lehnt sich der Schüler an die einzige schräge, die verkürzte Wand und blinzelt nach oben in die Sonne, die jetzt schon so stark brennt, dass ihm heiss ist in seiner Jacke, die aus Leder ist. Ausziehen käme schon wegen der Torte nicht in Frage. In seinem Alter kann er es sich nicht erlauben, nicht cool zu sein.

Mehr im Stil der siebziger Jahre ist die Schülerin gekleidet. Sie hat lange Haare und eine Jacke mit langen Fransen. Sie trägt zwar ebenso Jeans wie der andere auch, aber ihre haben einen Stoffsticker aufgenäht: ein offener Mund, aus welchem eine obszön lange Zunge herausgestreckt wird.

Sie sitzt auf dem Teil des Bodens, welcher vom Müll unbedeckt ist und blickt mit verzücktem Gesichtsausdruck in den blauen Himmel, welcher sich über dem Container wölbt.

Als ihr die Wärme zu schaffen macht, zieht sie die Fransenjacke aus und krempelt die Ärmel ihres Holzfällerhemdes hoch. Obgleich es erst April ist, wirkt die Sonnenstrahlung sehr stark, und der dunkelblaue Lack auf dem Stahl, wo er noch nicht abgebeizt ist, speichert die Hitze zusätzlich.

Ab und zu läuft draussen jemand vorbei, so dass die Schritte auf dem Asphalt, die im Container widerhallen, die quäkenden Rhythmen aus den Walkmännern übertönen.

Irgendwann kommen zwei bäuerliche Traktoren mit Anhängern vorgefahren, die kurz vor der Sammelstelle heftig abgebremsen und von denen sogleich eine Meute Schüler herunterspringt. Die älteren Schüler machen derbe Späße ueber das wachende Schülerpaar.

Wieder lädt man einige Zentner Datenverarbeitungsreststoffe in den Stahlcontainer und fährt dann erneut los, um in den entfernteren Straßen die Sammeltätigkeit fortzuführen. Jetzt hat sich der eine Zurückgebliebene rittlings oben auf ein Eck gesetzt, während die andere immer noch einen freien Platz im Inneren findet.

Der Schüler fühlt sich da oben wie der Käpt'n, eine Willensanstrengung, und der ganze Kahn fährt ab in Richtung Amerika. Bloß da vorne an der Fabrik vorbei muss er sein Containerschiff lotsen und dann kommt schon freies Feld, Wiesen, Wälder, Frankreich, das große Meer und dann Amerika.

Und wenn schon Amerika, dann gleich nach Kalifornien. Da wäre die Torte sicher auch nicht dagegen. Brücke an Maschinenraum: Dampf machen!

"Hier stinkts volle Kanne" sagt das Mädchen ohne den Kopfhoerer abzunehmen und ungehört und ohnehin nicht an den Jungen gewandt, der seinerseits den Kopfhörer nicht abnehmen wird. Sie nimmt sich eine Platine von dem Haufen weg und studiert sie: große schwarze Ameisen, viereckig und mit vielen verankerten Beinen, festgewachsen in einem Feld voller buntlackierter Vergissmeinnicht.

Aber dafür sind die Ameisen groß. Sie sind mutiert und genmanipuliert. Schöner die Rückseite, wenn man die Platine umdreht, da ist ein kompliziertes Wegesystem, ein Labyrinth, wo sich der Strom nur noch gefühlsmaessig zurechtfinden kann. Der Strom, den die festgewachsenen Ameisen aussenden, um den Kontakt zu ihresgleichen nicht abbrechen zu lassen.

Sie schnippt die Leiterplatte zurück auf den Berg aus Datenschrott. Um dem üblen Geruch, der sich aus Lack-, Kunststoff- und Klebstoffdämpfen zusammensetzt, zu entgehen, klettert sie ebenfalls die Wand des Containers hoch und setzt sich oben hin, auf die entgegengesetzte Seite von derjenigen des Käptns. Es ist fast menschenleer auf dem Platz, ab und zu fahren schwere Lastkraftwagen vorbei, die von der Fabrik kommen.

Deren Lärm übertrifft zwar kaum den der Walkmanmusik, aber das Rumpeln übertraegt sich von der Strasse auf den Müllbehälter und von dort direkt in den Bauch der Bewacher.

Es scheint, dass die Hitze, der Lärm, die Verlassenheit ihrer Lage die beiden etwas benommen machen, denn obwohl sie erst seit einer dreiviertel Stunde ihr Amt ausüben, tragen sie schon alle Anzeichen der Erschöpfung.

Sie verständigen sich kurz mittels einigen Gesten, die eben diesen Sachverhalt verdeutlichen und amüsieren sich einen Moment lang über die Einigkeit ihrer negativen Gefühle. Dann ist wieder jeder mit sich selbst beschäftigt, die Cassette zu wechseln, sich irgendwie Kühlung zu verschaffen, und wieder auf die Anderen zu warten. Damit ist genug getan.

Der Käptn ist ab jetzt keiner mehr, er hat sich in Mad Max verwandelt, der ein Wüstenfort vor den in schweren, zu fahrenden Festungen umgewandelten, Bussen anrollenden Strauchdieben verteidigt. Cool ist gar kein Ausdruck, wie er sie auflaufen lässt, in Empfang nimmt mit Guns'n'Roses.

Und wenn die Riesenkampfwagen, am Bug getroffen, abdrehen und in voller Fahrt umstuerzen, spuert er es in seinem Bauch beben. Aber auch er wird schliesslich getroffen, als er eine Frau aus der Schusslinie zieht, in der Schulter, so dass er gefaehrlich viel Blut und Energie verliert.

Entkraeftet laesst er diese Vorstellung fahren und sieht seitlich hinueber zu der Torte. Diese ist anscheinend ebenfalls sehr mit sich beschaeftigt, malt geistesabwesend irgend etwas mit dem Kugelschreiber auf ihre Turnschuhe, aber trotzdem wird Ex-Mad Max es nicht wagen koennen, seine Jacke auszuziehen ohne sein Gesicht zu verlieren.

Diese Sonne macht ihn voellig kaputt. Und es ist erst Fruehling. Ueberhaupt scheint er eine Abneigung gegen den freien Himmel zu haben, gegen die "frische Luft", von der doch jeder weiss, wie wenig Frisches in ihr ist; gegen die Sonne, vor deren Strahlung selbst die Lehrer warnen.

Und dazu diese ungeordnete Akustik des Lebens im Freien. Unmotivierte Laute von Flugzeugen, Autos, Strommasten, Schritten, Stimmen. Wie haben es die Leute nur ausgehalten, als es noch keine transportable Musik gab?

Die Schuelerin schaut indessen ueber den Platz, in der Hoffnung, dass endlich etwas passiere. Sie wirft einen Schwall Haare nach hinten ueber die Schulter, um dann weiter auf ihren Turnschuh zu malen. Sie schreibt "Deep Purple" und "Pink Floyd", wobei sie die Buchstaben extra rund gestaltet und die Buchstabeninnenraeume minutioes ausmalt.

ie hat die Musik im Walkman, es ist Nirvana, laut gestellt, aber trotzdem fuehlt sie sich aeusserst ermattet. Sie schwankt und faellt beinahe ruecklings in den Reststoffsammelcontainer. Dann sammelt sie ihre Kraefte und steigt vorsichtig und langsam hinein. Unten setzt sie sich wieder auf den Boden, wobei sie die Augen schliesst und irgendwie anfaengt zu traeumen.

Es ist eher ein Fabulieren mit offenen Augen, denn zum Traeumen ist die Vierzehnjaehrige wirklich nicht aufgelegt. Dazu hat sie in ihrer Lage wirklich keinen Nerv; sie fuehlt sich viel zu schlapp. Sie denkt zwangshaft, um sich etwas abzulenken, an die Logikbausteine, die ihr es in ihrer uebergrossen Schwaerze angetan haben.

Logikbausteine, zwischen denen sich der Strom auf der Leiterbahn nur gefuehlsmaessig hin- und herbewegte, als sie ueberhaupt noch an den Stromkreislauf angeschlossen waren, so weiss sie. Komisch eigentlich, dass sich der Strom ueberhaupt an die vorgeschriebenen Wege haelt. Er wuerde doch nichts verlieren, wenn ers nicht taete. Vielleicht ist das die Logik, dass ers eben einfach tut, ohne auf die Konsequenzen zu achten.

Sie findet das sympathisch von dem Strom und ueberlegt, ob sie nicht mit ihren runden Buchstaben "Logik" auf den Turnschuh schreiben soll, wobei das o und das g natuerlich schwarz ausgefuellt werden muessten, so schwarz wie die Speicherchips selber sind. Oder so schwarz wie die Lederjacke von dem Dings da oben. Oder so schwarz, wie wenn man erst versucht in die Sonne zu blicken und dann die Augen fest zudrueckt.

Jetzt traeumt sie doch: dass sie auf dem Gras einer Wiese liegt und dass Ameisen ueber ihrem Koerper hin und her laufen. Die Ameisen sind alle viel zu gross und genmutiert, doch sie findet das lustig, dass jemand ueber sie hinweglaeuft und die Ameisen finden das auch. Dann merkt sie aber, dass die Ameisen nicht zu gross sind, sondern dass sie selbst viel zu klein ist.

Ihr Gewicht muss sie tief hinunter gedrueckt haben, so dass die Grashalme wie kahle Baeume gegen den Himmel zeigen und das Gesichtsfeld versperren. Seltsam, denkt sie, dass keine Voegel zu hoeren sind, wo doch jetzt Fruehling ist. Da ist bloss eine elektrische Gitarre und ein Schlagzeug, aber die Maenner, die sie spielen, sind mitten in ihrem Kopf. Das ist unlogisch, denkt sie.

Dann sieht sie die Vergissmeinnicht, die in Reih und Glied zwischen den Ameisen eingepflanzt sind. Als sie versucht, daran zu riechen, faehrt sie entsetzt zurueck, denn die Fruehlingsblumen riechen alt und staubig. Was soll das, denkt die Schuelerin erbittert, Blumen haben gefaelligst nach Blumen zu riechen. Aber vielleicht riechen die hier nunmal so.

Und als sie sich daran erinnern will, wie Blumen denn sonst riechen koennten, faellt es ihr nicht ein. Die muessen vielleicht bloss mit etwas elektrischem Strom gewaessert werden. Aber insgeheim glaubt sie nicht daran.

Sie wendet sich den logischen Ameisen zu, die sich gegenseitig zum Zeitvertreib knifflige Aufgaben stellen und ueber die Loesungen lachen. Denn freilich fallen ihnen sogleich die Loesungen ein. Und ueberhaupt sind sie sehr lustig.

Vielleicht wirft man sie eben deswegen in den Muellcontainer, vermutet ihre Bewacherin. Logische Bausteine haben logisch und konsequent zu sein, und wenn sie trotzdem spontan und witzig sein wollen, dann werden sie ueberfluessig und unerwuenscht.

Sie wird ganz traurig ueber das Schicksal der lustigen logischen Bauteile, doch diese wenden sich ihr zu und nennen sie Alice. Man scherzt auf binaer, und es ist alles viel froehlicher als in der Schule, so dass Alice auch schnell wieder bessere Laune bekommt. Vor allem ist sie erheitert darueber, dass sie waehrend ihres Traumes weiss, noch nie so seltsames Zeug getraeumt zu haben.

Und sie entscheidet sich dafuer, dass ihr Traeumen doch eher ein Fabulieren sein muesse.

(Doch später, als die Polizei alle vernahm, vor allem die Lehrer, wie es geschehen konnte, dass man Schüler über einen Zeitraum von mehreren Stunden solch einen Cocktail von diffundierendem Sondermüll atmen ließ, sodass man mit dauerhaften Schäden bei den beiden rechnen müsse, stellte sich heraus, dass sich niemand auch nur träumen ließ, was das bedeuten würde. Klares Ergebnis aus diesem Ereignis war schließlich, dass dies die letzte Sammlung solcher Art an dieser Schule bleiben würde.)

10.02.2022, aktualisiert vom Januar 2017 (src)

Ach!

Liebe USA und liebe katholische Kirche,

hört doch bitte auf, ständig Kinder zu misshandeln, Wobei totbomben wohl genausowenig besser ist als der ständige sexuelle Missbrauch.

Und meine Träume sind wie Diebe

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer -
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr -
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.

Max Herrmann-Neisse

30.01.2022, aktualisiert vom März 2017 (src)

Tagesparole

Es besteht nicht die geringste Gefahr, daß je die Vernunft auf Erden überhandnehmen, daß es je zu vernünftig zugehen könnte auf Erden. Es besteht keine Gefahr, daß die Menschen eines Tages zu emotionslosen Engeln werden, was sehr langweilig wäre. Aber daß sie übertrieben interessanterweise zu Bestien werden, dazu gehört, wie sich gezeigt hat, gar nicht viel. Diese Neigung ist viel stärker im Menschen als zum Anämisch-Engelhaften, und es genügt, durch allgemeine Instinktverherrlichung die schlechten Instinkte freizugeben, die immer die Verherrlichung zuerst auf sich beziehen, um die bestialische Neigung zu triumphalen Übergewicht zu bringen. Es ist bequem und genußsüchtig, sich auf die Seite der Natur gegen den Geist zu schlagen, auf die Seite also, die ohnedies immer die stärkere ist. Die einfachste Generosität und ein wenig humanes Pflichtgefühl müßten uns bestimmen, das schwache Flämmchen des Geistes und der Vernunft auf Erden zu schützen und zu nähren, damit es ein wenig besser leuchte und wärme.

Freiheit und Recht sind längst nicht mehr 'banal', sie sind vital, und sie langweilig finden, heißt nichts anderes, als auf den Schwindel der faschistischen Pseudo-Revolution hereinzufallen, daß Gewalt und Massenbetrug das Allerneueste und Zeitgemäßeste sind. Die besseren Geister wissen, daß das wirklich Neue in der Welt, dem zu dienen der lebendige Geist berufen ist, etwas ganz anderes ist, nämlich die soziale Demokratie und ein Humanismus, der, statt in mutlosem Relativismus steckenzubleiben, wieder den Mut hat zur Unterscheidung von Gut und Böse.

Thomas Mann

25.01.2022, aktualisiert vom September 2006 (src)

Vom Glück des Klimawandels

Die obdachlose Liebe

Wir beide leben bürgerlich
in der Wohnung und im Haus,
sind studiert und etabliert im Leben,

und seit wir uns begehren und erkennen
sind wir verloren auf die Obdachlosigkeiten
unserer Gefühle,

wie schön die sind, so ohne Planen,
wie schön die sind, so ohne jedes Haus,
wie schön die dennoch sind, so völlig obdachlos.

Die Kälte und der Winter
(wir erwärmen uns auf Bänken und im Park,)
werden uns niemals entzweien,

denn wir zittern sehr vorm Leben,
und nicht vor Kälte oder Eis.

12.01.2022, aktualisiert vom Dezember 2020 (src)

Im Zustand herabgesetzter Lebenstätigkeit

Jenseits des Baches bemerkte Hans Castorp eine Ruhebank. Er überschritt den Steg und setzte sich, um sich vom Anblick des Wassersturzes, des treibenden Schaums unterhalten zu lassen, dem idyllisch gesprächigen, einförmigen und doch innerlich abwechslungsvollen Geräusche zu lauschen; denn rauschendes Wasser liebte Hans Castorp ebensosehr wie Musik, ja vielleicht noch mehr. Aber kaum hatte er sich's bequem gemacht, als ein Nasenbluten ihn so befiel, daß er seinen Anzug nicht ganz vor Verunreinigung schützen konnte. Die Blutung war heftig, hartnäckig und machte ihm wohl eine halbe Stunde lang zu schaffen, indem sie ihn zwang, beständig zwischen Bach und Bank hin und her zu laufen, sein Schnupftuch zu spülen, Wasser aufzuschnauben und sich wieder flach auf den Brettersitz hinzustrecken, das feuchte Tuch auf der Nase. So blieb er liegen, als endlich das Blut versiegte - lag still, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, mit hochgezogenen Knien, die Augen geschlossen, die Ohren erfüllt vom Rauschen, nicht unwohl, eher besänftigt vom reichlichen Aderlaß und in einem Zustande sonderbar herabgesetzter Lebenstätigkeit; denn wenn er ausgeatmet hatte, fühlte er lange kein Bedürfnis, neue Luft einzuholen, sondern ließ mit stillgestelltem Leibe ruhig sein Herz eine Reihe von Schlägen tun, bis er spät und träge wieder einen oberflächlichen Atemzug aufnahm.

Thomas Mann - Der Zauberberg

04.01.2022, aktualisiert vom September 2020 (src)

Die scheinbare Hilflosigkeit im Kampf gegen die Naturgewalten.

O malheureux mortels! ô terre déplorable!
O de tous les mortels assemblage effroyable!
D'inutiles douleurs éternel entretien!
Philosophes trompés qui criez: "Tout est bien"
Accourez, contemplez ces ruines affreuses
Ces débris, ces lambeaux, ces cendres malheureuses,
Ces femmes, ces enfants l'un sur l'autre entassés,
Sous ces marbres rompus ces membres dispersés;
Cent mille infortunés que la terre dévore,
Qui, sanglants, déchirés, et palpitants encore,
Enterrés sous leurs toits, terminent sans secours
Dans l'horreur des tourments leurs lamentables jours!
Aux cris demi-formés de leurs voix expirantes,
Au spectacle effrayant de leurs cendres fumantes,
Direz-vous: "C'est l'effet des éternelles lois
Qui d'un Dieu libre et bon nécessitent le choix"?
Direz-vous, en voyant cet amas de victimes:
"Dieu s'est vengé, leur mort est le prix de leurs crimes"?

Voltaire, Poème sur le désastre de Lisbonne

03.01.2022, aktualisiert vom September 2005 (src)

Über die Wahrheit der Liebe

Zu Mersburg bei Konstanz lebte gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein ehrlicher Bursch, Heinz Klöpfgeißel geheißen, und Faßbinder seines Zeichens, von guter Gestalt und Gesundheit. Er stand in inniger Wechselneigung mit einem Mädchen, Bärbel, der einzigen Tochter eines verwitweten Glöckners, und wollte sie ehelichen, doch stieß des Pärchens Wunsch auf väterlichen Widerstand, denn Klöpfgeißel war ein armer Kerl, und der Glöckner forderte erst eine stattliche Lebensstellung von ihm, daß er Meister würde in seinem Gewerbe, bevor er ihm seine Tochter gäbe. Die Neigung der jungen Leute aber war stärker gewesen als ihre Geduld, und aus dem Pärchen war vor der Zeit schon ein Paar geworden. Denn nächtlich, wenn der Glöckner glöckeln gegangen war, stieg Klöpfgeißel ein bei Bärbel, und ihre Umarmungen ließen das eine dem andern als das herrlichste Wesen auf Erden erscheinen.

So standen die Dinge, als eines Tages der Faßbinder sich mit anderen munteren Gesellen nach Konstanz begab, wo Kirchweih war und wo sie einen guten Tag hatten, so daß sie am Abend der Haber stach und sie beschlossen, in eine Schlupfbude zu Weibern zu gehen. Nach Klöpfgeißels Sinn war es nicht, er wollte nicht mithalten. Aber die Burschen verhöhnten ihn als einen Zümpferling und setzten ihm zu mit ehrrührigen Spottreden, ob es am Ende mit ihm nicht das Rechte und er gar nicht auf dem Posten sei; und da er dies nicht ertrug, dazu auch des Starkbiers sowenig geschont hatte wie die anderen, so ließ er sich breitschlagen, sagte "Hoho, das weiß ich anders" und stieg mit der Bande ins Zatzenstift.

Hier begab es sich, daß er eine arge Beschämung erlitt, so, daß er nicht wußte, welch Gesicht zu sich selber machen. Denn wider alles Erwarten war es bei der Schlumpe, einem ungarischen Weibe, ganz und gar nichts Rechtes mit ihm, und ganz und gar nicht war er bei ihr auf dem Posten, worüber sein Ärger unmäßig war und auch sein Schrecken. Denn das Mensch lachte ihn nicht nur aus, sondern schüttelte auch bedenklich den Kopf und meinte, da müsse was stinken und nicht geheuer sein; ein Bursche von seinem Bau, dem´s plötzlich nicht mehr gelänge, der sei des Teufels Märtyrer, dem müsse man es gekocht haben, - und was solcher Reden noch mehr waren. Er schenkte ihr viel, damit sie es seinen Kumpanen nicht sagte, und kehrte niedergeschlagen nach Hause zurück.

Sobald wie möglich, wenn auch nicht ohne Besorgnis, gab er sich mit seiner Bärbel ein Stelldichein, und während der Glöckner glöckelte, hatten sie miteinander die wohlgeratenste Stunde. So fand er seine Jungmannsehre wiederhergestellt und hätte vergnügt sein können. Denn außer der Ersten und Einen war ihm an keiner gelegen, und warum sollte ihm also an sich viel gelegen sein, außer bei ihr? Aber eine Unruhe war seit jenem Fehlschlag in seiner Seele zurückgeblieben, und es bohrte in ihm, daß er sich auf die Probe stelle und einmal, wenn auch dann niemals wieder, der Herzallerliebsten ein Schnippchen schlüge. Darum lugte er heimlich nach einer Gelegenheit aus, sich zu versuchen, sich und auch sie; denn er konnte kein Mißtrauen hegen gegen sich selbst, ohne daß es als leiser, zwar zärtlicher, aber banger Verdacht zurückgegangen wäre auf die, an der seine Seele hing.

Nun fügte es sich, daß er im Keller des Weinwirts, eines kränkelnden Wanstes, die gelockerten Reifen zweier Fässer an den Dauben festzuschlagen bestellt war, und des Wirtes Weib, ein noch rösches Frauenzimmer, mit hinabstieg und ihm bei der Arbeit zusah. Da streichelte sie ihm den Arm und legte den ihren daran zum Vergleich und machte ihm solche Mienen, daß er ihr unmöglich abschlagen konnte, was zu leisten sein Fleisch bei aller Willigkeit des Geistes denn doch gänzlich gehindert war, so daß er ihr sagen mußte, es tanzerte ihn nicht, und er habe es eilig, und gewiß komme gleich ihr Mann die Treppe herunter, und Fersengeld gab, indem er der verbittert Hohnlachenden schuldig blieb, was kein rüstiger Bursche schuldig bleibt.

Er war tief verwundet, irregemacht an sich selbst und nicht nur an sich; denn der Verdacht, der sich schon nach dem ersten Mißgeschick in seine Seele geschlichen, besaß ihn nun ganz, und daß er des Teufels Märtyrer sei, litt für ihn keinen Zweifel mehr. Darum, weil das Heil einer armen Seele und seines Fleisches Ehre dazu auf dem Spiele standen, ging er zum Pfaffen und sagte ihm alles durchs Gitter ins Ohr: daß es mit ihm spuke, und daß er´s nicht vermöchte, sondern gehindert sei, ausgenommen bei einer einzigen, und wie das zugehen möge, und ob die Religion gegen eine solche Unbilde nicht mütterliche Abhilfe wisse.

Nun war aber damals und dazulande die Pest des Hexenwesens nebst vielen einschlägigen Leichtfertigkeiten, Sünden und Lastern durch Anstiftung des Feindes des menschlichen Geschlechtes und zur Beleidigung göttlicher Majestät in arger Ausbreitung begriffen, und strenge Wachsamkeit war den Seelenhirten zur Pflicht gemacht worden. Der Pfaffe, dem diese Kategorie des Unwesens, daß Männer an ihrer besten Kraft waren verzaubert worden, nur allzu bekannt war, ging mit Klöpfgeißels Beichte an höhere Stelle, das Glöcknerskind wurde eingezogen, vernommen und gestand wahr und wahrhaftig, sie habe, in Herzensangst um die Treue des Jungen, damit er nicht anderweitig ihr möchte ausgespannt werden, bevor er vor Gott und den Menschen der Ihre geworden, von einer Vettel, Badefrau von Gewerb, ein Specificum angenommen, eine Salbe, angeblich aus dem Fett eines ungetauft verstorbenen Kindes hergestellt, mit der sie, um sich seiner nur fest zu versichern, ihrem Heinz bei der Umarmung heimlich und in bestimmter Figur den Rücken gesalbt habe. Nun ward auch das Badeweib inquiriert, das zähe leugnete. Sie mußte der weltlichen Behörde überstellt werden mit der Anheimgabe von Befragungsmitteln, die der Kirche nicht anstanden; und unter einigem Druck kam denn an den Tag, was man hatte erwarten müssen: daß die Vettel in der Tat eine Abrede mit dem Teufel hatte, der ihr in Gestalt eines bocksfüßigen Mönches erschienen war und sie beredet hatte, die göttlichen Personen auf den christlichen Glauben mit greulichen Schmähreden zu verleugnen, wogegen er sie mit Anweisungen zur Herstellung nicht nur jener Liebessalbe, sondern auch noch anderer Schand-Panazeen versehen hatte, darunter eines Fettes, mit dem bestrichen jedes Holz sich mit dem Adepten flugs in die Lüfte erhob. Die Umständlichkeiten, durch die der Böse seinen Pakt mit der Alten besiegelt hatte, kamen nur stückweise, unter wiederholtem Druck, zum Vorschein und waren haarsträubend.

Für die nur mittelbar Verführte hing alles nunmehr davon ab, wie weit ihr eigenes Seelenheil durch die Annahme und den Gebrauch des verworfenen Präparates in Mitleidenschaft gezogen war. Zum Unglück des Glöcknerkindes legte die Alte nieder, daß der Drache ihr aufgegeben hatte, recht viele Proselyten zu machen, denn für jedes Menschenkind, das sie ihm zuführe, indem sie es zum Gebrauch seiner Gaben verleite, wolle er sie gegen das ewige Feuer etwas fester machen, so daß sie nach fleißiger Zutreibe-Arbeit mit einem asbestenem Panzer gegen die Flammen der Hölle gewappnet sein werde. - Dies brach Bärbeln den Hals. Die Notwendigkeit, ihre Seele vor ewigem Verderben zu retten, sie durch Darangabe des Leibes den Klauen des Teufels zu entreißen, lag auf der Hand. Und da überdies, einreißender Verderbnis wegen, ein Exemplum zu statuieren bitter notwendig war, so wurden an benachbarten Pfählen auf öffentlichem Platze zwei Hexen eingeäschert, die alte und die junge. Heinz Klöpfgeißel, der Verzauberte, stand entblößten Hauptes und Gebete murmelnd in der Zuschauermenge. Die vom Rauche erstickten und und heiser verfremdeten Schreie seiner Geliebten erschienen ihm als die Stimme des Dämons, der widerwillig krächzend aus ihr fuhr. Von Stund an war die ihm angetane schnöde Beschränkung behoben, denn nicht sobald war seine Liebe verkohlt, als ihm die sündlich entwendete freie Verfügung über seine Männlichkeit zurückgegeben war. -

Aus: Thomas Mann, Doktor Faustus

01.01.2022, aktualisiert vom Juli 2005 (src)

Pochende Sehnsucht

Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
Lastet grabesschwer.

Komm wir wollen uns näher verbergen
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen-

Du! wir wollen uns tief küssen -
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

Else Lasker-Schüler

27.12.2021, aktualisiert vom Juni 2005 (src)

* Die romantische Liebe

ist unteilbar, weil es die Liebe zu Gott bedeutet,

  • allerdings in der Form eines heterosexuellen Gegenübers auf der hiesigen Erde.
  • Menschen können mehrere andere Menschen zugleich lieben, sie müssen es nur in ihrer Sprache bereden können,
    • wenn es nicht mit allzuviel Verletzung einhergehen soll.
      • aber es ist ja selten ein Gott dabei.
  • Wobei der christliche Gott ja immer aus drei Teilen besteht.

https://philosophischer-nacht-und-sonntagsdienst.de/180329.html

25.12.2021, aktualisiert vom März 2018 (src)

Die große Einbringung

Unter den bestehenden Umständen

  • passiert die Welt,
    • aber das macht ja nichts, wenn man sich einbringt,
      • denn es ist ohnehin so immerzu.
        • Der Grund für alles ist unsere Meinung, Sprache und Befinden.
          • Der Grund für alles hat allerdings nichts mit den Menschen zu tun.
            • Wir sind nur utopischer Beifang,
              • aber einige von uns bringen sich ja ein.
23.12.2021, aktualisiert vom Januar 2019 (src)

Der Erwählte von Thomas Mann

Garniemalen de la vie

  • gibt es Wunder,
    • denn die einzigen Wunder finden alle nur in der Sprache statt.
      • was nicht wenige sind, und außerdem
        • gibt es auch den Trickbetrug.
23.12.2021, aktualisiert vom Januar 2019 (src)

Kaum zu glauben

Es ist sehr schade um die Welt,

  • daß man sich nicht wie eine große Familie fühlt,
    • denn dann wäre alles viel freundlicher,
      • nicht wahr?
  • Aber lustigerweise sind wir ja tatsächlich eine große Familie,
    • wir Menschen,
      • hahaha. (Lachen müssen wir ja alle können.)
23.12.2021, aktualisiert vom Januar 2019 (src)

Heute wieder auf ARTE, sehr wundervoll auch wieder.

Eric Rohmer

Viele tausend Spielfilme aus aller Herren Länder, im Kino und im TV, wird man gezwungen anzusehen im Leben, dies ist der Bereich der gelebtesten und umsatzstärksten Kultur, und unweigerlich verfeinert man sich durch Verdruß.

  • Eine falsche Lebenswelt, die ihre Strafe in sich selbst trägt.

Der, der dies alles spielend übersteht und klug wie kein anderer die Kunst des Filmemachens pflegt, er, der vollkommenes Entzücken und Freude in dieser Kunstform bewirken kann, ihm soll gedankt werden: Eric Rohmer

23.12.2021, aktualisiert vom Januar 2019 (src)

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Created: 2022-06-23 Do 16:06

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